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Die Griechen, die Nazis und die SED

Ein Essay von Madeleine Janssen

08.11.2019Lesedauer: 5 Min.
Bau vor 60 Jahren: Historische Aufnahmen zeigen, wie die Mauer zwischen Ost und West entstand – und schließlich fiel. (Quelle: t-online)
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30 Jahre nach dem Fall der Mauer könnte man denken, dass den SchĂŒlern ein differenziertes Bild von der DDR vermittelt wird. Doch an den LehrplĂ€nen zeigt sich noch immer die Teilung in den Köpfen.

Es ist so viel Zeit ins Land gegangen seit jenen schicksalhaften Tagen im November 1989. So viele Jahre, in denen das Land gereift ist, eine neue Generation herangewachsen ist, fĂŒr die die Mauer niemals existiert hat. Gereift heißt in diesem Zusammenhang aber auch: Das Land blickt neu auf die alten Konflikte zurĂŒck, verarbeitet das damals spĂ€rlich besprochene Leid, die EnttĂ€uschung, die DemĂŒtigung. Letzteres gilt natĂŒrlich vor allem fĂŒr die Perspektive Ostdeutschlands. Man könnte sagen: endlich wird darĂŒber gesprochen, jetzt mal so richtig, man benennt, was damals weh getan hat und es bis heute tut. Vielleicht fĂ€ngt die Einheit erst jetzt, mit diesem Prozess, an.


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Dazu wĂŒrde auch gehören, das Thema DDR in allen Facetten im Schulunterricht zu behandeln. Die alten Griechen und ihre römischen Gegenspieler, Französische Revolution, 1848, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, dreimal Nationalsozialismus (zweimal in Geschichte und einmal in Deutsch, vielleicht mit dem "Tagebuch der Anne Frank"), mit GlĂŒck noch ein bisschen Kalter Krieg und die Zwei-plus-Vier-VertrĂ€ge: So ungefĂ€hr sah der Standard-Geschichts-Lehrplan fĂŒr die Sekundar- und Oberstufe an den Gymnasien, zumindest in Westdeutschland, gefĂŒhlt lange aus.

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Dass dies Jahrzehnte einer LebensrealitĂ€t von Millionen Menschen in Deutschland ignorierte – geschenkt. Es sind blinde Flecken in der offiziellen geschichtlichen Bildung vieler Menschen, die zwischen, sagen wir, 1980 und 2010 zur Schule gegangen sind. Die Auswirkungen spĂŒren wir bis heute, vielleicht heute stĂ€rker denn je, denn jetzt wird verstĂ€rkt ĂŒber die Dinge geredet, die damals verschwiegen wurden.

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Wer in den Achtzigerjahren zur Schule gegangen ist, war noch zu dicht dran, damals war der sozialistische Nachbarstaat die Gegenwart. Es gab keine Lehrer, die distanziert auf die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahren hÀtten blicken können. Die Ideologisierung der Welt in Ost und West, in Gut und Böse, machte auch vor dem Klassenzimmer nicht Halt.

Wer wĂ€re so gutglĂ€ubig zu denken, dass diese Sichtweise sich prompt mit dem Fall der Mauer verflĂŒchtigt hĂ€tte? Dass Lehrer in Ost- und Westdeutschland am 10. November 1989 aufwachen und ihren SchĂŒlern empathischer ĂŒber das Leben auf der jeweils anderen Seite berichten wĂŒrden?

EndgĂŒltige Berechtigung fĂŒrs Schulbuch

Sich der Schwarz-Weiß-Denke zu entledigen, ist ein Prozess. Allerdings ist es ein Prozess, der sich nicht von selbst erledigt, sondern der angestoßen werden muss, der BefĂŒrworter braucht, Menschen, die bereit sind, "outside the box" zu denken. Diese Aufgabe kam nach dem Mauerfall vor allem den Politikern zu, die die Wende vorangetrieben haben. Nach der Wiedervereinigung war die DDR Geschichte – und hatte dadurch endgĂŒltig die Berechtigung erworben, in den SchulbĂŒchern aufzutauchen.

In der Theorie war das wohl so. Wer am Ende des Stoffes fĂŒr die 12. oder 13. Klasse angekommen war, ganz hinten im Geschichtsbuch, der stieß auf Einzelheiten des sozialistischen Staates. Nur: Wo immer man sich umhört unter Menschen, die zwischen 1995 und 2010 Abitur gemacht haben, vor allem in Westdeutschland, erfĂ€hrt man Niederschmetterndes. Völlig unreprĂ€sentativ, klar, aber die Erfahrungsberichte ziehen sich so durch. Die DDR wurde kaum beleuchtet. Wer GlĂŒck hatte, dem wurde von einem Unrechtsstaat berichtet, von einem insuffizienten Wirtschaftssystem und der Stasi, schließlich von der Wiedervereinigung. Wer Pech hatte, guckte "Das Leben der Anderen" und besuchte die Stasi-GedenkstĂ€tte Berlin-Hohenschönhausen (Warum die GedenkstĂ€tte problematisch ist, lesen Sie hier). Mehr nicht.

