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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ĂŒbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Die Corona-Krise belastet uns alle immer mehr

  • Lamya Kaddor
Von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 27.02.2021Lesedauer: 6 Min.
Frau schaut aus dem Fenster einer Kultureinrichtung: FĂŒr viele Menschen wird die bestehende Krise zu einer psychischen Herausforderung. (Symbolbild)
Frau schaut aus dem Fenster einer Kultureinrichtung: FĂŒr viele Menschen wird die bestehende Krise zu einer psychischen Herausforderung. (Symbolbild) (Quelle: ZUMA Wire/t-online/imago-images-bilder)
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Wir sind lange ĂŒber den Punkt hinaus, unseren Kampf gegen Corona allein an Todes- und Infektionszahlen ausrichten zu mĂŒssen. Bund und LĂ€nder scheinen das begriffen zu haben. Aber leider mal wieder sehr, sehr spĂ€t. Vielleicht zu spĂ€t.

Diese Woche kam fĂŒr viele Kinder die ersehnte Erlösung. Nach gut zehn Wochen dĂŒrfen sie an einzelnen Tagen in kleineren Gruppen wieder in die Schule gehen. Wer hĂ€tte bis vor einem Jahr gedacht, dass Kinder Schule so dermaßen vermissen könnten. Man kann es geradezu sehen, wie das Leben in ihre Körper und ihren Geist zurĂŒckkehrt: Sie blĂŒhen auf, sprudeln förmlich ĂŒber.


Diese Spitzenpolitiker hatten das Coronavirus

Emmanuel Macron: Frankreichs PrÀsident hatte Symptome, wie Husten und Fieber.
Jair Bolsonaro: Der brasilianische Regierungschef verharmlost das Virus immer noch. Am 7. Juli 2020 war bekannt geworden, dass der 65-JĂ€hrige an Covid-19 erkrankt war.
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Es mĂŒssen nicht erst die großen Dramen und tragischen Schicksale sein, die zeigen, wie sehr das Andauern der Corona-Krise zum sozialen Problem geworden ist. Psychologinnen und Psychiater beobachten bereits zunehmend Angst- und Essstörungen, SozialverbĂ€nde warnen verstĂ€rkt vor Vereinsamung unter Seniorinnen und Senioren, die zum Rasten und damit zum Rosten verdammt sind, und Krankenkassen mahnen lĂ€ngst, unter BerufstĂ€tigen steigen die Fallzahlen bei Depressionen. Solche Probleme treffen gewiss nicht auf alle Menschen zu, aber SARS-CoV-2 löst auch nicht bei allen schwerwiegende KrankheitsverlĂ€ufe aus. Dennoch handeln wir konsequent gegen Covid-19.

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Alle, die diese Kolumne relativ regelmĂ€ĂŸig verfolgen, wissen, dass ich nicht gegen Corona-Maßnahmen bin. Im Gegenteil, gehöre ich doch selbst zur Risikogruppe. Es ist jedoch unverantwortlich, wie wir insbesondere mit Kindern und Jugendlichen in dieser Pandemiezeit umgehen. Kaum Konzepte, kaum Aufmerksamkeit, keine Schnelltests, kein Sport, keine Hobbys, keine gleichaltrigen Freundinnen und Freunde ... einfach nichts. Dieser Zustand wird bei sehr vielen jungen Menschen Wunden hinterlassen, die nicht so einfach zu heilen sind. Ähnliches gilt fĂŒr manche Erwachsene. Viele LehrkrĂ€fte stöhnen und rĂ€umen unter vorgehaltener Hand ein, dass sie beim heimbeschulen ihrer eigenen Kinder an die Grenzen der Belastbarkeit stoßen. Wenn Homeschooling selbst sie ĂŒberfordert, mag man sich nicht vorstellen, was in manch anderer Familie ohne professionelle pĂ€dagogische Kenntnisse los ist.

