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Coronavirus: Wir sind zu unvernünftig, um damit allein gelassen zu werden!

MEINUNGCovid-19  

Wir brauchen eine Corona-Pause

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

13.03.2020, 07:16 Uhr
Coronavirus: Wir sind zu unvernünftig, um damit allein gelassen zu werden!. Mit Mundschutz im Stadion: Wir sind zu unvernünftig, um mit dem Coronavirus allein gelassen zu werden, meint unsere Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: imago images)

Mit Mundschutz im Stadion: Wir sind zu unvernünftig, um mit dem Coronavirus allein gelassen zu werden, meint unsere Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: imago images)

Man kann der Bevölkerung die Entscheidungen in der Coronavirus-Krise nicht komplett allein überlassen. Wir sind zu unvernünftig. Die Politik muss handeln.

Manchmal helfen auch die besten Vorsätze nichts. Am Sonntag hielt ich mit meinem Co-Autor Michael Rubinstein im nordrhein-westfälischen Hamm eine Lesung aus unserem Buch: "So fremd und doch so nah. Juden und Muslime in Deutschland". Ich reiste mit dem Vorhaben an, niemandem die Hand zu geben und auf Distanz zu bleiben, um die Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV 2 und der neuen Lungenkrankheit Covid-19 nicht zu fördern.


Bei den ersten Begegnungen klappte das wie geplant. Ein freundlicher Hinweis auf die Schutzmaßnahme in diesen Zeiten, ein offensives Zurückziehen der eigenen Hände und das Gegenüber verstand. Die Geste des Händeschüttelns ist jedoch so tief in uns westlichen Menschen verankert, irgendwann war der Vorsatz schlicht hinfällig. Ich konnte ihn nicht durchhalten. Manche Menschen streckten mir die Hand so beherzt entgegen – und vielleicht tat ich es unbewusst genauso –, dass wir sie irgendwann gegenseitig einfach wieder ergriffen.

Ein drastischer Eingriff

Politiker und Virologen sprechen derzeit viel davon, dass wir unser Verhalten verändern müssen, um das Virus einzudämmen. Offenkundig ist das einfacher gesagt als getan. Mir hat die vergleichsweise kleine Erfahrung in Hamm gezeigt, dass es grundsätzlich richtig wäre, größere Veranstaltungen von vornherein zu untersagen.
 

 
Ein solcher Eingriff ist in einem freiheitsverwöhnten Land wie Deutschland drastisch und gewiss schwer verständlich; als China ganze Städte und Regionen mit zig Millionen Menschen abriegelte, hielten wir das in Europa für den Ausdruck eines autoritären Regimes, nun beobachten wir in Italien das gleiche Ausmaß. Deutschland hat eine solche Situation noch nie in seiner Geschichte erlebt: Bundesliga ohne Zuschauer, Saisonabbruch in der Deutschen Eishockey Liga, reihenweise Messen abgesagt, auf die man sich seit Monaten vorbereitet hat, langersehnte Geburtstagspartys entfallen, Schulen schließen, Unternehmen setzen ihre Produktion aus, Orte gehen in häusliche Quarantäne. Und es dürften noch größere Einschränkungen folgen: für eine gewisse Zeit keine Restaurant-, Club- und Discobesuche mehr, keine Einkaufsbummel ...

Solche Entscheidungen müssen gegebenenfalls von oben getroffen werden. Uns Bürgerinnen und Bürger fehlt häufig die Einsicht. Zu viele von uns sagen: "Das ist doch alles Panikmache. Die spinnen. Wegen einer harmlosen Erkältung. Ich mach weiter wie bisher." Der Kabarettist Dieter Nuhr twitterte: "Wir haben eine Erkrankungsrate von 0,0001 Prozent der Bevölkerung. Also ich würde gerne einfach auftreten am Wochenende ...". Solche Haltungen sind gefährlich.

Der unsichtbare Gegner

Es mag schon sein, dass einem selbst das neue Coronavirus nichts anhaben kann, weil man jünger ist, weil man ein gutes Immunsystem hat und sowieso selten krank wird. Nur ist das viel zu kurz gedacht. Denn wer als Virusträger durch den Alltag marschiert und den unsichtbaren Gegner unter der Bevölkerung verteilt, der gibt ihn vielleicht auch an ältere, immungeschwächte, vorerkrankte Menschen mit Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz, Nierenentzündung und Asthma weiter.

Wenn von diesen Menschen am Ende jemand stirbt, bloß weil einige die aktuelle Pandemie für reine Hysterie halten, dann ist das eine Folge von Egoismus und Rücksichtslosigkeit, die moralisch schwer zu ertragen ist. Außerdem haben auch jüngere Menschen Eltern und Großeltern. Das neue Coronavirus ist eine Frage von Solidarität und Gemeinschaft.

