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Benedikt Höwedes über EM und Olympia: "Wir brauchen eine deutsche Rapinoe"

MEINUNGEM und Olympia  

Höwedes zum Sportjahr 2020: "Wir brauchen eine deutsche Rapinoe"

Benedikt Höwedes

Von Benedikt Höwedes

31.12.2019, 10:54 Uhr
Benedikt Höwedes über EM und Olympia: "Wir brauchen eine deutsche Rapinoe". Benedikt Höwedes (r.) wünscht sich mehr politisch engagierte deutsche Sportler: als Vorbild dient ihm die US-Amerikanerin Megan Rapinoe (Bild).  (Quelle: imago images/t-online.de)

Benedikt Höwedes (r.) wünscht sich mehr politisch engagierte deutsche Sportler: als Vorbild dient ihm die US-Amerikanerin Megan Rapinoe (Bild). (Quelle: t-online.de/imago images)

Die letzten zwölf Monate waren in vielerlei Hinsicht kontrovers und polarisierend. Auch im Sport gab es so viele politische Debatten wie selten zuvor. Doch wenig Deutsche Athleten gingen voran. 

Das Jahr 2019 ist fast vorbei – und zur Weihnachtszeit wurden bei mir nicht nur Wunschzettel geschrieben, sondern auch Jahresrückblicke und Erwartungen für die kommende Zeit mit Familien und Freunden ausgetauscht. Für Sie mache ich eine Ausnahme und teile diese Gedanken heute auch in meiner Kolumne. Das sind meine drei Wünsche für 2020.

Mein erster Wunsch: deutsche Rapinoes bei der EM und Olympia

Die Fridays-for-Future-Streiks waren in diesem Jahr nicht die einzigen Proteste, die weltweit für Aufsehen sorgten: P!nk, Rihanna und Cardi B sagten aus Solidarität mit Colin Kaepernick ihre Performance beim Super Bowl ab. In Deutschland hielten Fußballer von der Bundesliga bis in die Kreisligen eine #gedENKEminute ab, um auf das Thema Depression aufmerksam zu machen. Und die Weltfußballerin Megan Rapinoe boykottierte aus Protest gegen Donald Trump den Empfang im Weißen Haus.

Außerdem weigert sie sich schon seit 2016, die US-amerikanische Nationalhymne mitzusingen, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. In ihrer Rede bei der Feier des WM-Titels sagte sie: "Das ist mein Auftrag an alle. Wir müssen besser werden. Wir müssen mehr lieben, weniger hassen. Wir sollten mehr zuhören, weniger reden. Es ist unsere Aufgabe, die Welt zu einem besseren Ort zu machen." Der Sport, allen voran der Fußball, ist hierfür der perfekte Ausgangspunkt.

Die politischen Statements von Colin Kaepernick brachten ihn in Bedrängnis. (Quelle: imago images/Icon SMI)Die politischen Statements von Colin Kaepernick brachten ihn in Bedrängnis. (Quelle: Icon SMI/imago images)

Ich wünsche mir, dass wir sportliche Großereignisse, wie die kommende Europameisterschaft oder die Olympischen Spiele in Tokio stärker nutzen, um ein Bewusstsein für wichtige Themen zu schaffen. Auch deutsche Sportlerinnen und Sportler sollten ins Rampenlicht treten und auf die Probleme dieser Welt aufmerksam machen. Probleme, die größer und wichtiger sind als der Sport. Sei es durch Protest oder starke Aktionen.

"Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Zugegeben: Beim Arzt war ich in den letzten Jahren öfter. Aber nicht wegen meiner Visionen. Denn die sollte jeder haben dürfen. Oder wenigstens Wünsche. Ob sie wahr werden, liegt dann an uns allen. Fußballer und alle anderen Profiathleten haben Macht, Macht, die genutzt werden muss. Eine deutsche Rapinoe oder ein deutscher Kaepernick, das ist es, was ich mir wünsche. Denn wir müssen Aufmerksamkeit schaffen. 

