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Meinung
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Warum Klinsmann in der Bundesliga keine Zukunft hat

Eine Kolumne von Stefan Effenberg

Aktualisiert am 13.02.2020Lesedauer: 4 Min.
Nach zehn Spielen bei Hertha BSC hat Jürgen Klinsmann als Trainer hingeworfen: Die heftige Kritik an ihm kann Stefan Effenberg nicht nachvollziehen.
Nach zehn Spielen bei Hertha BSC hat Jürgen Klinsmann als Trainer hingeworfen: Die heftige Kritik an ihm kann Stefan Effenberg nicht nachvollziehen. (Quelle: imago-images-bilder)
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Auf Jürgen Klinsmann prasselte nach seinem Rücktritt als Hertha-Trainer viel Kritik ein.

Der Rücktritt von Jürgen Klinsmann als Hertha-Trainer – er kam für viele überraschend. Für mich zunächst natürlich auch. Inhaltlich hat er mich allerdings nicht überrascht, wenn ich darüber nachdenke. Denn Jürgen Klinsmann ist einfach ein sehr konsequenter Typ – und das spricht grundsätzlich für ihn.

Die extreme Kritik, die nun an Klinsmann aufgekommen ist, teile ich ehrlicherweise nicht. Ich denke nicht, dass Jürgen einen Fehler gemacht hat. Weder damit, diese Aufgabe zu übernehmen. Noch damit, sie nun zu beenden. Ich teile auch nicht die Einschätzung, dass er kein Teamplayer ist. Ich habe Jürgen zwar als Spieler eher als introvertierten Typen kennengelernt – als Trainer hat er auf mich allerdings einen ganz anderen Eindruck gemacht: entspannt, offen und genau so, wie du als Trainer sein solltest.

Jürgen Klinsmann war nur zehn Spiele lang Trainer – und hat trotzdem in dieser kurzen Zeit bei Hertha sehr viel bewegt und auf den Weg gebracht.

Er hat dem Klub und der Stadt Leben eingehaucht.

Hertha wollte weg vom Graue-Maus-Image – und das ist ihr gelungen. Die Hertha ist wieder in aller Munde. Klinsmann hat Dinge ausgesprochen, die sich andere nicht getraut haben auszusprechen. Er gab mittelfristig die Champions League oder gar den Meisterkampf als Ziel aus. Und Klinsmann hatte vollkommen recht, dass da ein riesiges Potenzial schlummert. Nicht nur in Berlin fragt man sich doch seit jeher, ob mit diesem Klub nicht viel mehr möglich sein müsste als Bundesliga-Mittelmaß oder Abstiegskampf.

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Jürgen hat lang in Amerika gelebt – und auch ich habe lang dort gelebt. Ich weiß, dass die Menschen in den USA nun mal so sind, dass sie sich sehr hohe Ziele setzen und diese mit Hochdruck verfolgen. Wo ist da das Problem? Wenn sich einige im Verein über den zunehmenden Druck beschweren oder damit nicht umgehen können, dann kann ich das schwer nachvollziehen. Das macht doch den Fußball aus.

Sportlich hat Jürgen offensichtlich die richtigen Entscheidungen getroffen. Als er kam, hatte Hertha null Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz – heute sind es sechs Zähler. Das ist eine Menge. Die Zeit als Trainer kann man also ganz klar als kurzfristig erfolgreich bezeichnen. Ich bin mir sehr sicher, dass Jürgen mit der Truppe nichts mit dem Abstieg zu tun gehabt hätte im weiteren Saisonverlauf.

Er hat einen Weg vorgegeben und eine Entwicklung angestoßen. Dinge wachsen. Die Ergebnisse siehst du nicht an Tag eins oder Tag zwei. Aber allein die Namen von möglichen Zugängen, die mit Hertha in Verbindung gebracht worden sind, haben Hertha auf ein neues Level gehoben. Draxler, Götze oder Xhaka – das war doch Musik in den Ohren der Fans. Auch wenn Hertha die Transfers im Winter nicht hat umsetzen können, so waren sie doch zumindest mittelfristig ein Ziel.

