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Halle gedenkt der Opfer des Jom Kippur-Anschlags

Von dpa
Aktualisiert am 09.10.2021Lesedauer: 3 Min.
Sachsen-Anhalts Reiner Haseloff (2.vl., CDU) am Samstag in Halle: "Ziehen wir gemeinsam eine rote Linie des Anstands."
Sachsen-Anhalts Reiner Haseloff (2.vl., CDU) am Samstag in Halle: "Ziehen wir gemeinsam eine rote Linie des Anstands." (Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-bilder)
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2019 griff Antisemit Stephan B. die Synagoge in Halle an, scheiterte an der massiven HolztĂŒr und tötete doch zwei Menschen. Nun gedenkt die Stadt den Opfern – anders als sie es bisher tat.

Mit KrĂ€nzen, Blumen und Appellen ist in Halle zwei Jahre nach dem Terroranschlag an die Opfer und Hinterbliebenen erinnert worden. MinisterprĂ€sidenten Reiner Haseloff (CDU) sagte am Samstag vor der Synagoge der JĂŒdischen Gemeinde, der 9. Oktober 2019 sei eine ZĂ€sur fĂŒr Sachsen-Anhalt und ganz Deutschland gewesen. "Unser besonderes Gedenken gilt den Opfern und ihren Angehörigen, ĂŒber die der TĂ€ter unendliches Leid gebracht hat", sagte er.

Haseloff warnte die Gesellschaft vor dem Vergessen und vor Verharmlosungen rechtsextremistischer Gewalt. "Das dĂŒrfen wir nicht unwidersprochen lassen", sagte er. "Ziehen wir gemeinsam eine rote Linie des Anstands. Diffamierungen des Anderen mĂŒssen wir konsequent entgegentreten, Rechtsextremisten gemeinsam die Stirn bieten", sagte er. Antisemitismus und Rassismus breite sich auch in der Mitte der Gesellschaft weiter aus.

Was nach dem Attentat bleibt, sind ein Antisemit in lebenslanger Haft, zwei tote Menschen, eine TĂŒr und die damit verbundene ErzĂ€hlung vom GlĂŒck, das der jĂŒdischen Gemeinde in Halle an jenem Tag wohl widerfuhr. GlĂŒck, das den beiden zufĂ€lligen Opfern an diesem Tag fehlte.

Die TĂŒr der Synagoge: Sie hielt SchĂŒssen stand und rettete so Leben.
Die TĂŒr der Synagoge: Sie hielt SchĂŒssen stand und rettete so Leben. (Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-bilder)
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SchĂŒtzende TĂŒr ist heute Teil eines Kunstwerks

Da ist zum einen der in einem Dönerladen getötete 20-jĂ€hrige Kevin S. Im Prozess gegen den AttentĂ€ter berichtet Kevins Vater voller Stolz, wie sein Sohn trotz gesundheitlicher Probleme gekĂ€mpft habe – um Akzeptanz und vor allem um EigenstĂ€ndigkeit. Durch jahrelange Praktika habe es der Sohn geschafft, eine Malerlehre anfangen zu können. "Er war megastolz", sagte der Vater des Opfers.

Und da ist die 40 Jahre alte Passantin Jana L., der der AttentĂ€ter vor der Synagoge in den RĂŒcken schoss. Als sie ihm ĂŒber den Weg lief, ahnte sie nicht, in welcher Lebensgefahr sie sich befand. Jana L. sackt wenig spĂ€ter in sich zusammen und stirbt auf dem Fußweg.

Passanten auf dem Marktplatz von Halle: Am Samstag um 12.04 Uhr lÀuteten in der ganzen Stadt die Glocken.
Passanten auf dem Marktplatz von Halle: Am Samstag um 12.04 Uhr lÀuteten in der ganzen Stadt die Glocken. (Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-bilder)

Das Ziel des AttentĂ€ters Stephan B. waren die Menschen in der voll besetzten Synagoge, die sich dort am höchsten jĂŒdischen Feiertag Jom Kippur getroffen hatten. Er scheiterte an der massiven TĂŒr vor dem Gotteshaus, die heute als Mahnmal – eingefasst in ein Kunstwerk – auf dem GelĂ€nde der Synagoge steht.

Man könne es von der PrĂ€senz im eigenen Leben mit dem Tod der Eltern vergleichen, sagt der damals anwesende Vorsitzende der JĂŒdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, rĂŒckblickend. "Es ist etwas, das immer prĂ€sent ist, aber das heißt nicht, dass man den ganzen Tag daran denkt." In diesem Jahr zu Jom Kippur habe er um 12.00 Uhr noch mal an das Attentat erinnert. "Das war so nicht geplant."

Anstoßen auf das Leben

Privorozki berichtet, wie seine Tochter ihn nach dem Attentat und ihn in Sicherheit wissend in die Arme schloss. Da habe er realisiert, mit dem Leben davongekommen zu sein, sagt er. Stunden verbrachte die Gemeinde in der Synagoge. Selbst nach dem Attentat mussten die Überlebenden mehr als vier Stunden in dem Gotteshaus verharren – auf Anordnung der Polizei. Nach den polizeilichen Maßnahmen wurde die Gemeinde mehrheitlich mit einem Bus in das St.-Elisabeth- und St.-Barbara-Krankenhaus gebracht. Dort wurde nach Angaben vieler Anwesender erstmalig Platz geschaffen fĂŒr einen Moment des Durchatmens.

"Die nachhaltigste Erinnerung an dem Tag kann ich auf einen Moment reduzieren: Das war am Abend, als wir nach dem Fastenbrechen im Kreis der jĂŒdischen Gemeinde mit einem Kasten Bier in der Mitte zusammengesessen und aufs Leben angestoßen haben", berichtet Hendrik Liedtke, Ă€rztlicher Direktor des Krankenhauses, mit schwerer Stimme. "Da war bei vielen der Punkt, wo sie realisiert haben, was sie da eigentlich hinter sich haben", sagt Liedtke.

Der Moment soll fĂŒr Liedtke in einer Tradition weiterleben: Auch zu Jom Kippur 2021 brachte er, wie schon im vergangenen Jahr, einen Kasten Bier zu der Synagoge. "Jeder hat sofort verstanden, warum es dieser Kasten Bier war – das musste ich niemandem erklĂ€ren."

Gedenken in kleineren Kreisen

Der Stadt Halle habe der Anschlag eine Narbe zugefĂŒgt, sagt der aktuell suspendierte OberbĂŒrgermeister Bernd Wiegand (parteilos). "Die zeigt sich immer dann, wenn JĂŒdinnen und Juden angegriffen werden. Ganz gleich, wo." Man werde sofort an die Ereignisse von damals erinnert, erzĂ€hlt Wiegand. "Die Stadt hĂ€lt dann den Atem an."

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Zum ersten Jahrestag im vergangenen Jahr hatten viele Spitzenpolitiker Halle besucht, BundesprÀsident Frank-Walter Steinmeier war dabei. Mit staatlichen Zeremonien und emotionalen Gesten war der Opfer des rechtsterroristischen Anschlags gedacht worden.

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