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Clan-Beerdigung in Berlin: "Die haben meinen Bruder getötet, die ehrenlosen Hunde"


"Die haben meinen Bruder getötet, die ehrenlosen Hunde"

Von Antje Hildebrandt

05.05.2022Lesedauer: 5 Min.
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Trauergäste betreten den Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg: Mit Journalisten wollte kaum einer von ihnen reden.
Trauergäste betreten den Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg: Mit Journalisten wollte kaum einer von ihnen reden. (Quelle: Paul Zinken/dpa-bilder)
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Rund 1.000 Menschen gaben dem erstochenen Mohamed R. in Berlin das letzte Geleit, dem Bruder des 2018 erschossenen Nidal R. Die Stimmung auf dem Friedhof: gereizt. In der Szene wird darüber spekuliert, dass hinter beiden Morden derselbe Clan steckt.

Die Beerdigung des am Samstag in Berlin-Neukölln erstochenen Mohammed R. ist noch keine fünf Minuten vorbei, da fliegt eine volle Plastikflasche in Richtung der Journalisten. "Habt Ihr nichts Besseres zu tun?", ruft ein korpulenter Mittvierziger mit verspiegelter Sonnenbrille, Hipster-Bart und Schiebermütze, der aussieht, als käme er gerade vom Set der bekannten TV-Serie "4 Blocks". Keiner weiß, wer er ist, aber weil er auftritt, als müsste man ihn kennen, klicken die Kameras. Könnte ja sein, dass man einen Clan-Chef vor die Linse bekommen hat.

Viele bekannte Gesichter sind es an diesem Donnerstag aber nicht, die den Eingang des Friedhofs der 12 Apostel im Berliner Stadtteil Schöneberg passieren. Issa Remmo ist da, Arafat Abou-Chaker und ein Vertreter des Al-Zein-Clans. "Ein Bruder von Mahmoud", sagt ein Insider.

Trauergäste folgen dem Sarg des erstochenen Clan-Mitglieds: Rund 1.000 Menschen waren zu der Beisetzung gekommen.
Trauergäste folgen dem Sarg des erstochenen Clan-Mitglieds: Rund 1.000 Menschen waren zu der Beisetzung gekommen. (Quelle: Paul Zinken/dpa-bilder)

Wenn die geringe Promidichte etwas über den Verstorbenen verrät, dann das: Mohamed R. hat zwar auch ein langes Vorstrafenregister, aber im Vergleich zu seinem Bruder Nidal, der im September 2018 auf demselben Friedhof beerdigt wurde, galt er im Milieu der Organisierten Kriminalität nur als kleines Licht.

Berliner Clan-Szene spekuliert: Wurde Mohamed R. erstochen, weil er die Ehre seines Bruders verteidigen wollte?

Dennoch hat sein Tod viele in Alarmbereitschaft versetzt. Die Täter sind zwar noch nicht gefasst, aber – da ist man sich in der Szene beinahe sicher – es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen beiden Morden. Wurde Mohamed R. erstochen, weil er die Ehre seines Bruders verteidigen wollte?

Nidal R. erlangte traurige Berühmtheit als Berlins erster Intensivstraftäter. Schon mit 20 hatte er 81 Strafanzeigen wegen Körperverletzung, versuchten Totschlags, Raub, Bedrohung, Diebstahl: fast das komplette Strafgesetzbuch rauf und runter. "Er war ein Schläger und Geldeintreiber im Dienste der Clans", sagt der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban, der die Berliner Clanszene wie kaum ein Zweiter kennt. Er hat viele der Familien in den achtziger und neunziger Jahren als Sozialarbeiter betreut.

Nidal R. war ein Zwei-Zentner-Mann, vor dem sich seine Gegner schon physisch fürchteten: der Körper mit Anabolika aufgepumpt, der Schädel kurz rasiert. Ghadban meint: "Für viele Palästinenser war er ein Held."

