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Interview
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"Die Urheberrechtsreform wird ein absoluter Rohrkrepierer"

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 18.02.2019Lesedauer: 6 Min.
Plattform pr0gramm: Einem Foto von sich wollte Administrator Gamb nicht zustimmen. Nutzer bauten deshalb diese Montage f├╝r ihn.
Plattform pr0gramm: Einem Foto von sich wollte Administrator Gamb nicht zustimmen. Nutzer bauten deshalb diese Montage f├╝r ihn. (Quelle: Montage, Benjamin Springstrow/imago-images-bilder)
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Die geplante EU-Urheberrechtsreform trifft auf die vermutlich undiplomatischste Ecke im deutschen Internet. Der Verantwortliche der beliebten Seite "pr0gramm" erkl├Ąrt Wut und Unverst├Ąndnis ├╝ber die Br├╝sseler Pl├Ąne. Und wie es weitergeht.

Die Pl├Ąne f├╝r die EU-Urheberrechtsreform f├╝hren zu einer Premiere: Eigentlich gilt in dem verschlossenen deutschen Imageboard "pr0gramm", dass man nicht ├╝ber die Seite spricht. Jetzt hat der Administrator erstmals ein Interview gegeben ÔÇô um zu erkl├Ąren, was an den Br├╝sseler Pl├Ąnen die Nutzer fassungslos und w├╝tend macht und wie es weitergehen k├Ânnte.

"pr0gramm" ist trotz enormer Mobilisierungskraft durch Zigtausende zum Teil extrem engagierte Nutzer kaum bekannt. Hier ist auch die Protest-Aktion "Save the Internet" entstanden, die zu Europas gr├Â├čter Petition mit 4,7 Millionen Unterzeichnern gef├╝hrt hat. t-online.de hat das Interview mit dem Administrator per E-Mail an die Support-Adresse und mit Nachfragen an seinen Account auf der Seite f├╝hren k├Ânnen.

pr0gramm geh├Ârt nach Zahlen des Analysedienstes "Similiarweb" mit 11 Millionen Visits monatlich unter den 100 meistbesuchten Seiten in Deutschland. Administrator "Gamb" spricht von 20.000 bis 50.000 registrierten Nutzern pro Tag und deutlich mehr unangemeldeten Zuschauern. Der gr├Â├čte Teil kommt aus Deutschland. Seit 2007 wurden rund drei Millionen Bilder und Videos hochgeladen, t├Ąglich kommen zwischen 1.000 und 3.000 hinzu. "pr0gramm" finanziert sich ├╝ber kostenpflichtige "Pr0mium"-Account, Werbung und ├╝ber einen angeschlossenen Shop. Zu "einer Handvoll" angestellter Mitarbeiter kommen Freelancer und ehrenamtliche Moderatoren und Helfer.

Hallo, wie kann ich Sie nennen?

Mein Name ist Andre oder am besten einfach Gamb. Wir legen gro├čen Wert auf unsere Pseudonymit├Ąt, also das Auftreten unter Pseudonymen. Private Daten haben auf unserer Plattform nichts verloren. Bei uns geht es einzig um den Inhalt, nicht von wem er kommt.

Ich f├╝hre das Interview f├╝r t-online.de, und es geht ja auch darum, wer das sagt.

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Ich bin der Community-Manager und fr├╝here IT-Leiter bei "pr0gramm", aber weder ich noch der Betreiber haben bisher Medien je ein Interview gegeben. Wenn dies das erste werden soll, muss das reichen ;-)

Weil Ihre Seite noch ein Rest vom "Wildwest-Internet" von vor zehn Jahren und mehr ist?

Ganz und gar nicht. Wir halten uns an geltende Gesetze. Wir begr├╝├čen auch sinnvolle Entwicklungen. Die DSGVO zum Beispiel war f├╝r uns mit erheblichem Aufwand verbunden, aber wir verstehen den Nutzen f├╝r die Verbraucher. Der "rechtsfreie Raum", wie es Axel Voss gerne nennt, existiert schon lange nicht mehr.

Axel Voss ist der CDU-Europaabgeordnete, der als Berichterstatter hinter der Formulierung der EU-Urheberrechtsreform steckt. Wie w├╝rden Sie ihm "pr0gramm" erkl├Ąren?

"pr0gramm" ist ein Sammelsurium aus allem, was gerade so im Internet oder der Popkultur passiert, aus aktuellen Entwicklungen in Deutschland, der Welt und was unsere Community gerade sonst noch interessiert. pr0gramm lebt von Memes. Aktuelle Themen werden so aufgegriffen und verarbeitet. Solche Memes bauen meist etwa auf Screenshots von Szenen eines Kinofilms auf oder anderen vorher hochgeladenen Inhalten.

