Sie sind hier: Home > Politik > Deutschland >

Berlin-Attentat am Breitscheidplatz: Lkw-Besitzer kämpft um Entschädigung

Entschädigung nach Berlin-Anschlag  

Lkw-Besitzer spricht von Kampf "David gegen Goliath"

19.12.2018, 16:04 Uhr | Natalie Skrzypczak, dpa

Jan Hollitzer war nach dem Attentat am Breitscheidplatz am Ort des Geschehens. (Screenshot: t-online.de)
Der Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz: Zeitzeuge schildert Eindrücke

Jan Hollitzer berichtete damals live und fasst seine Eindrücke noch einmal zusammen. (Quelle: t-online.de)

Der Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz: Zeitzeuge Jan Hollitzer schildert seine Eindrücke. (Quelle: t-online.de)


Sein Cousin war das erste Terroropfer, sein entführter Lkw die Tatwaffe auf dem Berliner Weihnachtsmarkt: Für den polnischen Spediteur Ariel Zurawski wurde das Attentat 2016 zur emotionalen und finanziellen Tragödie. Deutsche Behörden kümmere das nicht, klagt er.

Zwei Jahre nach dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz ringt der polnische Speditionsbesitzer Ariel Zurawski noch immer mit seinen Gefühlen. Als der Attentäter Anis Amri am 19. Dezember 2016 einen Lkw seiner Firma zur Waffe machte, wurde Zurawski gleich doppelt getroffen: Da ist die Trauer um seinen getöteten Cousin, der als Fahrer der Spedition zum ersten Opfer des bisher schwersten islamistisch motivierten Terroranschlags in Deutschland wurde. Und da ist Verbitterung über den Verlust eines fast nagelneuen Lastwagens – gepaart mit dem Gefühl, als Unternehmer von den deutschen Behörden praktisch allein gelassen worden zu sein.

Mit Zurawskis Lastwagen raste Amri damals in die Menge auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz mitten in Berlin. Er tötete elf Menschen und verletzte mehr als 70 weitere. Zuvor hatte er Lukasz U., den Fahrer des Lkw, erschossen. Der Verlust des nahen Angehörigen ist für den Speditionsbesitzer aus dem polnischen Sobiemysl bei Stettin nicht mit Geld abzugelten.

Der fast neue Lkw musste nach dem Anschlag verschrottet werden

Sehr präzise ist dagegen der finanzielle Schaden zu beziffern, der durch die Benutzung des Lkw als Terrorwaffe entstand: Das schwer demolierte Fahrzeug musste nach dem Anschlag verschrottet werden, laut Zurawski entstand ein Schaden von etwa 90.000 Euro. "Das ist für mich ein Haufen Geld", klagt der Unternehmer, den damals neben der Trauer um seinen Cousin auch Existenzängste quälten.

Lukasz U. wurde nur 37 Jahre alt und hinterließ Frau und Sohn. Die Familie funktioniere zwei Jahre nach der Tragödie wieder irgendwie, erklärt Zurawski im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Man kann die Zeit nun mal nicht zurückdrehen", sagt der Pole, dessen Stimme leiser wird. Doch wenn es um den Umgang deutscher Behörden mit den Opfern geht, wird er wieder laut. Dann mischen sich in Zurawskis Trauer auch Frust und Wut.

Inzwischen habe seine Speditionsfirma den Verlust des Lkw einigermaßen verwunden und sei finanziell über den Berg. Dennoch kann Zurawski nicht verstehen, warum Deutschland den ihm entstandenen Schaden nicht ersetzt. "Ich will mich doch nicht bereichern", betont er. Für ein reiches Land wie Deutschland müsste die Entschädigung der Opfer eigentlich Ehrensache sein, meint er. Bekommen habe er aber lediglich 10.000 Euro Schmerzensgeld.

Speditionsbesitzer Ariel Zurawski: Der Pole ist enttäuscht von den deutschen Behörden. Sein Lkw wurde zur Tatwaffe und musste verschrottet werden, eine Entschädigung bekam er nicht.  (Quelle: dpa)Speditionsbesitzer Ariel Zurawski: Der Pole ist enttäuscht von den deutschen Behörden. Sein Lkw wurde zur Tatwaffe und musste verschrottet werden, eine Entschädigung bekam er nicht. (Quelle: dpa)

Polens Staatspräsident Duda kam zur Beisetzung des Lkw-Fahrers

Sehr unfein habe sich Berlin ihm gegenüber verhalten. Und das sei noch milde ausgedrückt. "Ich trage doch keine Schuld an dem Anschlag", klagt Zurawski. Er werde vom Nachbarland ungerecht behandelt, und das "nur, weil ich Pole bin". Der Speditionsbesitzer ist überzeugt, dass ein deutscher Unternehmer mehr Unterstützung erhalten hätte.