Clan-Mord von 2018 noch immer ungeklärt

Als Nidal R. an einem schönen Spätsommertag 2018 am Rande des Tempelhofer Feldes vor den Augen seiner Frau und Kinder erschossen wurde, wurden auf dem Friedhof Wetten abgeschlossen, wie lange es wohl dauern würde, bis die Familie R. den Mord an Nidal rächen würde.

Hatten seine Brüder nicht auf eigene Faust ermittelt? Hatte einer von ihnen nicht auf Facebook Fotos der vermeintlichen Mörder veröffentlicht und darunter geschrieben: "Da sind sie. Damit Ihr alle Bescheid wisst. Die haben meinen Bruder hinterhältig vor Angst getötet, die ehrenlosen Hunde." Und tatsächlich. Keine sechs Wochen später explodierte eine Handgranate in einer Shisha-Bar in Berlin-Kreuzberg.

Zwei Cousins des R.-Clans werden gefasst. Beide gestehen. Beide erklären, dass sie ein Zeichen setzen wollten, weil die Polizei ja nichts gegen die Mörder unternehme. Beide werden zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt.

Die beiden Täter, die Nidal R. getötet haben, werden tatsächlich nie gefasst. In der Szene heißt es, die Polizei kenne ihre Namen, aber sie habe nicht genug Beweise. Sie zu schnappen, wäre auch schwierig. Sicherheitshalber hätten sich die Männer in die Türkei abgesetzt.

Warum wurde Nidal R. getötet?

Warum Nidal R. getötet wurde, darüber gehen die Spekulationen auseinander. Die einen sagen, es sei der Racheakt eines kurdischen Clans gewesen. Einige Wochen zuvor soll Nidal R. eines ihrer Mitglieder vor den Augen der Familie auf einer Hochzeit verprügelt haben.

Die anderen reden von einem Verteilungskampf um Drogenreviere. Nidal R. soll dem Clan ein Handy mit Dealer-Adressen geklaut und für Tausende Euro weiterverkauft haben.

Nach seinem Tod, so wird in der Szene gemunkelt, sollen sich seine Familie und die mutmaßlichen Täter finanziell geeinigt haben. Ein Procedere, das in solchen Fällen nicht unüblich ist. Die Eltern von Nidal und Mohamed R. sind Palästinenser. Ihre Geschichte ist eine Geschichte gescheiterter Integration. Und sie erklärt, warum in einem Bezirk wie Berlin-Neukölln über Jahrzehnte eine Parallelgesellschaft entstehen konnte, in der archaische Auswüchse einer islamisch geprägten Kultur überlebten.

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Mögliche Clan-Fehde: "Bruder wurde als Warnung getötet"

Wie viele andere Araber und Kurden kamen die R’s Ende der siebziger Jahre illegal aus einem libanesischen Flüchtlingslager nach Berlin. Nicht alle Mitglieder der Clans sind kriminell. Aber die, die ihren Lebensunterhalt mit Organisierter Kriminalität verdienen und damit in Berlin insgesamt ein Fünftel dieses Marktes abdecken, erkennen den Rechtsstaat bis heute nicht an. Streitigkeiten lösen sie untereinander, in besonders schweren Fällen vermittelt ein sogenannter Friedensrichter – gegen Cash.

Im Fall Nidal R. scheint es aber ein brüchiger Frieden gewesen zu sein. Offiziell will sich die Staatsanwaltschaft nicht zum Stand der Ermittlungen äußern. Das befeuert die Gerüchte. Ralph Ghadban sagt, er vermute, dass die alte Fehde zwischen den Familien noch nicht beendet sei. "Deshalb wurde der Bruder getötet – als Warnung."

Wer war der getötete Mohamed R.?

