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Wer bekommt den AtommĂŒll in die Nachbarschaft?

dpa, Teresa Dapp

Aktualisiert am 29.09.2020Lesedauer: 5 Min.
"Kontrollbereich Vorsicht Strahlung": In gut zwei Jahren ist Schluss mit Atomstrom in Deutschland.
"Kontrollbereich Vorsicht Strahlung": In gut zwei Jahren ist Schluss mit Atomstrom in Deutschland. (Quelle: Lucas BĂ€uml/dpa-bilder)
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In gut zwei Jahren ist Schluss mit Atomstrom in Deutschland. Mit hoch radioaktiven AbfĂ€llen aus den Kraftwerken hat das Land aber noch Jahrzehnte zu tun. Die Suche nach dem besten Ort fĂŒr ein Endlager lĂ€uft.

Das Wichtigste im Überblick


Es war zuletzt eher ruhig rund ums Thema AtommĂŒll und Endlager. Das wird sich schlagartig Ă€ndern. Denn am Montag wird ein mehrere hundert Seiten langer Bericht veröffentlicht, der angibt, welche Gebiete in Deutschland auf der Suche nach einem Endlager-Standort genauer unter die Lupe genommen werden. Gesucht wird der beste Ort, um hoch radioaktiven AtommĂŒll eine Million Jahre lang möglichst sicher zu lagern.

Das Problem dabei: Wer will schon ein Endlager in der Nachbarschaft haben? Welchen Ärger das auslösen kann, hat sich rund um Gorleben eindrucksvoll gezeigt – ĂŒber Jahrzehnte. Massenproteste, Wut und Gewalt soll der neue, strikt geregelte Suchprozess möglichst verhindern. Wie genau? Fragen und Antworten rund um ein heikles Thema:

Warum wird ĂŒberhaupt ein Endlager gesucht?

SpĂ€testens Ende 2022 geht in Deutschland der letzte Atomreaktor vom Netz. Was ĂŒbrig bleibt, sind unter anderem hochgefĂ€hrliche AbfĂ€lle, die noch viele tausend Jahre strahlen – und zwar etwa 1.900 BehĂ€lter oder 27.000 Kubikmeter. Wo dieser MĂŒll hin soll, ist offen. Es braucht ein Endlager, und es soll in Deutschland unterirdisch entstehen, 500 Jahre lang soll der AtommĂŒll wieder geborgen werden können, falls das notwendig oder sinnvoll ist.

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Wie soll die Suche ablaufen?

Der Zeitplan klingt großzĂŒgig, ist aber eng. 2031 soll der Standort gefunden sein und 2050 soll das Endlager in Betrieb gehen. Ausgehend von einer "weißen Landkarte", auf der erst mal jeder Ort grundsĂ€tzlich in Frage kommt, wird nach und nach eingegrenzt. Es gibt Ausschlusskriterien, notwendige Bedingungen und AbwĂ€gungskriterien So will man sich langsam ran tasten – wissenschaftsbasiert und transparent. Am Ende soll der Bundestag die endgĂŒltige Entscheidung fĂŒr einen Standort treffen. Teilgebiete festzulegen, ist der erste Schritt. Aus diesen werden Standortregionen ausgewĂ€hlt. Sie werden ĂŒbertĂ€gig erkundet, einige davon dann untertĂ€gig in Bergwerken.

Atomkraftgegner demonstrieren vor dem Bundesumweltministerium in Berlin: Sie wollen kein Endlager in Gorleben.
Atomkraftgegner demonstrieren vor dem Bundesumweltministerium in Berlin: Sie wollen kein Endlager in Gorleben. (Quelle: Christian Mang/imago-images-bilder)

Welche Regionen kommen in Frage, wie soll es da aussehen?

Wirtsgesteine können Salz, Ton und Kristallin wie etwa Granit sein. 300 Meter Gestein sollen es sein zwischen ErdoberflĂ€che und Endlager. Gibt es da Bergwerke, Erdbeben-Risiken, vulkanische AktivitĂ€ten, junges Grundwasser? Dann ist der Standort ungeeignet. Aber auch die Besiedlung und andere Kriterien an der OberflĂ€che spielen eine Rolle. In der ersten Phase werden nur Daten ausgewertet, die man schon hat. In der zweiten Phase wird an möglichen Standorten dann auch gebohrt und gemessen – dabei werden weitere Regionen ausgeschlossen. In einer dritten Phase werden dann Erkundungsbergwerke gebaut, um noch grĂŒndlicher zu prĂŒfen, welches der beste Ort sein könnte.

