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Nach Einbruchserie: "Pr0gramm"-Nutzer überschütten Tierheim mit Spenden

Hilfe aus dem Netz  

Einbruch beschert Tierheim über Nacht Spendenflut

22.08.2020, 13:50 Uhr
Nach Einbruchserie: "Pr0gramm"-Nutzer überschütten Tierheim mit Spenden. Einbrüche in Tierheime: Nachdem ein Fall in einem Forum Aufmerksamkeit bekommen hat, gibt es plötzlich einen gigantischen Spendensegen. (Symbolfoto) (Quelle: Stadt Stollberg/Imago Images)

Einbrüche in Tierheime: Nachdem ein Fall in einem Forum Aufmerksamkeit bekommen hat, gibt es plötzlich einen gigantischen Spendensegen. (Symbolfoto) (Quelle: Stadt Stollberg/Imago Images)

Die Corona-Zeit bringt auch viele Tierheime finanziell in Not. Deutschlandweit kommen bisher unaufgeklärte Einbrüche hinzu . Wenigstens ein Tierheim bekommt jetzt unerwartet große Hilfe. 

Eine Serie von bundesweiten Einbrüchen in Tierheimen hat seit Ende August bei Tierschutzvereinen Ärger und Enttäuschung ausgelöst. Bei Tierschützern in Ulm ist vollkommen unverhofft Hilfe angekommen: Seit Freitagabend sind dort Spenden in fünfstelliger Höhe eingegangen. "Ich bin erschlagen", sagt der Tierheim-Chef gegenüber t-online.de. Und auch andere Einrichtungen profitieren plötzlich, weil im Netz eine verschworene Gemeinschaft entschieden hat, mal eben zu helfen. 

Dahinter steckt das vorwiegend von jungen Menschen besuchte Imageboard "pr0gramm". Das ist eine Art Forum, in dem unter Bildern diskutiert wird. Dort sind schon mehrfach Spendenaktionen mit teils sechsstelligen Beträgen aus dem Nichts entstanden: Einer postet etwas, das ihm auffällt, einer einen Screenshot der ersten Spende. Wenn so eine Aktion den Nerv der Nutzer trifft, ziehen Hunderte oder gar Tausende nach. 

Hunderte Screenshots von Spenden

Genau das ist am Freitagabend passiert. Ein Nutzer trat mit einem Bild einer Meldung des Tierschutzvereins Ulm die Spendenlawine los. Um 20 Uhr postete er das Foto von einer Nachricht über einen Einbruch im Tierheim. In der Nacht zum Freitag war dort eine Spendenbox gestohlen und ein Tresor aufgebrochen worden. 

Herrenlose Tiere als Ziel von niederträchtigen Dieben?! Da könne man doch ein bisschen spenden, schlug der Nutzer vor. Eine Viertelstunde später erschien der erste Screenshot einer Zahlung, seither fließt Geld fast im Minutentakt und es gibt Hunderte Screenshots von Spenden.

Auch auf der Seite des Tierheims ist die Flut in Echtzeit zu sehen. Der 2014 eingerichtete Spendenticker stand bis zum Einbruch bei rund 41.000 Euro. Dann gab es nach einem Radiobericht eine erste Welle von Onlinespenden. "Da haben wir uns schon sehr gefreut", so Tierheimleiter Ralf Pessmann zu t-online.de. 

Doch von inzwischen 43.000 Euro am Freitagabend rauschte der Zähler auf 56.000 Euro am Samstagmittag, nachdem die "pr0"-Nutzer eingestiegen sind. "Und ich glaube, die Zahlungen per Paypal sind da gar nicht verzeichnet", so Pessmann. "Es macht uns glücklich, dass so viele Menschen uns unterstützen."

