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Kulttorwart Richard Golz: "Ultras haben auch einen positiven Einfluss"

INTERVIEWEx-Torwart lobt Fans  

Golz: "Ultras haben auch einen positiven Einfluss"

20.04.2020, 10:04 Uhr
Kulttorwart Richard Golz: "Ultras haben auch einen positiven Einfluss". Richard Golz: Der frühere Bundesliga-Torwart arbeitet aktuell bei einer Frankfurter Unternehmensberatung. (Quelle: imago images/Krieger)

Richard Golz: Der frühere Bundesliga-Torwart arbeitet aktuell bei einer Frankfurter Unternehmensberatung. (Quelle: Krieger/imago images)

Richard Golz war über 20 Jahre Bundesliga-Torwart. Heute vermittelt er Führungskräfte in der Sportbranche. Im t-online.de-Interview spricht er sich für mehr Frauen in verantwortungsvollen Positionen aus.

Richard Golz ist das, was man ein Kind der Bundesliga nennt. Von 1987 bis 2006 stand der gebürtige Berliner für den Hamburger SV und den SC Freiburg in 453 Erstliga-Partien zwischen den Pfosten. Nach seinem Karriereende 2008 bei Hannover 96 war er als Torwarttrainer beim HSV, Hertha BSC und der rumänischen Nationalmannschaft tätig. Golz wollte jedoch auch eine Arbeitswelt abseits des Fußballplatzes kennenlernen, studierte Sport- und Eventmanagement – und heuerte vor zwei Jahren als Personalberater bei einer Frankfurter Unternehmensberatung an.

Im Interview mit t-online.de erzählt er aus seinem neuen beruflichen Alltag, spricht sich für mehr Frauen und Pressefreiheit im Fußball aus – und lobt den Einfluss der Ultras.

t-online.de: Herr Golz, seit 2018 sind Sie als Personalberater im Bereich Sport der Frankfurter Unternehmensberatung Hager tätig. Wie definiert sich Ihr Berufsfeld?

Wir besetzen in einem klar definierten und strukturierten Prozess Fach- und Führungspositionen und helfen so unseren Auftraggebern, die bestmögliche Lösung für ihre Stelle zu finden. Darüber hinaus spielt auch das Thema Personalentwicklung mit dem Stichwort Führungskräftetraining eine große Rolle.

Mit was für Auftraggebern haben Sie es da im Bereich Sport zu tun?

Das können Sportvereine und -verbände, aber auch Vermarkter, Ausrüster oder Medien sein. Der Sportmarkt wächst ständig und es kommen permanent neue Teilnehmer dazu. Das Thema Tracking zum Beispiel betrifft nicht nur den Profisport, sondern ist auch im Breitensport angekommen – und der E-Sport ist erst am Anfang seiner Entwicklung.

Sind Sie ein "Headhunter"?

Wir sehen uns eher als Begleiter und nicht als Jäger. Wir müssen sowohl das Unternehmen als auch den Kandidaten glücklich machen.

Richard Golz, 51, war drei Jahrzehnte als Torwart in der Fußball-Bundesliga aktiv. Seit seinem Karriereende 2008 arbeitete er als Torwarttrainer, Sportmarketingberater und im Vertrieb eines deutschen Tracking-Unternehmens. Über seine aktuelle Tätigkeit als Personalberater sagt er: "Durch unsere Lösung des Problems für das Unternehmen und der strategischen Karriereplanung des Kandidaten entstehen langjährige Zusammenarbeiten mit beiden Seiten."

Wie gehen Sie nach Auftragseingang an die Arbeit? Mit welchen Kriterien und Mustern sieben Sie das Kandidatenfeld aus?

Grundlage jeder Suche ist das Gespräch mit dem Kunden, in dem gemeinsam der Bedarf erarbeitet wird: Welches Profil soll der zukünftige Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin haben? Wie sollen die Ausbildung, Berufserfahrung und die Soft Skills aussehen? Diese Kriterien gilt es abzuarbeiten.

Inwiefern sind sogenannte "Kult"-Persönlichkeiten schwerer zu vermitteln? Nehmen wir als Beispiel Ihren früheren Trainerkollegen in Rumänien, Christoph Daum.

