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Der verzweifelte Kampf um die Rettung des Aralsees

Von dpa
Aktualisiert am 31.12.2021Lesedauer: 4 Min.
Rostige Schiffe liegen im Sand der frĂŒheren Hafenstadt, aus der sich das Wasser schon vor Jahrzehnten zurĂŒckgezogen hat.
Rostige Schiffe liegen im Sand der frĂŒheren Hafenstadt, aus der sich das Wasser schon vor Jahrzehnten zurĂŒckgezogen hat. (Quelle: Ulf Mauder/dpa./dpa)
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Mujnak (dpa) – Unter einem Wolkenmeer liegen in der frĂŒheren Hafenstadt Mujnak durchgerostete Schiffe im WĂŒstensand.

Das Wasser ist schon seit Jahrzehnten weg. Vom riesigen Aralsee, der in Usbekistan und im Rest Zentralasiens einst fĂŒr Leben sorgte, sind hier heute nur noch Schautafeln ĂŒbrig, die sein Verschwinden dokumentieren.

Die WĂŒste wĂ€chst

Schon seit mehr als 60 Jahren trocknet der Salzwassersee, der auch Binnenmeer genannt wird, aus. Schon lang ist er in einzelne Teile zerfallen. Der nördliche Part in der zentralasiatischen Republik Kasachstan hat sich nach dortigen Regierungsangaben stabilisiert. Dort leben sogar wieder Fische. Hier am westlichen Abschnitt in Usbekistan aber tut sich eine karge, durch Erosion und FelsabbrĂŒche zerklĂŒftete Landschaft auf.

Die Vereinten Nationen sehen die Region als "Symbol fĂŒr die Zerstörung des Planeten durch den Menschen". Allein am westlichen Teil zieht sich das Wasser jĂ€hrlich um 500 Meter zurĂŒck, wie Studien zeigen. 90 Prozent des Sees, wie er sich 1960 zeigte, sind heute verschwunden. Nach Angaben des Internationalen Fonds zur Rettung des Aralsees trocknet er weiter aus. "Noch fĂŒnf bis sieben Jahre – und der Prozess wird unumkehrbar sein", meint der Chef des Fonds, Wadim Sokolow, in der usbekischen Hauptstadt Taschkent.

Salz und Staub gefÀhrden die Menschen

Zu den großen WĂŒsten Karakum und Kysylkum in der Region sei in dem ausgetrockneten Becken nun die neue Aralkum hinzugekommen. "Die GefĂ€hrlichkeit dieser neuen WĂŒste besteht darin, dass von dort aus gewaltige Massen an Salz und ultrafeinem Staub in die AtmosphĂ€re geblasen werden", erklĂ€rt Sokolow. Der Wasserbauingenieur beklagt, dass gesundheitliche Probleme bei Menschen wie Nieren- und Leberleiden, Erkrankungen der Herzkreislauf- und Atemwegssysteme, Krebs und Tuberkulose auffĂ€llig seien. Hinzu komme in der Pflanzen- und Tierwelt ein massenhaftes Artensterben, sagt der Experte.

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Der westliche Teil des Aralsees sei heute mit 270 Gramm Mineralien pro Liter Wasser so salzig, dass darin kein Fisch mehr leben könne. "1960 waren es noch 30 Fischarten, 20 davon nutzbar", sagt Sokolow. 40 000 Tonnen Fisch seien bis zu den 60er Jahren pro Jahr gefangen worden. Mit dem RĂŒckgang der Wassermenge wurde der See immer salziger. Erst starben die Fische, dann verloren Zehntausende Menschen ihre Arbeit - in der Fischerei, Landwirtschaft und Tierhaltung, weil letztlich die Böden unfruchtbar wurden.

Ökologische Tragödie

Sokolow hat eine lange Antwort parat auf die Frage nach dem Verschwinden des GewĂ€ssers. "Die GrĂŒnde fĂŒr diese ökologische Tragödie liegen darin, dass dem Menschen Moral, Gewissen und Verantwortung fĂŒr die Natur abhandengekommen sind. Die Landwirtschaft und die Industrialisierung haben das Sterben herbeigefĂŒhrt." Sokolow erzĂ€hlt, dass trotz frĂŒhzeitiger Warnungen aus den zwei grĂ¶ĂŸten FlĂŒssen Amudarja und Syrdarja, die den See speisen, Wasser etwa fĂŒr die Agrarkulturen abgezweigt wurde.

Einst hatte der See eine FlĂ€che von rund 69 000 Quadratkilometern – fast so groß wie Bayern. Mit seinen rund 1080 Kubikkilometern (km3) habe das Binnenmeer einst eine klimaregulierende Funktion gehabt. Nur zehn Prozent seien heute noch ĂŒbrig. Um diesen Stand zu erhalten, sagt Sokolow, seien sieben bis elf Kubikkilometer Wasser pro Jahr nötig. "Wir haben gerade einmal zwei Kubikkilometer, also nicht einmal ein Drittel." Ein km3 sind 1000 Milliarden Liter Wasser.

Der Tourismus soll entwickelt werden

Der usbekische PrĂ€sident Schawkat Mirsijojew sieht es als eines seiner wichtigsten politischen Ziele, wieder Leben in die Region zu bringen. Das Land wolle seine weiten FlĂ€chen etwa fĂŒr Solar- und Windenergieanlagen nutzen, sagt er. Bis 2030 solle sich der Anteil erneuerbarer Energien auf 25 Prozent erhöhen. Es werden auch Trinkwasserbrunnen gebohrt und Entsalzungsanlagen installiert, um die letzten Orte in der Aralregion vor dem Aussterben zu bewahren. Auch die wasserintensive Baumwollproduktion ist zurĂŒckgefahren. Zudem gibt es Überlegungen, den Tourismus etwa nach dem Vorbild des Toten Meeres in Israel zu entwickeln.

Der Chef des Fonds zur Rettung des Aralsees, Sokolow, aber sieht ein Problem nicht zuletzt darin, dass es zu viele schöne Projekte auf dem Papier, aber kein Geld dafĂŒr gebe. "Das Geld kommt teelöffelweise", sagt Sokolow, der zwei Millionen US-Dollar (1,77 Millionen Euro) pro Jahr fĂŒr seinen Fonds bekomme.

Allein 400 Millionen US-Dollar wĂŒrden gebraucht, um die nötige Infrastruktur zu bauen, damit der Status quo gehalten werden könne. Es gebe Dutzende Organisationen sowie unzĂ€hlige Projekte und Hilfsprogramme, sagt Sokolow. Aber es fehle an Koordination. Es gebe viel Aktionismus, aber kaum echte Hilfe.

Sokolow will nicht aufgeben, sieht aber geringe Chancen, das Verschwinden des Sees aufzuhalten, den viele schon verloren geben. "Wir haben Jahrzehnte durch Nichtstun verloren." Es fehle an NiederschlĂ€gen. Zudem heize sich die WĂŒstenregion immer weiter auf. Dadurch verdunste das Wasser. Der Aralsee zeige, dass gerade einmal eine Generation ausreiche, um eines der schönsten und grĂ¶ĂŸten BinnengewĂ€sser der Erde an den Rand des Verschwindens zu bringen.

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