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Wird Thanksgiving in den USA zum Superspreader-Event?

  • Sonja Eichert
Von Sonja Eichert

Aktualisiert am 23.11.2020Lesedauer: 4 Min.
Donald Trump begnadigt an Thanksgiving 2019 einen Truthahn: Verschlimmert das Fest in diesem Jahr die Corona-Lage in den USA?
Donald Trump begnadigt an Thanksgiving 2019 einen Truthahn: Verschlimmert das Fest in diesem Jahr die Corona-Lage in den USA? (Quelle: Tom Brenner/Reuters-bilder)
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Die Corona-Zahlen aus den USA sind schon jetzt dramatisch – sie könnten noch deutlich steigen. Thanksgiving steht an, und damit traditionell große Feiern. Kann die Katastrophe verhindert werden?

Mehr als eine Millionen neue Corona-FĂ€lle in der vergangenen Woche, schon mehr als eine Viertelmillion Tote – und diese Woche steht in den USA das grĂ¶ĂŸte Familienfest des Landes an. Die Centers of Disease Control (CDC), eine Behörde des Gesundheitsministeriums, schlĂ€gt Alarm: Bleiben Sie zu Hause, lautet das Credo. Ob die Amerikaner sich daran halten werden, ist fraglich. Thanksgiving, in diesem Jahr am 26. November, ist der wichtigste Feiertag in den USA. Millionen Menschen reisen jedes Jahr quer durchs Land zu ihren Familien. Auch in diesem Jahr gibt es kein Verbot, die CDC spricht lediglich eine "dringende Empfehlung" aus.

Die Wissenschaft reagiert auf ihre eigene Art: Ein Zusammenschluss aus mehreren Laboren und Instituten hat eine interaktive Karte erstellt, mit der das Ansteckungsrisiko bei privaten Feiern fĂŒr jedes County in den USA ermittelt werden kann. Einstellbar ist, wie viele Menschen anwesend sein werden und ein Faktor, der die Dunkelziffer mit einberechnen soll. Die Forscher nehmen an, dass es fĂŒnfmal mehr FĂ€lle gibt, als bekannt ist – womöglich sogar noch mehr. Auch einige LĂ€nder in Europa sind auf der Karte einsehbar, Deutschland ist noch nicht darunter.

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Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Infizierter am Tisch sitzt?

Das ermittelte Risiko gibt an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass bei einer Veranstaltung mit der angegebenen Teilnehmerzahl mindestens ein Corona-Infizierter dabei ist. Schon bei einer Teilnehmerzahl von 15 liegt dieses Risiko in zwei Countys bei 99 Prozent: In Childress, Texas und in Crowley, Colorado. Je mehr Teilnehmer hinzukommen, desto höher wird das Risiko. 5.000 Veranstaltungsteilnehmer sind die höchstmögliche Einstellung: Dann ist in nur noch 31 Countys das Risiko geringer als 99 Prozent, 10 davon befinden sich in Alaska und Hawaii. Zur Einordnung: Die USA haben insgesamt 3.142 Countys.

Thanksgiving ist ein staatlicher Feiertag in den USA und wird immer am vierten Donnerstag im November gefeiert. Anlass ist die erste Ernte der europĂ€ischen Siedler in Plymouth. Traditionell kommen Familie und Freunde in einer großen Runde zum Essen zusammen, das klassische Gericht ist der Truthahnbraten.

Es sind Betrachtungen wie diese, die die CDC sich gegen das Weiße Haus stellen lassen. Die Behörde rĂ€t dazu, das Familienfest nur mit dem eigenen Haushalt zu verbringen. Wenn doch mehrere Haushalte zusammenkommen, sollen Masken getragen und Abstand gehalten werden, nach Möglichkeit soll draußen gefeiert werden. Zum eigenen Haushalt zĂ€hlen alle Personen, die in den letzten 14 Tagen unter einem Dach gelebt haben – nicht aber zum Beispiel Studenten, die vom College heimreisen wollen.

Immer mehr Amerikaner begraben ihre ReiseplÀne

Von Reisen wird generell abgeraten. Hierbei seien es nicht unbedingt nur die Transportmittel, wie Busse oder Flugzeuge, die den Experten Sorgen machen, so ein Sprecher der CDC. Kritisch seien vor allem Bahnhöfe oder FlughĂ€fen, wo die Menschen zum Beispiel Schlange stehen. United Airlines, eine der grĂ¶ĂŸten Fluggesellschaften der USA, verzeichnet fĂŒr die Tage um Thanksgiving laut "New York Times" den grĂ¶ĂŸten Ansturm auf FlĂŒge seit Beginn der Pandemie. In den letzten Tagen seien die Buchungen jedoch zurĂŒckgegangen, die Zahl der Stornierungen steigt.