Rätselhafte "Kellerkinder"

Er hatte für die Welle zunächst keine Erklärung gehabt. Ihn irritierte, dass die Spenden oft mit Botschaften wie "Aus dem Keller kommt die Kraft" versehen sind. "Ich dachte, es könnte um unseren Safe im Keller gehen." t-online.de klärte den Tierheimleiter auf: Die Nutzer bei "pr0gramm" bezeichnen sich selbstironisch selbst als "Kellerkinder". Von "pr0gramm" hatte Pessmann nie gehört. Vielen Nutzern dort ist das recht. Eine ungeschriebene Regel dort: "Über das pr0 spricht man nicht." 

Für das Tierheim Ulm ist der Schaden mit der plötzlichen Spendenflut schon mehr als ausgeglichen. Auf "pr0gramm" verwiesen Nutzer auch prompt auf andere Einbrüche. Denn was bisher kaum aufgefallen ist: Aktuell gibt es offenbar eine Serie – und die Fälle könnten in Verbindung stehen. Von Sachsen über Bayern nach Baden-Württemberg zieht sich die Spur. 

Tatsächlich spendeten einige Nutzer dann auch an andere Tierheime, die in den vergangenen Tagen ungebetenen Besuch hatten. Pro Tat liegt die Beute bei einigen Hundert Euro, manchmal ist sie vierstellig. Oft macht der Sachschaden mehr aus als die gestohlene Summe.

Vorstand soll über Weiterleitung reden

Ulms Tierheimchef denkt nun auch an diese Einrichtungen. "Wenn jetzt so viel zusammenkommt, kann ich mir auch vorstellen, dass wir an andere betroffene Tierheime etwas weiterleiten", so Pessmann zu t-online.de. "Wir haben ja alle das gleiche Ziel, um das es den Spendern sicher auch geht." Über die Verwendung müsse der Vorstand beraten. Reich sei das Tierheim aber auch durch die Spendenflut nicht: "Die Fixkosten sind enorm, allein 130.000 Euro im Jahr für Tierärzte."

Die Einbruchserie hatte Ende Juli im Erzgebirge begonnen. Zwölf Fälle seither könnten zusammenhängen. Die Stadt Stollberg veröffentlichte sogar ein Foto des Täters und lobte 200 Euro Belohnung aus. Eine Überwachungskamera hatte ihn erfasst.

Einbrecher im Bild: Die Stadt Stollberg startete mit dem Foto eine Fahndung. Daunter gab's auch eine Diskussion, ob sie das darf. (Quelle: Screenshot Facebook)Einbrecher im Bild: Die Stadt Stollberg startete mit dem Foto eine Fahndung. Daunter gab's auch eine Diskussion, ob sie das darf. (Quelle: Screenshot Facebook)

Nach den Fällen in Sachsen ging es in Franken weiter: Drei Tierheime im Raum Bayreuth. Und die beklagten sich zum Teil bitter. Der Lichtenfelser Verein schimpfte: "Tierheimen zu schaden, ist ja generell ein äußerst moralischer Tiefgang. In der Corona-Zeit, in der händeringend jeder Cent dringend gebraucht wird, stellt es eine völlige Katastrophe dar!"

Spurensicherung: Auch das Tierheim Reutlingen wurde nachts bestohlen. "Mögen euch die Hände abfaulen!", schrieb der Verein an die Täter. (Quelle: Tierheim Reutlingen)Spurensicherung: Auch das Tierheim Reutlingen wurde nachts bestohlen. "Mögen euch die Hände abfaulen!", schrieb der Verein an die Täter. (Quelle: Tierheim Reutlingen)

Dann wurden in Schwaben Fenster und Türen aufgehebelt und Safes und Kassen gestohlen. Fünf Fälle in fünf Nächten, Ulm als bisheriger Schlusspunkt. Doch immer wieder erlebten die Tierheime danach auch viel Solidarität: Die Belegschaft eines Irish Pubs spendete ihre Trinkgelder, ein Kind schickte ein Gemälde mit Brief und ein bisschen Taschengeld, eine Tierarztpraxis versprach einen hohen Betrag. Aber eine Spendenflut von Kellerkindern – das kannte bisher niemand.  



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