Und aktuell werden Herrn Voss viele Memes mit geh├Ąssigen Motiven gewidmet...

Ja, Herr Voss findet sich da in vielen Memes wieder. Er wurde offensichtlich sehr schlecht beraten und will jetzt leider auch nicht auf anerkannte Experten h├Âren. Unsere Nutzer verstehen die Konsequenzen und wollen zeigen, wie absurd und kurzsichtig seine Pl├Ąne sind. Oder sie m├Âchten damit einfach ihrer Frustration Ausdruck verleihen.

Was haben die Bef├╝rworter der Regelung denn aus Ihrer Sicht nicht verstanden?

Copyright ist ein soziales Konstrukt, kein technisches. Eine eindeutige Copyright-Erkennung ist schlicht nicht m├Âglich. Um zu erkennen, ob ein hochgeladenes Bild copyright-gesch├╝tzt ist, muss es mit allen copyright-gesch├╝tzten Werken dieser Welt verglichen werden. Frage ich jetzt Time Warner nach einer Lkw-Ladung Festplatten mit all deren Filmen, damit ich neue Uploads mit diesen vergleichen kann?

Selbst Youtube und Facebook k├Ânnen das nur auszugsweise und auch deren Erkennungsmechanismen funktionieren in vielen F├Ąllen nicht korrekt. Auch ohne viel Fachwissen ist es leicht nachvollziehbar, dass ein funktionierender Uploadfilter eine technische Utopie ist.

Ein Upload-Filter ist doch nicht vorgeschrieben, sagen die Verfechter der Reform.

Die Verantwortlichen reiten gerne darauf rum, dass das Wort nicht explizit im Text erw├Ąhnt wird. Aber was ist die Alternative? Pr├Ąventiv Lizenzen f├╝r copyright-gesch├╝tztes Material einkaufen, das vielleicht von unseren Nutzern hochgeladen werden k├Ânnte? Wir wissen doch nicht, was unsere Nutzer hochladen werden, und m├╝ssten Lizenzen f├╝r alles kaufen.

Jeden Film, jedes Bild eines jeden Fotografen, jedes Musikst├╝ck, jeden News-Artikel, jedes Buch. Alles, was jemals produziert wurde und in Zukunft produziert wird. Am besten schreibe ich gleich Morgen eine Rundmail an acht Milliarden Menschen und frage nach, was es kostet.

Also eben k├╝nstliche Intelligenz ..?

Und wie soll ein Computer unterscheiden k├Ânnen, ob jemand sein eigenes oder ein fremdes Foto von Instagram bei "pr0gramm" hochl├Ądt, ob es ein Copyright-Versto├č ist oder nicht? Hat ein Naturfoto der Nutzer selbst fotografiert oder jemand anderes? Weder Mensch noch Computer k├Ânnen hier eine korrekte Entscheidung treffen. Restriktive Filter sind also gem├Ą├č der Reform alternativlos.

Zudem kann so eine Filterinfrastruktur ohne gro├čen Aufwand auch als Zensurinfrastruktur genutzt werden. Das sch├╝rt weitere ├ängste.

Machen Sie pr0gramm dicht, wenn die Regelung wie derzeit geplant kommen sollte?

Es besteht dann nat├╝rlich das Risiko, dass wir auf Schadensersatzanspr├╝che von Rechteinhabern verklagt werden. Die Community w├╝rde aber geschlossen hinter uns stehen. Mit deren Hilfe k├Ânnten wir notfalls bis in die h├Âchste Instanz gehen. Da machen wir uns nicht so gro├če Sorgen.

Ich denke aber, dass das ohnehin ein absoluter Rohrkrepierer wird. Ab Inkraftreten wird es unsinnige Klagen und Anspr├╝che nur so hageln. Irgendein Gericht wird das Ganze schnell kippen oder aufweichen.

Also doch alles nicht so schlimm?

Naja, schlimm irgendwie schon. Schlimm, dass solche weltfremden Gesetze, gegen den Willen der B├╝rger ├╝berhaupt soweit kommen. Wenn das Ganze irgendwann scheitert, wird es sicher in absehbarer Zeit den n├Ąchsten Versuch in dieser Richtung geben. Da kann man nur hoffen, dass n├Ąchstes Mal auch Leute mit Fachkenntnissen das mitgestalten.

Es ist nicht verwunderlich, dass Youtube, Google und Facebook nicht aus der EU kommen und weitere Startups nicht aus der EU kommen werden, wenn die EU alles daran setzt, Innovationen im Keim zu ersticken.