US-Regierung sieht keinen Anlass fĂŒr BeschrĂ€nkungen

US-PrÀsident Donald Trump spielt die Pandemie von Beginn an herunter. Nach seiner eigenen Erkrankung im Oktober sagte er, die Amerikaner sollen keine Angst vor dem Virus haben. Im Wahlkampf bezeichnete er Covid-19 gar als "besiegt".

Auch sein Team ging bei einer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag auf Thanksgiving nicht nĂ€her ein. Trump-Berater Dr. Scott W. Atlas sagte: "Es geht nicht nur darum, die Corona-FĂ€lle zu stoppen. Wir mĂŒssen auch ĂŒber die Auswirkungen und SchĂ€den durch die Regelungen an sich sprechen." Atlas ist jedoch kein Virologe, sondern Radiologe.

Die Sprecherin des PrÀsidenten, Kayleigh McEnany, kritisierte die zunehmenden BeschrÀnkungen auf Ebene der Bundesstaaten: "Wir sind ein freiheitsliebendes Volk, wir können gute Entscheidungen treffen", sagte sie. Etliche Bundesstaaten und StÀdte wie Chicago oder Philadelphia haben mittlerweile die Initiative ergriffen und KontaktbeschrÀnkungen erlassen.

Polizei will BeschrÀnkungen nicht kontrollieren

New Yorks demokratischer Gouverneur Andrew Cuomo hat fĂŒr den Staat eine Regelung zur BeschrĂ€nkung der Teilnehmerzahlen bei privaten Feiern auf zehn Personen eingefĂŒhrt. Cuomo sagte wörtlich: "In diesem Jahr ist es, wenn Sie jemanden lieben, schlauer, wegzubleiben. So hart das zu sagen und zu hören ist".

Vor allem in republikanisch geprĂ€gten Gegenden des Bundesstaates haben jedoch die Polizeibehörden angekĂŒndigt, die Regeln nicht durchsetzen zu wollen. Es sei nicht die PrioritĂ€t der Polizei, in PrivathĂ€usern zu kontrollieren, "wie viele Truthahn- oder Tofu-Esser anwesend sind", sagte ein Sheriff laut "New York Times".

Gleichzeitig werden in GroßstĂ€dten wie New York City oder Los Angeles die Schlangen an den Test-Zentren immer lĂ€nger, weil viele sich vor ihrer Heimreise testen lassen wollen.

Autos warten am Baseball-Stadion der Dodgers in Los Angeles: Hier werden Corona-Tests per Drive-In angeboten.
Autos warten am Baseball-Stadion der Dodgers in Los Angeles: Hier werden Corona-Tests per Drive-In angeboten. (Quelle: Ringo H.W. Chiu/ap-bilder)

Zahlreiche Labore in den USA stoßen an ihre KapazitĂ€tsgrenzen, die VerbĂ€nde warnen bereits vor knappen Ressourcen. 1,5 Millionen Tests werden in den USA im Durchschnitt am Tag durchgefĂŒhrt. Experten zufolge mĂŒssten es bei den aktuellen Infektionszahlen jedoch mindestens 4 bis 15 Millionen sein, um die Ausbreitung der Pandemie kontrollieren zu können.

Eindringliche Bitte des Gesundheitspersonals

Die amerikanischen VerbĂ€nde der Ärzte, Pfleger und KrankenhĂ€user wenden sich in einem gemeinsamen offenen Brief an die Bevölkerung: "Wir bitten eindringlich darum, verantwortungsvoll zu feiern, in einer zurĂŒckgenommenen Weise, die die Ausbreitung des Virus einschrĂ€nkt, um so das Risiko zu mindern, Freunde, Familie und andere geliebte Personen anzustecken."

Auch der fĂŒhrende US-Virologe Dr. Anthony Fauci warnte schon frĂŒh davor, Thanksgiving wie in jedem anderen Jahr zu begehen. "Es ist bedauerlich, weil das so ein heiliger Teil der amerikanischen Tradition ist", sagte er dem Sender CBS, "aber es ist ein Risiko". Er selbst zĂ€hlt mit seinen 79 Jahren zur Risikogruppe, seine drei Kinder werden daher dieses Jahr nicht nach Hause kommen, so Fauci weiter.

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Was passiert, wenn infizierte Personen an Thanksgiving-Feiern teilnehmen, ließ sich in Kanada beobachten: Dort wird der Feiertag bereits im Oktober begangen. Im Norden von Toronto haben sich beim Treffen einer Großfamilie zehn Personen angesteckt, darunter drei Babys. Dazu kamen noch vier weitere FĂ€lle im Umfeld der Familie, sowie zwei Kollegen eines Familienmitglieds. Solche FĂ€lle gilt es angesichts der ohnehin Ă€ußert angespannten Lage in den USA zu vermeiden.

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