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"Was meinen Sie, was da los war bei den Nazis?"

  • Marc von L├╝bke-Schwarz
  • Arno W├Âlk
Von M. von L├╝pke, F. von Kempis, A. Woelk

Aktualisiert am 27.12.2019Lesedauer: 9 Min.
Erna Langer: Die Hundertj├Ąhrige erz├Ąhlt im Interview ├╝ber die Zeit des Nationalsozialismus.
Erna Langer: Die Hundertj├Ąhrige erz├Ąhlt im Interview ├╝ber die Zeit des Nationalsozialismus. (Quelle: T-Online-bilder)
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Vor hundert Jahren durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal das Parlament w├Ąhlen: Erna Langer, ebenfalls hundert Jahre alt, hat viel zur Gleichberechtigung zu sagen. Wie auch zum Nationalsozialismus.

Dieser Artikel geh├Ârt zu den besten Beitr├Ągen, die 2019 bei t-online.de erschienen sind. Er wurde am 19. Januar 2019 zum ersten Mal ver├Âffentlicht.

In Deutschland herrscht der Kaiser, als Erna Langer am 3. November 1918 bei Dessau geboren wird. An der Front tobt noch der Erste Weltkrieg, bald allerdings soll sich vieles ├Ąndern. Im Norden revoltieren die Matrosen, die Revolution erreicht am 9. November 1918 Berlin. Deutschland wird an diesem Tag zur Republik, die schnell das Wahlrecht f├╝r Frauen einf├╝hrt.

Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte w├Ąhlten Frauen dann am 19. Januar 1919 das nationale Parlament mit: Angesichts ihrer hundert Lebensjahre ist Erna Langer, die 1960 mit ihrer Familie aus der DDR in den Westen fl├╝chtete, fast genauso alt wie das hiesige Frauenwahlrecht. Im Gespr├Ąch berichtet die Jahrhundertzeugin, die heute in der Seniorenresidenz Kaiserhof in Barsinghausen lebt: Welche Rechte hatten Frauen damals, welche heute? Wie war das Leben unter der Nazi-Herrschaft, wie im Krieg und in der DDR? Und sie beantwortet eine grundlegende Frage: Wie wird man hundert Jahre alt?

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├ťber die Nazi-Zeit spricht Erna Langer oben im Video. Die anderen Videos (├╝ber Gleichberechtigung, DDR und ihr hohes Alter) finden Sie im Laufe des Interviews.

t-online.de: Frau Langer, wann haben Sie Ihr erstes eigenes Konto er├Âffnet?

Erna Langer: Das war 1970. Den Monat wei├č ich nicht mehr. Fr├╝her durften Frauen das nicht selber machen, sie waren ja finanziell von ihren Ehem├Ąnnern abh├Ąngig.

Was war das f├╝r ein Gef├╝hl f├╝r Sie: ein eigenes Konto?

Ich habe mich selbstst├Ąndig gef├╝hlt, ich war nun unabh├Ąngiger. Ich konnte selber ├╝ber mein eigenes Geld verf├╝gen, das ich auch verdient habe.

Und was sagte Ihr Ehemann dazu?

Mein Mann hat das f├╝r gut empfunden, dass ich ab da auch ├╝ber Geld verf├╝gen konnte. Denn ich habe ja auch immer gearbeitet. Und fr├╝her musste man das Geld immer abgeben.

Was haben Sie sich von Ihrem ersten eigenen Geld gekauft?

Wir hatten damals als Fl├╝chtlinge aus der DDR noch keine richtige Wohnungseinrichtung. Und da habe ich mir dann ein Schlafzimmer gekauft.

Sie sind nur ein paar Tage ├Ąlter als das Frauenwahlrecht in Deutschland. Wie war die Situation der Frauen in Ihrer Jugend? Und wie heute?

Das hat sich so sehr ver├Ąndert, das k├Ânnen Sie sich gar nicht vorstellen. Die Frauen hatten damals keine Rechte, in keinerlei Hinsicht. Und es ist doch so gro├čartig, dass sich das ge├Ąndert hat. Frauen k├Ânnen heute selber entscheiden, wovon sie leben wollen. Die k├Ânnen alles machen. Und manchmal schon zu viel.

