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Corona-Krise und Rentner: "Meine Generation hat Schlimmeres erlebt"

INTERVIEWRentner zum Leben in der Corona-Krise  

"Meine Generation hat Schlimmeres erlebt als Corona"

Von Manfred Schäfer

23.06.2020, 14:31 Uhr
Corona-Krise und Rentner: "Meine Generation hat Schlimmeres erlebt". Klaus Hoss an der Ostsee 2019: Die Sehnsucht nach Urlaub wächst während der Corona-Krise. (Quelle: Klaus Hoss)

Klaus Hoss an der Ostsee 2019: Die Sehnsucht nach Urlaub wächst während der Corona-Krise. (Quelle: Klaus Hoss)

Ältere Menschen sind besonders durch das Coronavirus gefährdet und gelten deshalb als schützenswerte Risikogruppe. Rentner Klaus Hoss erzählt, was er von den Corona-Maßnahmen, Bevormundung und der Ignoranz von Regelbrechern hält.

t-online.de: Herr Hoss, Sie sind 85 Jahre alt und werden damit zur Corona-Risikogruppe gezählt. Wie geht es Ihnen?

Klaus Hoss: Den Umständen entsprechend zufriedenstellend … oder mit anderen Worten: Solange man vier Monate nach Pandemie-Ausbruch nicht mit dem Coronavirus infiziert ist beziehungsweise zu sein scheint, eigentlich recht gut.

Halten Sie die umfassenden Corona-Maßnahmen der Bundesregierung für gerechtfertigt oder übertrieben?

Die von der Bundesregierung ergriffenen Maßnahmen halte ich für gerechtfertigt. Ich finde es auch positiv, dass sie nicht nur von der großen Koalition gemeinschaftlich beschlossen, sondern auch von einem großen Teil der anderen Parteien mitgetragen wurden. Da, wo wegen des deutschen Föderalismus-Systems die Länder mitentscheiden mussten, hätten manche Maßnahmen, zum Beispiel hinsichtlich der ersten Kontaktsperren im März, etwa zwei Wochen früher ergriffen werden können.

Insgesamt zeigt ja die bisher "erfolgreiche" Eindämmung der Infektions- und Todeszahlen oder das Ausbleiben der Überlastung von Kliniken – wie etwa in Italien oder den USA –, dass die Corona-Maßnahmen mit dem rechten Maß ergriffen wurden.

Haben Sie ähnliche Maßnahmen zur Gesundheitsprävention jemals erlebt?

Nein. Allerdings hat meine Generation bereits noch viel Schlimmeres überlebt, nämlich die viel größere Todesangst und Existenzvernichtung des Zweiten Weltkrieges. So etwas wie Unterrichtsausfälle und vieles andere mehr gab es in wesentlich größerem Ausmaß und leider ja auch unvergleichbar mehr Tote.

Ich erinnere daran, dass meine Generation nicht nur viel erheblichere Schulunterbrechungen, sondern auch ständige Ortswechsel über mehrere Jahre erleben musste. Bei mir allein waren es fünf Grundschulwechsel an verschiedenen Orten mit jeweils neuem Lehrpersonal. Und dennoch ist aus dieser Generation etwas geworden und sie hat in der Folge zum Gedeihen des Nachkriegsdeutschlands beigetragen.

Es gibt Stimmen, die die Abschottung von Senioren, zum Beispiel in Pflegeeinrichtungen und Altersheimen, als Bevormundung der Älteren bezeichnen. Wie sehen Sie das?

Diese Abschottung hat wohl – wie jede Medaille – zwei Seiten: Einerseits bedeutet sie den einzig möglichen Schutz vor Einbringung des Virus in die Senioreneinrichtungen. Andererseits kann sie die Gefahr der Vereinsamung beim Ausbleiben von Besuchen herbeiführen. Aber hier möchte ich eindeutig dem Infektionsschutz die Priorität geben.

Dr. Klaus Hoss, 85, ist verheiratet und lebt mit seiner Ehefrau in einem Mehrfamilienhaus in Köln. Der Ruheständler war viele Jahre in der Wirtschaft als Leitender Wirtschaftsingenieur tätig, unter anderem bei großen Firmen wie Lufthansa, Ford und Olivetti.

Haben Sie Kontakt zu Menschen in Alters- oder Pflegeheimen?

Ich habe telefonischen Kontakt zu einer Cousine, die seit Kurzem in einem Seniorenheim untergebracht ist und tatsächlich unter dem Abriegelungsgebot etwas leidet. Aber sie erträgt es vernunftgemäß mit Geduld.

