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Diese Menschen wurden beim Impfplan vergessen

  • Marianne Max
Von Marianne Max

Aktualisiert am 25.01.2021Lesedauer: 4 Min.
Medizinisches Personal schiebt einen Rollstuhlfahrer: Einige Menschen mit Behinderung werden in der Impf-Priorisierung nicht berĂŒcksichtigt (Symbolbild).
Medizinisches Personal schiebt einen Rollstuhlfahrer: Einige Menschen mit Behinderung werden in der Impf-Priorisierung nicht berĂŒcksichtigt (Symbolbild). (Quelle: Tom Weller/dpa-bilder)
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Seit Monaten sind viele Menschen, die der Corona-Risikogruppe angehören, in der Selbstisolation. Andere sind beruflich einem bestÀndigen Risiko ausgesetzt, an dem Virus zu erkranken. Und dennoch: Viele von ihnen finden in der Coronavirus-Impfverordnung keinen Platz.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verteidigte Anfang des Jahres seine Impfstrategie. "NatĂŒrlich ruckelt es bei der grĂ¶ĂŸten Impfkampagne der Geschichte". "Schritt fĂŒr Schritt" kĂ€me man jedoch dahin, dass das Leben nicht mehr von der Pandemie kontrolliert werde, ermutigte er.


Corona-Impfstart: Edith, Lotte und Helga schreiben Impf-Geschichte

Nordrhein-Westfalen, Emsdetten: Im Altenwohnheim St. Josef-Stift erhÀlt die Bewohnerin Ruth Geulen im Alter von 89 Jahren eine Corona-Impfung.
Bremen: Die Seniorin Alize Oesselmann sitzt vor der TĂŒr eines Seniorenheims im Rollstuhl. Die 85-JĂ€hrige ist dort Bewohnerin und ließ sich als erste Bremerin gegen das Coronavirus impfen.
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Was Hoffnung machen sollte, ist ein schwacher Trost fĂŒr Menschen, die mehr als andere um ihre Gesundheit oder gar um ihr Leben fĂŒrchten mĂŒssen. Denn viele Menschen, ob mit gesundheitlichem oder beruflichem Risiko, fallen bei der Impf-Priorisierung der StĂ€ndigen Impfkommission (STIKO) durchs Raster – und landen so auf den letzten PlĂ€tzen bei der Impfstoffvergabe.

Gerechtigkeit muss in Kategorien verfahren

Menschen, die mit einer Behinderung leben, finden in der Corona-Impfstoffverordnung nur wenig Platz. In Gruppe eins – mit höchster PrioritĂ€t – sind sie nur, wenn sie in einem Pflegeheim betreut werden. Weitere Personen, die ein sehr hohes oder hohes Risiko haben, bei einer Infektion mit dem Coronavirus einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf zu erleiden, befinden sich derzeit in der Gruppe zwei der Corona-Impfverordnung.

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Diese umfasst unter anderem Personen mit Trisomie 21, demenzkranke Personen, Menschen mit einer geistigen Behinderung oder Personen, die eine Organtransplantation hinter sich haben. "Alle Einteilungen in Gruppen haben natĂŒrlich auch Nachteile. Die Gerechtigkeit muss in Kategorien verfahren, die natĂŒrlich etwas schief sitzen können – das ist das Wesen von Kategorien", sagte Stefan Gosepath, Professor fĂŒr praktische Ethik an der Freien UniversitĂ€t Berlin, zu t-online.

Raul Krauthausen: Krauthausen kritisiert, dass Menschen mit Behinderung von der Politik oft nicht gesehen wĂŒrden.
Raul Krauthausen: Krauthausen kritisiert, dass Menschen mit Behinderung von der Politik oft nicht gesehen wĂŒrden. (Quelle: Horst Galluschka/imago-images-bilder)

FĂŒr Personen mit Behinderungen abseits von Trisomie 21 oder Pflegeheimen sieht die Impfstoff-Verordnung keine erhöhte PrioritĂ€t vor. Sofern sie nicht ein gewisses Alter erreicht haben, werden sie also zu den gesunden jungen Menschen gezĂ€hlt, die bis zum Sommer darauf warten mĂŒssen, an der Reihe zu sein.

