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Coronavirus: Hätten wir schon vor Jahren einen Impfstoff haben können?

Kampf gegen das Coronavirus  

Hätten wir schon vor Jahren einen Impfstoff haben können?

Von David Ruch

02.04.2020, 14:04 Uhr
Coronavirus: Hätten wir schon vor Jahren einen Impfstoff haben können?. Influenza-Impfung in Brasilien: Nach der SARS-Epidemie liefen mehrere Forschungsprojekte für Impfstoffe an. Doch sie wurden nie zu Ende verfolgt. (Quelle: imago images/Fotoarena)

Influenza-Impfung in Brasilien: Nach der SARS-Epidemie liefen mehrere Forschungsprojekte für Impfstoffe an. Doch sie wurden nie zu Ende verfolgt. (Quelle: Fotoarena/imago images)

Weltweit wird fieberhaft an Impfstoffen gegen das Coronavirus geforscht. Doch das geschah auch 2003, bei der SARS-Pandemie. Warum verlief die Entwicklung damals im Sand?

Das Coronavirus hat die Welt wie ein Tsunami überrollt. Seit dem Ausbruch der Pandemie zu Jahresbeginn haben sich binnen Wochen weltweit mehr als 850.000 Menschen in nahezu allen Ländern der Welt infiziert. Mehr als 43.000 starben bislang an den Folgen. UN-Generalsekretär António Guterres sprach am Mittwoch von der schlimmsten globalen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Doch vielleicht hätte es so weit nicht kommen müssen, wenn schon vor über 15 Jahren die richtigen Weichen gestellt worden wären. 2003 hatte ein dem aktuell grassierenden Coronavirus verwandter Erreger, das SARS-Virus, China heimgesucht. Spezialisten begannen damals mit der Entwicklung von Impfstoffen. 2004 startete ein Test für einen Impfstoffkandidaten an menschlichen Patienten. Doch die Forschung verlief im Sand. Warum?

Entwicklung kostet Zeit und Geld

Der SARS-Ausbruch hielt nur wenige Monate an. Über 8.000 Menschen infizierten sich in dieser Zeit mit dem Erreger, 774 starben. Ab 2004 gab es keine Fälle mehr. "Die SARS-Epidemie hatte sich schnell totgelaufen", erläutert der Virologe Stephan Ludwig von der Universität Münster im Gespräch mit t-online.de. "Viele Forschungsgruppen erhielten keine Förderung mehr. Das Interesse schlief ein. Aber für die Entwicklung dieser Stoffe braucht es Zeit und Geld."



Eines dieser Forschungsprojekte betreute der US-Wissenschaftler Peter Hotez. Er ist Co-Direktor des Zentrums für Impfstoff-Entwicklung am Kinderkrankenhaus in Houston, Texas. Hotez und sein Team waren an der Entwicklung eines Impfstoffkandidaten gegen das SARS-Virus beteiligt. 2016 wollten sie mit den Tests an menschlichen Probanden beginnen. "Wir haben wirklich alles versucht, um Investoren zu gewinnen und Zuschüsse zu bekommen, damit wir unsere Arbeit in der Klinik fortsetzen konnten. Aber wir stießen einfach auf wenig Interesse", erzählte Hotez dem US-Sender NBC.

Marktgetriebene Forschungsförderung als Problem?

Die Entwicklung eines Impfstoffs ist alles andere als billig. Die "Washington Post" und die "South China Morning Post" gaben die Kosten für Entwicklung, Lizenzierung, Herstellung und Testen eines Impfstoffs unter Berufung auf Wissenschaftler mit bis zu einer Milliarde Dollar an. Verglichen mit den Schäden, die die Corona-Pandemie bereits angerichtet hat und noch anrichten wird, sind das Peanuts. Für einzelne Unternehmen jedoch sind das erhebliche Summen.

Besonders in den USA beklagen Forscher eine stark marktgetriebene Forschungsförderung. Jason Schwartz, der an der Yale-Universität zur Entwicklung von Impfstoffen forscht, sprach bei NBC von einem immer wiederkehrenden Muster. "Krankheitsausbrüche führen zunächst zu einem Anstieg der Investitionen. Doch wenn diese Ausbrüche abnehmen, was sie natürlicherweise immer tun, treten andere Prioritäten an ihre Stelle. Infolgedessen verlieren wir die Möglichkeit, Kapital aus den anfänglichen Investitionen zu schlagen, und der Zyklus beginnt von vorn."

