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In QuarantÀne: Lagerkoller und ein zerbrochenes Herz

Von t-online, ari, loe, cj, ds, sle

Aktualisiert am 01.04.2020Lesedauer: 15 Min.
Fertig-Essen, das ĂŒberall, nur nicht am Esstisch gegessen wird: Improvisation gegen den Lagerkoller.
Fertig-Essen, das ĂŒberall, nur nicht am Esstisch gegessen wird: Improvisation gegen den Lagerkoller. (Quelle: privat)
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Neue Herausforderungen erfordern neue Wege: FĂŒr die Welt, unser Land und jeden Einzelnen. Sechs Redakteure berichten, was sie jetzt beschĂ€ftigt, sorgt oder freut. Denn das Coronavirus bringt auch ganz neue Erkenntnisse.

Auch die t-online.de-Redaktion arbeitet aktuell im Homeoffice. Es war ein seltsames GefĂŒhl, die gewohnten RedaktionsrĂ€ume bis auf unbestimmte Zeit zu verlassen. Welche Gedanken, Alltagsprobleme, aber auch kleine und schöne Momente uns alle beschĂ€ftigen und verbinden, lesen Sie in diesem Newsblog der etwas anderen Art. Vielleicht finden Sie sich ja auch selbst in den Geschichten wieder?


Fotos von den Hotspots der Welt: Das Coronavirus erzeugt Stille in den Metropolen

Durch das Coronavirus sind zahlreiche Metropolen der Welt menschenleer. Auch um die berĂŒhmten Wahrzeichen von Paris tummeln sich in dieser Zeit keine Touristen.
Berlin, Deutschland: Die Coronavirus-Krise lĂ€sst sonst belebte PlĂ€tze fast menschenleer zurĂŒck. Auf dem Alexanderplatz sind kaum Menschen unterwegs.
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26. MĂ€rz, 13.09: Lagerkoller und Herzbrechen – von Anna Aridzanjan

WĂ€hrend die Einen die Zeit nutzen, um mal grĂŒndlich auszumisten – ich beneide Saskia und ihre WG um diese Motivation! – stand hier schon der erste Lagerkoller an. Obwohl wir uns als kleine Familie mit der Situation ganz gut arrangiert haben und auch extrem privilegiert sind (wir mĂŒssen nicht um unser Einkommen bangen, mein Mann hat Zeit fĂŒr die Kinderbetreuung, ich kann Homeoffice machen) wird immer deutlicher, wie sehr uns die gewöhnliche Routine und die Außenwelt fehlen.

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Unsere Tochter ist jetzt sehr reizbar und schnell frustriert. Sie freut sich zwar, dass ihr Vater viel Zeit zum Spielen hat – doch der scheint alles falsch zu machen. Und so höre ich trotz Noise-Cancelling-Kopfhörern immer regelmĂ€ĂŸiger den verzweifelten Heul-Schrei "Nein Papa, nicht soooooo". Ich sag’s, wie es ist: Es ist verdammt anstrengend gerade.

Fertig-Essen, das ĂŒberall, nur nicht am Esstisch gegessen wird: Improvisation gegen den Lagerkoller.
Fertig-Essen, das ĂŒberall, nur nicht am Esstisch gegessen wird: Improvisation gegen den Lagerkoller. (Quelle: privat)

Auch gar nicht so einfach: Neben Homeoffice, Kinderbespaßung und Co. an die regelmĂ€ĂŸigen Essenszeiten zu denken – und dann noch etwas halbwegs Nahrhaftes hinzubekommen. TK-Pizzen, die direkt vor dem Fenster gegessen werden, retten gerade unseren Alltag. Sorry, liebe ErnĂ€hrungswissenschaftler, wir sind auch nur Menschen. Der Moment heute, in dem mir vollends das Herz in viele kleine Teile zerbrach: Als sich mein Kind nach einem seiner WutanfĂ€lle wieder beruhigt hatte, mich mit einem herzerweichenden LĂ€cheln ansah und sagte: "Ich freue mich auf den Sommer, Mama. Da sind die SpielplĂ€tze nicht mehr gesperrt. Oder?"

Ich hoffe es, mein Kind. Ich hoffe es.

