Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Wie gewaltt├Ątig sind Muslime wirklich?

  • Lamya Kaddor
Eine Kolumne von Lamya Kaddor

20.04.2018Lesedauer: 5 Min.
Muslime beten vor der Mevlana Moschee in Berlin gegen Rassismus und Extremismus.
Muslime beten vor der Mevlana-Moschee in Berlin gegen Rassismus und Extremismus. (Quelle: Maja Hitij/dpa-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Nach antisemitischen Attacken auf einen Mann in Berlin, wird wieder ├╝ber die Gewaltbereitschaft von Muslimen und besonders von Fl├╝chtlingen debattiert. Doch: Kann eine Religion per se aggressiv sein?

Sind Muslime gewaltt├Ątiger als andere Menschen? Nach dem abscheulichen Angriff mit einem G├╝rtel auf zwei junge M├Ąnner in Berlin, die eine Kippa trugen, stellt sich manchen wieder diese Frage. Der Schl├Ąger war ein Fl├╝chtling aus Syrien und wurde vom Opfer bei der Tat mit dem Handy gefilmt.

Auf die Frage nach der Gewaltt├Ątigkeit von Muslimen gibt es keine substanzielle Antwort. Aus einem schlichten Grund: Es gibt keine Erhebungen dazu, Muslime werden wie andere Religionsangeh├Ârige mit Ausnahmen jener, die das Kirchensteuerrecht erfasst, nirgends offiziell registriert. Wenn man nicht einmal genau sagen kann, wie viele Muslime in Deutschland leben, wie soll man dann etwas Repr├Ąsentatives ├╝ber ihr Alltagsverhalten sagen?

Des Weiteren ist die Grundannahme in der Fragestellung verzerrend. Sind Muslime gewaltt├Ątiger? Wer so fragt, geht davon aus, dass das Subjekt als Muslim handelt. Stellen Sie sich vor, ein Hooligan ist Muslim. Schl├Ągt er zu, tut er das dann als Muslim oder doch eher in seiner Eigenschaft als gewaltbereiter Fu├čballfan? Nur weil jemand auch Muslim ist, handelt er nicht automatisch als Muslim.

Muslimisierung hat die Mitte der Gesellschaft erreicht

Doch die fatalen ├Âffentlichen Debatten der vergangenen Jahre haben uns die Monokausalit├Ąt f├Ârmlich eingetrichtert. Steht jemand, der auch Muslim ist, im Zusammenhang mit einem negativen Vorfall, wird sein Muslimsein zum Beweggrund erkl├Ąrt. Das ist die Muslimisierung der Muslime oder das Prinzip "PI-News".

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Ministerpr├Ąsident Orb├ín verh├Ąngt Notstand
Viktor Orban bei einer Pressekonferenz (Archivbild): Der ungarische Regierungschef hat jetzt den Notstand verh├Ąngt.


Die wichtigste antiislamische Hetzerseite im deutschsprachigen Netz sammelt und kommentiert seit fast 15 Jahren Tag f├╝r Tag Ereignisse rund um Personen, die sie zu Muslimen erkl├Ąren. Sie geh├Ârt zu den Ersten, die das taten. Ihre Muslimisierung hat es inzwischen aber l├Ąngst aus der einstigen Nische in die Mitte der Gesellschaft geschafft, in unsere Feuilletons, Talkshows, selbst in den Bundestag. Mit der Folge, dass die "Schuld des Muslims" f├╝r viele zur gef├╝hlten Wahrheit wurde. Das erinnert an Umfragen, wonach der Anteil der Muslime an der Gesellschaft stets deutlich h├Âher gesch├Ątzt wird, als es der Realit├Ąt entspricht. Auch das ist ein Ergebnis der klischeehaften Dauerberieselung mit dem Thema Islam. W├╝rden wir t├Ąglich ├╝ber Hindus reden, w├╝rden ├Ąhnliche Mechanismen greifen und die Realit├Ąt verzerren.

Im Islam gab es keinen Freibrief f├╝r Gewalt

Theologisch k├Ânnte man einwenden, der Islam akzeptierte doch von Anfang an Gewalt als legitimes Mittel. Das stimmt zwar, das f├╝hrte aber auch dazu, dass Gewaltanwendung bis ins kleinste Detail theologisch geregelt und beschr├Ąnkt wurde. Es gibt B├╝cherregale voll von klassischen Schriften, die jeden Heeresf├╝hrer sich die Haare raufen lie├čen. Es gab im Islam nie einen Freibrief f├╝r Gewalt. Diesen stellten erst heutige Islamisten aus; weshalb man sie genau im Auge haben muss.

Etwas zielf├╝hrender mag daher die Frage sein, ob Fl├╝chtlinge gewaltt├Ątiger sind? Und tats├Ąchlich: In Kriminalstatistiken sind Zuwanderer ├╝berrepr├Ąsentiert. Ihr Anteil an bestimmten Delikten wie Vergewaltigung/sexuelle N├Âtigung oder Raub ist h├Âher als ihr Anteil an der Gesellschaft. 2017 fand ferner eine Studie in Niedersachsen heraus, dass ein Anstieg der Gewaltkriminalit├Ąt 2015 und 2016 vorwiegend dem Zuzug von Fl├╝chtlingen zuzurechnen sei ÔÇô und bekanntlich kamen die ├╝berwiegend aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Nordafrika ÔÇô also aus muslimisch gepr├Ągten Regionen.

Fl├╝chtlinge sind gewaltt├Ątiger als Deutsche, aber ...