"Komplett vergessen": Menschen mit Behinderung

Raul Krauthausen ist Aktivist fĂŒr Inklusion und Barrierefreiheit, lebt selbst mit einer Behinderung und gibt im "Deutschlandfunk"-Interview zu bedenken: "Was viele Menschen mit Behinderungen irritiert, ist, dass die Politik davon ausgeht, dass Menschen, die behindert sind, eine chronische Erkrankung haben, in Einrichtungen leben, in Behindertenheimen, in Pflegeheimen. Dabei lebt ein Großteil von ihnen zu Hause." Diese Menschen lebten seit Beginn der Corona-Pandemie in Selbstisolation. Und "jetzt werden wir auch, obwohl wir alle optimistisch waren, bei den Auflistungen der Phasen, wer wann geimpft werden soll, komplett vergessen", kritisiert Krauthausen.

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Doch es gibt einen Lichtblick: Die StĂ€ndige Impfkommission (STIKO) hat nachgebessert. So heißt es jetzt in ihrer Empfehlung: "Bei der Priorisierung innerhalb der COVID-19-Impfempfehlung der STIKO können nicht alle Krankheitsbilder oder Impfindikationen berĂŒcksichtigt werden. Deshalb sind Einzelfallentscheidungen möglich." Diese Einzelfallentscheidungen zu treffen, obliegt allein dem medizinischen Personal, das die Impfung durchfĂŒhrt. "Das sehe ich als Ă€ußerst positiv: Die Impfkommission reagiert auf öffentlichen Druck", sagt Gosepath.

Eine Ausnahme fĂŒr EinzelfĂ€lle zu machen, sei ein guter Schritt. "Es muss jedoch aufgepasst werden, dass Ärzte und Impfzentren dadurch nicht ĂŒberlastet werden. Es mĂŒssen Ausnahmen bleiben", betont der Experte. FĂŒr Gosepath ist die Priorisierung nicht der entscheidende Punkt. "Das Wichtigste ist, dass alle möglichst schnell geimpft werden und wir schnell einen positiven Effekt der Impfung sehen."

Bestatter sind dem Coronavirus ausgeliefert

Auch Menschen, die in Bestattungsunternehmen arbeiten, mĂŒssen erneut um ihren Platz kĂ€mpfen. Bereits im FrĂŒhjahr wurden sie vergessen, als es um die EinschĂ€tzung der systemrelevanten Berufe ging. Im Dezember dann zeigte sich die Systemrelevanz ihres Berufes, als sich die SĂ€rge der Corona-Toten in den Krematorien stapelten. Und dennoch: In der Corona-Impfverordnung erhalten sie keine besondere Priorisierung. Geimpft werden zunĂ€chst nur Personen, die in medizinischen Einrichtungen arbeiten – Bestatter zĂ€hlen nicht dazu.

Bestatter in Meißen: Bestatter mussten bereits im FrĂŒhjahr darum kĂ€mpfen, als systemrelevant anerkannt zu werden.
Bestatter in Meißen: Bestatter mussten bereits im FrĂŒhjahr darum kĂ€mpfen, als systemrelevant anerkannt zu werden. (Quelle: Christian Thiel/imago-images-bilder)

Zwar ist noch nicht geklĂ€rt, ob man sich auch beim Kontakt mit Corona-Toten infizieren kann, dennoch empfiehlt das Robert Koch-Institut (RKI) besondere Schutzmaßnahmen im Umgang mit ihnen, da ein erhöhtes Infektionsrisiko nicht auszuschließen ist. "Wir brauchen deshalb dringend PrioritĂ€t bei den Impfungen", fordert Ralf Michal, Vorsitzender des bayerischen Bestatterverbands gegenĂŒber dem "MĂŒnchner Merkur".