25. MĂ€rz, 16 Uhr: Yoga-Kurs live. Gleich neben der KĂŒche links – von Charlotte Janus

Wie meine Kollegin Sophie betĂ€tige auch ich mich in der hĂ€uslichen QuarantĂ€ne sportlich. Im Homeoffice kommt die Bewegung sonst deutlich zu kurz. Besonders, wenn das ganze Leben zu Hause stattfindet, brauche ich nach einem langen Arbeitstag etwas Ausgleich. Das Yoga-Studio, in dem ich seit fast zehn Jahren praktiziere, hat sich zum GlĂŒck auf die neue Situation eingestellt.

Seit dieser Woche gibt es Yoga live zu Hause. Die Klasse kommt einfach zu mir, per Stream auf meinem Laptop. Ich muss mich dafĂŒr nur von meiner KĂŒche, in der ich den Großteil des Tages verbringe, ins Wohnzimmer begeben. Dort ist mehr Platz. "Hallo, ihr Lieben!", grĂŒĂŸt meine Lehrerin und winkt in die Kamera. Etwas unbeholfen winken die Teilnehmenden zurĂŒck. Über vierzig Yogis sind dabei, alle hochmotiviert. So viele Personen wĂŒrden gleichzeitig kaum in das kleine Studio passen. Dann gilt: Kamera und Ton aus! Nur die Lehrerin ist noch zu sehen. Wir starten: Om.

Wenn wir nicht zum Sport gehen können, muss der Sport eben zu uns kommen: Per Videostream.
Wenn wir nicht zum Sport gehen können, muss der Sport eben zu uns kommen: Per Videostream. (Quelle: privat)

SonnengrĂŒĂŸe und Kriegerposen zwischen Schreibtisch, BĂŒcherregal und Plattensammlung. Das ist neu fĂŒr mich. Ich bin sonst nicht der "Zu Hause"-Sporttyp. Dennoch bleibt ein Anschein von NormalitĂ€t gewahrt: Die bekannte Lehrerin im gewohnten Umfeld. Durch die Livesituation bleiben auch alle bis zum Ende dabei. Man kann halt nicht auf Pause klicken. Zwischendurch rutscht der Lehrerin ein "gut gemacht" heraus. Sie muss dann ĂŒber sich selbst lachen: "Ich sehe euch ja gar nicht, habt ihr aber bestimmt trotzdem gut gemacht." Die Situation ist fĂŒr alle noch etwas gewöhnungsbedĂŒrftig.

Ich jedenfalls hoffe, jetzt wieder regelmĂ€ĂŸiger zum Yoga zu kommen. Denn der Hinweg ins Wohnzimmer ist durchaus vertretbar. Namaste!

25. MĂ€rz, 15.42: Marie Kondo wĂ€re stolz auf uns – von Saskia Leidinger

Solch eine herzzerreißende Geschichte wie die von Daniel kann ich aus unserer WG nicht bieten. So nah stehen wir uns dann doch nicht. Denn selbst in einer Dreier-WG sieht man sich normalerweise selten. Immer hat jemand etwas zu tun. Die schon lange angedachte EntrĂŒmpelung der Wohnung wird von Woche zu Woche verschoben – sorry, keine Zeit. Aber jetzt, endlich ist es so weit. Niemand kann sich drĂŒcken, niemand kann weglaufen und plötzlich wird putzen zum neuen WG-Hobby. Marie Kondo wĂ€re stolz.

SchrĂ€nke werden aufgerissen, leergerĂ€umt und ausgemistet. Plötzlich tauchen lĂ€ngst verschollen geglaubte SchĂ€tze wieder auf, zum Beispiel ein tĂŒrkischer Teekocher. Die KĂŒche gleicht in der Zwischenzeit einem Flohmarkt. Ohne Corona hĂ€tten wir jetzt die Nachbarn einladen können und vielleicht noch fĂŒnf Euro an den ungebrauchten GlĂ€sern, Tassen und PlastikschĂŒsseln verdient.