Immerhin habe sich Polens Regierung hilfsbereit gezeigt, sagt Zurawski. Warschau übernahm die Kosten für die Überführung des toten Cousins und dessen Beerdigung. Bei dem Begräbnis war sogar Staatspräsident Andrzej Duda zu Gast, während von deutscher Seite kein Landesvertreter kam. Die Familie des Fahrers bekam von Polens Regierung eine Spezialrente bewilligt.

An den deutschen Opferbeauftragten übt Zurawski dagegen reichlich Kritik: Unter Edgar Franke habe sich in seinem Fall gar nichts getan, dessen Vorgänger Kurt Beck – ebenfalls von der SPD – habe sich sogar fremde Erfolge auf die Fahne geschrieben. Dass der Lkw-Hersteller Scania auf noch fällige Leasing-Raten verzichtete und der Industriekonzern Thyssen-Krupp auf Schadenersatz für die verrostete Stahl-Ladung, sei entgegen Becks Behauptungen nicht dessen Verdienst gewesen, meint Zurawski. Die Firmen hätten sich vielmehr dem Druck der Medien gebeugt.

Hupen für den toten Verwandten: Zurawski gedenkt seines Cousins auf seine Weise

Den eigenen Kampf für eine Entschädigung hat der Pole vorerst aufgegeben. Es sei aussichtslos, das habe ihm selbst sein Anwalt gesagt. "Solange in Deutschland die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind, habe ich keine Chance, etwas zu erreichen", meint Zurawski und fügt resigniert hinzu: "Das ist ein Kampf wie David gegen Goliath."Die Gedenkstätte für die Opfer des Anschlags an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin: Ariel Zurawski gedenkt seinem getöteten Cousin in diesem Jahr auf seine Weise. Er habe auf den Stufen des Denkmals Zigarettenstummel gesehen.  (Quelle: imago images)Die Gedenkstätte für die Opfer des Anschlags an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin: Ariel Zurawski gedenkt seinem getöteten Cousin in diesem Jahr auf seine Weise. Er habe auf den Stufen des Denkmals Zigarettenstummel gesehen. (Quelle: imago images)

Ein deutscher Untersuchungsausschuss klärt derzeit, warum Amri, der nach dem Anschlag auf der Flucht in Italien erschossen wurde, von deutschen Sicherheitsbehörden nicht rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen worden war. Er war ihnen als islamistischer Gefährder bekannt gewesen. Nach dem Anschlag nahmen auch polnische Behörden Ermittlungen auf. Berichten zufolge prüft die Stettiner Staatsanwaltschaft, ob Amri einen Komplizen hatte. Dies will die Behörde der dpa aus ermittlungstaktischen Gründen jedoch nicht bestätigen.


Zurawskis Groll kann auch das Denkmal für die Terroropfer in Berlin nicht besänftigen. "Die Menschen laufen darauf rum", sagt er über den vergoldeten Riss im Boden, und auch die Namen der Toten an den Treppenstufen der Gedächtniskirche lindern seinen Unmut nicht. Bei der Gedenkfeier für die Terroropfer im vergangenen Jahr habe er einen Zigarettenstummel darauf liegen sehen. In diesem Jahr will Zurawski seines verstorbenen Cousins und Mitarbeiters gemeinsam mit den Speditionskollegen in Polen gedenken. "Wir werden mit den Lkw vor den Friedhof fahren und ihm zu Ehren hupen."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

Ihre Meinung zählt!

Wir freuen uns auf angeregte und faire Diskussionen zu diesem Artikel.
Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

Gefällt 0 Gefällt nicht0
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Luftig-leichte Looks in Großen Größen entdecken
jetzt bei C&A
Gerry Weberbonprix.deOTTOCECILStreet OneLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal
Das Unternehmen
  • Ströer Digital Publishing GmbH
  • Unternehmen
  • Jobs & Karriere
  • Presse
Weiteres
Netzwerk & Partner
  • Stayfriends
  • Erotik
  • Routenplaner
  • Horoskope
  • billiger.de
  • t-online.de Browser
  • Das Örtliche
  • DasTelefonbuch
  • Erotic Lounge
  • giga.de
  • desired.de
  • kino.de
  • Statista
Telekom Tarife
  • DSL
  • Telefonieren
  • Magenta TV
  • Mobilfunk-Tarife
  • Datentarife
  • Prepaid-Tarife
  • Magenta EINS
Telekom Produkte
  • Kundencenter
  • Magenta SmartHome
  • Magenta Sport
  • Freemail
  • Telekom Mail
  • Sicherheitspaket
  • Vertragsverlängerung Festnetz
  • Vertragsverlängerung Mobilfunk
  • Hilfe