Nun hat Jürgen Klinsmann die Entscheidung getroffen, sein Amt zur Verfügung zu stellen. Er ist eben jemand, der alles schnell voranbringen will. Wenn er an Grenzen stößt, zieht er die Konsequenzen. Wir kennen die Interna natürlich nicht im Detail. Er begründete seinen Rückzug mit fehlendem Support innerhalb des Vereins. Es gab bei Hertha nun mal die Visionäre um Investor Lars Windhorst und auch Jürgen Klinsmann – und auf der anderen Seite die Realisten wie Präsident Werner Gegenbauer und Michael Preetz.

Klinsmann ist einfach ein Freund des englischen Modells, bei dem ein Trainer als Teammanager die gesamte Entscheidungsgewalt trägt – insbesondere auch bei Transfers. Er hat allerdings festgestellt, dass dies am Ende nicht der Weg ist, der aktuell in der Bundesliga funktioniert.

Und ich glaube auch, dass das deutsche Modell erfolgsversprechender ist, bei dem die Kompetenzen auf mehrere Schultern verteilt sind. Das funktioniert bei Borussia Dortmund oder Bayern München. Und es ist auch der bessere Weg für Mittelklasse-Klubs wie Hertha. Die Kompetenzen beim Trainer zu bündeln, funktioniert für einen "kleineren" Klub nur einmal in hundert Jahren – beispielsweise als Leicester City Meister in der Premier League wurde.

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Ansonsten ist es vor allem mit einer großen Gefahr verbunden. Die Haltbarkeit eines Trainers in der Bundesliga liegt bei nur ungefähr 18 Monaten. Wenn dann der nächste kommt und das Gegenteil seines Vorgängers macht, wird man nie Erfolg haben.

Wie geht es für Hertha nun weiter? Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, mit Alexander Nouri und Markus Feldhoff als Trainer weiterzumachen. Im Gegenteil. Wir sprechen über 13 verbliebene Bundesligaspiele. Sie kennen die Philosophie von Jürgen – und die war offensichtlich erfolgreich. Sie haben ein Zwischenziel erreicht mit sechs Punkten Vorsprung. Nur der 1. FC Köln hat in dieser Zeit einen größeren Sprung nach vorn gemacht. Nun gilt es, die Saison über die Ziellinie zu bringen.

Und dann müssen sich die Verantwortlichen überlegen, wie sie weitermachen wollen. Wollen sie so weitermachen wie vor Klinsmann? Oder greifen sie weiter an? Vielleicht dann mit Visionären in beratender Funktion. Sie haben erst mal ein Gesicht verloren, das ist Fakt. Holen sie neue Gesichter? Vielleicht Niko Kovac?

Wie geht es für Klinsmann weiter? Der Plan sieht derzeit so aus, dass er erst mal in die USA zurückkehrt, seinen Aufsichtsratsposten aber zu einem späteren Zeitpunkt wahrnehmen möchte. Ob das noch einen Sinn ergibt, bezweifle ich. Beide Seiten sollten sich die Zeit nehmen und noch mal intensiv Gedanken machen, ob die Verantwortlichen noch zusammenfinden.

Ansonsten bin ich überzeugt davon, dass wir Jürgen noch mal als Trainer sehen werden. Nur nach derzeitigem Stand eben nicht in der Bundesliga. Ich glaube, dass seine Philosophie in der Bundesliga aktuell so nicht umsetzbar ist.

Ich finde es wahnsinnig schade, dass Klinsmann nicht mehr Hertha-Trainer ist. Wenn einer es geschafft hätte, Hertha zum "Big City Club" zu machen, dann er. Er wäre in der Lage gewesen, als Trainer große Namen nach Berlin zu lotsen. Er hat diese Kraft, die Power und das Netzwerk. Und ich hätte mir gewünscht, am Ende der Saison schwarz auf weiß ein Ergebnis zu haben. Aber man muss seine Entscheidung respektieren und akzeptieren.

Das ist Jürgen Klinsmann.

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