Was man so alles findet, wenn man mal Zeit zum Ausmisten findet.
Was man so alles findet, wenn man mal Zeit zum Ausmisten findet. (Quelle: privat)

Neben ungenutztem Geschirr finden sich auch zahlreiche Lebensmittel, fĂŒr die sich niemand zustĂ€ndig fĂŒhlt. Nudeln, Backpapier und Achtung: Mehl. Jede Menge Mehl. Wie von selbst hat sich unsere KĂŒche anscheinend ĂŒber Jahre genau auf diese Krise vorbereitet und jetzt ist ihr großer Moment. Tagelang könnten wir uns nun von Eierkuchen in allen erdenklichen Varianten ernĂ€hren. Nur so ganz durchdacht scheint das Vorratskonzept unserer KĂŒche nicht zu sein. Denn fĂŒr Eierkuchen brĂ€uchte es, nun ja, Eier – die waren aber ausverkauft.

24. MĂ€rz, 13.07 Uhr: Wer braucht schon Sand unter den FĂŒĂŸen? – Von Daniel Schreckenberg

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Momentan fĂ€llt es schwer, sein LĂ€cheln nicht zu verlieren. Wie lange wird diese Ausnahmesituation noch anhalten? Sind unsere Jobs eigentlich sicher? Bleiben unsere Eltern und Großeltern gesund? Auch privat lĂ€uft grade nicht allzu vieles rund: Im Mai wollten meine Verlobte und ich heiraten, danach war – seit vielen Jahren unser großer Traum – eine Weltreise geplant.

Beides ist nun abgesagt.

"In guten wie in schlechten Zeiten" ist ein Satz, der sich mit Sicherheit in unseren EhegelĂŒbden verirrt hĂ€tte. Statt ihn auszusprechen, leben wir ihn jetzt halt umso mehr. Wenn wir uns wie kleine Kinder auf den Start des Streamingdienstes von Disney freuen, einer plötzlich den "Lion King" anstimmt und wir vor Lachen auf dem Boden liegen. Wenn da ungefragt plötzlich ein griechischer Jogurt auf dem Tisch steht, weil vor lauter Arbeit der Magen lauthals knurrt. Wenn da die kurzen Momente des Schwermuts kommen, weil alles grade nicht ganz so leicht fĂ€llt, und wir zwar keine Ringe um den Finger tragen, uns aber schnell an den HĂ€nden halten und wissen: Scheiß drauf – wir haben ja uns.

Gemeinsame Momente: Sie können Paare auch abseits von Flitterwochen, Strand und Meer enger zusammenrĂŒcken lassen.
Gemeinsame Momente: Sie können Paare auch abseits von Flitterwochen, Strand und Meer enger zusammenrĂŒcken lassen. (Quelle: privat)

Wer braucht schon Sand unter den FĂŒĂŸen, wenn er mit Adiletten auf dem Sofa lĂŒmmeln kann? Wer braucht schon den Sonnenuntergang unter Palmen, wenn auf dem Balkon die FrĂŒhlingssonne seine Nase kitzelt? Wer braucht schon exotisches Essen, wenn jeder unserer Kochversuche zum improvisierten Spektakel mutiert? Eine Hochzeit und eine Weltreise können nachgeholt werden. Unsere alltĂ€glichen QuarantĂ€ne-Momente kann uns hingegen niemand nehmen.

23. MĂ€rz, 16.30 Uhr: Zeit nutzen fĂŒr eine QuarantĂ€ne-Challenge – von Sophie Loelke

Ich stimme meiner Kollegin Anna zu. Angesichts der wirklich krassen Arbeitsbedingungen von Ärzten, Pfleger und auch VerkĂ€ufern rĂŒcken die eigenen kleinen Probleme fĂŒr den Moment ganz schnell in den Hintergrund. Generell finde ich es großartig, was sich die Menschen einfallen lassen. 180 Radiosender spielten gleichzeitig "YouÂŽll never walk alone" fĂŒr Ärzte und Pfleger, Kranke und Einsame. In Innenhöfen versammeln sich Menschen auf Balkonen, um gemeinsam zu musizieren, zu tanzen oder sogar Sport zu treiben.

