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Was hinter den blo├čen Zahlen steckt

dpa, Anika von Greve-Dierfeld

Aktualisiert am 26.09.2017Lesedauer: 4 Min.
Die Zahl der Vergewaltigungen hat 2016 gegen├╝ber dem Vorjahr zugenommen.
Die Zahl der Vergewaltigungen hat 2016 gegen├╝ber dem Vorjahr zugenommen. (Quelle: Julian Stratenschulte/dpa-bilder)
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Immer wieder sorgen Vergewaltigungsf├Ąlle f├╝r Schlagzeilen, mitunter sind die mutma├člichen T├Ąter Migranten. Doch das Problem gibt es nicht erst seit der Fl├╝chtlingskrise. Und es hat komplexe Ursachen.

Das mulmige Gef├╝hl kennen wohl die meisten Frauen: Es ist bereits ein wenig dunkel, man steigt aus der S-Bahn, zwei junge M├Ąnner hinterher. Vielleicht sind sie sogar dunkelh├Ąutig oder "s├╝dl├Ąndischen Typs", wie es oft in Polizeiberichten hei├čt. Kleine Fragen im Hinterkopf: Wie weit ist es noch bis nach Hause? Halten sie Abstand? Kleine Befehle im Vorderkopf: Mach dich nicht l├Ącherlich, denk logisch, was soll schon passieren! In absoluten Zahlen sind die meisten Sexualstraft├Ąter Deutsche, aber die Fragen sind trotzdem da - und die Antworten komplex.

Echte und falsche Fakten

Im September werden mehrere Sexualverbrechen diskutiert, bei denen Ausl├Ąnder beziehungsweise Fl├╝chtlinge die mutma├člichen T├Ąter sein sollen. Am Montag hat in Bonn der Prozess gegen einen Mann aus Ghana begonnen, der im April eine Camperin vor den Augen ihres Freundes vergewaltigt haben soll. In Leipzig schlug ein bislang unbekannter Mann "s├╝dl├Ąndischen Typs" eine Joggerin brutal zusammen und vergewaltigte sie.

Im bayerischen Riedering wurde eine Joggerin vergewaltigt und ein abgelehnter Asylbewerber aus Nigeria als T├Ąter ermittelt. Im ebenfalls bayerischen H├Âhenkirchen-Siegertsbrunn wurde eine 16-J├Ąhrige auf offener Stra├če mutma├člich von zwei Afghanen vergewaltigt. Und in Freiburg steht der Fl├╝chtling Hussein K. wegen Vergewaltigung und Ermordung einer 19-j├Ąhrigen Studentin vor Gericht.

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In die Schlagzeilen kommen aber auch immer wieder falsche oder zumindest tendenzi├Âs wiedergegebene Zahlen zu Sexualdelikten - wie die j├╝ngst von Bayerns CSU-Innenminister Joachim Herrmann. Er hatte f├╝r sein Bundesland verk├╝rzt von drastisch mehr Vergewaltigungen im ersten Halbjahr 2017 gesprochen - obwohl die Zahlen auch sexuelle N├Âtigungen enthalten. Au├čerdem hatte er den Einfluss des versch├Ąrften Sexualstrafrechts unterschlagen, das seit 10. November 2016 greift. Auch AfD-Politiker machten mit falschen Zahlen Stimmung.

Zunehmend Asylbewerber als T├Ąter

Dennoch, die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) kann die Angst best├Ąrken: Danach gab es vergangenes Jahr - Zahlen f├╝r 2017 wurden noch nicht ver├Âffentlicht - 6744 vollendete und 1175 versuchte F├Ąlle von Vergewaltigungen und sexuellen N├Âtigungen. Das sind 897 mehr als im Jahr davor, ein Anstieg um 12,8 Prozent.

Als Tatverd├Ąchtige wurden 6476 Menschen ermittelt - 38,8 Prozent sind Nichtdeutsche, davon gut 800 Asylbewerber. Schl├╝sselt man die Ausl├Ąnder nach Nationalit├Ąt auf, so stammen die meisten mutma├člichen Sexualstraft├Ąter aus der T├╝rkei (15,1 Prozent) und aus Syrien (9,2), gefolgt von Afghanistan (8,6).

Betrachtet man Vergewaltigungen und sexuelle N├Âtigungen seit dem Jahr 2005, so schwankte der Anteil ausl├Ąndischer T├Ąter leicht zwischen 28 und 31 Prozent (2014); im Jahr der sogenannten Fl├╝chtlingskrise 2015 waren es 33,1 Prozent. Ein Jahr sp├Ąter waren es dann laut Kriminalstatistik fast vier von zehn Tatverd├Ąchtigen.

Anzeigenbereitschaft bei Ausl├Ąndern gr├Â├čer?