"Tickende Zeitbombe" in Südchina

Dabei blieb die Gefahr eines neuen Ausbruchs immer im Bereich des Möglichen. 2007 warnten Wissenschaftler der Universität von Hongkong in einer Studie, die im US-Fachmagazin "Clinical Microbiology Reviews" erschien, vor einer "tickenden Zeitbombe" in Südchina. Denn dort würden zwei Faktoren zusammentreffen: bestimmte Fledermausarten, die ein großes Reservoir an SARS-ähnlichen Viren in sich tragen, sowie die regionale Kultur, exotische Säugetiere zu essen. Die Wissenschaftler resümierten: "Die Möglichkeit des Wiederauftretens von SARS und anderen neuartigen Viren aus Tieren oder Laboratorien und damit die Notwendigkeit der Vorsorge sollten nicht ignoriert werden."

Stephan Ludwig betont, dass sich die Virologen und Epidemiologen auch in Deutschland dieser Gefahr immer bewusst gewesen seien. Seit 2009 gibt es ein vom Bund gefördertes Forschungsnetzwerk zu Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen und umgekehrt übertragen werden können, die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen. Er sagt jedoch auch, dass Zoonosen in Deutschland ein geringeres Problem darstellen als etwa in China.

Dort sei in den vergangenen Jahren auch viel in der Erforschung getan worden. Und entgegen anderslautender Berichte hätten die chinesischen Kollegen bei den jüngsten Ausbrüchen ihre Erkenntnisse auch stets mit der Welt geteilt. Dennoch sieht der Virologe auch in Deutschland Nachholbedarf. "Ich würde mir wünschen, dass die Forschung an Erregern, wie, wo und wann sie von Tieren und Menschen übertragen werden, kontinuierlicher unterstützt wird."

Der Bund könnte hier mehr tun, meint Ludwig – etwa mit Blick auf die Hersteller. "Die Industrie darf mit den Entwicklungskosten nicht alleingelassen werden. Denkbar wäre ein Konzept, bei dem der Staat sich stärker an diesen Kosten beteiligt und dann – im Falle von Einnahmen – einen Anteil zurückerhält."

Impfstoff nicht vor Jahresende

Es ist keinesfalls sicher, dass die Entwicklung eines Impfstoffes gegen SARS einen besseren Schutz gegen das Coronavirus garantiert hätte, da kleinste Unterschiede beim Aufbau der Erreger das Immunsystem aushebeln können. Der Impfstoff-Spezialist Stephan Becker, der am Institut für Virologie der Universität Marburg forscht und bereits 2003 nach dem SARS-Ausbruch an einem Impfstoff arbeitete, zeigte sich im Deutschlandfunk jedoch zuversichtlich, dass man die damalige Erfahrung bei der Entwicklung eines neuen Corona-Impfstoffs nutzen könne. Skeptischer äußerte sich die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung im Gespräch mit t-online.de: "Bei der Entwicklung eines Impfstoffs wird die Forschung von vorne beginnen müssen, da hilft auch das Vorwissen zum SARS-Erreger wenig", sagte sie.

Derzeit forschen rund 60 Projekte weltweit an einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus. Mit dabei sind die deutschen Firmen CureVac aus Tübingen und BioNTech aus Mainz. Manche dieser Projekte haben bereits mit der Erprobung an Menschen begonnen, andere bereiten dies vor. Doch bis ein ausgetesteter Impfstoff vorliegt, werden noch einige Monate vergehen.

"Wir müssen davon ausgehen, dass ein Impfstoff, mit dem breitere Teile der Bevölkerung geschützt werden können, erst gegen Ende des Jahres oder Anfang des nächsten Jahres zur Verfügung steht", sagte Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Wochenende dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Für die Impfstoffforschung gelte: "Wir wollen so schnell wie möglich laufen – aber wir dürfen dabei nicht hinfallen. Wir müssen sicher sein, dass die Impfung wirkt und dem Patienten nicht schadet."

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