Analyse zum Topspiel

Flicks Kniff gegen Favres Umstellung – so schlug Bayern den BVB

Von Constantin Eckner

08.11.2020, 11:44 Uhr

Gefühlswelten: BVB-Verteidiger Hummels (l.) ist enttäuscht, Bayerns Gnabry, Sané und Lewandowski feiern. (Quelle: imago images)

Der Rekordmeister setzt sich im Bundesliga-Kracher beim BVB durch. Dabei gaben nur ganz kleine Unterschiede den Ausschlag für den FC Bayern – obwohl die Gastgeber eine Schwäche beheben konnten. Die Analyse. 

Bayern München konnte einmal mehr das prestigeträchtige Duell mit Borussia Dortmund für sich entscheiden. Aber der BVB zeigte sich bei der 2:3-Niederlage im Vergleich zu vorangegangenen Partien deutlich verbessert. Es entwickelte sich ein taktischer und spielerischer Schlagabtausch, bei dem Nuancen den Unterschied ausmachten.

Von den taktischen Formationen her überraschten beide Trainer nicht. Die Mannschaft des FC Bayern trat mit der bestmöglichen Aufstellung an. Bei Dortmund stellte sich für Coach Lucien Favre vor allem die Frage, wen er im zentralen Mittelfeld aufbieten würde. Der Schweizer entschied sich für eine defensive Variante mit Axel Witsel und Thomas Delaney.

Trotz 3:2 gegen Dortmund: Drei Bayern-Stars enttäuschen

3:2 im Topspiel gegen Borussia Dortmund: Der FC 3:2 im Topspiel gegen Borussia Dortmund: Der FC Bayern hat sich beim BVB in einer packenden Partie durchgesetzt. Dabei konnten sich gleich mehrere Stars auszeichnen. Andere erwischten allerdings einen schwachen Tag. Die Einzelkritik. hat sich beim BVB in einer packenden Partie durchgesetzt, dabei konnten sich gleich mehrere Stars auszeichnen – andere aber erwischten einen schwachen Tag. Die Einzelkritik. (Quelle: Pool via REUTERS/Leon Kuegeler/imago images)

Manuel Neuer: Hätte bei einem Manuel-Neuer-Ähnlichkeitswettbewerb den ersten Preis gewonnen. Hielt nämlich, was zu halten war. Bei den Gegentoren machtlos. Von Dortmunds Offensive nicht zwingend gefordert. Note 3 (Quelle: Poolfoto/imago images)

Bouna Sarr: Wechselhafte Partie. Ist erst seit einem Monat bei den Bayern, absolvierte erst seinen sechsten Einsatz für den Rekordmeister. Das merkte man ihm nicht an – zumindest bis zur 36. Minute, als er mit einem schlampigen Zuspiel Joshua Kimmich zu einer Grätsche gegen Dortmunds Haaland zwang, in dessen Folge sich der Nationalspieler verletzte. Im zweiten Durchgang mit zunehmenden Schludrigkeiten. Über seine Seite wurde es oft gefährlich, auch durch den agilen Reyna. Note 4 (Quelle: Bernd Thissen/dpa)

Jerome Boateng (bis 69.): Vollbrachte das Kunststück, das Tempo von Erling Haaland zumindest weitgehend zu verhindern. Sein langer Ball auf Coman vor dem 1:0 – eine Mischung aus Befreiungsschlag und maßgenauem Zuspiel – war ganz großes Kino. Dass das Tor wegen einer Abseitsstellung von Lewandowski abgepfiffen wurde, ist ein Verbrechen an der Kunst. Note 2 (Quelle: Poolfoto/imago images)

David Alaba: Genialer Schachzug der Bayern, das Angebot zur Vertragsverlängerung zurückzuziehen, damit der Österreicher allein schon aus Trotz weiter als Innenverteidiger vergessen macht, dass er eigentlich Außenverteidiger bzw. Mittelfeldspieler ist – und dazu auch noch Freistöße versenkt. Einfach genial. Hätte er nur nicht Haaland beim 2:3 aus den Augen verloren. Note 2 (Quelle: Martin Meissner/imago images)