Schriftzug in Prora auf RĂŒgen: "Wo bleibt die DDR-Geschichte?"
Schriftzug in Prora auf RĂŒgen: "Wo bleibt die DDR-Geschichte?" (Quelle: /imago-images-bilder)

Im Jahr 2019, 30 Jahre nach der Wende, haben wir es also mit Millionen Menschen in (West-)Deutschland zu tun, die kaum Grundkenntnisse ĂŒber diese wesentliche Episode deutscher Geschichte haben. Da muss man sich nicht wundern, weshalb so viele Menschen in Ostdeutschland sich unverstanden fĂŒhlen.

Man könnte jetzt die Hoffnung hegen, dass mit einer frischen Generation von Lehrern auch der Ansatz des Geschichtsunterrichts ĂŒberdacht wird. In der RĂŒckschau dafĂŒr VerstĂ€ndnis aufbringen, dass viele Lehrer in den Jahren nach der Wende selbst noch zu stark geprĂ€gt waren und zu nah dran an den Geschehnissen, um sie objektiv zu vermitteln. Nun liegt der Ball aber im Feld der Kultusministerien, die die LehrplĂ€ne erstellen, und mit Blick darauf muss man sagen: Die deutsche Teilung ist dort noch immer deutlich sichtbar.

WĂ€hrend im Osten auch ĂŒber individuelle Biografien, einzelne wirtschaftliche Aspekte der DDR (zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern) oder Alltag und MentalitĂ€ten in den FĂŒnfziger- und Siebzigerjahren (Sachsen) gesprochen wird, geht es im Westen weiterhin vor allem um die GegenĂŒberstellung "SED-Diktatur, Verweigerung der Menschenrechte und gesellschaftliche UnterdrĂŒckung" vs. freiheitlich-demokratische Grundordnung und plurale Gesellschaft in der Bundesrepublik (Bayern).

Wo bleibt das Umdenken?

Warum gelingt es in der Schule in Westdeutschland bis heute nicht, den Blick zu weiten, ohne dabei anzunehmen, man mĂŒsse die DDR lobpreisen oder begangenes Unrecht verschweigen? Warum vollzieht sich in den Planungsgremien der Kultusministerien fĂŒr die Gestaltung der LehrplĂ€ne nicht endlich ein Umdenken?

Wer hauptsĂ€chlich in solchen Kategorien denkt, sorgt dafĂŒr, dass die deutsch-deutsche Trennlinie weiter bestehen bleibt, mehr noch, als sie es logischerweise durch familiĂ€re biografische Erfahrungen ohnehin tut. Denn innerhalb der Familien werden UnterdrĂŒckungserfahrungen, Wendefrust und Ossi-DemĂŒtigung als Geschichten und GefĂŒhle weitergegeben, das gehört dazu. Im Westen ist es die unterschwellige Ablehnung des Ostens als sozialistisch, unterentwickelt, heutzutage rechtsradikal. Was sprĂ€che dagegen, dass die Schulen dem einen objektiveren Blickwinkel entgegensetzen und so fĂŒr mehr VerstĂ€ndnis von Ost- und Westdeutschen untereinander einstehen?

Vielleicht ist die Antwort, dass es den Planern nicht gelingt, ihre eigenen Biografien hinter sich zu lassen und fĂŒr einen empathischeren Diskurs im Unterricht zu werben. Am Desinteresse der SchĂŒler liegt es nicht. Aus der GedenkstĂ€tte Point Alpha an der ehemaligen innerdeutschen Grenze ist zu hören, dass viele SchĂŒler gut vorbereitet herkommen. WissenslĂŒcken will man hier nicht pauschalisieren – aber dafĂŒr werben, dem Thema im Unterricht mehr Raum zu geben.

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Gleichzeitig spĂŒren sie den Lehrermangel: Wo zu wenig LehrkrĂ€fte vorhanden sind, sinkt auch die Zahl der Besuche in der GedenkstĂ€tte. Heißt: Ein schwarz-weiß gestrickter Lehrplan, wie er im Westen oft zu finden ist, trifft auf wenig Lehrer, die in Zeit- und Personalnot das Nötigste vermitteln mĂŒssen und womöglich durch persönliche PrĂ€gung einen eigenen Standpunkt vertreten.


Nur im Einzelfall, mit besonders engagierten Lehrern, ergibt sich eine genauere Debatte ĂŒber das, was die DDR war. Und dabei geht es nicht darum, sie schönzureden, sondern genauer hinzusehen, was das Leben dort ausgemacht hat. Tut man das nicht, geht die Erinnerung an die Alltagskultur der DDR endgĂŒltig verloren, weil sie nicht hinĂŒbergerettet wird in die heutige Zeit, in das gemeinsame Deutschland. Es ist wie eine IdentitĂ€t, von der ein Teil einfach abgekappt wird. Unklar, wie das VersĂ€umte der vergangenen Jahrzehnte aufgefangen werden kann, aber wenn man sich darum nicht bemĂŒht, werden die WendeenttĂ€uschungen noch sehr, sehr lange anhalten.

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