Was steht in dem Zwischenbericht?

Der Zwischenbericht markiert eine wichtige Etappe im Suchprozess. Die darin benannten Teilgebiete sind solche, "die gĂŒnstige geologische Voraussetzungen fĂŒr die sichere Endlagerung radioaktiver AbfĂ€lle erwarten lassen", wie es im Gesetz heißt. Andere Kriterien wurden dagegen noch nicht berĂŒcksichtigt. Die Gebiete können daher noch ziemlich groß sein, es sollen mindestens 10 und höchstens 100 werden. Im Bericht steht fĂŒr jedes Teilgebiet, warum es in der Auswahl ist. Orte außerhalb der Teilgebiete kommen schon mal nicht in Frage – aber Orte in einem Teilgebiet sind lĂ€ngst nicht als Standort ausgewĂ€hlt.

Wer ist fĂŒr die Suche verantwortlich?

Das operative GeschĂ€ft liegt in den HĂ€nden der Bundesgesellschaft fĂŒr Endlagerung (BGE), die auch den Zwischenbericht veröffentlicht. Das neue Bundesamt fĂŒr die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) hat die Aufsicht und ist dafĂŒr verantwortlich, dass es gesetzeskonform zugeht. Das Amt bindet auch die Öffentlichkeit ein. Die Oberaufsicht liegt beim Bundesumweltministerium.

Warum hat man mit der Suche noch mal von vorn angefangen?

In den 70er Jahren hatte die Politik die Entscheidung getroffen, im Salzstock Gorleben in Niedersachsen ein Endlager einzurichten. Wie es zu dieser Entscheidung kam, wurde nie so ganz geklĂ€rt. Sicher ist, dass die Anwohner – und nicht nur sie – sich jahrzehntelang wehrten. Gorleben wurde zu einem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung, man denke etwa an die "Republik Freies Wendland". Um diesen tiefen gesellschaftlichen Konflikt zu befrieden, wurde die Endlager-Suche neu gestartet, das Gesetz dazu gibt es seit 2013. Diesmal soll es streng wissenschaftlich und transparent zugehen. Die BĂŒrger sollen genau wissen, warum welche Region am Ende ausgewĂ€hlt wird.

Ehemaliges geplantes AtommĂŒllendlager: Gorleben wurde zu einem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung.
Ehemaliges geplantes AtommĂŒllendlager: Gorleben wurde zu einem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung. (Quelle: /imago-images-bilder)

Ist der Gorleben-Ärger damit vom Tisch?

Nein. Es gibt die BefĂŒrchtung – etwa in BĂŒrgerinitiativen, aber auch in UmweltverbĂ€nden – dass Gorleben weiterhin eine Sonderrolle im Suchprozess spielt und am Ende aus politischen GrĂŒnden doch ausgewĂ€hlt wird, weil dort schon viel Geld investiert wurde. Die Organisationen fordern daher, Gorleben als "politisch verbrannt" aus der Suche auszunehmen – und argumentieren zudem, der Salzstock sei geologisch ungeeignet. Andere halten dagegen, dass das Prinzip der "weißen Landkarte" damit hinfĂ€llig wĂ€re und Gorleben nicht ausgewĂ€hlt wird, wenn es als Standort ungeeignet ist.

Können die BĂŒrger diesmal mitreden?

Ja. Es wurde ein Nationales Begleitgremium eingesetzt, das den Behörden auf die Finger schaut – es darf auch Daten einsehen, die zunĂ€chst nicht veröffentlicht werden. Die Fachkonferenz Teilgebiete startet am 17./18. Oktober in Kassel. Bis Juni 2021 gibt es dann noch drei Beratungstermine. Wissenschaftler, Vertreter von Kommunen und Organisationen sowie BĂŒrger erörtern den Zwischenbericht und geben Stellungnahmen ab. Sind die Standortregionen mal ausgewĂ€hlt, gibt es dort Regionalkonferenzen, die etwa eine ÜberprĂŒfung der bisherigen Such-Ergebnisse fordern können. Vertreter dieser Konferenzen bilden wiederum den Rat der Regionen. Auch Klagen sind immer wieder möglich.

