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Zweiter Weltkrieg: Warum die letzten Zeitzeugen so wichtig sind


So wichtig sind die letzten Zeitzeugen


04.05.2023Lesedauer: 3 Min.
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Bedingungslose Kapitulation: Historische Aufnahmen zeigen, wie der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 endete. (Quelle: t-online)

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Die Zahl der Zeitzeugen, die von diesem Weltenbrand berichten können, schwindet. Ein Buch schildert nun zahlreiche Erinnerungen.

"Opa erzählte gerne und viel vom Krieg", beginnt der Journalist Frank Schmidt-Wyk sein Buch "Erzähl mal: Zweiter Weltkrieg". Wie bitte? Eigentlich ist Krieg etwas, worüber die Menschen in Deutschland ungern sprechen. Und nun gibt es immer weniger Zeitzeugen, die ihn in unserem Land noch selbst erlebt haben. Am 8. Mai 1945 endete in Europa mit dem Zweiten Weltkrieg der mörderischste Konflikt der Weltgeschichte. 78 Jahre ist das her.

Als Kind war Schmidt-Wyk überaus interessiert an den Erzählungen des Großvaters. Die Fragen eines Kindes sind naheliegend: Wie war das im Krieg? Hatte der Opa jemanden getötet? Mittels Anekdoten habe der Großvater geantwortet. Diese Vorgehensweise ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch praktisch. Denn so lässt sich die Konfrontation mit den eher unangenehmen Aspekten des im Krieg Erlebten vermeiden.

Berichte aus der Vergangenheit

"Die grausame Wirklichkeit war ausgeblendet", schreibt Schmidt-Wyk zutreffend. Und auch die eher quälende Auseinandersetzung unterblieb auf diese Weise, in wessen Auftrag Millionen Deutsche seit 1939 in den Zweiten Weltkrieg als Soldaten gezogen waren: für den Nationalsozialismus, der Europa mit Tod und Zerstörung überzog.

Eine vertiefte Diskussion über den Krieg konnte Schmidt-Wyk mit seinem Großvater nicht mehr führen. "Im Oktober 1997 wurde das Projekt gemeinsam mit ihm beerdigt", schreibt er. "Verstummt", lautete dann der Titel eines Artikels, den Schmidt-Wyk 2020 in der in Mainz erscheinenden "Allgemeinen Zeitung" anlässlich des 75. Jahrestags des Kriegsendes über seinen Großvater veröffentlicht hatte.

Die Wirkung war enorm: Ältere Menschen sandten dem studierten Historiker Erinnerungen, jüngere Generationen schrieben, dass sie es gleichfalls "bereuten, ihre Eltern oder Großeltern nicht hartnäckiger über die Kriegszeit befragt zu haben." Schmidt-Wyk entwickelte die Idee, mit Zeitzeugen das zu tun, was mit dem eigenen Großvater nicht mehr möglich war: Sie erzählen lassen.

Daraus entstand die Serie "Erzählt mal!" in der "Allgemeinen Zeitung", in seinem Buch "Erzähl mal: Zweiter Weltkrieg. Zeitzeugen über den Alltag im Nationalsozialismus" hat Schmidt-Wyk zahlreiche Beiträge versammelt. Sönke Neitzel aus Potsdam, Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für Militärgeschichte, hat ein Vorwort beigesteuert, der Heidelberger Historiker Takuma Melber schätzt die Bedeutung von Zeitzeugen für die Erinnerungskultur ein.

"Gespaltenes Verhältnis"

Als "elementar wichtig", befindet Melber diese. "Zeitzeugen helfen uns, näher an bestimmte Themen heranzurücken." So wie an die Reichspogromnacht, an die sich Lieselotte Radke für Berlin so erinnert: "Am Morgen nach der Pogromnacht zum 10. November 1938 kam ich an der brennenden Synagoge am Lindenufer vorbei. Überall in Spandau waren Schaufenster eingeschlagen worden. Es wurde geplündert."

Damit nicht genug. Radke berichtete weiter: "Später galt eine Ausgangssperre, Juden durften tagsüber nicht mehr vor die Tür. Sie wurden als abartig dargestellt. Ich fand das ungerecht." Selbstverständlich müssen Berichte von Zeitzeugen kritischer Prüfung unterzogen werden, wie Schmidt-Wyk im Buch auch betont. Das menschliche Gedächtnis ist unzuverlässig, Erinnerungen trügerisch. Sie werden ge- und verformt, sie überlagern sich mit späteren Erfahrungen und Wissensständen.

"Historiker haben zu Zeitzeugenberichten ein gespaltenes Verhältnis", schreibt Sönke Neitzel im Vorwort. Gleichwohl sind diese Berichte wertvoll, denn sie können Einblick in die Vergangenheit liefern und belegen, wie sich die Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg im Laufe der Jahrzehnte verändert hat.

Nicht zuletzt vermögen es die Erinnerungen aufzurütteln und dafür zu sensibilisieren, wie wertvoll Frieden ist. Gerade in Zeiten, in denen erneut ein Krieg Europa heimsucht. "Eine Bombe krachte bei uns in der Nähe in ein Haus", erzählt Marianne Hoppe im Buch. "Später sahen wir noch ganz viele Tote. Bei einem Bombenangriff kam mein Klassenkamerad Kurt ums Leben. In den Block ging eine Luftmine, ringsum stürzte alles ein. Wir sahen viele Verletzte und da lagen auch die aus den Trümmern geborgenen Leichen, darunter Kurt, sein Bruder Walter und die Eltern."

"Nicht zu Gericht"

Eine der Stärken des Buches besteht in der Darstellung, wie schwer der Umgang mit der eigenen Vergangenheit und der der Väter und Großväter ist. Schmidt-Wyk schildert die Begegnung mit einem eigentlich aufgeschlossenen Zeitzeugen, es ging dabei auch um die Eltern des Mannes. Antisemitin sei die Mutter gewesen, das war schon schwierig für den Betreffenden. Der Vater hingegen wäre Soldat gewesen, so seine Schilderung. Das allerdings war nicht die Wahrheit: Der Vater hatte vielmehr bei der Waffen-SS gedient.

"Wir sitzen hier nicht zu Gericht über seinen Vater", schreibt Schmidt-Wyk. Aber kaschieren dürfe man die Umstände nicht, der Mann war widerwillig. Letzten Endes kam der entsprechende Zeitzeugenbericht nicht in das Buch. Was deutlich macht, dass die Vergangenheit eben nicht vergangen ist. Um sie in Erinnerung zu rufen, ist Schmidt-Wyks Buch ein großartiger Beitrag.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
  • Frank Schmidt-Wyk: "Erzähl mal: Zweiter Weltkrieg: Zeitzeugen über den Alltag im Nationalsozialismus", Berlin 2022
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