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Deutsche Kriegsverbrechen in Italien: Als Wehrmacht und SS in Fivizzano wüteten


Deutsche Kriegsverbrechen in Italien
"Alles, was vor die Mündung kommt, wird umgelegt"

Von Marc von Lüpke

Aktualisiert am 25.08.2019Lesedauer: 4 Min.
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Adolf Hitler (l.) und Benito Mussolini (rechts dahinter): Beide Diktatoren verfolgten im Zweiten Weltkrieg ihre Eroberungspläne.Vergrößern des Bildes
Adolf Hitler (l.) und Benito Mussolini (rechts dahinter): Beide Diktatoren verfolgten im Zweiten Weltkrieg ihre Eroberungspläne. (Quelle: UPI/dpa-bilder)

Deutschland und Italien waren zunächst Verbündete im Zweiten Weltkrieg. 1943 besetzten Wehrmacht und SS schließlich Teile des Landes. Und begingen Gräueltaten an Zivilisten und Kriegsgefangenen.

Die Zahl Fünf geht am 24. März 1944 als tödliche Ziffer in die Geschichte Italiens ein. Immer wieder führten SS-Leute an diesem Tag kleine Gruppen von italienischen Männern in die Ardeatinischen Höhlen im Süden der Hauptstadt Rom zu jeweils fünf Personen. Im Inneren mussten sich die gefesselten Männer hinknien, dann schossen ihnen die SS-Leute ins Genick.

Stundenlang zog sich das Töten hin, am Ende waren 335 Italiener tot. Die Deutschen nannten es Vergeltung für einen vorangegangenen Anschlag auf die Besatzungsmacht, die Römer bezeichneten es wahrheitsgemäß als Massaker.

Es ist die bis heute bekannteste Bluttat, die Wehrmacht und SS während des Zweiten Weltkriegs in Italien begangen haben. Aber bei Weitem nicht die einzige.

"Schweine- und Lumpenvolk"

Als Verbündete kämpften das Deutsche Reich und Italien zunächst im Zweiten Weltkrieg, bereits 1936 hatte der italienische Diktator Benito Mussolini von der "Achse Berlin-Rom" geschwärmt. Genau wie Deutschlands Despot Adolf Hitler träumte Mussolini von einem großitalienischen Herrschaftsbereich, einem Imperium, das wie das nationalsozialistische Reich durch Krieg und Zerstörung errichtet werden sollte.

Dieser Traum scheiterte im Juli 1943. Alliierte Truppen landeten auf Sizilien, Mussolini wurde vom Großen Faschistischen Rat entmachtet. Am 8. September, fünf Tage nachdem britische Truppen einen Brückenkopf auf dem italienischen Festland errichtet hatten, verkündete dann sein Nachfolger Pietro Badoglio einen Waffenstillstand mit den Alliierten. Später erklärte Italien dem Deutschen Reich den Krieg.

Die auf dem italienischen Festland verstärkten Truppen der Wehrmacht besetzten daraufhin Rom, Mussolini errichtete von Hitlers Gnaden ein Marionettenregime, derweil die Deutschen mit der Entwaffnung der italienischen Armee begannen. Das Bild der deutschen Landser von ihren einstigen Waffenkameraden hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst gewandelt. Als "Verräter", als "Schweine- und Lumpenvolk" bezeichneten sie die Italiener teils, "fast so schlimm wie die Juden".

Massaker im Ionischen Meer

Mit gnadenloser Härte gingen die Deutschen daraufhin oftmals gegen die italienischen Soldaten vor. Auf der griechischen Insel Kefalonia, von Deutschland wie Italien besetzt, gerieten beide Seiten im September 1943 in Kampfhandlungen. "Wegen des gemeinen und verräterischen Verhaltens auf Kephalonia keine ital. Gefangenen machen zu lassen", ordnete das Oberkommando der Wehrmacht an. Ein klares Kriegsverbrechen.

Zu Tausenden massakrierten deutsche Soldaten in der Folge wehrlose Italiener, die die Waffen gestreckt hatten. "Alles, was vor die Mündung kommt, wird umgelegt", schrieb ein Landser in sein Tagebuch. Auch Antonio Gandin, der italienische Befehlshaber auf Kefalonia, der einst von den Deutschen mit dem Eisernen Kreuz dekoriert worden war, überlebte das Morden mit mehr als 5.000 seiner Männer nicht.

