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Nicht immer bietet die Natur die bessere Lösung

t-online, Simone Blaß

21.08.2015Lesedauer: 4 Min.
Getrocknetes Algenpulver wird in solchen Kapseln oder zu Tabletten gepresst verkauft.
Getrocknetes Algenpulver wird in solchen Kapseln oder zu Tabletten gepresst verkauft. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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ADHS statt mit Ritalin mit einem Mittel aus der Natur behandeln zu können, klingt verlockend. Die AFA-Alge wird mit sehr großen Versprechungen beworben. Doch ist sie wirklich so harmlos? Das ist dran an der Heilkraft der Alge.

Algen scheinen die Pflanzen der Zukunft zu sein. Energie, Gesundheit und ein langes Leben werden versprochen, wenn man t√§glich Chlorella, Spirulina und Co. einnimmt. Sie sollen den Darm entgiften, das Immunsystem st√§rken und Mineralstoffe in H√ľlle und F√ľlle enthalten. All dies soll nicht nur bei vielen Krankheiten, sondern auch bei St√∂rungen wie ADHS wahre Wunder bewirken. Vor allem Eltern, die Bedenken haben, ihrem Kind k√ľnstlich hergestellte Medikamente wie Ritalin oder Medikinet zu geben, erhoffen sich viel von pflanzlichen Mitteln.

AFA-Alge weckt Hoffnungen

AFA ist die Abk√ľrzung von Aphanizomenon flos-aquae, auch Gr√ľne Spanalge genannt. Bef√ľrworter sprechen von einer deutlichen Steigerung der Konzentration und von einer Verbesserung des sozialen Verhaltens. Das angebliche Wundermittel AFA-Alge, auch Uralge oder englisch Bluegreen genannt, stammt aus dem Klamath-See in den USA, dessen Algen seit Tausenden von Jahren Spurenelemente aus Vulkanasche aufnehmen. Sie sollen gute Lieferanten f√ľr zahlreiche N√§hrstoffe sein. In ihnen enthaltene Eiwei√üe sollen sogar Umweltgifte binden und abtransportieren k√∂nnen.

Die AFA-Alge hat viele Anhänger

Barbara Simonsohn, Autorin der B√ľcher "Hyperaktivit√§t ‚Äď Wenn Ritalin keine L√∂sung ist" und "Die Heilkraft der AFA-Alge", hat bei ihrer Recherche einige Studien ausgewertet und selbst eine mit rund 50 Familien durchgef√ľhrt. "Die Ergebnisse waren hervorragend", sagt sie gegen√ľber t-online.de/eltern.

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Simonsohn, selbst Mutter eines "Zappelphilipps", ist √ľberzeugt von der Wirkkraft der Algen: Schulnoten verbesserten sich, Impulsivit√§t und Wutanf√§lle nahmen ab, das Familienleben soll harmonischer geworden sein. Simonsohn r√§t, die AFA-Alge nicht nur bei Problemen, sondern grunds√§tzlich als Nahrungserg√§nzung zu verwenden.

Freiverkäufliche Produkte sind nicht immer ungefährlich

Nahrungserg√§nzungsmittel sind keine Medikamente. Daher besteht aufgrund mangelnder Kontrollen die Gefahr, dass die auf Packungen empfohlene Dosierung f√ľr ein Kind sch√§dlich ist. Doch viele Konsumenten glauben, dass freiverk√§uflichen Produkte v√∂llig ungef√§hrlich sind.

"Dazu ist zu sagen", hei√üt es auf der Seite des Bundesinstituts f√ľr Risikobewertung, "dass es auf dem deutschen und internationalen Markt unz√§hlige und immer mehr werdende Nahrungserg√§nzungsmittel gibt ‚Äď mit zum Teil exotischen Inhaltsstoffen -, deren Sinnhaftigkeit f√ľr die menschliche Ern√§hrung deutlich in Zweifel gezogen werden muss."

Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich nicht belegt

AFA ist die Abk√ľrzung von Aphanizomenon flos-aquae, auch Gr√ľne Spanalge genannt. Sie geh√∂rt zu den Blaualgen. Diese sind eigentlich keine Algen, sondern Cyanobakterien. Diese k√∂nnen Gifte entwickeln, die unter anderem das Nervensystem sch√§digen k√∂nnen. Gef√§hrliche "Algen"bl√ľten in Badeseen werden beispielsweise auch von Cyanobakterien hervorgerufen.

Auch sogenannte Microcystine, lebersch√§digende und krebserregende Gifte, k√∂nnen sich bilden. Bei Beschwerden wie Durchfall, √úbelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen, die nach der Einnahme von AFA-Algen immer wieder beobachtet werden, sprechen Bef√ľrworter von Ent- und Gegner von Vergiftungserscheinungen. In der Giftpflanzendatenbank des Instituts f√ľr Veterin√§rpharmakologie und -toxikologie der Universit√§t Z√ľrich werden die AFA-Algen als sehr stark giftig eingestuft.