Lucas Hernandez: Lucas Hernandez: Der souveräne Außenverteidiger, den sich die Bayern wünschen. Abgeklärt, nüchtern – und doch auch in den entscheidenden Szenen vorne da, wie bei seiner feinen Flanke auf Lewandowski zum 2:1. Note 2 (Quelle: Martin Meissner/dpa)

Joshua Kimmich (bis 36.): Unglücklicher Abend für den Nationalspieler – und dann doch wieder nicht. Verstolperte in der 36. Minute ein schludriges Zuspiel von Sarr, verletzte sich dann beim Versuch, den losstürmenden Haaland aufzuhalten. Dass er das dann auch noch schaffte, spricht trotzdem für ihn. Bis dahin der typische Kämpfer-Kimmich, den man kennt. Note 3 (Quelle: Leon Kuegeler/Reuters)

Leon Goretzka: Erkämpfte schon in der Anfangsphase enorm viele Bälle, zweikampfstark, robust – und mit Zug zum Tor, erst per Kopf (14.), dann per Volley (28.). Ließ dann aber Reus vor dem 0:1 laufen. Nach der Pause immer wieder Bindeglied zu Lewandowski, hatte auch Anteile am zwischenzeitlichen 3:1. Note 2 (Quelle: Bernd Thissen/dpa)

Serge Gnabry: Umtriebig in der Offensive der Bayern, wie man ihn kennt, an fast allen gefährlichen Aktionen beteiligt. Hatte keine Probleme mit Dortmunds Meunier – und eine Viertelstunde vor Schluss Pech, dass sein Schuss knapp am langen Eck vorbeiging. Note 2 (Quelle: Martin Meissner/imago images)

Thomas Müller: Nicht ganz so Thomas Müller wie gewohnt. Stand in der 21. Minute plötzlich fast letzter Mann allein gegen Haaland, der mit seiner Wucht an ihm vorbeizog. Das hatte was von Alte Herren, 19 Uhr. Ansonsten immer irgendwie dabei, aber ohne zwingende Torgefahr. Note 4 (Quelle: Leon Kuegeler/Reuters)

Kingsley Coman (bis 69.): Drehte besonders nach der Pause richtig auf, hatte gleich zwei Mal Pech, als er erst mit einem Schuss von der Strafraumgrenze nur den Pfosten traf (51.) und dann als er mit einem Heber BVB-Keeper Bürki eben nur fast überlistete (53.). Ständig mit Drang nach Vorne, Ankurbler in der Offensive. Note 2 (Quelle: Leon Kuegler/Reuters)

Robert Lewandowski: Ist weiter so treffsicher, dass er auch dann noch in der Tor-Statistik erscheint, wenn zwei Treffer wegen Abseitsstellungen zurückgenommen werden (26., 90.+5). Das sagt schon alles. Note 2 (Quelle: Leon Kuegler/Reuters)

Corentin Tolisso (ab 36.): Fand nach seiner Einwechslung nicht wirklich Bindung zum Spiel, konnte nicht an seine starken Leistungen aus der Champions League anknüpfen. Note 4 (Quelle: Martin Meissner/Pool AP/dpa)

Leroy Sané (ab 69.): Machte genau da weiter, wo Coman aufhörte. Legte direkt los, traf elf Minuten später zum 3:1. So wird es für Bayern-Trainer Hansi Flick immer schwerer, zwischen den beiden zu wählen. Das würden sich viele andere Trainer wünschen. Note 2 (Quelle: Bernd Thissen/dpa)

Javi Martinez (ab 69.): Hatte seine typische Martinez-Szene, als er kurz vor Schluss von Dortmunds Witsel rüde umgerammt wurde und erst mal behandelt werden musste. Ansonsten unauffällig. Note 4 (Quelle: Bernd Thissen/dpa)

Diese Wahl machte sich auch in der Anfangsphase der Partie deutlich bemerkbar. Witsel und Delaney zeigten wenig Präsenz in der Offensive, weshalb der BVB quasi in einem 4-2-4 spielte und stark auf Schnellangriffe ausgerichtet war, statt den Ball mit Bedacht durchs Mittelfeld zu spielen.

Die Grundformationen beider Mannschaften.Die Grundformationen beider Mannschaften. 