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Komplett die Fassung zu verlieren, stĂ€ndiges Selbstmitleid und eine gĂ€nzlich negative Stimmung, nur weil wir jetzt auf den Luxus von Freizeit- und GenussaktivitĂ€ten verzichten mĂŒssen, wĂ€ren unangebracht. Aus Situationen wie diesen – und ich spreche von Menschen wie mir, die zum GlĂŒck nicht gefĂ€hrdet sind, sondern "nur" ein Kontaktverbot haben – lĂ€sst sich allerlei Positives gewinnen. Zum Beispiel eine neue BeschĂ€ftigung. Das wĂ€re eventuell auch etwas fĂŒr meine Kollegin Charlotte Janus, die – wie sie sagt – mit zu viel Zeit zu oft ĂŒber ihren möglicherweise kratzenden Hals nachdenkt:

Ich nutze die Zeit, die ich jetzt habe, um eine "Sechs-Wochen-Challenge" durchzuziehen. Da ich – außer aus dem Homeoffice zu arbeiten und einkaufen zu gehen – nichts mehr zu tun habe, kann ich ebenso gut etwas fĂŒr meine Gesundheit und Fitness tun. Das bleibt oft auf der Strecke. Essen gehen mit Freunden, feiern oder einen Sonntag komplett im Bett bleiben ĂŒbertrifft nicht selten den regelmĂ€ĂŸigen Sport. Damit ist jetzt erst einmal Schluss!

Ausgestattet mit einer neuen App, einem Fitnessarmband und ganz gĂŒnstig online bestelltem Fitnessequipment unter zehn Euro steigt meine Motivation ins Unermessliche. Na ja, wollen wir mal nicht ĂŒbertreiben. Zumindest steigt sie 
 FĂŒrs Erste. Aber drei- bis viermal in der Woche fĂŒr 30 bis 45 Minuten Sport treiben, werde ich ja wohl in meinen leeren Wochenplan einbauen können – da bin ich sicher!

Durch die Sporteinheit an der frischen Luft durfte ich diesen Sonnenuntergang bewundern.
Durch die Sporteinheit an der frischen Luft durfte ich diesen Sonnenuntergang bewundern. (Quelle: privat)

Diese "QuarantĂ€ne-Challenge" – so nenne ich sie jetzt – kann jeder individuell ausbauen. Meine Mutter kocht zum Beispiel jeden Tag ein neues Gericht aus ihren verstaubten KochbĂŒchern. Das ist natĂŒrlich nicht schlecht, denn Essen steht auf der Beliebtheitsskala oft ĂŒber dem Sport. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten: Meditieren lernen, Yoga, alle Serien auf Netflix schauen, jeden Tag gesund kochen, ein Buch pro Woche lesen oder ein Instrument lernen: Der KreativitĂ€t sind keine Grenzen gesetzt.

FĂŒr was haben Sie nun endlich Zeit?

23. MĂ€rz, 16.30 Uhr: Mein Hals kratzt – eingebildet krank? – von Charlotte Janus

Ablenkung in Maßen kann manchmal auch ganz gut sein. Ich habe davon gerade zu wenig. Daher mache ich etwas Neues. Ich höre in meinen Körper hinein. Das bin ich nicht gewohnt, denn ich bin selten krank. Vielleicht auch, weil ich es mir einfach nicht zugestehe. Achtsamkeit ist sicherlich gut und ich sollte mir und meinem Körper gegenĂŒber manchmal aufmerksamer sein. Doch aktuell wird es mir zu viel.

Ja, ich war zu einem denkbar ungĂŒnstigen Zeitpunkt im Urlaub in Tirol. Viele Menschen haben sich dort genau zu der Zeit mit SARS-CoV-2 infiziert. An dem Ort, wo ich war, hat es aber keinen einzigen registrierten Corona-Fall gegeben. Also: Kein Grund zur Beunruhigung – theoretisch.

Praktisch sieht das ganz anders aus. Ich horche unentwegt in mich hinein. Könnte ich mich doch irgendwo infiziert haben? Hat mich ein Fremder im Skilift angehustet? Ein Symptom von Corona soll ja Halskratzen sein. StĂ€ndig stelle ich mir die Frage: Kratzt da was? Je mehr ich darĂŒber nachdenke, ob ich Halskratzen habe, desto mehr ĂŒberlege ich auch: Soll sich das in meinem Hals wirklich so anfĂŒhlen? Ist das normal? Wie fĂŒhlt sich ĂŒberhaupt ein gesunder Hals an? Da habe ich noch nie drĂŒber nachgedacht. Sobald ich von anderen Themen abgelenkt bin, ist das komische GefĂŒhl im Hals weg.