Ziehen alle BundeslÀnder mit?

Fast alle. In Bayern hat sich die Koalition aus CSU und Freien WĂ€hlern in den Koalitionsvertrag geschrieben, man sei "ĂŒberzeugt, dass Bayern kein geeigneter Standort fĂŒr ein Atomendlager ist." Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie WĂ€hler) stellte zuletzt das gesamte Verfahren in Frage und befand, mit Gorleben gebe es einen gut erkundeten Standort fĂŒr ein sicheres Endlager. Erwartbar folgte sofort heftiger Widerspruch, nicht nur aus Niedersachsen. Bayerns Regierung hĂ€lt zerklĂŒftetes Kristallingestein fĂŒr ungeeignet, weil "die Sicherheit hauptsĂ€chlich durch Technik hergestellt werden muss", wie Glauber erklĂ€rt.

Was ist mit den AtommĂŒll-Zwischenlagern?

An mehreren Orten in Deutschland lagern hoch radioaktive AbfĂ€lle in Zwischenlagern. Sie sind mit Sicherheitspersonal, Mauern und Stacheldraht gesichert – aber lĂ€ngst nicht so sicher wie das geplante Endlager in der Tiefe. Die Genehmigungen fĂŒr diese Zwischenlager laufen ab der zweiten HĂ€lfte der 2030er-Jahre aus. Das wird wegen des Neustarts der Endlager-Suche nicht ausreichen. Über VerlĂ€ngerungen wird schon beraten. Zentrale Zwischenlager gibt es in Gorleben und Ahaus, dazu kommen zahlreiche dezentrale Zwischenlager an Atomkraftwerken sowie Lager in JĂŒlich und Lubmin.

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Wer soll das alles bezahlen?

Die Atomkonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall hatten dafĂŒr 2017 insgesamt rund 24 Milliarden Euro an einen Staatsfonds ĂŒberwiesen. Damit sind sie raus – so war es vereinbart worden. Der Fonds soll nach und nach auf ĂŒber 70 Milliarden Euro anwachsen. Damit sollen sowohl die Zwischenlager als auch die Suche und der Bau eines Endlagers finanziert werden. FĂŒr die kerntechnische Entsorgung wurden seit 2017 bis zum Juli bereits Zahlungen von 822 Millionen Euro geleistet, davon 362 Millionen im vergangenen Jahr.

Gibt es Vorbilder?

Weltweit suchen viele LÀnder nach Standorten und verfolgen Endlager-Projekte, fertig ist noch keines damit. Frankreich und Schweden zum Beispiel haben schon Orte ausgewÀhlt. Am weitesten ist Finnland. In einem Endlager auf der Insel Olkiluoto soll der strahlende Abfall in 400 bis 450 Meter tiefe lagern. In den 2020ern soll die Einlagerung beginnen, etwa 100 Jahre spÀter soll das Tunnelsystem versiegelt werden.

Und was ist mit Alternativen – wie den MĂŒll zum Mond zu schießen?

Die EU-Staaten haben sich darauf verstĂ€ndigt, dass Staaten, die AtommĂŒll produzieren, grundsĂ€tzlich auch fĂŒr die Entsorgung zustĂ€ndig sind. Den Abfall ins Ausland zu bringen ist also erst mal keine Option und politisch nicht gewollt. Aber warum nicht ab ins All damit? Bei der Bundesgesellschaft fĂŒr Endlagerung heißt es dazu: "Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rakete beim Start explodiert ist grĂ¶ĂŸer als Null."

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Und fĂŒr die AtommĂŒll-Menge, die Deutschland hat, wĂ€ren Hunderte Raketenstarts nötig. Techniken, die etwa das Volumen des MĂŒlls verkleinern oder ihn wenige gefĂ€hrlich machten, funktionierten "bisher nur im Labormaßstab" – und seien extrem teuer.

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