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Bundesliga: Ein Tag wie kein anderer für Eintracht Frankfurt

Ein Tag wie kein anderer für Eintracht Frankfurt

02.08.2012, 15:12 Uhr | t-online.de

Bundesliga: Ein Tag wie kein anderer für Eintracht Frankfurt. Andreas Möller ist am 16. Mai 1992 am Boden zerstört. Die Anzeigetafel lässt erahnen warum. (Quelle: imago images)

Andreas Möller ist am 16. Mai 1992 am Boden zerstört. Die Anzeigetafel lässt erahnen warum. (Quelle: imago images)

Es läuft die 76. Spielminute am 38. Spieltag der Bundesliga-Saison 1991/1992 als sich die für Eintracht Frankfurt so folgenschwere Szene ereignet. Ralf Weber dringt beim Stand von 1:1 mit dem Ball in den Strafraum des FC Hansa Rostock ein und holt freistehend aus acht Metern zum Schuss ins Glück aus. Was dann kommt, treibt nicht nur Ralf Weber fast in den Wahnsinn. Stefan Böger grätscht, Weber kommt zu Fall - Elfmeter, denken alle. Doch der Pfiff bleibt aus, Schiedsrichter Alfons Berg hat kein Foul gesehen und lässt das Spiel weiterlaufen. In Bruchteilen einer Sekunde entscheidet sich die Deutsche Meisterschaft.

Keine 20 Minuten später betrauern 25.000 Zuschauer im Rostocker Ostseestadion das Ende eines Traums. Die einen wegen des Abstiegs, die anderen wegen der verpassten Meisterschaft. Überraschend war die Erkenntnis an diesem Nachmittag jedoch nur für die Minderheit an Fans, nämlich für die von Eintracht Frankfurt. Mit ihrem "Fußball 2000" hatten sie im Saisonverlauf teilweise die ganze Republik verzückt, um am letzten Spieltag bei Hansa die sicher geglaubte Meisterschaft zu verspielen.

Der Schuldige war schnell gefunden: Schiedsrichter Alfons Berg. Das mögliche 2:1 durch den scheinbar klaren Foulelfmeter, den der Unparteiische verweigerte, hätte den ersten Meistertitel seit 1959 bedeutet.

19 Spieltage von oben herab

Die Hessen verloren am Ende mit 1:2, der neue Meister VfB Stuttgart sowie Borussia Dortmund waren auf der Zielgeraden noch vorbei gezogen. Ein Desaster für das Team, das 19 Spieltage die Tabelle angeführt hatte und wie selbstverständlich mit höchsten Ansprüchen in das Spieljahr gestartet war: "Wir wollten Meister werden", erinnert sich der damalige Libero Manfred Binz auch Jahre später. Die Überzeugung grenzte an Arroganz, wer sollte ein Team stoppen, dass in einer Umfrage vor Saisonbeginn von 70 Prozent der Befragten als Titelfavorit genannt wurde.

Vizepräsident Bernd Hölzenbein hatte den neuen Trainer Dragoslav Stepanovic aus tiefster innerer Überzeugung an die Stärke des von ihm selbst zusammengestellten Teams verpflichtet: "Die Mannschaft war so gut, die brauchte eigentlich gar keinen Trainer. Die brauchte jemanden, der sie unterhält."

Viele Zünglein an der Waage

Bei der Betrachtung des Gesamtbilds, welches Eintracht Frankfurt damals abgab, wird deutlich, dass nicht etwa Schiedsrichter Berg das entscheidende Zünglein an der Waage spielte. Vielmehr verhinderten hausgemachte Probleme im Saisonverlauf eine mögliche frühere Entscheidung.

Das größte Manko des extrem heterogen gestalteten Kaders fasste Spielgestalter Uwe Bein später zusammen: "Wir hatten fußballerisch eine Top-Mannschaft, die unfähig war, das Drumherum in den Griff zu bekommen", sagte er in einem "11 Freunde"-Interview. Kein anderer Frankfurter Kader könnte wohl exemplarischer für das Bild der "Diva vom Main" stehen.

