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"Für die Opfer ist dies keineswegs eine gute Nachricht"

Von Miriam Hollstein

27.06.2022Lesedauer: 3 Min.
Bei der Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche stand in den vergangenen Monaten auch Kardinal Reinhard Marx in der Kritik.
Bei der Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche stand in den vergangenen Monaten auch Kardinal Reinhard Marx in der Kritik. (Quelle: imago-images-bilder)
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Die katholische Kirche verzeichnet einen neuen Rekord an Austritten. Erstaunlicherweise sind nicht alle Missbrauchsopfer froh über diese Entwicklung.

Es sind dramatische Zahlen. 360.000 Menschen sind 2021 aus der katholischen Kirche ausgetreten – so viel wie noch nie. Das gab die Deutsche Bischofskonferenz am Montag in Bonn bekannt. Damit wurde der bisherige Rekord von 2019 noch übertroffen: Damals verließen 272.771 Katholiken ihre Kirche. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Limburgs Bischof Georg Bätzing, zeigte sich angesichts der neuen Zahlen "zutiefst erschüttert".

Allein im Bistum Münster, dem zweitgrößten Bistum in Deutschland, haben im vergangenen Jahr rund 21.000 Menschen der katholischen Kirche den Rücken gekehrt, auch hier mehr als je zuvor. Vermutlich wären es noch mehr gewesen, wenn es mehr Termine für Austritte gegeben hätte, denn diese waren stets ausgebucht. Im Erzbistum Köln verdoppelte sich die Austrittszahl fast, von 10.073 im Jahr 2019 auf 19.340 Austritte im vergangenen Jahr.

Mitglieder der Volkskirchen nur noch in der Minderheit

In beiden Bistümern sind über Jahre hinweg Kinder sexuell missbraucht worden. Die Kirche hatte zudem die Aufarbeitung verschleppt. Dabei dürften die jetzigen Austrittszahlen nur die Spitze des Eisbergs sein, denn das ganze Ausmaß der Missbrauchsvorfälle wurde erst in den vergangenen Monaten bekannt.

Dramatisch sind die Zahlen vor allem deshalb, weil sie eine völlig neue Situation für die Mitglieder der beiden Volkskirchen bedeuten: Erstmals sind sie in der Minderheit. Denn auch bei der Evangelischen Kirche ist die Zahl der Mitglieder vorläufigen Berechnungen zufolge im vergangenen Jahr stark gesunken und erstmals unter die Grenze von 20 Millionen gefallen. Bei der katholischen Kirche ist sie insgesamt von 22,2 Millionen auf 21,8 Millionen zurückgegangen. 1956 waren noch 96 Prozent der Deutschen evangelisch oder katholisch, 1990 immerhin noch 72 Prozent. 2060, so die Prognose, wird es nicht einmal mehr jeder Dritte sein.

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Schwund hat sich beschleunigt

Hinzu kommt, dass sich der Schwund beschleunigt hat: Bis 2015 verloren Volkskirchen jährlich 0,6 bis 0,8 Prozentpunkte am Bevölkerungsanteil, seit 2016 1 bis 1,4 Prozentpunkte. Dabei handelt es sich nicht nur um Austritte; angesichts überalterter Strukturen verlieren die Kirchen auch schlicht viele Mitglieder durch den Tod. Zugleich gibt es immer weniger Nachwuchs, weil sich immer mehr jüngere Menschen von der Kirche abwenden, austreten und ihre Kinder nicht mehr taufen lassen.

"Das ist für die Opfer keineswegs eine gute Nachricht"

Vor allem die Missbrauchsvorfälle und ihre schleppende Aufarbeitung vergraulen die Mitglieder. Trotzdem sind nicht alle Missbrauchsopfer froh darüber, dass der Kirche die Mitglieder davonlaufen. Matthias Katsch wurde als Schüler am Berliner Canisius-Kolleg, einem privaten katholischen Gymnasium, von zwei Jesuiten sexuell misshandelt. Er ist Mitgründer und Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch", kämpft seit Jahren dafür, dass die Betroffenen eine angemessene Entschädigung erhalten. "Es klingt paradox, aber die Nachricht, dass im vergangenen Jahr wieder zahlreiche Menschen der Kirche den Rücken gekehrt haben, ist für Menschen, die in dieser Kirche Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch geworden sind, keineswegs eine gute Nachricht", sagte er zu t-online.

Natürlich zeige sich in den Austritten der Protest der Menschen gegen den Umgang der Amtskirche mit ihren Opfern: "Aber für die Betroffenen ist vor allem wichtig, dass die Kirchenmitglieder sich dafür einsetzen, endlich notwendige Hilfen und tatsächliche Entschädigungen voranzubringen und die unrühmliche Praxis der 'Anerkennungsleistungen' zu beenden."

Es brauche aber "Druck auf die Kirchenführung, dass sich etwas in den Strukturen ändert", ist Katsch überzeugt. Nicht nur aus Gesellschaft und Politik, sondern vor allem auch von innen: "Die Betroffenen brauchen die Solidarität der Kirchenmitglieder, wenn sich in absehbarer Zeit etwas für sie positiv ändern soll."

Kirche muss wieder Vertrauen gewinnen

Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), dem wichtigsten Gremium der katholischen Laien, sieht mehrere Ursachen für die Austritte. "Viele Menschen nennen ihren Ärger über den Missbrauchsskandal und die schleppende Aufarbeitung als Auslöser für ihren Austritt", sagte Stetter-Karp zu t-online: "Aber da ist noch mehr."

So sei in Westeuropa die Individualisierung des Glaubens weit vorangeschritten. "Die Deutungsmacht der Kirchen über das Religiöse ist keine Selbstverständlichkeit mehr, anders als das über viele Jahrzehnte, ja über Jahrhunderte der Fall war", sagt Stetter-Karp: "Religiös zu leben, hat heute ganz viel mit Vertrauen zu tun, umso mehr, als Institutionen ihre Macht verlieren und nicht mehr automatisch respektiert werden."

Die Kirche sei nun gefordert, Vertrauen zu wecken. Dies gelinge durch "Menschen, die vertrauenswürdig sind", die auf andere zugingen und "nicht über kleiner werdende Zahlen jammern", so Stetter-Karp.

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