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Russland: Rückschlag für Armee – Warum lässt Putin Kritik zu?


Treibt Putins Militär doppeltes Spiel?


Aktualisiert am 07.02.2024Lesedauer: 4 Min.
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Putin im Jahr 2014 bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi. (Quelle: IMAGO/Sergei Bobylev)

Nach einer Niederlage für die russische Armee fällt das Echo in den sozialen Medien verheerend aus – Machthaber Putin lässt die Kritiker gewähren. Das hat einen Grund.

Als am 1. Februar Bilder in sozialen Medien auftauchten, die ein für die russische Armee verlustreiches Gefecht in der Ostukraine zeigen sollen, war die Empörung unter russischen Militärbloggern groß. Sie konnten nicht fassen, was in den Videos zu sehen ist: Offenbar ohne adäquate Unterstützung von Drohnen und ausreichender elektronischer Kriegsführung hatten russische Kommandeure ihre Truppe am 30. Januar in eine offene Feldschlacht bei dem Dorf Nowomichailijka geschickt.

Das Video, dessen Echtheit von unabhängigen Medien nicht bestätigt werden konnte, zeigt, wie die schweren Kampffahrzeuge eins nach dem anderen auf Minen fahren, von Kamikaze-Drohnen getroffen oder von ukrainischer Artillerie zur Explosion gebracht werden. Beinahe ohne Gegenwehr wird die russische Kolonne vernichtet, zurückgeschlagen von der 72. Mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte.

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Das Ergebnis: Mindestens drei zerstörte T-72-Kampfpanzer, sieben vernichtete gepanzerte Kampffahrzeuge, ein brennender Schützenpanzer und etliche tote Soldaten in nur drei Stunden. Eine ganze Kompanie sei so verloren gegangen, berichtete die US-Denkfabrik Institute For The Study Of War (ISW). Für die Russen ähnlich verheerende Schlachten hatte es bereits einige gegeben, etwa Ende Oktober 2023 bei Awdijiwka.

Video | Drohnen löschen russischen Panzer-Konvoi aus
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Quelle: t-online

Kompliziertes Geflecht einflussreicher Gruppen

Nicht erst seit dem Rückschlag bei Nowomichailijka kritisieren Russlands Militärblogger die offenkundige Naivität der Kommandierenden und nicht zuletzt die oberste Militärführung für ihre "fahrlässigen und schlecht vorbereiteten Attacken", wie es in verschiedenen Telegramkanälen heißt. Anstatt mit schwerem Gerät und ohne Luftunterstützung anzugreifen, sollten die Kommandeure sich vorerst auf kleinräumige, durch Drohnen flankierte Infanterieattacken konzentrieren, um den festgefahrenen Stellungskrieg zu überwinden, so der Rat der russischen Militärexperten.

Ob auch Wladimir Putin die Diskussionen im digitalen Raum verfolgt hat? Zumindest dürften sie ihm zugetragen worden sein, wie das ISW nun in einer Analyse darlegt. Demnach soll der Kremlchef die Militärblogger sogar als eine Art innenpolitische Opposition gewähren lassen. "Putins jüngste Versuche, sich die Bedenken der Militärblogger (...) zunutze zu machen, sind ein Indiz dafür, dass er die Blogger weiterhin als konstruktive Opposition schätzt, weil sie ihm dabei helfen, Teile der Regierung und des Militärapparats zu kontrollieren", schreiben die ISW-Experten.

Der russische Machtapparat ist komplex, er ähnelt einer Pyramide, mit dem Präsidenten an der Spitze. Putin gilt gemeinhin als Alleinherrscher, weil er demokratische Strukturen weitgehend abgeschafft, Medien gleichgeschaltet und Oppositionelle mundtot gemacht oder weggesperrt hat. Dennoch wird seine Macht von einem komplizierten Geflecht verschiedener einflussreicher Gruppen beeinflusst. Eine davon ist die militärische Führung des Landes. Sich mit ihr anzulegen, ist heikel.

Wird Putin von den eigenen Leuten belogen?

