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Virologe Kekulé warnt: Karl Lauterbach müsste jetzt handeln


"Corona ist dort außer Kontrolle"

Von Christiane Braunsdorf

Aktualisiert am 04.01.2023Lesedauer: 5 Min.
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Shanghai: Leichensäcke werden in einem Krankenhaus gestapelt. (Quelle: t-online)
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Nach dem Ende der Null-Covid-Strategie wütet in China das Virus. Müssen wir uns auch vor diesem Massenausbruch schützen? Virologe Alexander Kekulé gibt Antworten.

Die Abschaffung der strikten Anti-Corona-Maßnahmen hat in China fatale Folgen. Allein in den ersten drei Dezemberwochen (die Maßnahmen wurden am 7. Dezember aufgehoben) sollen sich 248 Millionen Menschen infiziert haben. Das sind 18 Prozent der Gesamtbevölkerung.

In den sozialen Medien und von Korrespondenten wird ein Ansturm auf die Krankenhäuser und Krematorien gemeldet, doch solide Informationen gibt es kaum aus dem autokratisch regierten Land. Die EU will an diesem Mittwoch in einer Krisensitzung über ein einheitliches Vorgehen im Umgang mit dem Massenausbruch entscheiden. Was wäre nötig? t-online hat mit dem Virologen Alexander Kekulé gesprochen.

t-online: Herr Kekulé, was passiert gerade in China aus Ihrer Sicht?

Alexander Kekulé: Corona ist dort außer Kontrolle, soviel steht fest. Wir haben allerdings weder einen Überblick, wie viele Infizierte es gibt, noch wie viele schwer Kranke oder gar Tote. Die Schätzungen gehen von bis zu einer Million Toten in den kommenden sechs Monaten aus. Und wir wissen praktisch nichts über die neuen Varianten, die eine solche Masseninfektion zwangsläufig hervorbringt. Wir sind bislang auf Mutmaßungen angewiesen.

Böse gesagt: Bei einem 1,4-Millliarden-Volk ist das ein sehr geringer Prozentsatz. Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern zählt ja bis heute schon über 160.000 Tote.

Das hat mit Omikron zu tun. China hat bis vor Kurzem kaum Infektionen zugelassen und immer wieder rigide Lockdowns verhängt. Das ist ja nur in einem autokratisch regierten Land möglich. Omikron und seine Untervarianten führen in der Regel zu weniger schweren Erkrankungen. Aber auch hier kommt es, insbesondere bei Hochaltrigen und anderen Menschen mit besonderem Risiko, gelegentlich zu sehr schweren Verläufen.

Alexander Kekulé
Alexander Kekulé (Quelle: IMAGO / Revierfoto)

Alexander Kekulé ist Professor für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In der Corona-Pandemie machten ihn zahlreiche TV-Auftritte sowie sein MDR-Podcast "Kekulés Corona-Kompass" bekannt.

Der Knackpunkt sind die Impfungen?

Ja, aus drei Gründen: Erstens sind die Impfstoffe Sinopharm und Sinovac nicht so wirksam wie die bei uns verwendeten mRNA-Vakzinen, insbesondere gegen die Omikron-Varianten. Zweitens gibt es große Impflücken, vor allem in der älteren, vulnerablen Bevölkerungsgruppe. Für die Grundimmunisierung sind bei den chinesischen Vakzinen drei Injektionen erforderlich. Doch die meisten Menschen sind höchstens zweimal geimpft. Die Impfkampagne hat hier nicht gefruchtet, viele Menschen misstrauen den staatlichen Informationen. Drittens haben viele ihren Immunschutz wieder verloren, weil man in China sehr früh mit den Impfungen begonnen und kaum geboostert hat.

Warum hat China gerade jetzt geöffnet, was glauben Sie? Es heißt gern, man habe sich den Protesten auf der Straße gebeugt.

Nein, das sehe ich anders. Die Führung in Peking hatte erkannt, dass das Virus bereits außer Kontrolle war und erklärte die Öffnung zur neuen Politik, um nicht als Verlierer gegen das Virus dazustehen. Im Gegensatz zu den früheren Varianten lässt sich Omikron nicht einmal mit den strikten Eindämmungsmaßnahmen eines totalitären Systems in Schach halten, es ist einfach zu ansteckend.

Andere Länder mit "Zero-Covid-Politik", wie Taiwan, Südkorea oder Neuseeland, hatten beim Aufkommen von Omikron bereits mehr als 80 Prozent ihrer Bevölkerungen mit den besser wirksamen Impfstoffen von BioNTech, Moderna und AstraZeneca geimpft. Sie konnten deshalb nach jahrelangem "Zero Covid" schrittweise öffnen, ohne dass die Todesfälle in die Höhe geschossen sind. Peking hat keine Impfstoffimporte zugelassen und wurde von Omikron kalt erwischt. Daneben war natürlich abzusehen, dass die wirtschaftlichen Folgen nicht mehr lange zu tragen sein würden.

Dennoch ist das Gesundheitssystem nun offenbar überlastet.

Das war angesichts der extrem hohen Fallzahlen und der nahezu fehlenden Immunität der Bevölkerung abzusehen. Dort werden die Menschen nun gewissermaßen im Zeitraffer infiziert, das Virus läuft ungebremst durch. Auch die Behandlungsmöglichkeiten in China sind, insbesondere in ländlichen Regionen, mit denen in Mitteleuropa oder den USA nicht vergleichbar.