Das Wichtigste ist: Was will und was braucht der Kunde? Christoph Daum ist mit seinen vielen Kompetenzen auch neben der Trainertätigkeit in vielen anderen Positionen im Sport denkbar und ich bin mir sicher, dass wir ihn bald wieder in einer verantwortungsvollen Position sehen werden. Salopp gesagt: Auf jeden Topf passt ein Deckel.

Christoph Daum: Der frühere Bundesliga-Trainer betreute Rumänien von 2016 bis 2017. (Quelle: imago images/Aleksandar Djorovic)Christoph Daum: Der frühere Bundesliga-Trainer betreute Rumänien von 2016 bis 2017. (Quelle: Aleksandar Djorovic/imago images)

Erkennen Sie gewisse Trends bei der Suche nach Führungskräften im Sportgeschäft?

Wir erkennen einen klaren Trend, dass vermehrt Frauen in Führungspositionen gewünscht werden. Der Fußball tut sich dabei noch ein wenig schwer, die Bereitschaft ist aber durchaus vorhanden.

Wie groß ist der Markt an jungen weiblichen Talenten, die etwa einen Sportvorstandsposten übernehmen können?

Ich bin mir sicher, dass Frauen zukünftig immer mehr verantwortungsvolle Posten im Profisport einnehmen werden – sei es als Vorstand oder in anderen Funktionen. 

Wie stehen Sie zu einer Frauenquote in Sportvorständen?

Ich halte nichts von festen Quoten, wichtig ist ganz allein die Qualifikation.

Die ehemalige Nationalspielerin Inka Grings ist eine der wenigen Frauen, die mit dem Regionalligisten SV Straelen eine Männermannschaft trainiert und offen über ihr Ziel, Herren-Bundesliga-Trainerin zu werden, spricht. Wie schätzen Sie die Fanreaktionen auf eine solche Verpflichtung ein?

Fußball ist nach der katholischen Kirche die konservativste Institution, die es auf der Welt gibt. Aber auch hier gilt: Welche Kompetenzen sind gefordert, wer hat sie? Erfahrung ist oftmals ein wichtiges Kriterium und der Frauenfußball in Deutschland ist in der Entwicklung noch nicht so weit wie etwa in den USA. Dort könnte ich es mir vorstellen, hier ist es noch ein langer Weg.

Inka Grings: Die zweifache Europameisterin ist seit 2019 Trainerin des Regionalligisten SV Straelen. (Quelle: imago images/Revierfoto)Inka Grings: Die zweifache Europameisterin ist seit 2019 Trainerin des Regionalligisten SV Straelen. (Quelle: Revierfoto/imago images)

Dennoch hat der Fußball bereits eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich. Man kann über die Ultras konträr diskutieren, aber sie haben einen Rieseneinfluss darauf, dass Homophobie und Rassismus immer stärker aus den Stadien verschwinden.

Sie sprechen von den Ultras. Wie sieht es mit dem normalen Fan aus?

Die Übergänge sind fließend, es ist sehr schwer, dort eine Abgrenzung vorzunehmen. Qualität und gute Arbeit werden erkannt. Egal, welches Geschlecht die Person hat.

Mit Blick auf Ihre Arbeit: Ist der Sport immer noch ein Macho-Geschäft, in dem es die Person mit der härtesten Schale nach oben schafft?

Wer im Profisport in verantwortungsvoller Position unterwegs ist, braucht immer ein dickes Fell. Druckresistenz ist allerdings aus meiner Sicht keine typisch männliche Eigenschaft, eher Profilneurose. Die ist bei Frauen etwas weniger ausgeprägt.

t-online.de-Kolumnist Benedikt Höwedes hat sich in einer seiner Kolumnen mehr Persönlichkeiten wie US-Nationalspielerin Megan Rapinoe gewünscht. Bemühen sich Sportvereine und Unternehmen vermehrt um die Verpflichtung meinungsstarker Mitarbeiter?

Die fachliche Kompetenz einer Person ist und bleibt das wichtigste Kriterium. Wenn die Qualität stimmt und die Person darüber hinaus auch noch meinungsstark, reflektiert und eine natürliche Führungsfigur ist, stimmt das Gesamtpaket. Solche Mitarbeiter will jedes Unternehmen in seinen Reihen haben.