Sind somit Menschen aus diesen Staaten gewaltt├Ątiger als Deutsche? Ja. Und Nein. Ja, weil einige von ihnen durch Krieg und Gewalt in ihren Heimatl├Ąndern traumatisiert sind. Ja, weil ihre Fluchtwege oft gef├Ąhrlich und anstrengend waren. Ja, weil viele pl├Âtzlich allein in einem fremden Land sind und die soziale Kontrolle durch die Familie entf├Ąllt. Ja, weil die Gesellschaften, aus denen sie kommen, immer noch patriarchalisch gepr├Ągt sind; am Ende hat eben der st├Ąrkere oder m├Ąchtigere Mann das letzte Wort. Ja, weil das Leben in ihrer Heimat mehr Durchsetzungskraft verlangt als ein Leben in Deutschland. Ja, weil in ihren L├Ąndern verst├Ąrkt islamistische und islamisch-fundamentalistische Gruppierungen aktiv sind. All diese Gr├╝nde k├Ânnen die Hemmschwelle f├╝r die Anwendung von Gewalt absenken. Und es lassen sich weitere Gr├╝nde finden ÔÇŽ

Gleichzeitig wiederum l├Ąsst sich eine pauschale Aussage auch ├╝ber Fl├╝chtlinge nicht treffen. Aussagen ├╝ber Menschengruppen k├Ânnen grunds├Ątzlich niemals verallgemeinert werden. Menschen sind immer Individuen mit einzigartiger Pr├Ągung. Und Fl├╝chtlinge mit ihren verschiedenen Herk├╝nften sind nun gerade alles andere als eine homogene Gruppe. Au├čerdem ist ein 50-J├Ąhriger im Schnitt weniger gewaltt├Ątig als ein 25-J├Ąhriger, und eine Frau weniger als ein Mann. Unter Fl├╝chtlingen ist der Anteil der Frauen jedoch deutlich geringer als an der Gesamtgesellschaft. Wer Fl├╝chtlinge betrachtet, kann somit nur verzerrte Erkenntnisse ├╝ber Iraker, Syrer, etc. gewinnen.

Hysterische Debatte kann Anzeigen befl├╝geln

Abgesehen davon: Kriminalstatistiken weisen polizeiliche Strafanzeigen aus, tats├Ąchliche T├Ąter bestimmt erst sp├Ąter die Justiz. Viele Strafanzeigen verlaufen im Sande, weil sie sich als unbegr├╝ndet herausstellen und von den Staatsanwaltschaften abgewiesen werden. Es werden heutzutage auch mehr Menschen aus fremden L├Ąnden angezeigt, sicherlich eine Folge unserer oft hysterischen Debatten, manche Menschen erfinden sogar Straftaten, um sie Fl├╝chtlingen in die Schuhe zu schieben.

Schlie├člich haben Fl├╝chtlinge ein erh├Âhtes Risiko, gewaltt├Ątig zu werden. Sie leben teils monatelang auf engstem Raum in Sammelunterk├╝nften. Stichwort: Lagerkoller. Irgendwann geht man sich auf die Nerven. Manche Straftaten k├Ânnen nur von Fl├╝chtlingen begangen werden, Deutsche k├Ânnen zum Beispiel nicht gegen das Asylrecht versto├čen.

Wer eine Perspektive in Deutschland hat, h├Ąlt sich tendenziell eher an die Gesetze, als Menschen, die ├╝ber Monate und Jahre nicht wissen, ob sie bleiben, einen Job annehmen und eine Familie gr├╝nden d├╝rfen. Sind Zuwanderer dann in Deutschland angekommen, finden sie sich zun├Ąchst in einer Diaspora-Situation wieder. Ein solches Fremdheits- und Minderheitengef├╝hl ist ├╝berall auf der Welt mit Stress verbunden. Man wird bei der Suche nach Jobs oder Wohnungen benachteiligt, weil man schon allein wegen des Namens mehr Ablehnungen erf├Ąhrt.

Ausgrenzung f├╝hrt zu Wut, Wut zu Gewalt

Ausgrenzung l├Ąsst bei einigen Wut und Frust entstehen. Besonders schwer ist es sicherlich f├╝r junge Menschen, die selbst gar nicht eingewandert sind, sondern im Land geboren wurden, sich als gleichwertiges Gesellschaftsmitglied betrachten und dennoch als "Fremde" abgegrenzt werden.

Weitere Artikel

Debatte um Kopftuchverbot
Wir brauchen eine Islam-Pause!
Ein M├Ądchen mit Kopftuch in einer Schule: Politiker wollen das verbieten.

Judenhass an Schulen
Der Nahost-Konflikt erobert das Klassenzimmer
An vielen Schulen ist Antisemitismus an der Tagesordnung, schreibt die Autorin. Doch nicht allein die Kinder sind daran schuld.

Debatte um Leitkultur
Was ist deutsch?
"Was ist deutsch?": Demokratie und Meinungsfreiheit sind unzweifelhaft Bestandteile, findet t-online.de-Kolumnistin Lamya Kaddor.


Was folgt nun aus diesen ├ťberlegungen: Gewaltt├Ątigkeit nur auf eine Erkl├Ąrung zu reduzieren, ist zwar sch├Ân einfach und l├Ąsst sich politisch gut instrumentalisieren, f├╝hrt aber an den Problemen vorbei. Um Gewalt durch Zuwanderer wie jetzt in Berlin zu verhindern, brauchen wir ein politisches Gesamtpaket aus z├╝giger F├Ârderung, rascher Sanktionierung und individueller Betreuung. Wer bleiben darf und will, braucht unsere Aufmerksamkeit. Wer jedoch massiv gegen fundamentale Regeln unseres Zusammenlebens verst├Â├čt, muss mit Abschiebung rechnen.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
BundestagDeutschlandFl├╝chtlingeMuslimeReligionSyrien
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten f├╝r Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Str├Âer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverl├Ąngerung FestnetzVertragsverl├Ąngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website