Die Besucher der Beerdigung wollen das nicht kommentieren. Es ist 10.20 Uhr, als der Leichenwagen vorfährt. Kurz darauf betritt ein Imam das islamische Gräberfeld des evangelischen 12-Apostel-Friedhofs. Er liegt hinter dem S-Bahnhof Schöneberg, in einer viel befahrenen Seitenstraße, gegenüber einer Kfz-Werkstatt.

Ein Leichenwagen fährt auf den Friedhof in Schöneberg: Zu der Beerdigung waren Hunderte Menschen – vorwiegend Männer – gekommen.
Ein Leichenwagen fährt auf den Friedhof in Schöneberg: Zu der Beerdigung waren Hunderte Menschen – vorwiegend Männer – gekommen. (Quelle: Paul Zinken/dpa-bilder)

Für Journalisten ist er gesperrt. Sie müssen sich hinter einem Gitter vis-à-vis des Eingangs postieren. Polizisten riegeln den Bereich ab. Die Besucher trudeln nur langsam ein. Es sind nicht einmal halb so viele wie bei der Beerdigung von Nidal im September 2018. Von 1.000 ist die Rede.

Es sind überwiegend junge Männer in Mohameds Altersgruppe, zwischen Anfang zwanzig und Mitte 30. Reden will keiner von ihnen über den Toten, einen Mann, den das Jugendamt einst in das Projekt "Boxen gegen Gewalt" gesteckt haben soll, um seine Integration zu erleichtern. Ein Schwerkrimineller, der sich am Ende einen deutschen Namen zulegte, um eine Karriere als Profiboxer zu starten. Felix "Mo" Raab, so nannte er sich im Ring.

Ein YouTube-Video zeigt einen athletischen Mann, der vor Freude Salti in der Luft dreht, nachdem er einen Gegner k.o. geschlagen hat. Wer war dieser Mann, den die Polizei nicht in den Libanon abschieben konnte, weil, so heißt es, er entweder im Gefängnis gesessen habe oder immer irgendwelche Papiere gefehlt hätten?

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"Es ist so traurig, Bruder!"

"Ich kannte den gar nicht", behauptet ein Mittdreißiger in Jogginghose und Hoodie. "Macht endlich Feierabend", ruft ein anderer den Journalisten zu. Die Stimmung ist gereizt. Vor dem S-Bahnhof Schöneberg erfährt man auch, warum. Gerade schlendert hier Arafat Abou-Chaker vorbei, der Mann, der mal als bester Freund des Rappers Bushido galt, bevor sie sich als Erzfeinde vor Gericht wiedersahen.

Trauergäste betreten den Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg: Mit Journalisten wollte kaum einer von ihnen reden.
Trauergäste betreten den Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg: Mit Journalisten wollte kaum einer von ihnen reden. (Quelle: Paul Zinken/dpa-bilder)

Ein Mann mit umgedrehter Basecap und im geblümten Anorak nimmt ihn in den Arm. "Es ist so traurig, Bruder", ruft er. "Dabei sind wir so viele Palästinenser." Was er damit meint, verrät er der Reporterin unter vier Augen.

Er sagt, jeder in der Szene kenne die beiden Männer, die Mohamed am Samstag auf dem Rummel in der Hasenheide erstochen haben. Es seien Mitglieder zweier bekannter Clans, angeheuert von jener Familie, die schon Nidal habe umbringen lassen. Der Mann hat sich in Rage geredet. Er sagt, wäre das Opfer ein Deutscher gewesen, säßen die Täter schon hinter Schloss und Riegel. So aber lasse die Polizei die Täter ein zweites Mal entkommen. Er spuckt auf den Boden. Dann steigt er auf einen Roller und fährt davon.

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Verwendete Quellen
  • Ortstermin vor dem 12-Apostel-Friedhof in Berlin-Schöneberg
  • Telefon-Interview mit dem Islamwissenschaftler Ralph Ghadban
  • Lektüre des Spiegel-Buchs "Die Macht der Clans" von Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer
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Von Jannik Läkamp
Arafat Abou-ChakerMordPolizei

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