Gekränkte Eitelkeiten und Gruppenbildung

Allen voran das Verhältnis zwischen dem exzentrischen Uli Stein im Tor und dem mal genialen, mal lustlosen Mittelfeld-Motor Andi Möller galt während der gesamten Saison als angespannt. Stein war im Laufe seiner Karriere immer wieder angeeckt, duldete keine Halbherzigkeiten. Möller war für ihn ein rotes Tuch.

Zudem wurde Möller von Klaus Gerster beraten, der teilweise sogar als Manager des Klubs fungierte. Ein Konstrukt, das wohl überall für Disharmonie sorgen würde. In diesem Fall kam erschwerend hinzu, dass Möllers Vertrag Ausstiegsklauseln und Prämienvereinbarungen beinhaltete, die ihn gegenüber seinen Kollegen deutlich bevorteilten. Dummerweise sorgte die Veröffentlichung einiger Vertragsdetails im Saisonendspurt für weitere Störfeuer und Neider innerhalb des Kaders.

Darüber hinaus kam es innerhalb des Teams zur Gruppenbildung. Allen voran die Profis Axel Kruse, Edgar Schmitt, Stefan Studer Heinz Gründel und Lothar Sippel hielten zusammen. Als "Rebellen" bezeichnete sie Trainer Stepanovic und ließ die Strömungen im Team zu.

Probleme wahr- aber nicht ernstgenommen

Er sowie die gesamte Führungsetage nahm die aufkeimenden Probleme zwar frühzeitig wahr, aber kaum ernst, wie eines seiner Statements von damals zeigt: "Kein Problem, Montag und Dienstag haben wir Theater, am Wochenende spielen wir dann gut. Vielleicht sollte ich noch zwei Spieler holen, damit Mittwoch und Donnerstag auch Theater ist.“

Unterhalten konnte er Mannschaft sowie Medien. Eine homogene Einheit zu formen vermochte er jedoch nicht.

Was wäre aus Mehmet Scholl geworden?

Das Gastspiel im hohen Norden verhinderte im Übrigen nicht nur den Titel im Jahr 1992. Als Deutscher Meister bestand die Aussicht auf die Teilnahme an der neu gegründeten und äußerst lukrativen Champions League. Garantierte Gage: zehn Millionen Mark. Eine immense Summe Anfang der 90er Jahre.

Mit dem Wechsel des Jungstars Mehmet Scholl hätte die Eintracht ihren eingespielten Kader sogar weiter verstärken können. Im Falle der Meisterschaft galt ein Wechsel des Talents vom Karlsruher SC an den Main als ausgemachte Sache. Und Andi Möller hätte ziemlich sicher auf einen Wechsel zu Juventus Turin verzichtet.

Verhinderte Fußball-Macht vom Main

Das Eintracht-Drama in Rostock steht letztendlich sinnbildlich für die verhinderte Fußball-Macht vom Main. Ralf Webers fataler Fall im Rostocker Strafraum wird den Eintracht-Fans wohl mindestens bis zur nächsten deutschen Meisterschaft in quälender Erinnerung bleiben. Aber auch die Tatsache, dass die Saison nur aufgrund der Wiedervereinigung und der Integration von Dynamo Dresden und Hansa Rostock 38 Spieltage dauerte, war verhängnisvoll. Nach 34 Spieltagen führte Frankfurt die Tabelle noch an und ausgerechnet die Reise in die neuen Bundesländer beendete alle Träume. Das Auswärtsspiel in Dresden ging übrigens auch mit 1:2 in die Hose.

Und dann war da noch die Geschichte von Co-Trainer und Eintracht-Legende Charly Körbel. Bis heute geht ihm die verpasste Meisterschaft nicht aus dem Kopf. "Mit mir verlierst du keine Endspiel" hatte er dem Trainer laut der "Frankfurter Neue Presse" vor dem Rostock-Spiel versprochen. Immerhin hatte er vor seinem Karriereende ein Jahr zuvor vier Pokal-Endspiele und den UEFA-Pokal gewonnen. Er wollte einspringen und dem Team mit seiner Erfahrung zum Titel verhelfen. Stepanovic entschied sich dagegen. Der 16. Mai 1992 hatte die Krönung des Frankfurter Zauberfußballs werden sollen, ein Tag wie kein anderer für Verein und Stadt. Die Hessen warten inzwischen seit 53 Jahren auf die Deutsche Meisterschaft.

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