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Spanische Grippe: Virus-Erreger im Grab eines Toten geborgen

Pandemie vor 100 Jahren  

Spanische Grippe: Im Grab einer Toten bargen Forscher den Erreger

Von Angelika Franz

29.03.2020, 14:42 Uhr
Coronavirus – hundert Jahre nach Spanischer Grippe: Das Problem einer Pandemie heutzutage

Gut hundert Jahre nach der Spanischen Grippe wird das Gesundheitssystem durch das Coronavirus erneut auf die Probe gestellt. Wie sich eine Pandemie verhält und wen sie besonders hart trifft, hat sich aber verändert. (Quelle: t-online.de)

Historische Aufnahmen: Die Spanische Grippe war nur eine von mehreren weltweiten Pandemien, die Millionen Menschen das Leben kosteten. (Quelle: t-online.de)


Die Spanische Grippe tötete Millionen Menschen. Es dauerte Jahrzehnte, bis Forscher den Erreger aufspürten: Ein mit einer Gartenschere ausgestatteter Pathologe entdeckte ihn am Polarkreis.

Wie lange die Menschheit das Coronavirus weiter fürchten muss, ist derzeit nicht abzusehen. Noch ist kein Impfstoff existent, auch wenn Forscher mit Hochdruck daran arbeiten. Eine Tatsache aber ist gewiss: Die Wissenschaft wird sich noch sehr lange mit dem SARS-CoV-2 Erreger beschäftigen. Fast 100 Jahre hat es jedenfalls gedauert, bis die Wissenschaft einem anderen tödlichen Erreger auf die Spur kam: Influenza-A-Virus H1N1.

Bis heute ist das Virus berüchtigt als Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen März 1918 und März 1920 unzählige Menschenleben gefordert hat – 50 bis 100 Millionen schätzen Forscher. Damit forderte diese Pandemie mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg (rund 17 Millionen), wahrscheinlich auch mehr als der Zweite Weltkrieg (mindestens 60 Millionen) – und möglicherweise sogar mehr als die beiden großen Konflikte des vergangenen Jahrhunderts zusammen. Trotzdem blieb der Erreger, der dieses unsagbare Leid verursachte, jahrzehntelang ein Unbekannter.

Erreger im ewigen Frost

Heute existiert der Erreger der Spanischen Grippe nur noch an wenigen Orten auf der Welt. Lediglich in Bio-Sicherheitslaboren der Schutzstufe 4 darf er überhaupt aufbewahrt werden. Damit steht Influenza-A-Virus H1N1 auf einer Stufe mit den tödlichsten Viren der Welt: Ebola, Lassa, dem Krim-Kongo-Hämorrhagischen-Fieber, dem Marburg-Virus oder den Pocken. Dass es ihn überhaupt wieder gibt, ist eine wissenschaftliche Sensation. Denn bis vor einiger Zeit existierte er nicht mehr. Bis ihn eine Forschergruppe aus kleinsten Bauteilen wieder zusammensetzte und zum Leben erweckte. Wie dies geschah, beschreibt die britische Autorin Laura Spinney in ihrem Buch "1918 – Die Welt im Fieber".

Die ersten Fragmente von Influenza-A-Virus H1N1 fanden demnach 1996 die Biologin Ann Reid und der Pathologe Jeffery Taubenberger in einer nahezu vergessenen Gewebeprobe im Armed Forces Institute of Pathology (AFIP) in Washington, D. C. Im September 1918 hatte ein Arzt sie dem jungen Soldaten Roscoe Vaughan, der an der Spanischen Grippe gestorben war, aus der Lunge geschnitten. Konserviert in Formaldehyd und Paraffinwachs hatte sie 78 Jahre überdauert. Das Formaldehyd aber hatte dem Erbgut des Virus stark zugesetzt, Reid und Taubenberger konnten nur einige Fragmente sequenzieren. Doch diese veröffentlichten sie im darauffolgenden Jahr in der Fachzeitschrift "Science".

Zu diesem Zeitpunkt war Johan Hultin, ein Pathologe aus San Francisco, bereits im Ruhestand. Als er den Artikel von Reid und Taubenberger las, konnte er es jedoch nicht lassen. Er schrieb den Autoren einen Brief, denn Influenza-A-Virus H1N1 war für ihn ein alter Bekannter. Und vor allem wusste er, wo noch mehr davon zu finden war. Schon als junger Student hatte er sich im Jahr 1951 selbst auf die Jagd nach dem Virus begeben. Und zwar in Brevig Mission auf der Halbinsel Seward, einem der westlichsten Zipfel Alaskas. Bei einem Grippeausbruch waren hier im Jahr 1918 in nur fünf Tagen 72 der 80 Dorfbewohner gestorben. Die Überlebenden hatten sie begraben – im Permafrostboden. Die ewige Kälte, so hatte Hultin damals gehofft, könnte nicht nur die Leichen, sondern auch das Virus konserviert haben.