Lange Bälle gegen Ballbesitzdominanz

In den letzten Duellen mit Bayern, seitdem dort Hansi Flick die Geschicke leitet, hatte Dortmund stets Probleme, sich gegen das aggressive Pressing durchzusetzen und Raumgewinne zu erzielen. Der BVB wurde zumeist in der eigenen Hälfte festgenagelt und allmählich zermürbt. Favre reagierte auf dieses erneute Drohszenario, indem er sein Team einen vergleichsweise vertikalen und weiträumigen Fußball spielen ließ.

Dortmund griff häufig zum langen Ball auf die vier hoch positionierten Angreifer um Stürmer Erling Haaland. Zumeist wurde die linke Seite bespielt, wo die Bayern ihren neuen Rechtsverteidiger Bouna Sarr aufboten. Der BVB hatte aufgrund der Tempovorteile von Haaland und Co. einigen Erfolg, erzielte aber zunächst kein Tor, was zuweilen auch an Manuel Neuers gut getimtem Herauslaufen lag.

Bayern ließ sich von der taktischen Ausrichtung Dortmunds nicht aus der Ruhe bringen. Bei eigenem Ballbesitz lief der Ball wie gewohnt durch die eigenen Reihen, während nach den entscheidenden Lücken im Defensivverbund des BVB gesucht wurde. Ein Kniff bestand darin, die beiden Flügelstürmer Serge Gnabry und Kingsley Coman ins Zentrum zu ziehen und somit die Abwehrreihe des BVB zusammenzuschieben. Dadurch ergaben sich Lücken für die nachrückenden Außenverteidiger oder sogar den vorrückenden David Alaba.

Bayern schob Dortmunds Verteidigung zusammen und kreierte Raum für die zweite Welle.Bayern schob Dortmunds Verteidigung zusammen und kreierte Raum für die zweite Welle. 

Unaufhaltsame Angriffsreihen

Die fünf Tore, die über die 90 Minuten fielen und den Schlagabtausch beider Mannschaften auch auf der Anzeigetafel reflektierten, kamen auch deshalb zustande, weil beide Defensivreihen den Offensivstars nur bedingt etwas entgegensetzen konnten. Haaland oder auch Gio Reyna waren schlicht zu schnell für Bayerns Verteidiger und setzten sich immer wieder in Laufduellen durch.

Auf der anderen Seite des Spielfelds war es das makellose und flüssige Passspiel der Bayern, das die Dortmunder nicht in den Griff bekamen. Stürmerstar Robert Lewandowski tat sein Übriges im Strafraum, als er sich beispielsweise mehrfach gegen Mats Hummels durchsetzen konnte. In Gänze sorgten die Angriffsreihen für die große Unterhaltung.

Dortmund mit mehr Präsenz, Bayern direkter

Nachdem die Bayern frühzeitig in der zweiten Halbzeit das 2:1 durch Lewandowski erzielen konnten, lief Dortmund dem Rückstand von da an hinterher. Favre entschied sich dazu, bei der gewählten Grundordnung zu bleiben, aber Details zu ändern. So sorgte Jude Bellingham nach seiner Einwechslung für Delaney dafür, dass die Mannschaftsteile besser miteinander verknüpft waren.

Der junge Engländer bewegte sich mit viel Einsatz zwischen den Strafräumen, während sich bei den Bayern der verletzungsbedingte Ausfall von Joshua Kimmich zusehends bemerkbar machte. Denn Kimmich wäre normalerweise einer, der Bellingham hätte attackieren können.



Auch der Aktionsradius von Raphaël Guerreiro weitete sich in der zweiten Halbzeit aus, wodurch Dortmund mehr Übergewicht im Mittelfeld erhielt. Es war beim Stand von 2:1 für die Bayern zusehends der Tabellenführer, der immer direkter spielte und den schnellen Raumgewinn über die tempostarken Coman, Gnabry und später Leroy Sané suchte.

Insofern tauschten beide Teams ein wenig die Rollen im Verlauf der zweiten Halbzeit, was noch einmal zusätzlich unterstrich, wie stark die beiden besten Mannschaften der Bundesliga gerade in der Offensive sind. Das gestrige Duell war ein eindrücklicher Beweis dafür.

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