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Neuer Bürgerkrieg in Russland? Militärhistoriker Beevor gibt Einschätzung


Militärhistoriker Beevor
"Das hat Putin niemals verkraftet"

InterviewVon Marc von Lüpke

Aktualisiert am 11.05.2023Lesedauer: 7 Min.
Interview
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Wladimir Putin: Russlands Machthaber wird den Krieg nicht gewinnen, sagt Militärhistoriker Antony Beevor.Vergrößern des Bildes
Wladimir Putin: Russlands Machthaber wird den Krieg nicht gewinnen, sagt Militärhistoriker Antony Beevor. (Quelle: Valery Sharifulin/imago-images-bilder)

Durch Krieg will Wladimir Putin Russland wieder "groß" machen. Woher stammt aber diese mörderische Ideologie? Militärhistoriker Antony Beevor verweist auf den Russischen Bürgerkrieg.

Wladimir Putin ist ein Kind der Sowjetunion, heißt es immer wieder. Doch Russlands Präsident eifert ganz anderen Gestalten der Geschichte nach: den weißen Generälen, die seit 1917 in Russland einen grausamen Bürgerkrieg mit den Bolschewiki ausgetragen haben. Warum aber führt Russland seine Kriege derart brutal, ist selbst den eigenen Soldaten gegenüber unbarmherzig?

Antwort weiß Antony Beevor, führender Militärhistoriker der Gegenwart, der gerade ein Buch über den Russischen Bürgerkrieg veröffentlicht hat. Im Gespräch erklärt Beevor, warum Putin das Genie eines Wladimir Iljitsch Lenin abgeht, woher die aggressive Politik des russischen Machthabers gegen seine Nachbarstaaten stammt und dass zu wenig aus der Geschichte gelernt wurde.

t-online: Herr Beevor, vor dem Hintergrund Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung als Militärhistoriker: Wer wird den Krieg gewinnen – Russland oder die Ukraine?

Antony Beevor: Diese Frage wird mir regelmäßig gestellt, etwa bei Abendessen mit Gästen. Eine befriedigende Antwort muss ich leider schuldig bleiben. Ich kann aber eine Art Tableau der Möglichkeiten zusammenstellen: Wladimir Putin wird den Krieg jedenfalls nicht gewinnen. Denn dafür müsste er die gesamte Ukraine erobern, wonach es nicht aussieht.

Könnte eine Niederlage in der Ukraine Putins politisches Schicksal wiederum besiegeln?

Das wäre meine nächste Überlegung. Ein Palastputsch ist keineswegs unrealistisch, was aber wären die Folgen? Putins Nachfolger könnte noch schlimmer sein als er selbst. Es gibt furchteinflößende Hardliner in der russischen Politik. Das grundlegende Problem besteht aber darin, dass Putin keine Nachfolgeregelung getroffen hat – weil er stets auf das Prinzip von Teilen und Herrschen setzt.

Wäre im Falle eines Putschversuchs gar ein neuer Bürgerkrieg in Russland möglich?

Diese Möglichkeit ist jedenfalls nicht komplett auszuschließen. Wer weiß, was passieren würde, wenn Russlands Armee kollabiert? Der Blick auf die russische Politik offenbart jedenfalls zahlreiche ambitionierte Männer, die wenig Skrupel haben. Ein neuer Russischer Bürgerkrieg wäre jedenfalls der Albtraum für den Westen. Denn eine Verwicklung darin würde sich als enorm gefährlich erweisen. Das würde der Westen auch nicht wagen. Wie gesagt, das ist nur ein Gedankenspiel. Aber definitiv eine Möglichkeit, die wir nicht ausschließen sollten.

Antony Beevor, Jahrgang 1946, gehört zu den bekanntesten Militärhistorikern der Welt. Beevor hat unter anderem zahlreiche Bestseller zum Zweiten Weltkrieg veröffentlicht, darunter "Stalingrad", "D-Day. Die Schlacht um die Normandie", "Der Zweite Weltkrieg", und "Arnheim". Für seine Verdienste wurde der Historiker 2017 in den britischen Adelsstand erhoben. Gerade ist sein neuestes Werk "Russland. Revolution und Bürgerkrieg 1917–1921" erschienen.

Mit "Russland. Revolution und Bürgerkrieg 1917–1921" haben Sie gerade Ihr neues Buch über den Russischen Bürgerkrieg veröffentlicht. Ein historisches Ereignis, das auch in Wladimir Putins Gedankenwelt eine große Rolle spielt.

Wladimir Putin ist im eigentlichen Sinne kein Geschöpf der Sowjetunion. Das ist ein großer Irrtum über ihn. Nein, er folgt vielmehr der Ideologie, die weiße Emigranten einst im Exil und anderen Orten ersonnen haben.

Weiße Emigranten wurden diejenigen genannt, die vor den siegreichen Bolschewiki im und nach dem Bürgerkrieg geflohen sind.