Das "Vermächtnis" einer Toten

Mit Erlaubnis des Gemeinderats hatte der junge Mediziner damals einige der Toten exhumiert. Es war keine leichte Aufgabe. Erst musste er Feuer legen, um den Boden so weit aufzutauen, dass er überhaupt erst den Spaten ansetzen konnte. Eine der ersten Toten, die er fand, war ein kleines Mädchen. Ihr Leichnam war fast unverwest, noch immer trug sie ihr blaues Kleid und rote Schleifen im Haar. Dem Kind und noch vier weiteren Grippetoten entnahm Hultin Lungengewebe. Zu Hause im Labor versuchte er, den Erreger in Hühnereiern zu kultivieren – doch leider ohne Erfolg.

Camp Funston im US-Bundesstaat Kansas: 1918 wurden dort zahlreiche Soldaten behandelt, die an der Spanischen Grippe litten. (Quelle: imago images/National Museum Of Health)Camp Funston im US-Bundesstaat Kansas: 1918 wurden dort zahlreiche Soldaten behandelt, die an der Spanischen Grippe litten. (Quelle: National Museum Of Health/imago images)

Zwischen den technischen Möglichkeiten der Jahre 1951 und 1997, als Hultin den Artikel in der Zeitschrift "Science" las, lagen Welten. Der rüstige Pensionär, der in seiner Freizeit Extremwanderungen macht und mit eigenen Händen ein Blockhaus gebaut hat, schlug Reid und Taubenberger vor, es noch einmal zu versuchen. Diese stimmten begeistert zu.

Hultin reiste erneut nach Brevig Mission. Von seiner Frau hatte er sich eine Gartenschere geliehen – zum Öffnen der Leichen. Und diesmal hatte er mehr Glück. Er fand eine Frau, die zu Lebzeiten stark übergewichtig gewesen war, und taufte sie "Lucy". Lucys Fettschichten hatten die Lunge umhüllt und vor den schlimmsten Verwesungsprozessen bewahrt. Bevor Hultin jedoch wieder ins Flugzeug stieg und den Heimweg antrat, baute er in der Werkstatt der kleinen Schule des Ortes zwei Holzkreuze.

Tödlich wie zuvor

Die ursprünglichen Grabmarkierungen, die er 1951 vor Ort noch gesehen hatte, waren längst verrottet. Doch die Toten von Brevig Mission, fand er, verdienten ein anständiges Grabmal. Die Gewebeproben – vorsichtshalber für den Transport unschädlich gemacht durch Guanidiniumthiocyanat – schickte er an Reid und Taubenberger. Zehn Tage später klingelte das Telefon. Den beiden Forschern war es tatsächlich gelungen, virales Erbgut zu extrahieren.

Nun folgten Jahre der Puzzlearbeit, bis die Forscher die vollständige Sequenz von Influenza-A-Virus H1N1 zusammenfügen konnten – und den Erreger damit tatsächlich wieder zum Leben erweckten. 2005 war es so weit. Gemeinsam mit dem Virologen Terrence Tumpey nutzten sie dafür menschliche Nierenzellen, die sie Influenza-A-Virus H1N1 produzieren ließen. Mit Erfolg. Tumpey infizierte eine Gruppe von Mäusen mit dem wiederauferstandenen Virus. Nach zwei Tagen waren die Mäuse abgemagert und schwächelten. Nach vier Tagen wimmelten ihre Lungen von Influenza-A-Virus H1N1. Nach sechs Tagen waren die infizierten Mäuse tot – allesamt.

Die Forschungen von Reid, Taubenberger, Tumpey und noch weiteren Kollegen sind nicht geheim – sondern wurden wissenschaftlich für jedermann zugänglich veröffentlicht. Erst so wurde es anderen Forschern möglich, weitere Erkenntnisse über einen der größten und tödlichsten Feinde zu erlangen, welchen die Menschheit je hatte. Nur mit diesem Wissen, sagen die Befürworter der offenen Forschung, kann eine ähnliche Verheerung wie 1918 bei einem erneuten Ausbruch verhindert werden.

Die größten Schritte in der Entdeckung und Erforschung aber wären ohne zwei Menschen gar nicht erst möglich gewesen: Johan Hultin und die viel zu früh verstorbene "Lucy". Denn die Proben aus dem Permafrost versorgten gleich mehrere Teams mit ausgezeichnetem Forschungsmaterial. Zwar gab es auch Proben anderer Toter, doch Lucys Lungen sind bis heute die ergiebigsten.

Johan Hultin, der nur wenige Wochen nach seiner zweiten Reise an den Polarkreis seinen 73. Geburtstag feierte, wurde von Reid, Taubenberger und Tumpey als Co-Autor ihrer Veröffentlichungen mit aufgeführt. Und sein heldenhafter Einsatz trug ihm immerhin einen ehrenhaften Titel ein – ein Journalist taufte ihn den "Indiana Jones unter den Virologen".

Verwendete Quellen:

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