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"Artgemeinschaft": Diese Ziele verfolgt die Sekte mit rechter Ideologie


Das menschenfeindliche Weltbild der verbotenen "Artgemeinschaft"


Aktualisiert am 27.09.2023Lesedauer: 3 Min.
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Ein Fest der "Artgemeinschaft": Die Gruppe begeht hohe germanisch-heidnische Festtage wie Sommersonnenwende.Vergrößern des Bildes
Ein Fest der "Artgemeinschaft": Die Gruppe begeht hohe germanisch-heidnische Festtage wie Sommersonnenwende. (Quelle: Screenshot Youtube)

Die "Artgemeinschaft" zählte nur wenige Mitglieder. Doch die folgen einer rassistischen Ideologie – und ziehen wohl darauf ab, Kinder zu indoktrinieren.

Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hat die "Artgemeinschaft" verboten – eine, so Faeser, "sektenartige, zutiefst rassistische und antisemitische Vereinigung". In zwölf Bundesländern schlug die Polizei am Mittwochmorgen bei den Rechtsextremisten zu, es gab Razzien in 26 Wohnungen. Doch wer ist die "Artgemeinschaft" – und was will sie?

Gründung in Nachfolge zur NSDAP

Gründer des nun verbotenen Vereins ist der 1901 geborene Wilhelm Kusserow. Er war zwar selbst nie Mitglied der NSDAP, gründete 1951 den "Vertrauenskreis freigläubiger Gefährten" aber als Nachfolgeorganisation der Nationalsozialisten. Sechs Jahre später wurde daraus die "Artgemeinschaft", der Kusserow bis 1980 vorstand und angehörte. Er starb im Jahr 1983.

Auf Kusserow folgte zunächst Guido Lauenstein, ab 1989 übernahm Jürgen Rieger. Der war bis zu seinem Tod im Jahr 2009 auch in der NPD aktiv und agierte unter anderem als Hauptorganisator und Initiator der Rudolf-Heß-Gedenkmärsche im oberfränkischen Wunsiedel. Heß war Hitlers Stellvertreter in der Parteileitung der NSDAP und wurde im Rahmen der Nürnberger Prozesse als Kriegsverbrecher verurteilt. Heß beging 1987 Suizid. Sein Grab wurde für Neonazis jahrelang zur Pilgerstätte.

Lübcke-Mörder war wohl Mitglied

Rieger galt zu Lebzeiten innerhalb der NPD als Vertreter des neonazistischen Flügels. Er wurde unter anderem in den Vorstand der Partei gewählt. 2006 wurde er Vorsitzender der Hamburger NPD, 2008 Stellvertreter von Parteichef Udo Voigt. Er soll unter anderem einen Fuhrpark von Wehrmachtsfahrzeugen besessen haben.

Im Jahr 2008 beschrieb ihn der Verfassungsschutzbericht als einen Neonazi, der unter anderem den Aufbau "rechtsextremer Schulungszentren" anstrebe. 2009 verstarb Rieger an den Folgen eines Schlaganfalls.

Auch der Rechtsextremist Stephan Ernst, der 2019 den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen hatte, soll der "Artgemeinschaft" zeitweilig angehört haben.

Rassenlehre und Artbekenntnis: Das glaubt die "Artgemeinschaft"

Die "Artgemeinschaft" "benutzt ihr neuheidnisches Weltanschauungsgebilde dabei als Vehikel, um rechtsextremistisches Gedankengut gesellschaftspolitisch zu verbreiten", schreibt der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz über den Verein. Der pflege Verbindungen in das gesamte rechtsextremistische Spektrum.

Dass die Gruppe nur eine geringe dreistellige Zahl an Mitgliedern habe, sei kein Grund, sie zu unterschätzen: "Die 'Artgemeinschaft' hat im rechten Spektrum auch eine 'Scharnierfunktion'."

Die Grundausrichtung der Gruppe sei eine rassistische, die in ihrem "Artbekenntnis" unmittelbar an die Rassenlehre des Dritten Reiches anknüpfe. Die Mitglieder hingen einem "germanischen Sittengesetz" an, schrieb die Zeitung "Das Parlament" im Jahr 2005. Das "Ariertum" werde "mythologisch überhöht".

"So sollen sich germanische Heiden gleichgeartete Partner aussuchen, das heißt, Partner, die genauso aussehen wie man selbst und zur 'nordisch-fälischen' Rasse gehören. Nur so ließe sich die Weitergabe des genetischen Erbes an die Nachkommen sicherstellen." Sogenannte "Rassenschande" gelte als großes Übel.

Darüber hinaus gilt die "Artgemeinschaft" als explizit antichristlich. Deutlich wird das unter anderem an einem ihrer Logos, in dem ein Adler nach einem christlichen Fischsymbol greift. Propagiert wird dagegen eine Art Naturglaube, der den ständigen Kampf um das eigene Leben hervorhebt. Die Gruppe begeht hohe germanisch-heidnische Festtage wie Sommersonnenwende und Erntedank.

Ziel: Möglichst viele Kinder bekommen

Fortpflanzung, Kinder und damit die "reine Weitergabe unseres Lebens" ist laut der inzwischen abgeschalteten Webseite der "Artgemeinschaft" zentral für die Mitglieder der Gruppierung.

"Menschenarten" seien verschieden. "Wir bekennen uns zur Erhaltung und Förderung unserer Menschenart als höchstem Lebensziel, denn auch sie ist eine Offenbarung des Göttlichen." Mitglieder werden aufgerufen, möglichst viele Kinder zu zeugen, "was unseren Einfluss in unserem Volk eines Tages erheblich verbessern wird".

Verwendete Quellen
  • web.archive.org: Verfassungsschutzbericht 2008
  • spiegel.de: "NPD-Vizechef Rieger ist tot" vom 29. Oktober 2009
  • Das "Parlament", Ausgabe 45/2005: "FAP, Freie Kameradschaft, Artgemeinschaft"
  • mik.nrw.de/verfassungsschutz: "Die Artgemeinschaft"
  • relinfo.ch: "Die Artgemeinschaft Germanische Glaubens-Gemeinschaft"
  • Deutsches Patent- und Markenamt
  • Eigene Recherche
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
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