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Kolumne: Wie gewalttätig sind Muslime wirklich?

MEINUNGNach Überfall auf Israeli  

Wie gewalttätig sind Muslime wirklich?

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

20.04.2018, 12:53 Uhr
Kolumne: Wie gewalttätig sind Muslime wirklich?. Muslime beten vor der Mevlana Moschee in Berlin gegen Rassismus und Extremismus.  (Quelle: dpa/Maja Hitij)

Muslime beten vor der Mevlana-Moschee in Berlin gegen Rassismus und Extremismus. (Quelle: Maja Hitij/dpa)

Nach antisemitischen Attacken auf einen Mann in Berlin, wird wieder über die Gewaltbereitschaft von Muslimen und besonders von Flüchtlingen debattiert. Doch: Kann eine Religion per se aggressiv sein?

Sind Muslime gewalttätiger als andere Menschen? Nach dem abscheulichen Angriff mit einem Gürtel auf zwei junge Männer in Berlin, die eine Kippa trugen, stellt sich manchen wieder diese Frage. Der Schläger war ein Flüchtling aus Syrien und wurde vom Opfer bei der Tat mit dem Handy gefilmt.

Auf die Frage nach der Gewalttätigkeit von Muslimen gibt es keine substanzielle Antwort. Aus einem schlichten Grund: Es gibt keine Erhebungen dazu, Muslime werden wie andere Religionsangehörige mit Ausnahmen jener, die das Kirchensteuerrecht erfasst, nirgends offiziell registriert. Wenn man nicht einmal genau sagen kann, wie viele Muslime in Deutschland leben, wie soll man dann etwas Repräsentatives über ihr Alltagsverhalten sagen?

Des Weiteren ist die Grundannahme in der Fragestellung verzerrend. Sind Muslime gewalttätiger? Wer so fragt, geht davon aus, dass das Subjekt als Muslim handelt. Stellen Sie sich vor, ein Hooligan ist Muslim. Schlägt er zu, tut er das dann als Muslim oder doch eher in seiner Eigenschaft als gewaltbereiter Fußballfan? Nur weil jemand auch Muslim ist, handelt er nicht automatisch als Muslim. 

Muslimisierung hat die Mitte der Gesellschaft erreicht

Doch die fatalen öffentlichen Debatten der vergangenen Jahre haben uns die Monokausalität förmlich eingetrichtert. Steht jemand, der auch Muslim ist, im Zusammenhang mit einem negativen Vorfall, wird sein Muslimsein zum Beweggrund erklärt. Das ist die Muslimisierung der Muslime oder das Prinzip "PI-News".

Die wichtigste antiislamische Hetzerseite im deutschsprachigen Netz sammelt und kommentiert seit fast 15 Jahren Tag für Tag Ereignisse rund um Personen, die sie zu Muslimen erklären. Sie gehört zu den Ersten, die das taten. Ihre Muslimisierung hat es inzwischen aber längst aus der einstigen Nische in die Mitte der Gesellschaft geschafft, in unsere Feuilletons, Talkshows, selbst in den Bundestag. Mit der Folge, dass die "Schuld des Muslims" für viele zur gefühlten Wahrheit wurde. Das erinnert an Umfragen, wonach der Anteil der Muslime an der Gesellschaft stets deutlich höher geschätzt wird, als es der Realität entspricht. Auch das ist ein Ergebnis der klischeehaften Dauerberieselung mit dem Thema Islam. Würden wir täglich über Hindus reden, würden ähnliche Mechanismen greifen und die Realität verzerren.

Im Islam gab es keinen Freibrief für Gewalt

Theologisch könnte man einwenden, der Islam akzeptierte doch von Anfang an Gewalt als legitimes Mittel. Das stimmt zwar, das führte aber auch dazu, dass Gewaltanwendung bis ins kleinste Detail theologisch geregelt und beschränkt wurde. Es gibt Bücherregale voll von klassischen Schriften, die jeden Heeresführer sich die Haare raufen ließen. Es gab im Islam nie einen Freibrief für Gewalt. Diesen stellten erst heutige Islamisten aus; weshalb man sie genau im Auge haben muss. 

Etwas zielführender mag daher die Frage sein, ob Flüchtlinge gewalttätiger sind? Und tatsächlich: In Kriminalstatistiken sind Zuwanderer überrepräsentiert. Ihr Anteil an bestimmten Delikten wie Vergewaltigung/sexuelle Nötigung oder Raub ist höher als ihr Anteil an der Gesellschaft. 2017 fand ferner eine Studie in Niedersachsen heraus, dass ein Anstieg der Gewaltkriminalität 2015 und 2016 vorwiegend dem Zuzug von Flüchtlingen zuzurechnen sei – und bekanntlich kamen die überwiegend aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Nordafrika – also aus muslimisch geprägten Regionen.