Erna Langer wurde am 3. November 1918 bei Dessau geboren. Sie lebte bis 1960 in der DDR, fl├╝chtete dann mit ihrem Mann und den drei Kindern nach West-Deutschland. Sie lebt heute im nieders├Ąchsischen Barsinghausen.

Aber sind Frauen im Jahr 2019 wirklich gleichberechtigt?

Frauen m├╝ssen immer noch mehr k├Ânnen als M├Ąnner. Erst dann werden sie anerkannt. Aber gleich sind sie dann immer noch nicht. Und zwar weil die finanzielle Lage bei M├Ąnnern immer noch anders ist. Und das wird noch lange so bleiben.

Liegt es an den M├Ąnnern, dass Frauen f├╝r die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden?

An den j├╝ngeren M├Ąnnern jetzt nicht mehr. Aber die Alten sind ja noch da. Und die pochen darauf, dass die Frauen nicht zu ├╝berm├╝tig werden.

Als junge Frau haben Sie sich selbst eine eigene Arbeit besorgt. War das schwierig?

Ich musste immer um alles k├Ąmpfen. Ich wollte zum Beispiel in einer Bank arbeiten. Abitur hatte ich nicht, habe aber daf├╝r die Handelsschule besucht. Und darum bin ich bei der Bank angenommen worden. Das war schon eine mutige Entscheidung von mir, daf├╝r zu k├Ąmpfen. Es war ja schwierig damals, man musste immer eine h├Âhere Schulbildung vorweisen k├Ânnen. Sonst kam man nirgendswo an.

In der Bank arbeiteten Sie auch noch, als die Nationalsozialisten 1933 ihre Diktatur errichteten. Was ├Ąnderte sich damals?

Was meinen Sie, was da los war bei den Nazis: Wir haben keine normalen M├Ąnner mehr gesehen, nur noch Uniformen. Die Frauen waren auch alle in Uniformen, die waren alle Mitglied im Bund Deutscher M├Ądel.

Sie selbst auch?

Ich durfte da gar nicht hin. Mein Vater stammte urspr├╝nglich aus Russland, deshalb war ich nicht "arischer" Abstammung. Ich musste mich sogar untersuchen lassen. "S├╝dl├Ąndisch und stark ostischer Abstammung", hie├č es hinterher. Das stand wirklich so da.

Wie war das Leben im Nationalsozialismus?

Viele Menschen haben mitgemacht, und die nicht mitgemacht haben, die haben sie alle eingesperrt. Sie mussten immer fein still sein, nicht viel sagen. Dann kam man durch. Alle hatten Angst, bei dem was da getrieben wurde, musste man ja Angst haben.

Woran haben Sie in Ihrem Alltag gemerkt, dass Deutschland 1939 den Zweiten Weltkrieg angezettelt hatte?

Als mein Vater "Mein Kampf" von Adolf Hitler gelesen hatte, sagte er: "Wir kriegen einen furchtbaren Krieg." Und das kam auch so. Ich habe damals bei Kriegsbeginn ja in der Bank gearbeitet und da hatten wir einen Lehrling. Die musste morgens immer die Post holen. Dabei kam sie dann am Zuckerb├Ącker vorbei und wir haben ihr immer aufgegeben, Schokolade mitzubringen. Und auf einmal gab es keine Schokolade mehr, nur so ein Zuckerzeug. Da haben wir schon gemerkt, dass nichts mehr normal ist.

Es dauerte nicht lange, dann zeigte der Krieg noch viel schlimmere Folgen.

Dessau wurde bombardiert wegen der Junkers-Werke, es lag alles in Schutt und Asche. Innen wurde alles in Dessau bombardiert. Und deswegen sieht es heute auch so schlecht aus. Es war schrecklich damals, es herrschte dauernd Alarm. Wir mussten immer zusehen, dass wir etwas zu essen kriegen. Mit dem Handwagen sind wir losgezogen, sonst h├Ątten wir immer Hunger gehabt. Es war nur schlimm.

Sie selbst hatten auch einen Verlust zu betrauern.

Ich habe meinen Mann im Krieg verloren. Meinen ersten Mann. Wir hatten jung geheiratet, er kam dann gleich weg. Und kam nicht wieder. Sie k├Ânnen sich vorstellen, wie schlimm das war. Ich wei├č auch nicht, wo genau er geblieben ist. Mein erstes Kind ist auch damals krank geworden, es gab Krankheiten ├╝ber Krankheiten. Die kleinen Kinder sind alle gestorben.