Nichtdeutsche seien damit bei diesen Delikten im Vergleich zu ihrer Beteiligung an der sonstigen Kriminalit├Ąt ├╝berproportional vertreten, sagt Professor J├Ârg Kinzig, Direktor des T├╝binger Instituts f├╝r Kriminologie. "Das kann Sorgen machen." Aber woran liegt das? Was sagen diese Zahlen? Sind etwa Fl├╝chtlinge b├Âser als wir? Frauenfeindlicher, grausamer, gewaltbereiter, gnadenloser sexualisiert? So einfach ist das nicht, da sind sich Experten einig.

"Der erste Faktor, der gerne ├╝bersehen wird, ist der Unterschied in der Anzeigenbereitschaft", erkl├Ąrt etwa der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer. "Die Einheimischen werden weniger angezeigt als die Fremden, weil man sich von den Fremden st├Ąrker bedroht f├╝hlt."

Der zweite Faktor: das Alter. M├Ąnner unter 40 Jahren sind laut Bundeskriminalamt grunds├Ątzlich gewaltaffiner und diese Altersgruppe ist bei Fl├╝chtlingen ├╝berdurchschnittlich vertreten. So seien beispielsweise 40 Prozent derer, die aus Nordafrika nach Deutschland kommen, junge M├Ąnner. "Diese jungen Kerle sind in jedem Land die gef├Ąhrlichsten", erkl├Ąrt Pfeiffer.

"Und ganz egal aus welcher Religion sie kommen, m├╝ssen die M├Ąnner lernen, ihr Aggressionspotenzial zu regulieren", f├╝gt Psychologin Maggie Schauer hinzu, die an der Universit├Ąt Konstanz forscht. Das dauert. "Wir haben in westlichen Gesellschaften ein ganz anderes Zusammenleben und andere Sozialisierung als in vorwiegend muslimischen Kulturen. Diese Welten k├Ânnen sehr aufeinanderclashen", erl├Ąutert sie.

Ausweglosigkeit kann zu Gewalt f├╝hren

Der dritte Faktor: Ausweglosigkeit. "Wir haben ein Risiko durch eine beachtliche Gruppe von Leuten, die hier keine Chance auf Asyl oder Zuflucht haben", sagt Pfeiffer. Er pl├Ądiert f├╝r gro├če und umfangreiche R├╝ckkehrprogramme. "Gewaltpr├Ąvention l├Ąuft ├╝ber Chancen. Und dann m├╝ssen es eben Chancen zu Hause werden", sagt er.

Ausweisung allein sei ein langwieriges und z├Ąhes Unterfangen, R├╝ckkehrprogramme der bessere Weg. "Wenn wir das zu einer attraktiven Option machen, dann kriegen wir dadurch auch hier Sicherheit." Eine Milliarde solle die Bundesregierung daf├╝r in die Hand nehmen, empfiehlt er.

F├╝r die, die l├Ąnger oder gar dauerhaft hierbleiben, hei├čt das Heilmittel wie immer: Integration. "Wir haben f├╝r in Deutschland lebende junge Polen, Russen, Italiener, T├╝rken ├╝ber lange Jahre verfolgt, wie sich ihre Kriminalit├Ąt entwickelt: Sie sank bei allen", betont Pfeiffer. "Also dieses Rumgejammere, dieser Immerschlimmerismus ist v├Âllig unberechtigt."

M├Ąngel bei Integrationskursen

Pfeiffer r├Ąumt dennoch ein: F├╝r Sexualverbrechen sind die st├Ąrker anf├Ąllig, die von einer Machokultur gepr├Ągt sind, "und das ist nun mal bei einem beachtlichen Teil von Zugewanderten der Fall". Offensiv m├╝sse die Gleichrangigkeit von Frauen und M├Ąnnern in Integrationskursen angegangen werden.

"Leider wird dort kein spezieller Fokus darauf gelegt", bedauert Nora Brezger, die seit 2009 in Berlin hauptberuflich in der Fl├╝chtlingsarbeit t├Ątig ist. In den Kursen komme das Thema viel zu kurz, in manchen erst gar nicht vor. "Wir m├╝ssen da viel offener mit umgehen; wir gehen ja selber damit um, als w├Ąre das ein Tabu", sagt Psychologin Schauer.

Kulturelle Lernprozesse aber sind m├Âglich, da sind sich Pfeiffer und Schauer einig - "dann kommt man auch mit schwierigen, anfangs bedrohlich wirkenden Gruppen zurecht, die zun├Ąchst mal sehr viele Probleme verursachen", sagt der Wissenschaftler. Und Schauer f├╝gt hinzu: Keine Gewalttat, kein sexueller ├ťbergriff, keine Vergewaltigung sei mit dem Argument der "anderen Kultur" zu entschuldigen. "Das wissen die M├Ąnner auch sehr genau."

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