Vielleicht sind die Maßnahmen, die derzeit ergriffen werden, übertrieben. Bei der "Schweinegrippe" 2009/2010 zählte die Weltgesundheitsorganisation mehr als 18.000 Todesfälle auf allen Kontinenten. Bei der außergewöhnlich starken Grippewelle der Jahre 2017/2018 kamen schätzungsweise rund 25.000 Menschen ums Leben. Allein in Deutschland! Bislang gibt es hierzulande fünf Covid-19-Todesopfer. Noch heute geistert die "Vogelgrippe" als Inbegriff von Hysterie durch die Köpfe vieler Leute. Aber nur weil in der Vergangenheit die Auswirkungen von Epidemien womöglich dramatisiert wurden, ist das nicht automatisch bei allen anderen ebenso.

Wir wissen zu wenig

Möglicherweise – oder besser gesagt: hoffentlich – stellt sich am Ende tatsächlich heraus, dass SARS-CoV 2 weniger schlimm war, als manche Expertinnen und Experten in diesen Tagen vermuten. Es gibt ja durchaus Anzeichen dafür: bei den allermeisten fallen die Symptome der Krankheit mild aus oder sind teilweise kaum wahrzunehmen. Dennoch wissen wir insgesamt nur wenig über das neue Virus beziehungsweise die von ihm ausgelöste Krankheit und damit auch die möglichen Ausmaße dieser Pandemie. Viele Fragen zu SARS-CoV 2 und Covid-19 sind noch ungeklärt: Warum sind mehr Männer betroffen? Warum erkranken Kinder seltener? Ist man immun, wenn man das Virus einmal gehabt hat? Wie wird sich das Virus weiterentwickeln? Wann gibt es einen Impfstoff? Wird es überhaupt einen geben?

Angesichts einer ganzen Reihe von Unbekannten ist es nötig, geduldig zu bleiben, vorsorglich zu handeln und Risiken zu minimieren. Die aktuelle Hauptgefahr besteht nicht darin, dass wir es mit einem höchst aggressiven Virus wie Ebola zu tun hätten, sondern darin, dass ein exponentieller Anstieg der Krankheitsfälle das Gesundheitssystem aushebeln könnte. Berechnungen zufolge gäbe es spätestens Mitte Mai mehr als eine Million Corona-Fälle in Deutschland, wenn wir keine Maßnahmen ergreifen, um die Ausbreitung zu verlangsamen.

Wir haben in Deutschland rund 28.000 Betten auf Intensivstationen, von denen im Schnitt nur wenige Tausend pro Jahr nicht belegt sind. Selbst bei konservativen Annahmen bräuchte man bei einer ungebremsten Ausbreitung von SARS-CoV 2 bald wohl zehntausend und mehr Betten auf Intensivstationen (!); und nur weil es jetzt Covid-19 gibt, machen andere Notfälle wie schwere Verkehrsunfälle, Schlaganfälle, Herzinfarkte ja keine Pause.

Appelle sind nicht genug

Um die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass wir eine Corona-Pause brauchen und dass alle auf ein Stück Alltag verzichten müssen, um andere zu schützen, reichen salbungsvolle Worte und selbst eindringliche Appelle nicht aus. Wenn es im Februar geheißen hätte, geht besser nicht zum Karneval – wie vielen Menschen wäre das wohl völlig egal gewesen? Wenn man in dieser Woche lediglich gesagt hätte: "Geht besser nicht ins Stadion!" – wie viele Tausend wären wohl trotzdem zum Revier-Klassiker Dortmund-Schalke gepilgert? Wie viele Menschen pfeifen darauf, dass sie die Grippe haben und gehen trotzdem ins Büro, gilt es doch geradezu als Ausweis von Einsatzbereitschaft, sich krank zur Arbeit zu schleppen.

Das Vertrauen in Politik und Wissenschaft hat Defizite. Hinzu kommt die explizite Verachtung für das "System Merkel", für die Demokratie, für Politik und Medien insgesamt. Bislang wird diese Verachtung zwar meist nur wahrgenommen, wenn es um Geflüchtete oder Migranten geht, doch sie macht auch vor Corona keinen Halt.

Die Worte der Bundeskanzlerin in dieser Woche werden von einem signifikanten Teil der Bevölkerung, der an den Lippen von Populistinnen und Populisten und ihren Helfershelfern hängt, schlicht nicht ernst genommen; das zeigt übrigens, wie weitreichend die Folgen des Rechtspopulismus sind, der eben nicht bei Muslimen, Juden, Homosexuellen und sonstigen Minderheiten aufhört. Wenn Aussagen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zum menschengemachten Klimawandel geleugnet werden, warum sollte das dann beim Coronavirus anders sein?

Kurzum: Es ist nötig, Verbote auszusprechen und Veranstaltungen abzusagen. Wir Menschen sind einfach zu unvernünftig, zu eingefahren und zu gleichgültig, um uns solche Entscheidungen ganz allein zu überlassen.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Publizistin und Gründerin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.     

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