"Habe ich das Virus oder nicht? Wie fĂŒhlt sich ein kratzender oder gesunder Hals an?" Zu viel Zeit haben, ist nicht immer gut.
"Habe ich das Virus oder nicht? Wie fĂŒhlt sich ein kratzender oder gesunder Hals an?" Zu viel Zeit haben, ist nicht immer gut. (Quelle: privat)

Vermutlich ist da einfach nichts und ich habe schlichtweg viel zu viel Zeit, mir Gedanken ĂŒber mein gesundheitliches Wohlbefinden zu machen.

23. MĂ€rz, 13.58 Uhr: Gott segne Noise-Cancelling-Kopfhörer – von Anna Aridzanjan

SolidaritĂ€t ist etwas Schönes, ja! Es wĂ€re aber auch gut, wenn wir – außer Applaus – unsere PflegekrĂ€fte, Ärztinnen und Helfern generell mehr unterstĂŒtzen könnten. Das fordern sie ja auch selbst:

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Sie leisten jeden Tag Übermenschliches. Nicht nur wĂ€hrend dieser Krise, sondern immer. Sie verdienen Respekt, Anerkennung, bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Apropos Arbeitsbedingungen. Ich bin in der sehr luxuriösen Situation, dass meine Tochter von meinem Mann betreut wird, wĂ€hrend ich im Homeoffice arbeite. Das ist wirklich gut, denn sonst könnte ich mich niemals lĂ€nger als zehn Minuten auf etwas konzentrieren. Mein zuckersĂŒĂŸes Kind möchte schließlich auch mit uns interagieren. Langeweile ist doof. Da ist es eine Entlastung, dass mein Mann zu einhundert Prozent fĂŒr unsere Tochter da sein kann.

Und trotzdem: Wir drei – meine Tochter, mein Mann und ich – sind in einer Wohnung. Die beiden spielen, toben, lachen. Meine Tochter – mit drei Jahren mitten in der anspruchsvollen "Autonomiephase" – lernt gerade den Umgang mit Wut und Frust. Wird auch mal zornig, schreit herum, ist unausgelastet, vermisst ihre Freunde und die Kita. Der GerĂ€uschpegel hier ist um einiges lauter, als ich es sogar aus unserer Großraumredaktion gewohnt bin.

Noise-Cancelling-Kopfhörer sind im Homeoffice mit Kindern etwas sehr Wertvolles.
Noise-Cancelling-Kopfhörer sind im Homeoffice mit Kindern etwas sehr Wertvolles. (Quelle: privat)

Ich bin irre dankbar fĂŒr meine Noise-Cancelling-Kopfhörer. Kann mal bitte jemand dem Erfinder einen Preis verleihen? Sie dĂ€mpfen die UmgebungsgerĂ€usche und helfen mir, mich zu konzentrieren. So wie jetzt: Ich schreibe diesen Text und im Hintergrund verhandelt meine Tochter mit meinem Mann lautstark etwas sehr, sehr Wichtiges aus (ich kann gerade nicht hören, was es ist. Und das ist auch gut so).

20. MĂ€rz, 20.54 Uhr: Applaus der SolidaritĂ€t – von Charlotte Janus

Auch ich bin sonst immer viel unterwegs gewesen, habe mich fast tÀglich mit Freunden getroffen, war oft sogar mehrfach die Woche im Kino. Jetzt sitze ich am Freitagabend alleine zu Hause. Es ist kurz vor neun. Ich rufe bei meinen Eltern in Hamburg an.

Meine Mutter ist am Apparat: "Aber das geht doch gerade nicht. Jetzt ist doch Klatschen." Ich frage: "Wie bitte? Was ist?" Meine Mutter erwidert: "Na, wir mĂŒssen doch jetzt Klatschen, auf dem Balkon. Das machen wir zurzeit jeden Abend – fĂŒr die Helfer. Jetzt sind wir draußen. Es sind wieder viele Leute da." Ich lausche. Plötzlich brandet tosender Applaus auf, dringt durch den Hörer zu mir nach Berlin herĂŒber. Offenbar sind die meisten Bewohner der Straße auf ihren Balkon getreten und machen mit. Ich bin fast zu TrĂ€nen gerĂŒhrt.

"Hörst du? Hörst du?", fragt sie. Ich antworte: "Ja, ich höre, aber leg doch mal das Telefon aus der Hand. Du willst doch klatschen." Meine Mutter: "Ich klatsche so gut es geht und ansonsten klatscht halt dein Vater fĂŒr uns beide mit."