Megan Rapinoe: Die US-amerikanische Nationalspielerin setzt sich für Gleichberechtigung im Profisport ein. (Quelle: imago images/Sports Press Photo)Megan Rapinoe: Die US-amerikanische Nationalspielerin setzt sich für Gleichberechtigung im Profisport ein. (Quelle: Sports Press Photo/imago images)

Sie sprechen sich also für mehr "Typen" im Sport aus?

Es wird ja gerne gesagt, dem Sport sterben die Charakterköpfe aus – und das stimmt auch. Denn man lässt sie nicht mehr zu. Es ist Journalisten kaum mehr möglich, an Spieler heranzukommen und von ihnen echte Zitate zu erhalten. In meiner aktiven Zeit haben mich die Journalisten nach dem Training angesprochen und ich habe auf ihre Fragen geantwortet. Schon hatten sie ihre Zitate für die morgige Ausgabe. Das ist heute gar nicht mehr möglich. Es schließt sich doch aus, dass Spieler nichts mehr ungefiltert sagen dürfen, von ihnen jedoch verlangt wird, eine eigene Meinung zu haben.

Sie appellieren also für mehr Pressefreiheit? Großvereine wie etwa der FC Bayern verbreiten Interviews fast ausschließlich über die klubeigenen Kanäle.

Die Vereine müssen sich darüber bewusst werden, dass, wenn sie nur noch eigenen Content produzieren und die Spieler sich nur noch über vereinseigene Kanäle äußern, das überhaupt nicht glaubwürdig wirkt. Es ist doch zehnmal glaubwürdiger, wenn ein externes Medium positiv über mich berichtet, als wenn ich die Nachricht selbst verbreite (schmunzelt). Ich muss daran interessiert sein, dass andere positiv über mich berichten.

Im Gegensatz zu vielen Sportdirektoren können Sie einen Abschluss nachweisen, der Sie auf die wirtschaftlichen Aspekte einer Tätigkeit im Sportgeschäft vorbereitet hat. Inwiefern ist es von Vorteil, eine solche Ausbildung genossen zu haben, wenn man sich als Ex-Profi auf einen Führungsposten bewirbt?

Ich bin davon überzeugt, dass eine solche Ausbildung hilft, wenn man nach seiner Profikarriere ins Sportmanagement einsteigen möchte. Die Bestrebungen des DFB gehen in die Richtung, dass man Ex-Spielern eine solche Ausbildung anbietet und den Beruf Sportdirektor lizenzieren lässt.

Betrachtet man insbesondere die vergangenen zehn Jahre, fällt auf, dass Ex-Profis auch nicht mehr ohne Ausbildung in führende Positionen gedrückt werden. Entweder sie haben eine erfahrene Person an ihrer Seite, von der sie lernen, oder sie durchlaufen ein spezielles Trainee-Programm im Verein. Karrieren wie die von Uli Hoeneß gibt es in der Form nicht mehr.

Wie dürfen wir uns in Ihrem Beruf eine Weiterschulung vorstellen?

Wir haben unternehmensintern regelmäßig Fortbildungen, etwa in Themen wie Gesprächsführung und Verhandlungstechniken. Darüber hinaus eigne ich mir viel Wissen aus der Literatur an.

Sie müssen sicherlich Ihr Netzwerk laufend ausbauen und Kontakte pflegen.

Nicht nur die Kontaktpflege in meinem Sportnetzwerk, sondern auch der Austausch mit Personen aus anderen Branchen ist enorm hilfreich und fruchtbar. Es ist ein wichtiger Teil meines Berufs, dass ich mir Menschen genau anschaue und mich hinterfrage, was ich von ihnen lernen kann – egal, ob sie in der Hierarchie über oder unter mir stehen.

Sie wirken sehr zufrieden in Ihrem aktuellen Beruf. Schließen Sie eine Rückkehr in die aktive Sportwelt, sei es als Trainer oder im Management, daher aus?

Die ganze Arbeitswelt ist so dynamisch, dass sich da nichts ausschließen lässt. Ich bin aktuell sehr zufrieden mit meinem Beruf, auch weil ich durch ihn noch immer ein Teil der Sportwelt bin. Ob und wie sich mein Beruf in den kommenden fünf oder zehn Jahren ändern könnte, kann ich nicht beantworten. Dafür fehlt mir der Blick in die Glaskugel (schmunzelt).

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