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Abschied von Angela Merkel: Hoppla!

MEINUNGAbschied von Angela Merkel  

Die beste Langweilerin der Welt

08.12.2021, 17:00 Uhr
Merkel wünscht Scholz eine "glückliche Hand"

Beim Stühlerücken im Kanzleramt hat nun offiziell der neue Bundeskanzler Olaf Scholz die Geschäfte von Angela Merkel im Bundeskanzleramt übernommen. Die scheidende Kanzlerin richtete ermutigende Worte an ihren Nachfolger.

Übergabe im Video: Angela Merkel wünscht Olaf Scholz eine "glückliche Hand". (Quelle: Reuters)


Eine ganze Generation prägte Angela Merkel mit ihrer Art, Politik zu machen. Der Abschied von der besten Langweilerin der Welt fällt auch deshalb so schwer, weil nun ein schmerzhafter Umbruch bevorsteht.

Sie schwebt schon fast, die Kanzlerin. Doch es sieht nur kurz so aus, in Wahrheit sitzt sie natürlich auf der Besuchertribüne des Bundestags: Weit über den Köpfen der Abgeordneten sieht sie an diesem Mittwochvormittag zu, wie ihr Nachfolger Olaf Scholz gewählt wird. Einen letzten Applaus gibt es noch für sie, dann ist es vorbei.

Die Kanzlerin Angela Merkel ist außer Dienst. 

Ein normaler Wechsel in der Demokratie, die Wahl eines neuen Regierungschefs eben. Doch für eine ganze Generation ist das schier unglaublich. Diese jungen Menschen kennen schließlich nichts anderes. Mit ihren 16 Regierungsjahren war Merkel so lange im Amt, dass sie für Millionen Bürger eine Art Selbstverständlichkeit ist. Es sind vor allem diejenigen, die jünger als 30 sind.

Man erinnert sich in dieser Generation kaum an ihren Vorgänger. Als der noch im Amt war, beschäftigten einen in der Grundschule eher die gemalten Herzen von Klassenkameradin Sarah, weniger die Hartz-Reformen von Kanzler Schröder. Das gilt auch für den Autor dieser Zeilen. 

Gern bearbeiten, gern geräuschlos

Angela Merkel war praktisch immer da. Erste Bundesjugendspiele, erstes iPhone, erstes Semester an der Uni. Das persönliche Leben entwickelte sich im Eiltempo, nur der politische Fixpunkt in Berlin blieb gleich. Merkel, Merkel, Merkel. 

Für manche in unserer Generation war Angela Merkel auch das Versprechen, einen mit der Politik in Ruhe zu lassen. Krisenkanzlerin? Klar, super machte sie das. Vor allem dann, wenn man von der Krise möglichst wenig mitbekommt. Finanzpolitik, Migration, Klima? Gern ordentlich bearbeiten, gern geräuschlos. 

Und Angela Merkel saß im Kanzleramt, sagte nur ab und zu mal einen Satz, der einem im Kopf haften blieb, managte im Großen und Ganzen gut vor sich hin. Wir schaffen das.

Positionen von der SPD übernehmen? Ebenfalls super, vor allem dann, wenn das Land ordentlich regiert wird. Prima fanden viele auch, dass die Union sich bei der Homoehe bewegte und den Ausstieg aus der Atomenergie unterstützte. Geht doch vorwärts, zumindest ein bisschen. Gerade so viel Wandel einleiten, wie eben nötig war. 

Eine Demütigung auf offener Bühne

Nur in der Corona-Pandemie musste Merkel ihre Politik mehr erklären, da funktionierte das bislang geräuschlose Regieren, was selbst in Krisenzeiten für junge Menschen gut geklappt hatte, nicht mehr: Jetzt war die Lebensrealität der Jungen direkt und unmittelbar betroffen.

Doch ansonsten kam ihre Ära einem Aufwachsen in einer Art Idylle gleich. Angela Merkel vereinigte das Bedürfnis nach Sicherheit, sie kümmerte sich um die Probleme, die eben anlagen. Natürlich, Deutschland war kein Eldorado, aber dem Land ging es gut. Sie profitierte noch von der Schröder-Reformen, nebenbei brummte die Wirtschaft. 

Das ist die politische Dimension. Beeindruckend war auch, wie sie diese 16 Jahre durchgestanden hat. Sie hat sich von Horst Seehofer, man muss es so sagen, herunterputzen lassen, vor versammelter CSU-Mannschaft. Nur um ein bisschen die kränkliche bayerische Seele zu streicheln – eine Demütigung auf offener Bühne. Wladimir Putin ließ seinen Hund um sie kreisen, absichtlich, weil Merkels Angst vor Hunden bekannt ist. Die Weltpresse machte Fotos, wieder eine Demütigung auf offener Bühne. 

Herrlicher Kontrast zu einer Welt in Schnappatmung

Merkel blieb stoisch, sie wusste immer: Das Amt des Bundeskanzlers ist größer als persönliche Befindlichkeiten es sind. Mit dieser Erkenntnis war sie vielen Politikern – meistens waren es Männer – weit voraus. Sie rastete nie aus. Das war nicht nur elegant, Angela Merkel prägte damit den politischen Stil dieser jungen Generation.

Wir, die aufwuchsen in einer immer schrilleren Welt, wo plötzlich der Nationalist Donald Trump tobte und die Briten, angeführt von halbseidenen Populisten, aus der EU austraten, schauten auf unsere Regierungschefin und sahen: Mit so viel Sachlichkeit kann man also auch regieren. Und Wahlen gewinnen, sogar eine nach der nächsten. 

Wenn sich unsere Kanzlerin mal einen "Ausrutscher" leistete, bestand dieser im Geständnis, dass sie in ihrem Studium als Bardame mal Kirschwhisky verkauft hatte. Langweiliger, herrlicher Kontrast zu einer Welt in Schnappatmung. 

Und jetzt?

Jetzt kommt Olaf Scholz, der Mann, der sich im Wahlkampf mit Merkel-Raute ablichten ließ. Er ist nicht Merkel, natürlich nicht. Der SPD-Mann regiert jetzt in einem Dreierbündnis mit den Liberalen und den Grünen, zwei Parteien, die vieles anders machen wollen. Nichts mehr mit behäbiger großer Koalition, mit ein paar Reförmchen hier und da. 

Es war gut – doch es ist auch gut, dass sie geht

Plötzlich soll es also einen Aufbruch geben, heißt es. Mal sehen, ob die Ampelkoalitionäre das Versprechen einlösen. 

Doch gerade für die junge Generation, die sich unter Merkel so wohl fühlte, muss ein Wandel her. Es reicht nicht mehr, mit ein paar kleinen politischen Korrekturen zu regieren. In der jüngsten Shell-Jugendstudie von 2019 steigt der Anteil der jungen Menschen, die politisches Engagement wichtig finden, auf 34 Prozent – er lag 2010 noch bei 23 Prozent. Und 71 Prozent der Jungen haben Angst vor der Umweltzerstörung durch die Klimakrise, 2010 und 2015 war das Thema noch kaum relevant. 

Sarah, das Mädchen mit den gemalten Herzen aus der Grundschule, wurde später übrigens ein Punk. Alles ist egal, Hauptsache erst mal dagegen. Auch deshalb, so pathetisch es klingt: Es war eine große Kanzlerschaft von Angela Merkel, es war eine gute Zeit für Deutschland. Doch es ist auch gut, dass jetzt ein Umbruch folgt – am besten einer, mit einer klaren Erneuerung des Landes.

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