Kein Lichtblick und kein Schutz fĂŒr Kinder mit Behinderung

FĂŒr Kinder ist die Corona-Impfung bislang noch nicht vollstĂ€ndig auf Wirksamkeit und Sicherheit erforscht. Laut der Bundeszentrale fĂŒr gesundheitliche AufklĂ€rung (BZgA) ist ein Grund dafĂŒr, dass Kinder aus ethischen GrĂŒnden nicht fĂŒr frĂŒhe Testphasen vorgesehen sind.

WĂ€hrend also Erwachsene, die mit einer Behinderung leben, derzeit wenigstens auf die letzten PlĂ€tze der Impfstoffvergabe warten können, besteht fĂŒr Kinder mit einer Behinderung noch keine Hoffnung. Werden die Kinder zu Hause gepflegt, so sieht die PrioritĂ€tenliste fĂŒr die Impfstoffvergabe auch fĂŒr ihre nahen Angehörigen kein Recht vor, sich zeitnah impfen zu lassen.

Weitere Artikel


700.000 PflegekrÀfte aus Osteuropa

PflegekrĂ€fte, die in ambulanten oder stationĂ€ren Pflegediensten arbeiten, haben die höchste PrioritĂ€t bei der Impfstoffvergabe. Sie können sich schon jetzt impfen lassen. Nicht berĂŒcksichtigt werden hingegen private PflegekrĂ€fte. Doch es gibt ein Schlupfloch: Zu den Personen der zweiten Kategorie, und damit von hoher PrioritĂ€t, zĂ€hlt "eine enge Kontaktperson". Wird die private Pflegeperson also von der zu pflegenden Person als einzige "enge Kontaktperson" auserkoren, steht dieser eine Impfung zu – wenn sie bei einer deutschen Krankenversicherung versichert ist. "Die meisten PflegekrĂ€fte aus Mittel- und Osteuropa erfĂŒllen diese Anforderung nicht. Und das ist ein Problem", sagte Frederic Seebohm, Vorsorgeanwalt und GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Verbands fĂŒr hĂ€usliche Betreuung und Pflege e.V. (VHBP), der "Deutschen Welle". Viele PflegekrĂ€fte seien in ihren HeimatlĂ€ndern versichert.

Corona-Impfung: Prof. Dr. Gosepath sieht eine Möglichkeit in mobilen Impfteams, die anonyme Impfungen fĂŒr osteuropĂ€ische Pflegepersonen ermöglichen sollen (Symbolbild).
Corona-Impfung: Prof. Dr. Gosepath sieht eine Möglichkeit in mobilen Impfteams, die anonyme Impfungen fĂŒr osteuropĂ€ische Pflegepersonen ermöglichen sollen (Symbolbild). (Quelle: Kay Nietfeld/dpa-bilder)

Der Verband fĂŒr hĂ€usliche Betreuung und Pflege e.V. schĂ€tzt, dass in Deutschland bis zu 700.000 PflegekrĂ€fte jĂ€hrlich in der hĂ€uslichen Pflege tĂ€tig sind – 90 Prozent davon, so die Vermutungen, arbeiten illegal. Gosepath gibt zu bedenken, "die Tatsache, woher die PflegekrĂ€fte kommen, sollte fĂŒr die VulnerabilitĂ€t keinen Unterschied machen." Auch Niklas Harder, Integrationsforscher am Deutschen Zentrum fĂŒr Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) in Berlin fordert deshalb im Interview mit der "taz": "Die Gruppe der osteuropĂ€ischen Betreuerinnen mĂŒsste unbĂŒrokratisch Zugang zu Impfungen erhalten." Gosepath schlĂ€gt vor, "mobile Impfteams, die solche Personen auch anonym impfen, könnten langfristig gesehen eine Lösung sein".

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