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Sperrstunden in Berlin: "Mit einer Sperrstunde lässt man die Falschen bluten"

MEINUNGDebatte um Sperrstunde  

"Verbreitet sich das Virus etwa nur nachts?"

Von Agata Strausa und Camilla Kohrs

08.10.2020, 16:21 Uhr
Sperrstunden in Berlin: "Mit einer Sperrstunde lässt man die Falschen bluten". Schluss mit lustig: Ab 23 Uhr ist in Berlin Sperrstunde. Cafés und Bars haben dann geschlossen. (Quelle: imago images/OR Medienvertrieb)

Schluss mit lustig: Ab 23 Uhr ist in Berlin Sperrstunde. Cafés und Bars haben dann geschlossen. (Quelle: OR Medienvertrieb/imago images)

Mit Sperrstunden sollen in Großstädten die Corona-Infektionen bekämpft werden. Doch sind sie wirklich geeignet, die Pandemie einzudämmen?

Deutschland diskutiert. Diesmal über innerdeutsche Reisebeschränkungen und ausufernde Feiern. Natürlich geht es dabei um die Eindämmung der Corona-Infektionsgefahr, nachdem die Zahlen in den vergangenen Tagen an diversen Orten in die Höhe schnellten. 

Ab Samstag gelten in Berlin eine Sperrstunde und strengere Kontaktverbote für drinnen und draußen. Nachdem dies sogleich von verschiedenen Seiten kritisiert wurde (laut Berliner FDP lasse sich der Senat von einer Minderheit auf der Nase herumtanzen), äußerte sich erneut Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci: "Das ist das Nachtleben in Berlin, was uns Probleme bereitet hat in den letzten Tagen und Wochen." Deswegen hätten sie gezielt Maßnahmen getroffen und gesagt, es sei Schluss damit, nachts Party zu machen.

"Aber insgesamt ist auch die Botschaft: Die Zeit der Geselligkeit ist vorbei. Die Lage in Berlin ist ernst", so die Senatorin. Jeder Einzelne trage Verantwortung, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Künftig müssen Restaurants, Bars und die meisten Geschäfte in Berlin von 23 Uhr bis 6 Uhr schließen. Im Freien dürfen sich nachts nur noch fünf Personen oder Menschen aus zwei Haushalten treffen. Drinnen dürfen bei privaten Feiern noch maximal zehn Leute zusammenkommen.

Die neuen Regeln gelten zunächst bis Ende Oktober.

Auch in Frankfurt gilt eine Sperrstunde. Die spannende Frage:

Wäre eine Sperrstunde wie in Frankfurt oder Berlin auch bundesweit sinnvoll, um die Infektionszahlen zu drücken?

Agata Strausa

Redakteurin Regional

Pro

Ja, Partys sind nicht nur ein Berliner Problem

Die Sperrstunde ist hart, aber das kleinere Übel – im Vergleich zu einem drohenden Lockdown. Nahezu überall steigen die Zahlen der Infizierten. Ein Grund: Die Menschen, die sich in den Städten in Gruppen zusammentun, um das Leben zu genießen und dabei die Lage vergessen. Und das natürlich nicht nur in Berlin, sondern genauso in Hamburg, Stuttgart, München oder Dresden. Auch hier musste die Polizei immer wieder Treffen auflösen. Deshalb sollten auch alle Großstädte mitziehen und eine Sperrstunde verhängen. Mindestens.

Eine bundesweite Sperrstunde? Das wäre auch eine einheitliche Regel – und die führt möglicherweise auch zu einem einheitlichen Bewusstsein für den Ernst der Lage. Das Coronavirus breitet sich nicht von selbst aus – wir breiten es aus.

Natürlich hat die Regel einen Haken. Sie mag Bars und Kneipen treffen, die ohnehin gebeutelt sind von den vergangenen Monaten. Aber man sollte im Blick behalten, dass die Regeln zunächst befristet sind und schon in mehreren Wochen aufgehoben werden könnten, wenn wir jetzt handeln. Eine Garantie, dass die Maßnahme wirkt, gibt es natürlich nicht, aber einen Versuch sollte es wert sein. Haben wir nicht schon zu viel investiert, um jetzt das Durchhaltevermögen zu verlieren und alles aufs Spiel zu setzen?

Camilla Kohrs

Redakteurin Politik

Kontra

Nein, man lässt damit die Falschen bluten

Die Sperrstunde ist vor allem eine Reaktion auf die steigenden Zahlen unter jungen Menschen. Aber geht das "feierwütige Volk", wie Berlins Oberbürgermeister Michael Müller sagt, nun wirklich um 23 Uhr ins Bett, nur weil die Kneipe dann schließt? Es wird andere Wege finden, sich zu amüsieren.

Wer tatsächlich darunter leiden wird, sind die Betreiber von Bars, Kneipen und Restaurants. Viele von ihnen haben nach den massiven Einbußen im Frühjahr viel Mühe, Zeit und Geld investiert, um die Hygienemaßnahmen umzusetzen. Wegeleitsysteme, weniger Tische, Desinfektionsmittel am Tisch oder Plastikscheiben vor der Bar zeugen davon.

Bars und Kneipen sind nicht nur wirtschaftliche Orte, sondern auch soziale – vor allem für die Einsamen in dieser Krise. Natürlich gibt es unter den Betreibern auch schwarze Schafe. Aber anstatt deren Läden zu schließen, lässt man nun alle bluten. Zu Recht kann man sich nun die Frage stellen, ob sich das Virus etwa nur nachts verbreitet. Oder ob der Alkohol vor 23 Uhr weniger knallt. Wer schon einmal einen Nachmittag in der Fußballkneipe verbracht hat, wird diese Frage wohl mit Nein beantworten.

Klar, vor allem in den Städten ist es nicht einfach, verbotene Feiern einzudämmen. Aber egal ob in Berlin, Frankfurt oder woanders: An den Läden hängen Existenzen – und die sollte man nicht ausbaden lassen, was andere angerichtet haben.


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