Flüchtlinge sind gewalttätiger als Deutsche, aber ...

Sind somit Menschen aus diesen Staaten gewalttätiger als Deutsche? Ja. Und Nein. Ja, weil einige von ihnen durch Krieg und Gewalt in ihren Heimatländern traumatisiert sind. Ja, weil ihre Fluchtwege oft gefährlich und anstrengend waren. Ja, weil viele plötzlich allein in einem fremden Land sind und die soziale Kontrolle durch die Familie entfällt. Ja, weil die Gesellschaften, aus denen sie kommen, immer noch patriarchalisch geprägt sind; am Ende hat eben der stärkere oder mächtigere Mann das letzte Wort. Ja, weil das Leben in ihrer Heimat mehr Durchsetzungskraft verlangt als ein Leben in Deutschland. Ja, weil in ihren Ländern verstärkt islamistische und islamisch-fundamentalistische Gruppierungen aktiv sind. All diese Gründe können die Hemmschwelle für die Anwendung von Gewalt absenken. Und es lassen sich weitere Gründe finden …

Gleichzeitig wiederum lässt sich eine pauschale Aussage auch über Flüchtlinge nicht treffen. Aussagen über Menschengruppen können grundsätzlich niemals verallgemeinert werden. Menschen sind immer Individuen mit einzigartiger Prägung. Und Flüchtlinge mit ihren verschiedenen Herkünften sind nun gerade alles andere als eine homogene Gruppe. Außerdem ist ein 50-Jähriger im Schnitt weniger gewalttätig als ein 25-Jähriger, und eine Frau weniger als ein Mann. Unter Flüchtlingen ist der Anteil der Frauen jedoch deutlich geringer als an der Gesamtgesellschaft. Wer Flüchtlinge betrachtet, kann somit nur verzerrte Erkenntnisse über Iraker, Syrer, etc. gewinnen. 

Hysterische Debatte kann Anzeigen beflügeln

Abgesehen davon: Kriminalstatistiken weisen polizeiliche Strafanzeigen aus, tatsächliche Täter bestimmt erst später die Justiz. Viele Strafanzeigen verlaufen im Sande, weil sie sich als unbegründet herausstellen und von den Staatsanwaltschaften abgewiesen werden. Es werden heutzutage auch mehr Menschen aus fremden Länden angezeigt, sicherlich eine Folge unserer oft hysterischen Debatten, manche Menschen erfinden sogar Straftaten, um sie Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben.   

Schließlich haben Flüchtlinge ein erhöhtes Risiko, gewalttätig zu werden. Sie leben teils monatelang auf engstem Raum in Sammelunterkünften. Stichwort: Lagerkoller. Irgendwann geht man sich auf die Nerven. Manche Straftaten können nur von Flüchtlingen begangen werden, Deutsche können zum Beispiel nicht gegen das Asylrecht verstoßen.

Wer eine Perspektive in Deutschland hat, hält sich tendenziell eher an die Gesetze, als Menschen, die über Monate und Jahre nicht wissen, ob sie bleiben, einen Job annehmen und eine Familie gründen dürfen. Sind Zuwanderer dann in Deutschland angekommen, finden sie sich zunächst in einer Diaspora-Situation wieder. Ein solches Fremdheits- und Minderheitengefühl ist überall auf der Welt mit Stress verbunden. Man wird bei der Suche nach Jobs oder Wohnungen benachteiligt, weil man schon allein wegen des Namens mehr Ablehnungen erfährt.

Ausgrenzung führt zu Wut, Wut zu Gewalt

Ausgrenzung lässt bei einigen Wut und Frust entstehen. Besonders schwer ist es sicherlich für junge Menschen, die selbst gar nicht eingewandert sind, sondern im Land geboren wurden, sich als gleichwertiges Gesellschaftsmitglied betrachten und dennoch als "Fremde" abgegrenzt werden.

Was folgt nun aus diesen Überlegungen: Gewalttätigkeit nur auf eine Erklärung zu reduzieren, ist zwar schön einfach und lässt sich politisch gut instrumentalisieren, führt aber an den Problemen vorbei. Um Gewalt durch Zuwanderer wie jetzt in Berlin zu verhindern, brauchen wir ein politisches Gesamtpaket aus zügiger Förderung, rascher Sanktionierung und individueller Betreuung. Wer bleiben darf und will, braucht unsere Aufmerksamkeit. Wer jedoch massiv gegen fundamentale Regeln unseres Zusammenlebens verstößt, muss mit Abschiebung rechnen.

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