Durch das gemeinsame Klatschen zeigen die Hamburger Ärzten, Pflegern und anderen Helfern in der Corona-Krise ihre Dankbarkeit. Andere StĂ€dte tun das ebenfalls. Eigentlich auch Berlin, bei mir in der Gegend aber wohl nicht. Vom Balkon nebenan ruft die Nachbarin: "Bis morgen dann!" Und ich denke mir: Vielleicht bin ich dann auch wieder dabei, um neun Uhr beim Klatschen in Hamburg. Es ist eine starke Geste der Gemeinschaft und SolidaritĂ€t – und ich habe gerade abends nicht viel anderes zu tun als gedanklich in Hamburg mitzuklatschen.

20. MĂ€rz, 14.29 Uhr: In Phasen zur Coronavirus-Akzeptanz – von Sophie Loelke

Ähnlich wie das Kind meiner Kollegin Anna brauche auch ich besonders viel Auslauf. Ich bin ein extrem freiheitsliebender Mensch – und sicherlich nicht der einzige. Besonders nicht hier in Berlin. Wo wir es gewohnt sind, uns nach der Arbeit auf einen Feierabenddrink zu treffen oder am Wochenende zu Gruppen-Workouts in den Park zu gehen. Und – natĂŒrlich – nachts mit Freunden um die HĂ€user und durch die Clubs zu ziehen. Das ist jetzt vorbei und sicher nicht nur fĂŒr mich eine große EinschrĂ€nkung.

Bis zu meiner jetzigen Akzeptanz der Situation habe ich bemerkenswert viele Phasen durchlebt. Hier zuhause hatte ich abends Zeit, mir einmal Gedanken darĂŒber zu machen, wie sehr sich das Denken und FĂŒhlen bezogen auf diese Krise bei mir geĂ€ndert hat.

Es fing an mit einem "Sich-lustig-machen" und dem Kleinreden der immer neu hereinkommenden Nachrichten ganz zu Beginn. Es wurde zum GefĂŒhl "Das wird schon werden in zwei Wochen. Es gibt doch stĂ€ndig diese Phasen". Doch nach einigen Wochen war es eben nicht vorbei. Das GefĂŒhl ging ĂŒber zu einem sich sehr langsam einschleichenden Gedanken: "Vielleicht ist es mehr als vermutet?" Als immer mehr Maßnahmen auch hier in Deutschland griffen, kam etwas schwer Definierbares in mir auf: Mir fiel lĂ€nger kein Wort ein, um es zu beschreiben. War es Wut auf das Virus? Sicher auch. Doch vor allem waren es Ohnmacht und Machtlosigkeit.

Diese GefĂŒhle habe ich persönlich noch nicht oft erlebt. Denn auch ich – die nicht im stillen KĂ€mmerlein sitzen kann und im freien Deutschland vieles tun darf – muss mich dem ganzen Ausmaß beugen. Heute ist Freitag. Wochenende. FĂŒr mich bedeutet das: Kopf frei bekommen nach der Woche und machen, was ich will. Tanzen, Feiern, Freunde treffen, Ausstellungen besuchen, Essen gehen. Normalerweise. Jetzt werde ich mir etwas anderes ĂŒberlegen mĂŒssen.

20. MĂ€rz, 14.25 Uhr: Kuchen zum FrĂŒhstĂŒck – von Anna Aridzanjan

Ja, es ist erstaunlich, wie ein paar Tage Zuhause – und in unserem Fall: ohne Kita – die Perspektive Ă€ndern und PrioritĂ€ten gerade rĂŒcken können. Nicht nur, wenn es um Absprachen mit dem Partner ĂŒber die Haushaltsaufteilung geht, sondern auch bei Dingen wie "Erziehung".

Mir wird mit jedem Tag, jeder Stunde klarer, was fĂŒr eine riesige Anpassungsleistung mein Kind jetzt vollbringen muss. Keine Kita heißt auch: Keine gewohnte Routine mehr, keine tollen Erzieherinnen, keine Freunde, keine GruppenausflĂŒge, keine Spiele mit anderen Kindern. Und es gibt noch mehr EinschrĂ€nkungen: SpielplĂ€tze sind jetzt natĂŒrlich auch tabu. Und als Einzelkind ist das alles besonders heftig, weil es jetzt nur noch von Erwachsenen umgeben ist.

