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Haben Spaziergänger eine Botschaft von der "Titanic" gefunden?

Von Angelika Franz

07.08.2021Lesedauer: 4 Min.
Aufnahmen der "Titanic" aus 3.800 Metern Tiefe: Was von dem ber√ľhmtesten Wrack der Welt geblieben ist. (Quelle: t-online)
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Vor mehr als 100 Jahren sank die "Titanic", birgt sie bis heute noch ein weiteres Geheimnis? Eine Flaschenpost von der "Titanic" fasziniert Forscher. Aber ist sie echt?

In der dritten Passagierklasse der "Titanic", tief unten im Bauch des riesigen Schiffes, gab es f√ľr ein kleines M√§dchen nicht viel zu tun. W√§hrend f√ľr die Unterhaltung der Passagiere der Ersten Klasse mit Spielen, Musik und sogar einem eigenen Turnzimmer ausreichend gesorgt war, bekamen die √§rmeren Passagiere lediglich ein hartes Bett in Gemeinschaftsunterk√ľnften ohne Ausblick auf das Meer gestellt.

Also suchte sich die zw√∂lfj√§hrige Mathilde Lefebvre eine Besch√§ftigung. Es gelang ihr, ein Blatt Papier aufzutreiben. Und eine leere Flasche ‚Äď m√∂glicherweise sogar eine der unz√§hligen Weinflaschen, die f√ľr die Speises√§ale der Ersten Klasse an Bord der Titanic reserviert waren. "Ich werfe diese Flasche ins Meer in der Mitte des Atlantischen Ozeans", notierte sie in ihrer Muttersprache Franz√∂sisch auf dem Zettel. "Wir sollen in ein paar Tagen in New York ankommen. Wer sie findet, m√∂ge bitte die Familie Lefebvre in Li√©vien benachrichtigen."

Verhängnisvoller Eisberg

Auch ein Datum steht auf dem Brief in der Flasche: 13. April 1912, genau ein Tag, bevor die als unsinkbar geltende "Titanic" kurz vor Mitternacht mit einem Eisberg kollidieren und wenige Stunden sp√§ter untergehen sollte. √úber 1.500 Menschen starben bei dem Schiffsungl√ľck, unter ihnen auch Mathilde Lefebvre. Ihre Flaschenpost aber ging nicht unter.

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Im Jahr 2017 fand bei einem Strandspaziergang in der Bay of Fundy nahe dem kanadischen Hopewell Cape im Bundesstaat New Brunswick das Ehepaar Nacera Bellila und El Hadi Cherfouh mit ihren beiden Kindern die Botschaft. Sie √ľbergaben den Fund an die Universit√© du Quebec in Rimouski. Und tats√§chlich: "Sie k√∂nnte echt sein", kommentiert der Arch√§ologe und Historiker Nicolas Beaudry die Ergebnisse nach mehrj√§hriger eingehender Untersuchung.

Echt oder Fälschung? Stammt diese Botschaft von einer kleinen Passagierin der "Titanic"?
Echt oder Fälschung? Stammt diese Botschaft von einer kleinen Passagierin der "Titanic"? (Quelle: L'Université du Québec à Rimouski)

Zun√§chst nahmen die Forscher das Glas der Flasche n√§her unter die Lupe. "Die Form, die Werkzeugspuren und die chemische Zusammensetzung des Glases entsprechen den Technologien der Flaschenmanufaktur im fr√ľhen 20. Jahrhundert", erkl√§rte Beaudry gegen√ľber der Presse. Auch der Korken sowie ein weiteres St√ľck Papier im Flaschenhals konnten die Wissenschaftler mit einer Radiokarbondatierung der entsprechenden Zeit zuordnen.

Die Wahrheit erfordert Zerstörung

Das Blatt Papier selber, auf dem der Brief steht, k√∂nnen sie nicht testen ‚Äď daf√ľr m√ľssten sie ein St√ľck davon zerst√∂ren. "Wir haben also bei unserer √úberpr√ľfung zumindest keinen Scherzbold auf frischer Tat ertappt", wagt Beaudry eine Einsch√§tzung. "Aber das bedeutet noch lange nicht, dass es sich nicht auch um eine F√§lschung handeln k√∂nnte." Eine leere Seite Papier l√§sst sich leicht aus einem alten Buch heraustrennen, antike Flaschen bietet jeder Flohmarkt zuhauf.

Die Forscher sind so vorsichtig mit ihrer Einsch√§tzung, weil es noch zwei Ungereimtheiten gibt. Das eine ist die Handschrift, in der die Botschaft verfasst wurde. Mathilde hatte daheim die Schule besucht. Doch die Handschrift entspricht nicht der Standardschrift, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts an franz√∂sischen Schulen gelehrt wurde. Hatte Mathilde auf der "Titanic" einen Freund oder eine Freundin gefunden, der oder die den Brief f√ľr sie schrieb?