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Auf pr0gramm ist auch die Petition "Save the Internet" entstanden, die bald f├╝nf Millionen Unterzeichner hat. Und dort spielte sich auch die vermutlich gr├Â├čte Spendenaktion im deutschen Internet ab, die Hunderttausende f├╝r die Krebshilfe gebracht hat. Wie kommt das?

Wir erleben die Community als eine gro├če Familie. Die meiste Zeit sind unsere Nutzer damit besch├Ąftigt, sich gegenseitig zu piesacken oder auf die Schippe zu nehmen, aber wenn es etwas Wichtiges zu tun gibt, halten alle zusammen. Bei uns ist jeder willkommen; viele sind zurecht stolz ein Teil der Community zu sein.

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Die "gro├če Familie, in der jeder willkommen ist", genie├čt aber nicht ├╝berall den allerbesten Ruf. Das liegt daran, dass Meinungsfreiheit gro├čz├╝giger als auf anderen Plattformen ausgelegt wird.

Klar. Durch den Gebrauch von Pseudonymen und unsere explizite Ablehnung von pers├Ânlichen Daten geht es auf pr0gramm oft sehr kontrovers zu. Die Nutzer sagen ├Âfter, was sie denken, statt sich selbst zu zensieren. Vieles davon ist auch nur Getrolle und zielt darauf ab, zu polarisieren. Die Nutzer f├╝rchten nun durchaus um ihre Meinungsfreiheit. Die Konsequenz von Artikel 13 w├Ąre n├Ąmlich, dass es Plattformen wie pr0gramm in Zukunft nicht mehr geben wird. Zumindest nicht in der EU.

Man liest jetzt oft "NiewiederCDU". Ist den Leuten das Internet so wichtig, dass das auch f├╝r sie entscheidend an der Wahlurne ist?

Ich denke, hier geht es um mehr als das Internet. Wenn im Koalitionsvertrag Uploadfilter abgelehnt werden, wenn sich f├╝nf Millionen B├╝rger sowie Journalisten und K├╝nstler, die angeblich davon profitieren sollten, entschieden gegen Uploadfilter ├Ąu├čern, wenn Tausende auf die Stra├čen gehen, wenn alle Experten die unglaublichen Risiken dieser Filter bem├Ąngeln und sich dann Axel Voss, weite Teile der CDU und andere Parteien dennoch f├╝r diese Filter einsetzen, wundert man sich schon. Mit Volksvertretung hat das zumindest nichts mehr zu tun.

Jetzt haben Sie viel geschimpft. Haben Sie denn kein Verst├Ąndnis f├╝r das Ziel, Urheber davor zu sch├╝tzen, dass ihre Werke kostenlos genutzt werden?

Nein. Ich halte die aktuellen Gesetze f├╝r mehr als ausreichend. Piraterie ist meist ein Service-Problem. Vor 15 Jahren hat fast jeder illegal Musik heruntergeladen, weil es schlicht keine legalen Angebote gab. Musik- und sp├Ąter die Filmbranche wollten jahrelang ├╝ber h├Ąrtere Gesetze Geld aus den Kunden pressen, statt ihre Konzepte anzupassen.

Und Printkonzerne sehen momentan ihre Gewinne davon schwimmen, weil Print langsam ausstirbt und die Leute online keine kopierten Nachrichten mehr vom Agentur-Newsticker sehen wollen. Wenn alle dasselbe Produkt haben und das umsonst verf├╝gbar ist, muss man sein Gesch├Ąftskonzept ├╝berdenken, statt veraltete Konzepte mit neuen Gesetzen k├╝nstlich am Leben erhalten zu wollen.

Aber die Internetriesen sch├Âpfen den gr├Â├čten Teil des Werbemarkts online ab...

Google News, YouTube, Facebook und Co., die ja eigentlich zur Kasse gebeten werden sollen, werden in der EU ihre Dienste einfach abschalten oder extrem beschneiden. Der Google News-Dienst ist kostenlos und werbefrei und bringt den Online-Redaktionen, die sich durch Werbung finanzieren, Besucher. Google sitzt also am l├Ąngeren Hebel. Vielleicht sollte man stattdessen dar├╝ber nachdenken, die Internet-Giganten endlich richtig zu besteuern.

Das Internet lebt aber davon, dass Inhalte kopiert und geteilt werden. Copyright-Inhaber m├╝ssen sich darauf einlassen, statt dagegen anzuk├Ąmpfen.

Vielen Dank f├╝r das Interview!

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