Bis zum vergangenen Jahr gab es dafür den ehemaligen Putin-Vertrauten Jewgeni Prigoschin. Der Wagner-Chef hatte unter Duldung des Kreml eine Zeit lang die Rolle des Chefkritikers der Militärführung übernommen – bis er Putin irgendwann zu mächtig und zu unberechenbar wurde. Prigoschin, den Meuterer, ereilte sodann das Schicksal vieler unliebsamer Regimekritiker in Russland: Er starb unter mysteriösen Umständen.

Prigoschins Funktion, die ausdauernde Kritik am Verteidigungsministerium, liegt seit seinem Tod weitgehend in den Händen der Militärblogger. Obgleich das russische Parlament im vergangenen Jahr ein Gesetz erlassen hat, das die Verbreitung sogenannter falscher Informationen mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft, konnten die Blogger bislang unbehelligt ihrem Geschäft nachgehen. Ihre Kanäle sind weiterhin erreichbar, eine umfassende Zensur im Netz findet in diesem Bereich bislang nicht statt.

Das könnte damit zu tun haben, dass seine eigenen Leute Putin häufig nicht die Wahrheit sagen und einzig auf Telegram zu erfahren ist, was das russische Militär in der Ukraine wirklich treibt.

Moskau soll im Unklaren bleiben

So veröffentlichte der Blogger Sergej Koljasnikow nun bei Telegram ein bitteres Pamphlet, in dem er die russische Bürokratie und insbesondere das Verteidigungsministerium bezichtigte, den Kremlherrscher über den Kriegsverlauf im Unklaren zu lassen. Koljasnikows Kritik erfolgte offenbar als unmittelbare Reaktion auf die russische Staatspropaganda, die das Scheitern der russischen Armee bei Nowomichailijka zu verschleiern versuchte.

Der Militärblogger wies in dem Zusammenhang auch darauf hin, dass es in Russland eine Kultur gebe, in der lokale Behörden eng mit regionalen Medien zusammenarbeiteten, um dem Kreml negative Informationen möglichst vorzuenthalten. Das Regime in Moskau, zuvorderst Wladimir Putin, soll im Zweifel nicht mitbekommen, was an der Front wirklich passiert.

Der russischen Militärführung wirft der Militärblogger ebenfalls vor, alles zu unternehmen, um kritische Stimmen zum Verstummen zu bringen. So sei es für Militärexperten wie ihn, aber auch für Regierungsvertreter nahezu unmöglich, sich selbst ein Bild von der Front zu machen. Bei seinen Verschleierungsbemühungen soll das Verteidigungsministerium sogar schon die Zwangsversetzung von Generälen nach Syrien angeordnet haben, nur weil diese einen direkten Draht in den Kreml hatten und Putin allzu transparent Bericht erstatteten.

Nicht gerade offen für Kritik von außen

Angesichts dieses systemischen Defizits befürchtet Koljasnikow, dass Teile der Bürokratie in Putins Reich versuchen könnten, die Telegramkanäle militärkritischer Blogger zu blockieren oder diese zu inhaftieren. Gerade in Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen in Russland im kommenden Monat.

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Offenbar glaube Putin aber noch nicht an die Notwendigkeit einer umfassenden Zensur, die auch die Militärblogger an die Kette legen würde, schreiben die Experten des ISW. Es sei denn, seine engsten Vertrauten können ihn doch noch davon überzeugen, dass die Blogger eine ernsthafte Gefahr für sein Regime darstellten. Bislang leistet sich der Diktator jedoch diese innenpolitische Opposition und nimmt die Kritik an der Militärführung des Landes billigend in Kauf.

Ob sich dadurch auch etwas an dem militärischen Vorgehen der russischen Armee in der Ukraine ändern wird, ist fraglich. Das russische Militär ist nicht gerade bekannt dafür, offen für Ratschläge von außen zu sein. Es ist daher davon auszugehen, dass der verlustreiche Rückschlag bei Nowomichailijka nicht der letzte in diesem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gewesen ist und die russischen Truppen in der Ukraine auch weiterhin eine Strategie der Abnutzung fahren und auf die Überlegenheit der eigenen Ressourcen bauen werden. Koste es, was es wolle.

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