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Handball-EM: Kurt Klühspies über den schwachen Start der Nationalmannschaft


INTERVIEWKurt Klühspies zur Leistung des DHB-Teams  

"Wir haben drei unterirdische Spiele gemacht"

Von Melanie Muschong

16.01.2020, 12:04 Uhr
Handball-EM: Kurt Klühspies über den schwachen Start der Nationalmannschaft. DHB-Team: Jannik Kohlbacher (m.) und die deutsche Mannschaft konnten bisher nicht vollstens überzeugen.  (Quelle: imago images/Bildbyran)

DHB-Team: Jannik Kohlbacher (m.) und die deutsche Mannschaft konnten bisher nicht vollstens überzeugen. (Quelle: Bildbyran/imago images)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft spielt heute in der Hauptrunde gegen Weißrussland. Im Interview mit t-online.de spricht Kurt Klühspies, Weltmeister von 1978, über die bisher schwachen Spiele, die Rolle von Kapitän Gensheimer, die Torhüter-Diskussion und die Entwicklung der Sportart in Deutschland.

Fast wäre das DHB-Team in der Vorrunde gescheitert. Doch durch den knappen 28:27-Sieg gegen Lettland ist die deutsche Nationalmannschaft in die Hauptrunde der EM eingezogen, spielt heute (20.30 Uhr/ARD) gegen Weißrussland. Einer, der das Turnier intensiv verfolgt, ist Kurt Klühspies. Der frühere Rückraumspieler stand gemeinsam mit Spielern wie Heiner Brand und Joachim Deckarm auf der Platte. Im Interview mit t-online.de spricht er über den verpatzten EM-Start, die Torhüter Andreas Wolff und "Jogi" Bitter, die Rolle von Kapitän Uwe Gensheimer und die Zukunft des deutschen Handballs.

t-online.de: Herr Klühspies, die deutsche Nationalmannschaft hat gegen Lettland ganz knapp mit 28:27 gewonnen und ist in die Hauptrunde eingezogen. Was ist Ihr Fazit aus dem Spiel?

Kurt Klühspies (67): Wir haben in allen drei Spielen gesehen, dass die Mannschaft sich noch nicht gefunden hat. Es werden überraschend viele Fehler gemacht, sowohl im Angriff als auch in der Deckung. Leider sind auch die Leistungen unserer Torhüter noch nicht überragend. Das hängt aber auch damit zusammen, dass der Defensivverband – ansonsten ja meist das Prunkstück der deutschen Teams – noch nicht optimal war. Auch das Zusammenspiel zwischen Torhütern und Abwehr weist noch Defizite auf. Dadurch wird es für Andreas Wolff und Jogi Bitter natürlich nicht leichter und die beiden konnten der Mannschaft bisher nicht wie gewohnt helfen. Es gibt noch viel Optimierungsbedarf.

Sie haben bereits die Torwartleistungen und die Deckung angesprochen. Was muss Ihrer Meinung nach besser werden?

Die Abstimmung und die Seitwärtsbewegungen müssen besser werden: Auch hat es mir an der Aggressivität gefehlt. Es waren stellenweise große Lücken im Mittelblock und dadurch sind leichte Tore gefallen. Diese Räume müssen geschlossen werden.

Andreas Wolff ist aktuell dabei, sich über seinen neuen Verein Kielce in Polen wieder Selbstvertrauen zu holen. In der Nationalmannschaft funktioniert das aktuell noch nicht. Woran liegt das?

Für Andi ist es bisher unglücklich gelaufen. Was er braucht, ist ein kleines Erfolgserlebnis, das ihn wieder befreit, den mentalen Kick gibt. Dann wird er wieder seine Stärke zeigen. Mit Jogi Bitter hat er einen guten, erfahrenen Vertreter. Jetzt müssen sie sich auch gegenseitig pushen. Aber bei den Wechseln in den Spielen ist der erhoffte Effekt ausgeblieben. Beide haben noch nicht Ihr wahres Potential abgerufen. Also es ist eine Steigerung nötig und möglich.

Glauben Sie, dass sich Jogi Bitter noch mehr zum Leistungsträger entwickeln kann?

Auch er wird für das Turnier noch sehr wichtig werden. Schon jetzt hat er eine stabilisierende Rolle im Team. Er hat eine überragende Bundesliga-Vorrunde gespielt und kann noch der Mann für die entscheidenden Momente werden.

Wie kann Christian Prokop die Mannschaft dazu bringen, aggressiver ins Spiel zu gehen?

Es geht um dosierte Aggressivität. Um Strategie, Taktik und kluge Entscheidungen. Jeder Spieler weiß, was auf der Platte zählt. Mit Weißrussland und Trainer Juri Schewzow wartet zunächst ein guter, aber schlagbarer Gegner in der Hauptrunde. Jetzt gilt es, nur noch von Spiel zu Spiel zu denken. Die Mannschaft muss sich auch untereinander motivieren und heiß machen. Dann kann der Trainer noch die Feinabstimmung übernehmen. Die Jungs schaffen das auch.

Gegen Spanien musste die Mannschaft ein Desaster hinnehmen (26:33). Auch gegen Lettland wurde der Vorsprung gegen Ende immer kleiner. Kann das DHB-Team aus den Spielen lernen?