Richtig. Da saßen sie nun im Exil in Paris und anderswo – und fantasierten ein heiliges, slawisches und orthodoxes Russland herbei, das das Recht habe, die gesamte eurasische Landmasse kontrollieren zu dürfen. Von Wladiwostok bis Dublin. Das sind Dimensionen des Größenwahns, die sich nur mit Adolf Hitler vergleichen lassen. Basierend auf ihrer Ideologie glaubten sie, Nachbarländer nach Gutdünken besetzen zu dürfen. Ob diesen das nun gefiel oder nicht. Putin ist genauso schamlos, er hat niemals Respekt vor der Demokratie gehabt oder dem freien Willen der Menschen.

Putin wähnt sich auf einer historischen Mission. Er will das Russländische Imperium nach seinen Vorstellungen gewaltsam restaurieren, wie es im Russischen Bürgerkrieg die Generäle der sogenannten Weißen Armee als Gegner der Bolschewiki mit ihrer Roten Armee getan haben.

Zwei der bekanntesten weißen Generäle waren Anton Iwanowitsch Denikin und Wladimir Oskarowitsch Kappel. Ihre sterblichen Überreste hat Putin nach Russland überführen lassen, außerdem wurden Ihnen Denkmäler errichtet. Das war eine zu wenig beachtete Geste. Und schauen Sie sich doch im heutigen Kreml einmal um: Da finden Sie keinen Hammer und keine Sichel wie in der Zeit der Sowjetunion – sondern den Doppeladler der Zaren.

Lange Zeit konnte Putin dem Westen den vertrauenswürdigen Staatsmann vorspielen. Hatte Russlands Präsident schon immer imperiale Ambitionen?

Putin ist von der Ukraine besessen, genau wie er etwa den Verlust von Belarus und Kasachstan betrauert. Das hat er niemals verkraftet. Ebenso wenig wie sein Vorbild Denikin einst die Niederlage im Russischen Bürgerkrieg.

Sprechen wir über diesen Konflikt, der zumindest in unserer westlichen Sichtweise vom Ersten Weltkrieg überlagert wird.

Der Erste Weltkrieg war die ursprüngliche Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Aber der Russische Bürgerkrieg zwischen 1917 und 1921 erwies sich aufgrund seiner Folgen als der einflussreichste Konflikt dieses 20. Jahrhunderts. Denn er schuf durch die gewaltige Zahl von Opfern und eine kaum fassbare Zerstörungskraft, die von einer überwältigenden Grausamkeit überlagert war, einen kaum enden wollenden Kreislauf der Furcht und des Schreckens.

Bitte erklären Sie das näher.

Im Bürgertum herrschte gewaltige Angst vor den Bolschewiki, was zur Entstehung des Faschismus beitrug und seiner Verbreitung in vielen Teilen Europas. Die Linke wiederum fürchtete die Rechte, die den Liberalismus zu zermalmen drohte. Im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939, über den ich ein Buch geschrieben habe, kam dieser Teufelskreis der Rhetorik zwischen Links und Rechts deutlich zum Ausdruck. Francisco Largo Caballero, der einmal als spanischer Lenin beschrieben worden ist, hat damals gedroht, die gesamte Bourgeoisie Spaniens zu vernichten. Um nur ein Beispiel der Eskalation zu nennen.

Immerhin ist der Streit zwischen Kapitalismus und Kommunismus zugunsten des Erstgenannten entschieden.

Wir befinden uns nun im zweiten Kalten Krieg, es geht jetzt um den Konflikt zwischen Autoritarismus und Demokratie. Auch diese Auseinandersetzung wird langwierig.

Bleiben wir beim Russischen Bürgerkrieg, dessen Verlauf schwer überschaubar ist. Die Rote Armee der Bolschewiki etwa kämpfte nach der Oktoberrevolution gegen die Weiße Armee, die sich vorwiegend aus Monarchisten und Ultranationalisten, aber auch linken Gegnern Lenins zusammensetzte. Dazu gab es eine Grüne Armee, bestehend aus Bauern, die Rote und Weiße Armee zugleich bekämpfte.

Es ist in der Tat eine komplizierte Geschichte. Zusätzlich zu den von Ihnen erwähnten Armeen waren noch verschiedene westliche Truppen am Russischen Bürgerkrieg beteiligt. Darunter die Tschechische Legion, Japaner und Amerikaner zum Beispiel, in der Ukraine kämpften Nationalisten wiederum für die Unabhängigkeit des Landes. Eigentlich hatte ich schon in den Achtzigerjahren ein Buch über den Russischen Bürgerkrieg schreiben wollen, aber mein damaliger Verleger sagte Nein. Das war auch gut so, ich war noch nicht so weit. Außerdem waren die Archive zu dieser Zeit geschlossen.