Bei Masseninfektionen entstehen zwangsläufig Mutationen, also Abschreibefehler bei der Replikation des Virus-Erbgutes.

Ja, das ist ganz klar. Dass sich bei der aktuellen Infektionswelle in China neue Virusvarianten herausbilden werden, ist nahezu sicher. Die Mutationswahrscheinlichkeit steigt ja mit der Frequenz der Neuinfektionen, und die ist in China derzeit ähnlich hoch wie in medizinisch schlecht versorgten Regionen Südamerikas, Südasiens oder Afrikas in früheren Pandemiewellen.

Dabei haben sich die bekannten Varianten wie Alpha, Delta und zuletzt Omikron entwickelt. Sehr wahrscheinlich gibt es bereits jetzt auch in China eine Vielzahl neuer Mutanten, von denen wir nichts wissen. Die chinesischen Behörden haben bislang kaum danach gesucht und sind auch sehr zurückhaltend mit der Weitergabe von Informationen.

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Aber kann uns das gefährlich werden?

Ja und nein. Das kommt darauf an, von welcher weiteren Entwicklung man ausgeht. Die Grundimmunität in unserer Bevölkerung ist sehr hoch. Rund 95 Prozent waren hierzulande bereits mit dem Virus in Kontakt, entweder durch Impfung oder durch Infektion oder beides. Um sich bei uns durchzusetzen, muss eine neue Mutante erstens sehr ansteckend sein und sich zweitens dem Immunschutz der hiesigen Bevölkerung entziehen können. Letzteres spielt in China zunächst keine Rolle, weil die Menschen dort so gut wie keine Immunität haben. Ob eine in China erfolgreiche Variante auch das Potenzial zur Ausbreitung in Europa hätte, steht deshalb keineswegs fest.

Nun wurde lange über eine "Killervariante" orakelt, und für Lauterbach scheint sie auch noch nicht ganz vom Tisch zu sein …

Das ist nicht ganz auszuschließen, aber nach meiner Beurteilung sehr unwahrscheinlich. So eine Variante müsste hoch ansteckend, zur Immunflucht fähig und dazu auch noch stärker krankmachend sein. Für so eine Dreifach-Optimierung gibt es keinen Selektionsdruck, und auch statistisch wäre das ein sehr seltenes Ereignis. Wenn man andererseits die Entstehung so einer "Killervariante" für wahrscheinlich hält, wie Karl Lauterbach und seine virologischen Berater wohl meinen, dann müsste man sofort Quarantänen für Einreisende aus China anordnen. Konsequenterweise müsste Lauterbach jetzt eigentlich handeln.

Erste Länder haben bereits eine Testpflicht für Einreisende aus China verhängt.

Das ist nur sinnvoll, wenn man – im Gegensatz zu meiner Beurteilung – ein erhebliches Risiko für die Entwicklung stärker krankmachender Varianten in China sieht. Dann müsste man aber nicht nur negative Testergebnisse verlangen, sondern für Einreisende zehn Tage Quarantäne mit anschließender Freitestung anordnen. Nur PCR-Bescheinigungen zu fordern, ist politisch motivierter Aktionismus. Ich wäre für ein anderes Vorgehen.

Wofür plädieren Sie?

Ich halte es für sinnvoll, Ankommenden aus China bei der Einreise an den europäischen Flughäfen anonyme PCR-Tests anzubieten. In China wollen sich viele Menschen nicht mehr untersuchen lassen, weil sie bei einem positiven Ergebnis staatliche Repressionen erwarten. Ich meine deshalb, dass so ein Angebot gut angenommen werden würde. Das Ergebnis kommt dann per SMS und die Daten werden danach anonymisiert, sodass wir nur noch den Tag, die Flugnummer und den Wohnort des Reisenden speichern. Wir würden bei allen positiven Proben nach neuen Varianten suchen und könnten diese innerhalb Chinas geographisch in etwa zuordnen.

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Und wenn doch zu wenig Passagiere freiwillig mitmachen?

Parallel sollten die Abwasserbehälter der ankommenden Flugzeuge auf Coronaviren untersucht werden. Das ist weniger aussagekräftig als die Testung von Passagieren, aber besser, als ganz ohne Informationen über das Infektionsgeschehen in China dazustehen.

Diese Stichproben würden ausreichen?

Ja, auf jeden Fall. Wenn wir das an mehreren europäischen Flughäfen machen, können wir neue Mutationen rechtzeitig erkennen und schnell reagieren, falls wider Erwarten doch eine gefährliche Variante auftaucht.

Letzte Frage: In den vergangenen Jahren haben die Lockdowns der chinesischen Wirtschaft und damit auch der Weltwirtschaft geschadet. Nun werden die Masseninfektionen den gleichen Effekt haben. Wie lange wird dieser Zustand anhalten?

Ich rechne damit, dass sich das Land die nächsten drei bis sechs Monate in einem Ausnahmezustand befinden wird. Danach beginnt eine Aufräumphase, in der die Wirtschaft wieder hochfährt. Wahrscheinlich wird es etwa ein Jahr dauern, bis man zur Normalität oder – sagen wir besser – in eine neue Normalität zurückkehren kann.

Herr Kekulé, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Verwendete Quellen
  • Interview mit Alexander Kekulé
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