Gegen Spanien war es definitiv ein Desaster. Allerdings kann man die Gegner Spanien und Lettland nicht miteinander vergleichen. Die Spanier haben eine gefährliche offensive Deckung, jeder wusste es und trotzdem haben wir viele leichtfertige Abspielfehler gemacht. Diese Nervosität muss das Team ablegen und mit klarer Struktur agieren. Jeder muss wissen, was seine Aufgabe ist. Wenn wir die Basics erledigen, wird der Knoten platzen. Dann kann die Mannschaft sicher 20 bis 30 Prozent mehr leisten.

Uwe Gensheimer hat als Kapitän zuletzt eine durchwachsene Leistung gezeigt. Wie sehen Sie seine Rolle im Team?

Uwe Gensheimer muss bei einem Großturnier endlich mal seine hundertprozentige Leistung abrufen. Die hat er bisher noch nicht gezeigt. Durch die Rote Karte gegen die Niederlande war er sicher etwas verunsichert, aber das wird sich jetzt legen. Er hätte ja lieber ein Tor geworfen als unglücklicherweise den Kopf des Torwarts zu treffen. Er ist der Star in dieser Mannschaft und muss seine Mitspieler mitnehmen. Er hat die internationale Erfahrung und die muss er einbringen.

Was trauen Sie dem DHB-Team im Laufe des Turniers noch zu?

Von der Konstellation her kommt mit Weißrussland der vermeintlich leichtere Gegner. Das ist zu schaffen. Danach kommt der schwerste Gegner mit Kroatien. Auch die Kroaten sind keine Übermannschaft, das habe ich gegen Serbien gesehen. In Wien gegen Gastgeber Österreich zu spielen, ist nicht ungefährlich. Zumal die Österreicher bisher einen starken EM-Auftritt hingelegt haben.

Sind die Erwartungen an die Mannschaft zu hoch?

Wenn sich das Team steigert, ist das Halbfinale immer noch machbar und realistisch. Aber nur bei der notwendigen Leistungssteigerung. Das Ziel ist es, nach Stockholm zu kommen. Angesichts der Größe unseres Verbandes, der Stärke der Handball-Bundesliga und unserer Leistungsstrukturen gehören wir dahin. Aber spielerisch und bei den Abschlüssen ist noch reichlich Luft nach oben.

Und das ist machbar angesichts der letzten Spiele?

Sicher wird es am Ende eng, da brauchen wir uns nichts vormachen. Wir haben drei unterirdische Spiele gemacht, schwach vom Niveau her. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein viertes schlechtes Spiel gibt. Ich bin optimistisch, dass die Mannschaft es noch schafft, Weißrussland ist zu packen.

Gibt es überhaupt noch „kleinere“ Gegner?

Die Mannschaften kommen sich leistungsmäßig immer näher. Viele Spieler aus anderen Nationen haben internationale Erfahrungen gesammelt. Ich habe mich über Holland gewundert. Auch in den anderen Gruppen sind Ergebnisse dabei, die überraschen. Die Franzosen sind schon raus, gescheitert an den Portugiesen. Das sind Geschichten, die bestätigen, dass die Leistungsdichte enger geworden ist. Aus den vermeintlich kleinen Ländern spielen viele Handballer in europäischen Spitzenklubs. Das stärkt auch deren Nationalteams.

Wie wird sich das ihrer Meinung nach in Zukunft entwickeln?

Auf der Vereinsebene wird sich entscheiden, welches Land das meiste Geld investiert und die besten Spieler verpflichtet. Das sieht man etwa in der Champions League, in der sich zuletzt mit Vadar Skopje ein Team aus Nordmazedonien durchsetzen konnte. Es geht nicht mehr darum, welche Liga die meisten guten Mannschaften hat. Schon seit drei Jahren war kein deutsches Klub-Team mehr beim Final Four in Köln dabei. Geld regiert, wie im Fußball auch im Handball.

Welche Auswirkungen hat das auf den deutschen Handball?

Wir dürfen auf Vereinsebene den Anschluss nicht verlieren. Und zugleich unsere Stars nicht verheizen. Der Erfolg unseres Nationalteams bestimmt die wirtschaftlichen Entwicklungen. Und dann kommt es darauf an, was der DHB, die Klubs und HBL daraus machen. Aber der DHB hat sich schon weitere Großereignisse wie die EM 2024 gesichert. Handball in Deutschland, das wird eine Macht bleiben.


Sie verfolgen die Handballgeschehnisse intensiv. Tauschen Sie sich auch mit Heiner Brand und den 78er Weltmeistern über die aktuelle EM aus?

Selbstverständlich sind wir verknüpft untereinander, wir sehen das fachmännisch und kritisch. Wir Weltmeister von '78 treffen uns seit 27 Jahren regelmäßig zwei Mal im Jahr zur Joachim-Deckarm-Freizeit. Wir spielen dann auch eine Runde Golf. Einer der Weltmeister organisiert das irgendwo in Deutschland. Dieses Jahr sind wir in Heidelberg. Handball schaue ich bei mir zuhause oder mit mitunter auch mit Handball-Freunden in der Kneipe.

Was wünschen Sie dem Team von Christian Prokop?

Ich wünsche ihnen ein sicheres Händchen und ein Denken von Spiel zu Spiel. Wenn sie das schaffen, dann ist nach wie vor alles möglich. Aber sie müssen sich jetzt steigern. Österreich und Kroatien sind die wohl schwereren Gegner, unter den letzten vier Mannschaften entscheidet die Tagesform.

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