Wie haben Sie das Ende des Nationalsozialismus 1945 erlebt?

Wir haben damals direkt an der Elbe gelebt. Jenseits war Westen, das andere war Osten. Da kamen die Russen, hier die Amerikaner. Die haben zusammen an der Elbe gefeiert, das glauben sie nicht. Amerikaner und Russen haben sich damals vertragen, alles war wunderbar. Und auf einmal war es hinterher aus.

Ihr Leben hat sich damals noch einmal gr├╝ndlich ver├Ąndert.

Ans Heiraten denke ich nicht mehr, habe ich mir damals eingebildet. Dann fuhr ich eines Tages nach Leipzig und habe dort einen Mann kennengelernt. Und das wurde dann mein zuk├╝nftiger zweiter Mann.

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Sie mussten sich allerdings gegen Widerst├Ąnde durchsetzen?

Meine Mutter war dagegen, weil er einen gel├Ąhmten Arm hatte. Das ist doch nicht gut, sagte sie. Ich w├╝rde mir damit etwas auflasten. Ich fand es aber mutig von mir, mich durchzusetzen. Er war allerdings Buchhalter und hat immer eine Stelle gefunden. Dann war das behoben mit meiner Mutter.

Wie erging es Ihnen beiden in der neu entstandenen DDR 1949?

Wir haben nicht schlecht gelebt, weil mein Mann eine ganz gute Stelle hatte. Wir haben auch drei Kinder bekommen. Aber dann hat es mit der Politik nicht gut geklappt. Wir haben immer gedacht, jetzt ist es hier genauso wie bei den Nazis. Da durfte man auch nichts sagen.

K├Ânnen Sie das n├Ąher erkl├Ąren?

Da war einer von der Partei, der hat zu meinem Mann gesagt: "Ich habe geh├Ârt, dass du wegwillst von hier. Und du hast auch einen Bruder in Amerika." So ging das damals los, das hat mein Mann nicht mehr ertragen. Er kam dann zu mir und hat mir das alles erz├Ąhlt. Schlie├člich meinte er: "Wir m├╝ssen hier weg." Dann fragte er: "Was denkst du dar├╝ber?"

Was haben Sie geantwortet?

"Sofort weg", habe ich gesagt.

Wie ging es weiter?

Zu diesem Zeitpunkt haben sie in der DDR den gro├čen Weihnachtsmarkt in Ost-Berlin propagiert. Dann haben mein Mann und ich ├╝berlegt, dass wir unseren Kindern sagen, wir w├╝rden zum Weihnachtsmarkt fahren. Man musste immer was erfinden, weil Kinder ja alles wissen wollen. Ich habe ihnen vor unserer Abfahrt alle Sachen zweifach angezogen und sie haben nat├╝rlich gefragt: "Warum muss ich denn das immer alles doppelt anziehen?" "Wir fahren doch zum Weihnachtsmarkt und es ist doch kalt, da muss man sich warm anziehen", habe ich geantwortet.

Dann ging es also 1960 mit dem Zug los Richtung Berlin. Was passierte dort?

Mein Mann hatte ja den rechten Arm gel├Ąhmt. Deshalb konnten wir in das Abteil f├╝r Behinderte einsteigen. Das war ein langer Zug und mittendrin war dieser Waggon. In der DDR haben sie nat├╝rlich immer alles gepr├╝ft, die einen kamen von vorne, die anderen von hinten. Unser Wagen in der Mitte wurde nie gepr├╝ft, zum Gl├╝ck f├╝r uns. Und dann sind wir im Westen ausgestiegen. Dieser Unterschied, alles so hell erleuchtet. Und dann hat mein Mann gesagt: "So, jetzt fahren wir nicht mehr nach Hause." Das durfte meine j├╝ngste Tochter gar nicht h├Âren, die hat wegen ihrer Puppe daheim geschrien. Das war ein Theater. Aber wir hatten es geschafft.

Was ist dann passiert?

Wir haben uns gleich beim Roten Kreuz gemeldet und dann haben wir die Kinder zur Schule geschickt. Drei Monate haben wir dort verbracht. Weil mein Mann aber einen leitenden Posten in der DDR gehabt hatte, haben die ihn untersucht: Ob er was verbrochen h├Ątte, dass wir dort weggegangen sind. Die Amerikaner, die Engl├Ąnder, und auf einmal kam mein Mann freudestrahlend an: Die haben es genehmigt und dann sind wir ausgeflogen worden nach Hannover.