Kuchen zum FrĂŒhstĂŒck: Neue Herausforderungen erfordern neue Wege.
Kuchen zum FrĂŒhstĂŒck: Neue Herausforderungen erfordern neue Wege. (Quelle: privat)

Deswegen ist es fĂŒr uns umso wichtiger, dass die Stimmung nicht kippt. Dass unsere Tochter ihre – bis jetzt noch andauernde – gute Laune behĂ€lt, dass sie uns weiter vertraut und glĂŒckliche, schöne Tage erlebt – trotz dieser EinschrĂ€nkungen. Daher gab es heute Kuchen zum Mittagessen und so viele Zeichentrickserien wie sie wollte. Denn wir sind noch ganz am Anfang.

20. MĂ€rz, 13.32 Uhr: Arbeitsteilung – von Daniel Schreckenberg

"Achtzig, Zwanzig" ist so ein Ausruf, den ich – mal im Spaß, oft im Ernst – immer dann verwende, wenn die Arbeitsteilung bei uns im Haushalt beschrieben wird: Wenn sich die Verlobte morgens im Badezimmer fertig machte, ĂŒbernahm ich den Abwasch. Wenn ich nach einer FrĂŒhschicht frĂŒher zu Hause war, saugte ich, schmiss die dreckigen Klamotten in die Waschmaschine und ĂŒbernahm den Einkauf fĂŒrs Abendessen. Achtzig Prozent Haushalt lag also bei mir, zwanzig bei der Verlobten, dachte ich – und lag dermaßen falsch.

Nach ein paar Tagen im Homeoffice fĂ€llt mir auf, wie meine Verlobte in ihrer Mittagspause plötzlich mit dem Wischmopp durch die Bude wuselt. Ich sehe, wie sie sich, mit der einen Hand das Handy fĂŒr die nachmittĂ€gliche Telefonkonferenz am Ohr, einen Lappen schnappt und den Staub von Möbeln, Fensterbank und KĂŒche fegt. Ich höre das Rattern der Waschmaschine: voll mit BettwĂ€sche, HandtĂŒchern und sonstigen Kram – und kann mich nicht daran erinnern, jemals eine fĂŒr etwas anderes als Klamotten gestartet zu haben.

Ich staune, als sie sich am Abend vollgepackt mit EinkaufstĂŒten, Klopapier und Drogeriezeugs in die Wohnung schleppt und wieder in ihre Arbeit vergrĂ€bt. Ich frage sie, wann sie das denn sonst immer alles macht. Sie antwortet: Immer dann, wenn sie wegen meiner FrĂŒhschichten abends lĂ€nger aufbleiben konnte als ich. Oder wenn ich beim Sport war. Oder mich mit meinen Jungs zum Fußballgucken traf.

"Achtzig, Zwanzig" ist der Ausruf, der bei uns die Arbeitsteilung im Haushalt beschreibt. Achtzig Prozent macht meine Verlobte, gerade einmal zwanzig mache ich. Ein paar Tage Homeoffice und mir wurde klar, dass ich ihr da kĂŒnftig viel mehr helfen muss.

20. MĂ€rz, 11.25 Uhr: Mindestabstand: Fehlanzeige – von Charlotte Janus

Immerhin seid ihr zu zweit. Ich sitze ganz allein zu Hause. Es ist Tag sechs meiner Post-Österreich-QuarantĂ€ne am Prenzlauer Berg in Berlin. Eigentlich hatte ich Angst vor der Stille um mich herum, zu sehr ins GrĂŒbeln zu geraten, in Panik zu verfallen – mit mir selbst nicht mehr klarzukommen.

Charlotte Janus: Fast schon eine Woche arbeitet sie aus dem Homeoffice.
Charlotte Janus: Fast schon eine Woche arbeitet sie aus dem Homeoffice. (Quelle: privat)

Doch aktuell beschĂ€ftigt mich im Homeoffice eher etwas anderes: LĂ€rm. In meinem Hinterhof befindet sich eine Kita. Sie ist nun geschlossen. Doch von dort dringen weiterhin allnachmittĂ€glich laute fröhliche Kinderstimmen zu mir herauf. Eine Gruppe von etwa sechs Eltern mit zehn Kindern nutzt den versteckten Spielplatz der Kita. Hier lassen sie ihre Kinder sich so richtig austoben. Aus dem Fenster kann ich beobachten, wie die Kinder rangeln und spielen – Mindestabstand: Fehlanzeige.