Virus hinterlÀsst verheerende Spuren in der Gesellschaft

Wir sind in der RisikoabschĂ€tzung lange ĂŒber den Punkt hinaus, an dem der "Kollateralschaden" des Lockdowns fĂŒr Kinder und Jugendliche grĂ¶ĂŸer geworden ist als der Schaden, der bei ihnen womöglich durch Corona-Infektionen entstehen wĂŒrde. Wir sind nach elf Pandemiemonaten ebenso lange ĂŒber den Punkt hinaus, an dem das Virus mehr als die knallharten SchĂ€den durch fulminante KrankheitsverlĂ€ufe bis zum Exitus verursacht. Das Virus hat vor Monaten damit begonnen, seine langfristig verheerenden Spuren in der Gesellschaft zu hinterlassen. Diese vermeintlich weichen SchĂ€den lassen sich zwar noch nicht allesamt empirisch genau erfassen, aber alle Menschen, die etwas Empathie aufbringen können, spĂŒren, dass sie virulent sind.

Wirtschaftlich vermag Deutschland den Lockdown noch lange durchhalten, gesellschaftlich nicht. Bei der kĂŒnftigen Gestaltung der Corona-Maßnahmen mĂŒssen die gesundheitlichen Entwicklungen im Fokus bleiben: 1. die Todeszahlen, 2. die Entwicklungen in den KrankenhĂ€usern, vor allem auf den Intensivstationen, 3. das Infektionsgeschehen. Je lĂ€nger die Pandemie allerdings dauert, desto stĂ€rker treten soziale und psychische SchĂ€den neben ihnen in Erscheinung und gewinnen an Relevanz. Wenn Bund und LĂ€nder nĂ€chste Woche zusammentreten, mĂŒssen sie das endlich berĂŒcksichtigen!

Der Soziologe Armin Nassehi sprach jĂŒngst im Deutschlandfunk von einer "Paradoxie": Angesichts der dritten Welle durch die "britische" Coronavirus-Mutation B.1.1.7 mĂŒsste der Lockdown verlĂ€ngert und verschĂ€rft, wegen des "Kollateralschadens" zugleich verkĂŒrzt und gelockert werden. Meines Erachtens steht das Land vor diesem Widerspruch weniger hilflos als es scheint. Er lĂ€sst sich auflösen – zumindest in Teilen – durch zielgerichtete und differenzierte Maßnahmen. Keine RasenmĂ€her-Methoden wie bisher: alles zu oder alles auf.

Man kann nach einem Jahr nicht handeln wie am Anfang

Zu Beginn der Pandemie waren Generalisierungen richtig. Heute sind wir weiter, kennen das Virus besser, haben Erfahrungen gewonnen, können Infektionsschutzmaßnahmen besser bewerten, verfĂŒgen ĂŒber Impfstoffe, erste Medikamente, Schnell- und Soforttests. Man kann nicht ein Jahr spĂ€ter mit der Pandemie genauso verfahren wie am Anfang. Wir sollten anfangen, bei der PandemiebekĂ€mpfung zu differenzieren.

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Ende Oktober beschlossen Bund und LĂ€nder erste deutliche VerschĂ€rfungen der Corona-Maßnahmen, darunter die Schließung von Gastronomie und Kultureinrichtungen. Die Infektionszahlen gingen NICHT zurĂŒck. Das trat erst einige Bund-LĂ€nder-Konferenzen spĂ€ter ein – nach Weihnachten. Laien schlussfolgern daraus nicht ganz zu Unrecht: Schließungen von Gastronomie und Kultureinrichtungen sind offenbar verpufft, epidemiologisch bringen sie entweder kaum etwas oder gar nichts. Viele haben das schon vorab vermutet, denn dort wo Menschengruppen organisiert werden, lassen sich Ansteckungsgefahren kontrollieren – besser jedenfalls als zu Hause oder im Freien.

Gefahren lauern in Schönwetter-Zonen

Die derzeit frĂŒhlingshaften Tage deuten es an, eine der gravierendsten Gefahren lauert wohl kĂŒnftig am Rheinufer, in stĂ€dtischen Parks und sonstigen Schönwetter-Zonen, wo Besucherinnen und Besucher sich selbst ĂŒberlassen werden, Masken abnehmen und auf AbstĂ€nde pfeifen. Bekannte von mir haben ihren Sonntagsspaziergang am Wochenende deshalb abgebrochen. Es war ihnen zu unsicher. Vergangenen Sommer haben die Menschen gelernt, dass sie vor Ansteckungen durch Aerosole draußen geschĂŒtzter sind als drinnen. Genau durch diese Rechnung drohen nun ansteckendere Virusvarianten einen Strich zu machen.

