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"Warum habt ihr nicht mehr geschaut?"

Von Charlotte Zink

Aktualisiert am 27.01.2022Lesedauer: 3 Min.
Inge Auerbacher (Archivbild): Die 87-J├Ąhrige erz├Ąhlte in der j├╝ngsten Lanz-Sendung von ihren Erinnerungen an das KZ Theresienstadt.
Inge Auerbacher (Archivbild): Die 87-J├Ąhrige erz├Ąhlte in der j├╝ngsten Lanz-Sendung von ihren Erinnerungen an das KZ Theresienstadt. (Quelle: Mark Reinstein/imago images)
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Inge Auerbacher geh├Ârt zu den wenigen Menschen, die das Konzentrationslager Theresienstadt ├╝berlebt haben. Bei "Markus Lanz" teilte die 87-J├Ąhrige ihre Geschichte. Dabei erinnerte sie sich an einen besonders gef├Ąhrlichen Tag.

Als sie sieben Jahre alt war, wurde Inge Auerbacher zusammen mit ihren Eltern in das Konzentrationslager Theresienstadt in Tschechien gebracht. Anl├Ąsslich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar war die 87-J├Ąhrige am Mittwochabend bei Markus Lanz zu Gast. "In ihre Show zu kommen, das war mein Herzenswunsch", erkl├Ąrte sie gleich zu Beginn der Sendung und teilte anschlie├čend zahlreiche Erinnerungen aus ihrer Kindheit.

G├Ąste:

  • Inge Auerbacher, Shoah-├ťberlebende
  • Christoph Kreutzm├╝ller, Historiker

Schlafen auf dem Boden, kaum Nahrung, Krankheit und Tod allgegenw├Ąrtig: Auerbacher erinnert sich an viele Details aus dem Konzentrationslager. Ein Tag ist ihr jedoch als besonders schlimm im Ged├Ąchtnis geblieben, wie sie bei Lanz erz├Ąhlte: der 11. November 1943.

An diesem Tag seien alle Bewohner von Theresienstadt von den Nationalsozialisten aufgefordert worden, sich zu einer Z├Ąhlung ins Freie zu begeben. Als Grund sei der Verdacht vorgeschoben worden, dass Menschen fehlten, erinnert sich Auerbacher. Tats├Ąchlich habe es sich aber um reine "Schikane" gehandelt.

Stundenlang h├Ątten an diesem Tag alle im Regen gestanden, w├Ąhrend SS-M├Ąnner Gewehre auf sie richteten, so die 87-J├Ąhrige, die damals acht Jahre alt war. Menschen seien geschlagen worden und schlie├člich ordneten Offiziere schreiend an, dass M├Ąnner, Frauen und Kinder sich trennen sollten.

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Weil sich ihre Eltern und sie sich jedoch aneinander klammerten, habe ein SS-Offizier ihre Mutter "mit einem Gewehrkolben sehr geschlagen", sagte Auerbacher. "Es war sehr gef├Ąhrlich", fasst sie ihre Erinnerung an diesen Novembertag zusammen.

"Wieso haben die nichts mitgekriegt?"

Weniger als ein Jahr sp├Ąter besuchte eine Delegation des Roten Kreuzes das Konzentrationslager f├╝r eine von Nazi-Offizieren organisierte Tour. Es sei das einzige Lager gewesen, was das Rote Kreuz l├Ąnger besucht habe, erkl├Ąrte Historiker Christoph Kreutzm├╝ller. Um die Wahrheit zu verbergen, wurde in Theresienstadt bei diesem Besuch nichts dem Zufall ├╝berlassen. "Wieso haben die nichts mitgekriegt?", wollte Lanz von Auerbacher wissen.

"Die haben nicht reingeschaut und nichts", erinnerte sich die 87-J├Ąhrige und f├╝gte hinzu: "Heute bin ich noch b├Âse ├╝ber das Rote Kreuz." Die Gefangenen h├Ątten ja auch nicht einfach zu den Delegierten hingehen k├Ânnen, um das Elend zu offenbaren. "Warum habt ihr nicht mehr geschaut und die L├╝ge geglaubt?", so Auerbacher.

Auch an anderer Stelle wurde die falsche Fassade aufrechterhalten: In einem 1944 gedrehten Propagandafilm pr├Ąsentierten die Nazis das KZ Theresienstadt als ein Idyll, in dem die Bewohner Fu├čball spielen, sich sonnen und stets genug zu essen haben. Eine ihrer Freundinnen sei in dem Film zu sehen gewesen, erinnerte sich Auerbacher. Die meisten Gefangenen, die dort erschienen seien, seien sp├Ąter ermordet worden, sagte die 87-J├Ąhrige.

Kreutzm├╝ller: KZ ein "Wolkenkuckucksheim des Holocausts"

Der Film sei "auf ganz vielen Ebenen absurd", befand Kreutzm├╝ller. Als er ver├Âffentlicht wurde, habe die Welt eigentlich bereits gewusst "was da l├Ąuft", so Kreutzm├╝ller. Das KZ Theresienstadt sei aus seiner Sicht ein "merkw├╝rdiges Wolkenkuckucksheim des Holocausts" gewesen.

Der Grund: Es habe gleich mehrere Funktionen erf├╝llen sollen. Zum einen sei es ein "Sammelbecken" f├╝r Juden aus Tschechien und ├Ąltere Juden aus Deutschland und ├ľsterreich gewesen. Zum anderen habe es dem Nazi-Regime dazu gedient vorzugeben, dass alles in Ordnung sei.

Trotz all des Grauens, das sie erfuhr: Am Mittwochabend ging es auch um Lichtblicke, die Auerbacher in ihrer Kindheit erlebte. So berichtete sie unter anderem von "einem Engel in der H├Âlle" ÔÇô einer Gefangenen, die ihr nach Ankunft im KZ eine weiche Unterlage zum Schlafen besorgte und gelegentlich Essen zuschustern konnte.

Ebenso erinnerte sie sich an eine Frau, die ihr noch vor dem Transport nach Theresienstadt in einem Zug ihr Essen ├╝berlassen hatte. "Das war meine Heldin", so Auerbacher.

Auerbacher will einen Appell loswerden

Bei Lanz wollte sie an die Gesellschaft vor allem einen Appell an loswerden: "Wir m├╝ssen alle zusammenleben", so die 87-J├Ąhrige, die mittlerweile in New York zu Hause ist. Man solle andere Menschen kennenlernen, anstatt sie pauschal zu verurteilen. "Wir sind nicht alle gleich, aber Blut ist rot", so Auerbacher.

Am Donnerstag wird die Holocaust-├ťberlebende im Bundestag sprechen. Mit einer Gedenkstunde erinnert der Bundestag um 10.00 Uhr an die Opfer des Nationalsozialismus.

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Am 27. Januar 1945 hatten Soldaten der Roten Armee die ├ťberlebenden des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz im besetzten Polen befreit. Die Nazis hatten dort mehr als eine Million Menschen ermordet. Seit 1996 wird das Datum in Deutschland als Holocaust-Gedenktag begangen.

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