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Das zweite R√§tsel ist noch schwieriger zu l√∂sen. Denn ein Gegenstand, der im April 1912 in den Nordatlantik geworfen wurde, w√§re unweigerlich dem Golfstrom gefolgt, der sich von der K√ľste Floridas gen Nordosten Richtung Europa w√§lzt. Dort w√§re er in Gro√übritannien oder Irland an den Strand gesp√ľlt worden ‚Äď so wie die Flaschenpost des 19-j√§hrigen Jeremiah Burke aus Glanmire im irischen Cork. Als die "Titanic" bereits Schlagseite hatte, stopfte er einen Zettel mit der Botschaft "Von der Titanic, auf Wiedersehen alle, Burke aus Glanmire, Cork" in eine Weihwasserflasche, die ein Geschenk seiner Mutter gewesen war.

Ein Jahr lang brauchte die Botschaft, bis sie in Dunkettle, nur wenige Meilen von seinem Heimatort entfernt, an den Strand gesp√ľlt wurde. Sie gilt als die einzige bisher zweifelsfrei echte Flaschenpost von der "Titanic". Ganz ausgeschlossen werden kann der Weg von Mathildes Brief nach Kanada allerdings auch nicht, denn ein kleiner Teil des Golfstroms zweigt kurz vor Island nach Westen ab und flie√üt an Gr√∂nland vorbei zur√ľck zur nordamerikanischen K√ľste.

Aus den USA verbannt

Mathilde befand sich nicht allein auf der "Titanic". Mit ihr setzten ihre Mutter Marie, ihre elfj√§hrige Schwester Jeanne, ihr sechsj√§hriger Bruder Henri sowie ihre dreij√§hrige Schwester Ida √ľber den Atlantik. Ihr Vater, der Bergarbeiter Franck Lefebvre, lebte bereits seit zwei Jahren in der Ortschaft Mystic im Bundesstaat Iowa. Ihre √§lteren Geschwister Marie, Franck Jr., Celina und Anselme waren schon bei ihm. Der 14. April 1912, der Tag, an dem die "Titanic" sank und seine Frau sowie seine vier j√ľngsten Kinder starben, war Franck Lefebvres 41. Geburtstag.

Scherben: Die betreffende Flasche scheint tats√§chlich aus dem fr√ľhen 20. Jahrhundert zu stammen.
Scherben: Die betreffende Flasche scheint tats√§chlich aus dem fr√ľhen 20. Jahrhundert zu stammen. (Quelle: L'Universit√© du Qu√©bec √† Rimouski)

Als er von dem Untergang des Schiffes h√∂rte, wandte er sich direkt an die Station des Roten Kreuzes, wo die Informationen zu den √úberlebenden gesammelt wurden. Doch als man dort seine Familienakte √∂ffnete, kam zutage, dass er bei der Einwanderung auf Ellis Island "falsche und irref√ľhrende Angaben" gemacht hatte. Franck und seine vier √§lteren Kinder mussten ihre Sachen packen, im August 1912 wurden sie nach Frankreich deportiert. Er starb am 20. Juni 1948 im Alter von 77 Jahren in Haillicourt. Seine √§lteste Tochter Marie aber kehrte sp√§ter in die USA zur√ľck.

Das Team um Nicolas Beaudry von der Universit√© du Quebec in Rimouski ist mit den Untersuchungen noch nicht am Ende. Mithilfe norwegischer Kollegen wollen sie die Str√∂mungsdaten des Golfstroms noch einmal genauer analysieren und pr√ľfen, ob der Reiseweg der Flasche nicht doch realistisch sein k√∂nnte. Au√üerdem planen sie chemische Untersuchungen am Strand der Bay of Fundy, an dem die Flasche gefunden wurde.

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Denn es gibt noch eine weitere M√∂glichkeit: Bei der Flaschenpost k√∂nnte es sich auch um eine F√§lschung aus dem fr√ľhen 20. Jahrhundert handeln. Es w√§re nicht die erste: Zwei F√§lle von zeitgen√∂ssischen F√§lschungen konnten bereits entlarvt werden. "Zur damaligen Zeit war es durchaus √ľblich, eine Flaschenpost zu f√§lschen", f√ľhrt Historiker Beaudry aus. "Die Zeitungen drucken derartige Funde ab, die Briefe bekamen also sehr viel Aufmerksamkeit." Erst recht, wenn es sich um die letzte Botschaft eines kleinen M√§dchens von der ber√ľhmtesten Schiffskatastrophe der Moderne handelte.

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