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Michael Houellebecqs neuer Roman "Vernichten"

Von dpa
Aktualisiert am 11.01.2022Lesedauer: 3 Min.
Der französische Autor Michel Houellebecq bei einer Lesung 2017 in Frankfurt/Main.
Der französische Autor Michel Houellebecq bei einer Lesung 2017 in Frankfurt/Main. (Quelle: Boris Roessler/dpa./dpa)
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Paris (dpa) – Frankreich im Wahljahr 2027: Im Rennen um die Spitze des französischen Staates liegen die Kandidaten der gemĂ€ĂŸigten Regierungspartei und der rechtsextremen Rassemblement National. Ein Anschlag auf ein Migrantenschiff mit 500 Toten Ă€ndert schlagartig die Situation – zuungunsten der rechtspopulistischen Sammlungsbewegung.

In seinem neuen Buch "Vernichten" seziert Michel Houellebecq wieder den Zeitgeist. Doch seine Vision von der Welt und den Menschen ist diesmal weniger zynisch und provokativ, weniger dĂŒster. Einige französische Kritiker warfen ihm sogar vor, banal geworden zu sein.

FĂ€llt ihm nichts mehr ein?

Die Kulturzeitschrift "Les Inrockuptibles" fragte sich sogar, ob der Schriftsteller von seiner Zeit nun völlig ĂŒberfordert sei. "Vernichten" ist der achte Roman des heute 65-JĂ€hrigen. Unter dem Titel "AnĂ©antir" ist er in Frankreich am 7. Januar erschienen.

Im Mittelpunkt des ĂŒber 600 Seiten langen Werks steht Paul Raison, der beim französischen Finanzministers Bruno Juge arbeitet. Dieser weist große Ähnlichkeit mit Bruno Le Maire auf, dem aktuellen Ressortchef der Mitte-Links-Regierung.

Houellebecq stellt ihn als Superminister dar, der die industrielle Herausforderung Frankreichs mit Bravour meistert. In dem PrÀsidenten, der in dem Buch seine zweite Amtszeit beendet, ist Emmanuel Macron zu erkennen, Frankreichs jetziger Staatschef.

Der Roman beginnt als Spionageroman. Videos werden von Hackern im Internet verbreitet, insbesondere eines, in dem Bruno Juge guillotiniert wird, eine Montage. Andere zeigen hingegen das reale Torpedieren von Containerschiffen und die Zerstörung einer Samenbankfirma. Die Geheimdienste tappen im Dunkeln. Sie wissen nicht, ob es sich bei den Terroristen um Ultralinke, Fundamentalisten oder okkulte Aktivisten handelt.

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Kritik an der Globalisierung

Wie in allen seinen BĂŒchern zeichnet Houellebecq ein PortrĂ€t unserer Zeit: Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft, Handelskrieg zwischen Amerika und China, Arbeitslosigkeit, zunehmender Rassismus. Und so wie in seinen vorherigen Werken, ĂŒbt er Kritik an der globalisierten, fortschrittsorientierten Gesellschaft.

Paul ist ein typischer Houellebecq-Antiheld. Der knapp 50-JĂ€hrige ist lebens- und liebesmĂŒde so wie Florent-Claude in "Serotonin" (2019), François in "Unterwerfung" (2015), Daniel in "Die Möglichkeit einer Insel" und Michel in "Plattform" (2001).

Und so steckt Paul in einer tiefen persönlichen Krise. Seine Ehe mit Prudence ist zerrĂŒttet; ihre Libido ist seit fast zehn Jahren ins Stocken geraten. Sein Vater, ein ehemaliger Geheimdienstler im Ruhestand in Beaujolais im Burgund, ist gerade einem Hirninfarkt zum Opfer gefallen und liegt im Wachkoma. Und sein Bruder AurĂ©lien, Restaurator von Kunstwerken, hat sich erhĂ€ngt.

Es gibt auch Hoffnung

Houellebecqs neuer Roman trĂ€gt alle typischen Stilelemente. Sein Protagonist verkörpert weiter ein als frauen- und menschenfeindlich kritisiertes Weltbild. Doch wie schon in "Serotonin" ist die Schreibe Houellebecqs gemĂ€ĂŸigter.

Nur hin und wieder kommt mit voller Wucht der Houellebecq der FrĂŒhwerke durch: "Die menschliche Welt schien ihm aus selbstsĂŒchtigen kleinen, nicht miteinander verbundenen KackwĂŒrsten zu bestehen, manchmal kamen die WĂŒrste in Bewegung und kopulieren nach ihrer Art[
]. Wie hatte ein Gott sich entscheiden können, in der Gestalt einer Kackwurst wiedergeboren zu werden?" Das Buch wĂ€re kein echter Houellebecq, gĂ€be es nicht auch pornografische AusfĂŒhrungen.

Unter dem Deckmantel des angehenden Thrillers strickt der Autor seine Gedanken ĂŒber den Tod fort, ein oft bei ihm bestimmendes Thema. Und ĂŒber die Liebe. Denn Paul findet wieder mit seiner Frau zusammen und mit seinem Vater. Doch der Titel des Buchs lautet "Vernichten" und Houellebecq ist kein Autor, der auf ein Happy End setzt.

Paul erfĂ€hrt, dass er Kieferkrebs hat. Der Autor hat seine Melancholie nicht verloren, auch nicht seine Beobachtungsgabe unserer Zeit. Seit "Unterwerfung" schockiert er aber weniger. In dem 2015 veröffentlichten Roman geht es um ein Frankreich im Jahr 2022 unter der Flagge des Islams. Das sorgte damals, im Jahr der verheerenden islamistischen AnschlĂ€ge in Paris, fĂŒr viel ZĂŒndstoff. Aus Angst verließ der Autor sogar die französische Hauptstadt.

Zu bedauern ist, dass das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Geheimdiensten und den mysteriösen Hackern ins Leere verlĂ€uft und die persönliche Geschichte von Paul die Oberhand gewinnt. Mehr ParallelitĂ€t wĂ€re wĂŒnschenswert gewesen. Verwirrung stiftet ein Satz in der Danksagung: "Ich bin glĂŒcklicherweise gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt; fĂŒr mich ist es Zeit aufzuhören." VerkĂŒndet hier einer der bekanntesten Bestsellerautoren der Welt sein Karriereende?

Michel Houellebecq: "Vernichten", aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek, DuMont-Buchverlag Köln, 624 Seiten, Euro 28,00, ISBN 978-3-8321-8193-2

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