Es ist nur ein Beispiel für derartige Verbrechen durch Deutsche an den Soldaten des einstigen Verbündeten.

Einer Gruppe von etwa 600.000 anderen italienischen Soldaten war von Hitler ein anderes Schicksal zugedacht. Ihnen wurde nicht der Status als Kriegsgefangene zugestanden, stattdessen wurden sie als "Militärinternierte" vor allem nach Deutschland gebracht. Und dort als Zwangsarbeiter missbraucht. Tausende starben.

Entfesselte Gewalt

Auch in Italien selbst kam es zu einer Entgrenzung der Gewalt. Die Partisanenbewegung erhielt mehr und mehr Zulauf im Kampf gegen die Besatzer, diese griffen auf das brutalste Mittel zurück: den Terror gegen die Zivilbevölkerung. Das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen ist so nur eines von vielen:

  • Civitella in Val di Chiana etwa, unweit Arezzo, wurde am 29. Juni 1944 zum Tatort eines Verbrechens: Soldaten der Division "Hermann Göring" drangen in den Ort ein, töteten Hunderte Bewohner.
  • Oder Sant’Anna di Stazzema, wie Civitella ein Ort in der Toskana: Am 12. August 1944 massakrierten Männer der Waffen-SS mithilfe der Wehrmacht dort mindestens 400 Menschen, darunter mehr als 100 Kinder.
  • Auch Marzabotto, eine Gemeinde nahe Bologna, suchten die Deutschen heim: Seit dem 29. September 1944 schlachteten SS-Leute und Wehrmachtssoldaten dort zahlreiche Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, ab. Mindestens 770 Menschen starben dort.


Die Liste ließe sich fortsetzen. So etwa mit der Gemeinde Fivizzano in der Toskana. Im August 1944 wütete der SS-Offizier Walter Reder mit Männern von der berüchtigten 16. SS-Panzergrenadier-Division in der Gegend. Die Einheit hatte bereits in Sant’Anna di Stazzema und Marzabotto gemordet. Reder ist ein Beispiel für die Brutalität der Deutschen einerseits, für die Gefühlskälte bei ihrem Vorgehen andererseits. So nahm Reder mit seinen Offizierskollegen am 19. August ein Mahl in einem Gasthaus in einem Dorf Fivizzanos zu sich, derweil seine Untergebenen die Bewohner der umliegenden Ortschaft drangsalierten. Nach Ende des Essens gab Reder den Befehl zur Ermordung der Wehrlosen.

Ungesühnte Schuld

Die nationalsozialistische Herrschaft in Italien endete endgültig erst am 2. Mai 1945. An diesem Tag stellten die dortigen deutschen Verbände die Kampfhandlungen ein. Die wenigsten Täter mussten sich in der Nachkriegszeit ihren Taten stellen.

Die Bundesrepublik Deutschland galt bald als wichtiger Verbündeter im Kalten Krieg, die Ahndung in Italien begangener Verbrechen galt als zweitrangig. Nur wenige Täter wie Walter Reder wurden belangt. 1994 kam es dann zum Skandal. In Rom wurde im Sitz der italienischen Militärjustiz der sogenannte Schrank der Schande entdeckt. Darin waren jahrzehntelang Akten zu deutschen Kriegsverbrechen unter Verschluss gehalten worden. Dies löste immerhin einige Prozesse aus.

Ebenso wichtig wie Gerechtigkeit ist es bis heute für viele Überlebende der begangenen Massaker, dass die Opfer nicht vergessen werden. Auch aus diesem Grund reist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an diesem 25. August nach Fivizzano. Als Außenminister hatte er 2009 eine deutsch-italienische Historikerkommission zur Untersuchung der deutsch-italienischen Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen.


2012 waren die Ergebnisse publiziert worden; und sie sind schockierend. Zwischen dem 8. September 1943 und dem 8. Mai 1945 haben demnach jeden Tag 165 Italiener ihr Leben infolge des Konflikts mit den Deutschen verloren, so die Rechnung eines Historikers. Italiener, die als reguläre Soldaten oder als Partisanen im Kampf gegen die Deutschen umgekommen waren, sind in dieser Zahl nicht einmal einberechnet.

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