Inzwischen beginnen Bundes- und Landesregierungen zu begreifen. Selbst Angela Merkel ist die Einsicht gekommen. Sie spricht neuerdings von "intelligenten Öffnungsstrategien". Hessens MinisterprĂ€sident Volker Bouffier hat erkannt: "Die Leute haben die Schnauze voll."

Niederlande öffnen wieder

Unsere niederlĂ€ndischen Nachbarn zum Beispiel gehen differenzierter voran. Sie lassen Mannschaftsport im Freien wieder zu, aber nur fĂŒr junge Leute und ohne WettkĂ€mpfe. An höheren Schulen in den Niederlanden soll es mindestens einen Tag PrĂ€senzunterricht geben, GeschĂ€fte machen auf und dĂŒrfen Kundinnen und Kunden nach Anmeldung wieder einzeln empfangen.

Zugleich werden dort wegen der dritten Welle die nÀchtlichen Ausgangssperren verlÀngert. Paradox? Vielleicht. Aber so kann es gehen.
Lasst uns doch die Gastronomie zumindest teilweise öffnen – etwa von elf bis 13 Uhr und von 17 bis 20 Uhr mit verpflichtenden Tischreservierungen und sehr guten Hygienemaßnahmen. Das reduziert MobilitĂ€t und potenzielle MenschenauflĂ€ufe auf den Straßen. ZusĂ€tzlich könnten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Polizei und Ordnungsamt an Hotspots mit mehreren Restaurants geschickt werden, um die KontaktbeschrĂ€nkungen durchzusetzen, wĂ€hrend der Bund weiter Finanzhilfen anbietet, um Gastronominnen und Gastronomen gegebenenfalls zusĂ€tzlich zu unterstĂŒtzen.

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Erfolg von Teilöffnungen unklar

Ob solche oder andere Ideen fĂŒr Teilöffnungen funktionieren, ist natĂŒrlich unklar. Daher sind sie prĂŒfend zu begleiten und gegebenenfalls rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Aber solche Experimente sind jetzt dringend erforderlich. Insbesondere, wenn all die Expertinnen und Experten recht behalten, die sagen, die Welt wird noch lange mit dem Virus leben mĂŒssen.

Vor sage und schreibe 18 Wochen wurden die Corona-Maßnahmen verschĂ€rft. Schon vorher gab es jenseits von "Querdenker"-Spinnereien ernstzunehmende Warnungen vor den sozialen Folgen geschlossener Schulen und Freizeiteinrichtungen oder ĂŒberzogener KontaktbeschrĂ€nkungen. Heute sind solche Stimmen fast tĂ€glich in den Medien zu hören, und erst jetzt finden sie ihren Weg in die GehörgĂ€nge der Verantwortlichen.

Wir sind in Deutschland oft so behÀbig

Wenn aber erst "alle" aufschreien mĂŒssen, damit sich etwas bewegt, ist es womöglich zu spĂ€t. Wenn die Politik immer erst handelt, wenn Kritik und Mahnungen unĂŒberhörbar geworden sind, braucht sich niemand zu wundern, warum es ĂŒberall zu Verzögerungen kommt – sei es beim Impfstart, bei Corona-Tests, der Priorisierung von LehrkrĂ€ften und Kita-BeschĂ€ftigten, bei Finanzhilfen, Onlinelernplattformen, dem Schutz von Seniorenheimen oder der Corona-Warn-App. Wir sind in Deutschland oft so behĂ€big und so wenig dynamisch. Statt das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen, reagiert unsere Politik sehr zögerlich.

Einerseits könnte man nun sagen, immerhin reagiert unsere Politik, in anderen Staaten macht sie nicht mal das. Das ist positiv. Andererseits bleibt die Frage im Raum stehen: Muss es stets so lange dauern, mĂŒssen stets andere Staaten vorangehen, bis sich hierzulande ebenfalls etwas tut? Das bleibt negativ. Denn besser geht immer.

Mehr Kolumnen von Lamya Kaddor lesen Sie hier.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, ReligionspĂ€dagogin, Publizistin und GrĂŒnderin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der UniversitĂ€t Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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