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Bürgerkriege verlaufen oft besonders brutal, aber bei der Lektüre Ihres neuen Buches fällt die extreme Gewalt des Russischen Bürgerkriegs auf. Insbesondere an Juden wurden abscheuliche Verbrechen verübt. Woher stammt die Grausamkeit?

Manche Historiker würden bei dieser Frage auf den sogenannten Mongolensturm des 13. Jahrhunderts verweisen – der eine historisch traumatische Erfahrung des späteren Russlands darstellt. Andere hingegen machen diese seltsame Vorstellung in Russland verantwortlich, dass man allzeit von Feinden umzingelt sei. Da mag jeweils ein Körnchen Wahrheit dran sein, aber wenn wir ehrlich sind, waren wir in Westeuropa doch bis zu den Religionskriegen des 17. Jahrhunderts keinen Deut anders. Auch hier wurde die Bevölkerung von Städten massakriert, wenn sie sich nicht rechtzeitig ergeben hatte. In manchen Fällen machte man sie trotzdem nieder.

Die Gewalt, zu der Russlands Armee fähig ist, wird auch gegen die eigenen Soldaten angewandt. Die Männer werden bis heute misshandelt und gedemütigt.

Seit dem 19. Jahrhundert werden Soldaten in westlichen Armeen besser behandelt, in Russland hat sich wenig verändert. Das ist ein Erklärungsansatz für die enorme Gewalt in Russlands Kriegen im Allgemeinen und im Bürgerkrieg im Speziellen. Ich habe vor Jahren auch ein Buch über das Kriegsende 1945 in Berlin geschrieben, ein Punkt sind die Massenvergewaltigen durch Soldaten der Roten Armee damals. Diese Männer wurden von ihren eigenen Kommandeuren unmenschlich behandelt. An wem ließen sie ihre Wut und ihren Groll aus? An den Schwächsten, den Frauen. Ähnliches beobachten wir heute in der Ukraine. Leider. Mit der russischen Armee stimmt psychologisch etwas nicht. Die Brutalisierung der eigenen Soldaten in einem solchen Ausmaß ist zutiefst schockierend.

Die Furcht vor der russischen Soldateska hat den Widerstandswillen der Ukrainerinnen und Ukrainer allerdings nur verstärkt. Wie konnte sich Putin derart irren bei seinem Griff nach der Ukraine?

Der bolschewistische Revolutionsführer Lenin, der auch den Russischen Bürgerkrieg von 1917 für sich entschied, war in gewisser Weise ein Genie. Dieses äußerte sich darin, dass er die Handlungsmöglichkeiten und Schwächen seiner Gegner erkennen konnte. Niemand hatte den Bolschewiki nach der Februarrevolution 1917 etwas zugetraut, so winzig wie sie waren. Doch dann kam die Oktoberrevolution und Lenins Stunde. Hitler hatte ein ähnliches Talent wie er. Nun hat Putin aber kein Genie – er hat sich gründlich verschätzt.

Lenin hatte den Vorteil, genau zu wissen, was er wollte. Seine weißen Gegner waren sich eher uneinig, sie teilten nur den Hass auf die Bolschewiki.

Richtig. Die Bolschewiki konnten ihre Rücksichtslosigkeit gewissermaßen auf ein einziges Ziel konzentrieren. Ähnliches hatte auch Putin vor, er hatte allerdings weder mit der Widerstandskraft der Ukraine gerechnet noch mit der doch bemerkenswerten Reaktion des Westens.

Wie schätzen Sie Putins Persönlichkeit ein?

Putin ist ein Spieler und ein Gangster. Genau das führt zu einem gewaltigen Problem. Im ersten Kalten Krieg konnten die Staatsführer aus West und Ost mit ziemlicher Sicherheit darauf vertrauen, dass gegenseitige Vereinbarungen eingehalten würden. Im nun angebrochenen neuen Kalten Krieg ist das anders. Würden Sie Putin noch vertrauen?

Nein. Genauso wenig wie die Ukraine.

Wozu die Ukraine auch jedes Recht hat. Wenn irgendwann China oder ein anderer Staat als Friedensvermittler auftritt, wird es schwierig. Denn wir können die Ukraine schlecht zu etwas überreden, was sie nicht will. Etwa auf Teile ihres Territoriums im Gegenzug für Frieden zu verzichten.

Dieser Versuch hat sich bereits 1938 beim Münchner Abkommen als trügerisch erwiesen, als die Westmächte Hitler das tschechoslowakische Sudetenland überließen.

So ist es. Duff Cooper, ein Verwandter meiner Frau, ist damals im Protest als britischer Marineminister aus der Regierung zurückgetreten. Als einziger wohlgemerkt. Beschwichtigung hilft nicht gegen Diktatoren. Diese Lektion der Geschichte müsste mittlerweile eigentlich verstanden worden sein.

Herr Beevor, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Antony Beevor via Videokonferenz
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