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DFB in der Krise: Im Hintergrund brodelt ein Machtkampf

Krise in der Führungsspitze  

Der DFB steht vor einer großen Frage

Von Noah Platschko und Benjamin Zurmühl

10.10.2021, 17:05 Uhr
DFB in der Krise: Im Hintergrund brodelt ein Machtkampf. Hansi Flick (l.) und Oliver Bierhoff: Von wem werden die beiden DFB-Macher in Zukunft geführt? (Quelle: imago images/Pressefoto Baumann)

Hansi Flick (l.) und Oliver Bierhoff: Von wem werden die beiden DFB-Macher in Zukunft geführt? (Quelle: Pressefoto Baumann/imago images)

Mit Hansi Flick ist das Amt des Bundestrainers neu besetzt. Doch im Kampf um das Präsidentenamt ist es still geworden. Im März 2022 soll eine Entscheidung fallen. Ob es eine der Erneuerung wird, ist fraglich. 

Rein sportlich gesehen könnte es kaum besser laufen für die Nationalmannschaft. Vier Siege aus vier Spielen holte der neue Bundestrainer Hansi Flick zum Start seiner Amtszeit. Während es auf dem Platz stimmig und erfolgreich aussieht, brodelt im Hintergrund ein Machtkampf.

Denn nach dem Rücktritt von Amtsinhaber Fritz Keller sucht der Verband einen neuen starken Mann als Präsidenten – oder eine Frau? Beim außerordentlichen Bundestag im März 2022 soll über die neue Spitze Klarheit geschaffen werden. Der Verband muss sich entscheiden: zwischen dem Image einer verstaubten Institution der weißen alten Männer – und einem Verband des Aufbruchs. 

Koch: DFB "kein Sanierungsfall"

"Es geht heute nicht mehr, dass irgendein Branchenfremder, der gewählt wird, Sachen entscheidet wie am Stammtisch. Beim DFB ist das immer noch so", hatte Keller Mitte September im Interview mit dem Pay-TV-Sender Sky den Verband scharf kritisiert. 

Interimspräsident Rainer Koch wehrte sich gegen diese Vorwürfe. Er sprach von "Kampagnen" gegen ihn und betonte, er werde "nicht müde, für unsere Interessen zu kämpfen". Der DFB sei "kein Sanierungsfall". Auch Peter Peters, ebenfalls Interimspräsident, sprach mehrfach davon, aus den "Fehlern der Vergangenheit lernen" zu wollen.

Die Interimspräsidenten Rainer Koch und Peter Peters: Wohin führt der Weg des DFB? (Quelle: imago images/Moritz Müller)Die Interimspräsidenten Rainer Koch und Peter Peters: Wohin führt der Weg des DFB? (Quelle: Moritz Müller/imago images)

Nach neun Jahren mit vier zurückgetretenen Präsidenten soll Schluss sein mit dem "Weiter so". Denn das öffentliche Bild des DFB ist schlecht.

Ungeklärte Millionenzahlungen im Rahmen der Heim-WM 2006, intransparente Nebeneinkünfte, mysteriöse Dienstleistungen eines Kommunikationsberaters sowie verbale Entgleisungen: Das Auftreten der Führungsspitze ist so verheerend wie verstaubt. 

Wie soll er aussehen, der Neuaufbau an der Spitze?

Ein Neuanfang ist nötig. Da sind sich alle einig. Doch seinen Hut nehmen will aus der umstrittenen Führung kaum jemand.

Weder Peters noch Koch machten bislang Anstalten, ihre Plätze räumen zu wollen. Einige vermuten sogar, dass beide für das Präsidentenamt kandidieren wollen. Doch das sind bisher nur lose Gerüchte. Peters hat am Sonntag schon abgewunken. Konkreter sieht es hingegen bei Bernd Neuendorf (60), aktuell Präsident des Mittelrhein-Verbandes, aus. Im Laufe der Woche betonte allerdings DFB-Teammanager Oliver Bierhoff, jenen Neuendorf "nicht zu kennen" und sich dementsprechend nicht äußern zu wollen.

Bernd Neuendorf: Der 60-Jährige ist aktuell Präsident des Mittelrhein-Verbandes. (Quelle: imago images/ Sven Simon)Bernd Neuendorf: Der 60-Jährige ist aktuell Präsident des Mittelrhein-Verbandes. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Mitte Mai hatte sich die Anti-Korruptionsexpertin Sylvia Schenk selbst ins Gespräch gebracht, war allerdings von Peters abgewatscht worden: "Beim DFB bewirbt man sich nicht, da wird man vorgeschlagen."

Sylvia Schenk: Die Anti-Korruptionsexpertin (hier beim Neujahrsempfang der DFL im Januar 2020) mit DFB-Interimspräsident Rainer Koch. (Quelle: imago images/Hartenfelser)Sylvia Schenk: Die Anti-Korruptionsexpertin (hier beim Neujahrsempfang der DFL im Januar 2020) mit DFB-Interimspräsident Rainer Koch. (Quelle: Hartenfelser/imago images)

Mehr als nur Personalfragen

Die Initiative "Fußball kann mehr", im Mai ins Leben gerufen von neun Frauen aus dem Fußballgeschäft, geht die Frage nach dem "neuen DFB" struktureller an. Katja Kraus, ehemalige Nationalspielerin und Funktionärin, bringt eine Doppelspitze ins Gespräch. "Ich halte das in Anbetracht der Komplexität der Aufgabe für eine notwendige Lösung. Es braucht ein starkes Team, wenn man die gesellschaftliche Wirkung des Fußballs entfalten und zugleich eine Zukunftsvision für den Verband gestalten will", so Kraus zu t-online. "Es ist zudem absolut zeitgemäß und bietet die Chance, Diversität aus der Führung heraus zu verkörpern. Allerdings bleibt als Voraussetzung für alles eine umfassende Strukturreform und ein Kulturwandel. Ich wünsche mir unbedingt Menschen, die Spielfreude vermitteln und mit Integrität und Inhaltlichkeit wieder Identifikation ermöglichen."

