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Perfektionismus: Wann aus einer Tugend eine Störung wird

dpa, Mira Fricke

Aktualisiert am 12.12.2018Lesedauer: 4 Min.
Wenn jemand das Beste erreichen möchte, aber sich selbst und anderen dabei Fehler zugesteht, ist Perfektionismus kein Problem.
Wenn jemand das Beste erreichen möchte, aber sich selbst und anderen dabei Fehler zugesteht, ist Perfektionismus kein Problem. (Quelle: Katarzyna Bialasiewicz/Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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Alles immer gut und richtig machen zu wollen, scheint erst mal eine gute Eigenschaft zu sein. Vor allem Arbeitgeber schĂ€tzen Perfektionisten. Die stehen sich aber manchmal auch selbst im Weg. Wie man den ewigen Drang zur Spitzenleistung selbst zĂŒgeln kann.

Wer immer nur das Beste aus sich herausholen will, kann es zu Erfolg und Anerkennung bringen – oder mit Burnout auf der Couch eines Therapeuten landen. Aber was unterscheidet eigentlich eine gesunde Portion Leistungsbereitschaft von krankhaftem Perfektionismus? Und wie hĂ€lt man den eigenen Drang, alles optimal zu erledigen, im Zaum?

Leistung wird erwartet und belohnt

Im Grunde steckt in jedem Menschen ein Perfektionist. "Wir lernen schon frĂŒh im Elternhaus und in der Schule, dass von uns Leistung erwartet wird", sagt Meltem Avci-Werning, Vorstandsvorsitzende der Sektion Schulpsychologie beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Und auch, dass diese Leistung bewertet wird – durch Noten oder Lob der Eltern. Etwas besonders gut machen zu wollen, kann eine Reaktion auf diese Erwartungen sein. Das ist erst mal nicht schlecht, denn natĂŒrlich braucht die Gesellschaft Menschen, die Leistung bringen.

Perfektionismus im Berufsleben

"Im Arbeitsalltag kann man sich auf die Ergebnisse von Perfektionisten verlassen", sagt Karriereberaterin Gaby Regler aus MĂŒnchen. Sie liefern stets gute Arbeit, insbesondere wenn besondere Sorgfalt gefragt ist. "Niemand wollte in ein Flugzeug steigen, das nicht mit grĂ¶ĂŸter Perfektion gebaut worden ist", sagt Avci-Werning. Hier ist Perfektionismus durchaus eine wertvolle Tugend.

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Doch wer im Job auf jedes Detail achtet und keine NachlĂ€ssigkeiten duldet, bekommt schnell Ärger mit Kollegen. Und das nicht völlig zu Unrecht, schreibt Karriereberaterin Christina Kock in der Zeitschrift "Emotion" (Ausgabe 3/2018). Denn ĂŒber jede Kleinigkeit zu diskutieren, kann Prozesse bei der Arbeit deutlich verlangsamen – und damit verschlechtern. Perfektionisten sollten deshalb bei einem drohenden Konflikt erst prĂŒfen, ob ihre Detailversessenheit gerade wirklich weiterhilft.

Wann Perfektionismus problematisch wird

Das Streben nach Perfektion kann zur Last werden und nicht nur der eigenen Selbstverwirklichung, sondern auch zwischenmenschlichen Beziehungen im Weg stehen. Psychologen unterscheiden bei Perfektionisten zwischen zwei Varianten. Solange jemand zwar das Beste erreichen möchte, aber sich selbst und anderen auch Fehler zugesteht und diese ertragen kann, ist Perfektionismus kein Problem.

"Wenn jemand jedoch in diversen Lebensbereichen extrem hohe MaßstĂ€be hat und an diesen rigide festhĂ€lt, weil der eigene Selbstwert davon abhĂ€ngt, dann kann dies zum Problem werden", erklĂ€rt Nils Spitzer, Psychologischer Psychotherapeut und Buchautor. Besonders problematisch ist es, wenn jemand das GefĂŒhl hat, er werde von anderen nur geliebt und akzeptiert, wenn er Bestleistungen erbringt.

Solche Menschen schauen eher auf Fehler als auf Erfolge und leiden, wenn sie ihre hohen MaßstĂ€be nicht erfĂŒllen. Daraus können Ängste vor PrĂŒfungssituationen entstehen. Auch Aufschiebeverhalten ist typisch fĂŒr diese Menschen. FĂŒr sie gibt es immer einen Grund, warum etwas noch nicht gut genug ist, um es abzuschließen, sagt Spitzer.

Perfektionisten droht Burnout und Depressionen

"Im Berufsalltag brauchen Perfektionisten oft mehr Zeit als ihre Kollegen", erlĂ€utert Karriereberaterin Gaby Regler. Sie können hĂ€ufig auch schlechter delegieren, weil sie lieber alles selbst machen wollen. Das GefĂŒhl, nie fertig zu werden, belastet sie zugleich. Langfristig drohen Burnout oder Depressionen, manchmal auch Essstörungen, da die hohen AnsprĂŒche zu chronischem Stress fĂŒhren. "Laut einer Studie könnte das gesteigerte Stresslevel von Perfektionisten langfristig sogar zu einer geringeren Lebenserwartung fĂŒhren", warnt Spitzer. Zudem belastet es nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch deren Familien oder Partner.

Ursachen fĂŒr Perfektionismus klĂ€ren

Was hilft, ist genau hinzusehen und das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen. Avci-Werning empfiehlt, zunĂ€chst die Frage nach dem eigenen Motiv zu stellen: Will ich Karriere machen und deshalb immer Spitzenklasse sein? Oder habe ich das GefĂŒhl, perfekt sein zu mĂŒssen, damit andere mich mögen? Letzteres könnte ein Hinweis auf ein geringes SelbstwertgefĂŒhl sein. In diesem Fall kann es sinnvoll sein, mit einem Therapeuten daran zu arbeiten.

Aber nicht immer ist gleich eine Therapie nötig. "Manchmal hilft es zu ĂŒberlegen, wie wichtig etwas rĂŒckblickend in einem Jahr noch sein wird, um einzuschĂ€tzen, ob der eigene Perfektionismus angebracht ist oder nicht." Spitzer warnt zudem davor, sich an perfektionistischen Menschen ein Beispiel zu nehmen oder sich mit ihnen zu vergleichen.

Paretoprinzip oder die 80-20-Regel

Auch den sogenannten Pareto-Effekt sollten Betroffene beachten, empfiehlt Regler. Demnach beanspruchen die letzten 20 Prozent eines Projekts 80 Prozent der gesamten Zeit. "Man sollte sich also ĂŒberlegen, ob sich dies in der speziellen Situation wirklich lohnt", sagt Regler. Bei Aufgaben, die weniger relevant sind oder fĂŒr die man persönlich nicht brennt, genĂŒge es manchmal, sie zu nur 80 Prozent zu erledigen.

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Sport oder Meditation zur Erholung

Auch aktive Erholung kann entlasten. Nichts tun ist fĂŒr Perfektionisten jedoch eine schwierige Aufgabe. Zwingen sie sich zur Erholung, fĂŒhlen sie sich schuldig, weil sie vermeintlich Zeit verschwendet haben. "Da hilft es, zu ĂŒberlegen: Was kann ich aktiv tun und gleichzeitig zur Ruhe kommen?" Der eine schafft das mit Sport, andere, indem sie sich mit Freunden treffen, wieder andere erholen sich bei einer Meditation. Mit ein paar Tricks lĂ€sst sich der eigene Perfektionismus also in die richtigen Bahnen leiten, so dass er nicht irgendwann zur BĂŒrde wird.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Astrid Clasen
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