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Was war der gr├Â├čte Unterschied f├╝r Sie im Westen im Vergleich zur DDR?

Das erste Mal, als ich im Westen war, kamen Polizisten. Und ich stellte fest, dass ich vor den Polizisten keine Angst mehr hatte. Wenn sonst ein Polizist kam, dann hatte ich ein Angstgef├╝hl. Das war im Westen weg.

Haben Sie die Flucht in den Westen je bereut?

Nein. Und meine Kinder, als sie schon erwachsen waren, sagten auch: "Gut, dass ihr das gemacht hattet."

Viele Jahre sp├Ąter kam heraus, dass Ihr Mann nicht ganz ehrlich gewesen war bei Ihrem Kennenlernen.

Mein Mann hat sich damals sieben Jahre ├Ąlter gemacht, damit ich ihn heiraten w├╝rde. Zun├Ąchst kam etwas wegen der Rente, da sollte er nach Berlin kommen, es m├╝sste was gekl├Ąrt werden. Und dann kam raus, dass er viel j├╝nger war, als er angegeben hatte. Das konnte man machen zu der Zeit, die hatten ja alle keine Unterlagen, die sind aus Schlesien gekommen, alle Unterlagen waren weg.

Wie haben Sie reagiert?

"Wenn ich gesagt h├Ątte, wie alt ich bin, was h├Ąttest du denn dann gemacht?", fragte er mich. Ich sagte: "Dann h├Ątte ich dich nicht geheiratet." Und da meinte er blo├č: "Siehste, und darum habe ich es gemacht."

Wo bestand das Problem bei sieben Jahren Altersabstand?

Es war ja immer komisch, wenn manche h├Ârten, dass die Frau schon viel ├Ąlter ist. Dann haben manche gesagt: "Oh, das kann doch nicht gut gehen." Bei uns ist es aber gut gegangen.

Haben Sie eigentlich Ihren Sohn beziehungsweise die T├Âchter unterschiedlich erzogen?

Mein Mann war gleich daf├╝r, dass der Sohn studieren muss. Und f├╝r die T├Âchter w├Ąre das eben nicht so wichtig. Er hat dann gesagt, so wie es eben fr├╝her war, die heiraten ja dann bald.

Was haben Sie dar├╝ber gedacht?

Ich wollte das nicht, aber ich hatte ja keine Stimme. Da noch nicht. Das war ja noch die Zeit, in der der Mann das wirklich selber sagen konnte. Und die T├Âchter haben das auch nicht gut gefunden. Jetzt ist das ja anders, jetzt gibt es das nicht mehr. Wenigstens hoffe ich, dass es nicht mehr so ist.

Welchen Ratschlag w├╝rden Sie jungen Frauen geben?

Eine Frau muss flei├čig sein und lernen, damit sie unabh├Ąngig wird. Das ist die Voraussetzung. Wenn sie das nicht will, dann geht es auch nicht. Es kommt immer vom Willen ab.

Welche Empfehlung geben Sie jungen M├Ąnnern?

Die M├Ąnner, die sollen sich so benehmen, dass sie die Frauen achten. Und umgekehrt. Es gibt ja auch M├Ąnner, die Frauen ├╝berhaupt nicht achten. Wenn jeder das richtig macht, dann ist das Leben in Ordnung.

Warum achten manche M├Ąnner Frauen nicht?

Weil manche M├Ąnner oftmals denken, sie sind die Herren und die Frau ist tief unten. So etwas mag ich nicht.


Zum Schluss: Was ist Ihre Empfehlung, um hundert Jahre alt zu werden?

Zufriedenheit. Und nicht zu viel essen.

Das ist alles?

Ich glaube, das macht viel aus. Obwohl ich viel erleben musste und viel Traurigkeit. Wo man manchmal denkt, das kann man nicht mehr aushalten. Aber ich habe immer einen Weg gefunden.

Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie bereuen?

Ich bereue eigentlich nichts. Ich habe immer versucht, alles richtig zu machen. Ob mir das wirklich gelungen ist, wei├č ich nicht.

Frau Langer, vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch.

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