Das Bundesinstitut f√ľr Risikobewertung warnt vor der Einnahme

Das Bundesinstitut f√ľr Risikobewertung verweist darauf, dass Bedenken, die man bereits vor √ľber zehn Jahren ge√§u√üert hat, auch heute noch g√ľltig sind: "Besondere Sorge bereitet die wiederholt in den Medien und in Buchpublikationen verbreitete Aussage, dass AFA-Algenprodukte eine 'sinnvolle und nat√ľrliche Alternative' zu einer √§rztlich verordneten medikament√∂sen Therapie bei bestimmten neurologischen St√∂rungen wie dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivit√§ts-Syndrom (ADHS) bei Kindern (‚Ķ) darstellten." Daf√ľr gebe es keinerlei wissenschaftliche Best√§tigung.

Weiter hei√üt es, ein Produkt, dem werblich eine heilende Wirkung zugeschrieben wird, sei eigentlich als Arzneimittel anzusehen und als solches m√ľsste es zugelassen werden. "Solange keine derartige Zulassung existiert, kann die Einnahme von AFA-Algen oder anderen Cyanobakterien-haltigen Pr√§paraten zur Behandlung des ADHS nicht empfohlen werden."

Schwermetalle in Algenprodukten

Hinzu kommt: Im Vergleich zu anderen Lebensmitteln weisen Algen und daraus hergestellte Produkte deutlich h√∂here Schwermetall-Gehalte auf. Blei, Cadmium, Aluminium und Arsen k√∂nnen enthalten sein. "Diese hohen Gehalte lassen sich m√∂glicherweise dadurch erkl√§ren, dass Algen im erh√∂hten Ma√üe aus der marinen Umwelt gesundheitlich unerw√ľnschte Stoffe anreichern", hei√üt es vonseiten des Bundesamtes f√ľr Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. "Durch den Trocknungsprozess von Algen kann eine weitere Konzentrierung von beispielsweise Aluminium erfolgen." Die Folge: Man warnt vor der unkontrollierten Einnahme der Algen.

Barbara Simonsohn macht das keine Angst. Sie nimmt die gr√ľnen Tabletten weiter t√§glich zu sich: "Ich lasse meine Leberwerte regelm√§√üig kontrollieren. Sie sind super."

Mit Biokost die gleichen Erfolge erzielen?

Wie viele andere begr√ľndet sie den Erfolg von Algen-Produkten durch N√§hrstoffe, die unser K√∂rper dringend braucht. Diese w√ľrden aber gerade vielen Kindern aufgrund schlechter Ern√§hrung nicht mehr zugef√ľhrt, zumindest nicht in ausreichendem Ma√üe.

Dass die Ernährung bei ADHS eine Rolle spielt, ist erwiesen. Die Frage ist: Liegt das Problem wirklich allein bei den fehlenden Nährstoffen - und könnte man in diesem Fall nicht einfach mit ausgewogener Biokost gegenarbeiten?

Oder liegt das Problem doch eher bei Zusatzstoffen wie Farbstoffen und Konservierungsmitteln, wie sie in Fertiggerichten und vielen S√ľ√üigkeiten zu finden sind? Wer die teuren Algenprodukte kauft, achtet vielleicht generell auch auf eine ges√ľndere Ern√§hrung. Dann w√§re es m√∂glicherweise gar nicht die Wirkung der Wunder-Alge, sondern die bessere N√§hrstoffversorgung, die die ADHS-Symptome verbessert.

Eine Tablette allein ist bei ADHS nie die Lösung

Als alleinige L√∂sung k√∂nnte die AFA-Alge nicht einmal dann funktionieren, wenn ihre Wirksamkeit und vor allem Unbedenklichkeit tats√§chlich nachgewiesen w√§re. Denn f√ľr ADHS gibt es nicht die eine Ursache. Stattdessen wei√ü man inzwischen, dass biologische und soziale Faktoren zusammenwirken m√ľssen, damit die St√∂rung in Erscheinung tritt.

Im Umkehrschluss muss man auf mehrere Faktoren einwirken, damit ein Kind mit ADHS gut durchs Leben kommt. Eine Tablette alleine reicht nicht. Das gilt auch f√ľr Ritalin und Co. Eine Therapie auf eigene Faust mit den Algenprodukten k√∂nnte gerade bei diesen Kindern, die bekanntlich auf Giftstoffe besonders sensibel reagieren, gef√§hrlich sein und sollte ohne R√ľcksprache mit dem behandelnden Kinderarzt nicht durchgef√ľhrt werden.

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Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte √Ąrzte. Die Inhalte von t-online k√∂nnen und d√ľrfen nicht verwendet werden, um eigenst√§ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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