Es ist eine von vielen Ideen, die Kraus und die Initiative zuletzt einbrachten. Ihr Positionspapier aus dem Mai mit acht Forderungen erreichte viel Aufmerksamkeit. "Fußball kann mehr" hat das Ziel, dass es bald "mehr Frauen in allen Bereichen des Fußballs gibt, die in Spitzenpositionen wirken und ein gerechtes und zeitgemäßes Bild des Fußballs zeichnen".

Katja Kraus: Die 50-Jährige ist Teil der Initiative "Fußball kann mehr".  (Quelle: imago images/Martin Hoffmann)Katja Kraus: Die 50-Jährige ist Teil der Initiative "Fußball kann mehr". (Quelle: Martin Hoffmann/imago images)

Das Feedback auf die Forderungen kam von allen Seiten. Die neun Frauen sprachen mit Personen aus dem Fußball, der Politik, der Wirtschaft, mit Verbänden und Fußballfans. Das Ergebnis: "Wir haben große Aufmerksamkeit bekommen – durchaus auch Widerstand, aber vor allem sehr viel Unterstützung."

Die Gespräche haben auch Folgen auf die Forderungen der Initiative: "Wir werden in den nächsten Wochen ein aktualisiertes Positionspapier veröffentlichen, das unsere Erfahrungen der vergangenen Wochen und die Erkenntnisse aus den Gesprächen mit den verschiedenen Beteiligten repräsentiert."

"Das wollen wir verändern"

Für Kraus und die Initiative steht die strukturelle Veränderung in Fußball-Deutschland im Vordergrund – und keine Personaldebatten. "Öffentlichkeit ist kein Selbstzweck, auch wenn sie den Handlungsdruck erhöht", so Kraus zu t-online. "Wir wollen konkrete Maßnahmen herbeiführen und Verantwortung übernehmen. Deshalb beschäftigen wir uns damit, unsere Initiative 'Fußball kann mehr' zu institutionalisieren." Für diese Entscheidung nennt Kraus drei Gründe:

"Unser Anliegen ist größer als die Frage, wer Präsidentin oder Präsident des DFB wird, es geht uns um konkrete Veränderungen im Sinne der Zukunftsfähigkeit des Fußballs. Zweitens: Wir haben so viele Unterstützungsangebote aus allen Bereichen bekommen, wir wollen allen Männern und Frauen, die die Überzeugung teilen, dass Fußball mehr kann, die Möglichkeit zur Partizipation geben. Und Drittens: Bei aller Beachtung, wir haben bislang keinen operativen Hebel und keine institutionelle Stimme. Das wollen wir verändern."

Ein Gesprächsangebot

Für die Veränderung des deutschen Fußballs ist auch die Unterstützung und Bereitschaft des DFB nötig. Doch offizielle Gespräche zwischen Verband und Initiative gab es noch nicht. Wie t-online erfuhr, soll es ein Gesprächsangebot vom DFB in Person von Hannelore Ratzeburg, der einzigen Frau im DFB-Präsidium, an die Initiative gegeben haben. Zu einem Treffen kam es aber bislang nicht. 

Kraus bestätigte die Information: "Wir haben irgendwann ein Gesprächsangebot von Hannelore Ratzeburg für eine Runde mit dem Interimspräsidium bekommen." Aber: "Da wir uns allerdings mit Herrn Dr. Koch in einem laufenden Verfahren befanden und das auch immer noch tun, haben wir diese Runde bislang abgelehnt." Koch hatte vor der Ethikkommission eine Eingabe gegen Bibiana Steinhaus-Webb, ehemalige Bundesliga-Schiedsrichterin und Mitglied von "Fußball kann mehr", gemacht. Laut der "Süddeutschen Zeitung" beschwerte sich Koch darüber, dass Steinhaus-Webb ihm ein ethisch fragwürdiges Verhalten vorwarf.

Das Verfahren zwischen der Initiative und Koch ändert aber nichts an der Gesprächsbereitschaft von "Fußball kann mehr", betont Kraus: "Grundsätzlich ist es unsere Überzeugung, den Dialog zu suchen. Wir sprechen häufig und gerne mit den Menschen innerhalb der DFB-Organisation und auch mit den Vertreterinnen und Vertretern der Landesverbände." 

In Teilen des DFB ist man sich der Wichtigkeit der Thematik dennoch bewusst – das zeigt beispielsweise das Projekt Frauen im Fußball, das den Auftrag hat, bis zum Jahr 2027 eine Strategie für den Frauen- und Mädchenfußball zu entwickeln. Weitere Ziele sind die Forderung und Förderung von Trainerinnen und Managerinnen sowie eine Professionalisierung der Frauen-Bundesliga. 

All das soll weiter vorangetrieben werden – unabhängig vom offenen Präsidentenamt. Doch wer auch immer den Posten im Frühjahr 2022 übernimmt, steht vor einigen wichtigen Entscheidungen. Denn der DFB steckt in einer Krise und braucht dringend ein neues Image.

Verwendete Quellen:

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