Mein zweiter Wunsch: mehr Frauen, die etwas zu sagen haben

100 Jahre nachdem Marie Juchacz als erste Frau eine Rede im deutschen Parlament halten durfte, haben Frauen spätestens seit diesem Jahr die europäische Politik erobert. Ursula von der Leyen ist neue EU-Kommissionspräsidentin, Christine Lagarde leitet jetzt die Europäische Zentralbank und in Finnland regiert die 34-jährige Sanna Marin das Land als Ministerpräsidentin. Deutschland hat immer noch eine Bundeskanzlerin und Greta Thunberg wurde vom "TIME"-Magazin zur "Person of the Year" gewählt. Roger Ciceros – Gott habe ihn selig – Song "Frauen regier’n die Welt" aus dem Jahr 2007 ist also Realität geworden, oder?

Christine Lagarde (l.), Angela Merkel (m.) und Ursula von der Leyen im Gespräch.  (Quelle: imago images/Belga)Christine Lagarde (l.), Angela Merkel (m.) und Ursula von der Leyen im Gespräch. (Quelle: Belga/imago images)

Stop! Fragen wir doch mal die Frauen im Vorstand der Immobilienfirma Engel&Völkers, die den Weltfrauentag mit einem Foto und einem Text ohne Frauen feierten. Oder die Innenministerinnen der Bundesländer. Oder die deutschen Arbeitnehmerinnen, die immer noch 20 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Frauenrechte sind zwar im Bundestag immer wieder Thema, aber auch hier kamen bei den letzten Wahlen 2017 mehr Rechte als neue Frauen ins Parlament.

Kurz: Auch wenn dieses Jahr einige neue Role Models hervorgebracht hat, wünsche ich mir für 2020, dass diese neue Macht von den Frauen genutzt wird, um das Thema "Geschlechtergerechtigkeit" auf allen Ebenen weiter voranzutreiben.

Mein dritter Wunsch: eine Kanzlerin, die noch mal durchgreift

26.000 Menschen aus fast 200 Ländern gingen beim größten Verhandlungsmarathon des Jahres, der Klimakonferenz COP25, an den Start. Doch ihnen ging früh die Puste aus und für die Verabschiedung einer gemeinsamen Erklärung mussten sie sogar eine Extrarunde drehen. Der europäischen Spitzengruppe, die sich mit ihrem ehrgeizigen "Green Deal" absetzte, folgte niemand. Dabei sind die Zahlen der Forscher eindeutig: Die globalen Emissionen steigen auf Rekordhöhen. Hitzewellen und Extremwetterlagen häufen sich. Der Jetstream schwächelt. Und was machen wir? Wir jetten durch die ganze Welt, wir kaufen mehr SUVs und essen mehr Fleisch als je zuvor. Klar ist: Fast 200 Staaten können nicht einer Meinung sein. Aber dass sich 26.000 Menschen, die alle ein Teil dieser Welt sind, nicht auf konkrete Ziele zu ihrem Erhalt einigen können, ist ein Armutszeugnis.

Dicke Luft herrschte deshalb nicht nur in den stickigen Konferenzsälen in Madrid, sondern auch immer mehr auf den Straßen – seit mehr als einem Jahr gehen Schüler bei Fridays for Future für den Klimaschutz und den Erhalt unserer Lebensgrundlagen auf die Straße. Für Parteien heißt Letzteres aber nur "Erhalt von Wählerpotenzial". Dabei muss ihnen klar sein, dass die Demonstranten von heute die Wähler von morgen sind. Ein halbherziges Klimapaket und der Kohleausstieg bis 2038 sind zu wenig, um die Schüler zu überzeugen. Oder um es noch drastischer auszudrücken: Die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen bedeutet auch die Zerstörung der Altparteien – ganz ohne Rezo.


Für 2020 wünsche ich mir, dass die Klimapolitik endlich wieder Chefsache wird. Angela Merkel hat als Umweltministerin begonnen, hier kann sie womöglich zum Ende ihrer politischen Laufbahn noch ein weiteres Mal Akzente für Generationen setzten – doch dafür muss sie endlich Handeln und Kritiker mit weitreichenden Klimaschutzmaßnahmen überzeugen. 

Ihnen allen eine schöne und geruhsame Zeit.

Ihr Benedikt Höwedes 

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