Unter Normalbedingungen wĂ€re das sicherlich toll fĂŒr die Kinder. Genau das sollte doch jetzt aber unbedingt vermieden werden. Bei dem Ärger ĂŒber die Verantwortungslosigkeit stört es nun nicht mehr ganz so sehr, dass ein Nachbar plötzlich seine Liebe zum Schlagzeugspiel entdeckt hat.

19. MĂ€rz, 15.45 Uhr: Überlebensstrategie – von Daniel Schreckenberg

Ich bin ja mal gespannt, wie viele Eurer kleinen Schicksalsgemeinschaften die Corona-Krise ĂŒberdauern. Ich sitze mit meiner Verlobten auf 38 Quadratmetern fest. Wir beide sind im Homeoffice. Wir beide brauchen eigentlich unsere Laptops - und Platz. Um uns nicht zu sehr in die Quere zu kommen, haben wir gerade fein sĂ€uberlich die Mini-Wohnung aufgeteilt.

Ich sitze am Esstisch, die Verlobte hat den Balkon und das Schlafzimmer bekommen. War eine gute Aufteilung angesichts des Kaiserwetters, da draußen. Also, fĂŒr meine Verlobte. Und wenn ich so drĂŒber nachdenke: Auch im Bett hat sie es deutlich bequemer als ich am viel zu kleinen Esstisch. Ich muss also nachverhandeln. Oder ab morgen gilt ein Rotationsprinzip.

19. MĂ€rz, 13.45 Uhr: Spielplatz in der Wohnung – von Anna Aridzanjan

Ach, was heißt hier Dorf. Unsere Schicksalsgemeinschaft besteht im Moment aus meinem Mann, unserer dreijĂ€hrigen Tochter und mir. Wir haben dem Kind jetzt ein Trampolin geholt, weil wir ja nicht mehr auf SpielplĂ€tze gehen sollen. Vorteil: Es kann sich drinnen so viel es mag bewegen und auspowern.

Not macht erfinderisch: Auspowern muss doch auch irgendwie Indoor funktionieren.
Not macht erfinderisch: Auspowern muss doch auch irgendwie Indoor funktionieren. (Quelle: privat)

Nachteil: Ich sehe uns schon mit Platzwunde am Kopf in der Notaufnahme sitzen, weil das Kind einen Hechtsprung gegen die Bettkante gemacht hat. Noch ist aber alles in Ordnung. Irgendwie auch spannend zu sehen, wie viel Vertrauen man zum eigenen Kind entwickeln lernt, wenn man keine Wahl hat. Oh Verzeihung, ich meinte natĂŒrlich: Zum eigenen Kollegen.

Diesen Tweet will ich Ihnen nicht vorenthalten:

19. MĂ€rz, 11 Uhr: Dörfer ticken ĂŒberall gleich – von Saskia Leidinger

Berlin hat etwa 3,7 Millionen Einwohner. Darunter auch mich und meine zwei Mitbewohnerinnen. Eine kommt aus Spanien, die andere aus Österreich. Wir wohnen erst seit ein paar Wochen zusammen. Und jetzt das Coronavirus, jede Menge Zeit uns kennenzulernen.

Die erste Erkenntnis: Dörfer und ihre Bewohner sind ĂŒberall gleich. Denn obwohl wir alle drei in der Hauptstadt gelandet sind, kommen wir ursprĂŒnglich aus Gemeinden mit ĂŒberschaubarer Einwohnerzahl. Dort gibt es meist nur einen Supermarkt und vielleicht einen Ort, an dem sich Jugendliche treffen können. Aber vor allem gilt: Jeder kennt jeden. Egal, wo dein Dorf ist. Wenn du zu viel gefeiert hast, dich „heimlich“ mit einem Jungen getroffen hast, in der Schule blau gemacht hast – du kannst dir sicher sein: Deine Eltern wissen bereits Bescheid. Denn Dörfer ticken ĂŒberall gleich.

In diesem Newsblog schreiben abwechselnd die t-online.de-Redakteure Anna Aridzanjan, Charlotte Janus, Daniel Schreckenberg, Noah Platschko, Sophie Loelke und Saskia Leidinger.

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