Leiden Sie persönlich stärker durch die Isolierung und die Kontaktverbote der Corona-Regeln?

Meine Frau und ich kommen mit den Corona-Regeln ganz gut zurecht, weil wir sie für vernünftig und lebensnotwendig halten. Einen großen Leidensdruck verspüren wir insofern nicht. Wir vermissen natürlich die geselligen Kontakte mit unseren Freunden und sehnen uns danach, bald wieder irgendwohin in den Urlaub fahren zu können – bei uns Rentnern nennt man das ja "einen Ortswechsel machen".

Inwiefern ist Ihre persönliche Freiheit gerade eingeschränkt? Gehen Sie einkaufen oder mit Ihrer Frau gemeinsam spazieren?

Meine Frau und ich sind – Gott sei Dank – noch so rüstig, dass wir unseren Haushalt und sogar noch einen Garten weitgehend selbst führen können. Ich muss aber zugeben, dass dies wegen der haushaltsnahen Tätigkeiten mehr meine Frau belastet.

Wir versuchen fast täglich, einen Spaziergang zum nahe gelegenen Park und rund um den dortigen Teich zu machen. Ansonsten führen wir viel mehr Telefonate, lesen mehr als gewöhnlich und sehen mehr als sonst TV-Sendungen. Meine Frau löst ihre täglichen Sudokus und ich spiele eine oder zwei Runden Solitaire oder Schach am PC.

Vor einigen Tagen sind Sie 85 Jahre alt geworden. Wie haben Sie gefeiert?

Jegliche Feier im größeren Kreise musste situationsgemäß unterbleiben. Aber meine Frau und ich haben uns hinaus ins Veedel (Kölscher Dialekt für "Viertel", Anm. d. Red.) gewagt und sind zu einem ausgezeichneten Abendessen bei einem Italiener eingekehrt. Wir waren überrascht über das sehr gute Einhalten der Hygieneregeln und insbesondere über den großen Tischabstand.

Ihre Tochter lebt im gleichen Haus und ist Lehrerin. Die Schulen sollen alle wieder öffnen und könnten zu Infektionsherden werden. Wie halten Sie es da mit dem Kontakt zwischen Vater und Tochter?

In der Zeit vom Beginn der Pandemie bis etwa Mitte Mai hat uns unsere Tochter mit Einkäufen des täglichen Bedarfs versorgt. Sie gehört zur Berufsgruppe mit höherem Infektionsrisiko. Als Lehrerin musste sie hier in NRW auch schon recht früh im Mai eine Abschlussklasse wieder unterrichten. Deshalb haben wir die Haushaltseinkäufe wieder selbst übernommen – eben mit Maske und den zwei Metern Abstand. Seit unsere Tochter wieder unterrichtet, halten wir etwas mehr als den familiären Abstand; das stimmt uns eigentlich traurig. 

Was sagen Sie zu den Wiedereröffnungen der Schulen?

Ich bin der Meinung, dass die Wiederaufnahme des Schulunterrichts hier in NRW mit wesentlich mehr Bedacht, mehr Vorbereitung und weniger Ungeduld anlaufen sollte. Besonders nicht unbedingt noch zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien.

Haben Sie generell Angst, sich zu infizieren?

Aber ja, allein schon wegen der vielen Vorerkrankungen. Die ersten erschreckenden Nachrichten zum Pandemie-Ausbruch und zur Heimtücke des Coronavirus, zum Beispiel die Bilder von den Ausbrüchen in Italien, verursachten mir auch einige schlaflose, angstvolle Nächte.

Was halten Sie von den Menschen, die Kontaktverbote und Abstandsregeln unter anderem auf Demonstrationen oder Schlauchboot-Partys ignorieren?

Das sind für mich Folgen und Reaktionen der Unwissenheit, der Ungebildetheit, der Rücksichtslosigkeit und des Geltungsbedürfnisses dieser Menschen. Meiner Meinung nach tragen auch die ungehemmten Kommunikationsmöglichkeiten der sozialen Medien mit vielen Falschmeldungen stark dazu bei. Abgesehen von der Möglichkeit, sich via Internet leicht zu einer Demo verabreden zu können. Hier wird das Recht der Meinungsfreiheit für Rechtsmissbrauch benutzt. Man sollte unsinnige Demonstrationen verbieten können und vor allem sollte mehr rechtsstaatliche Kontrolle der sozialen Medien gegen die Verbreitung von Falschinformationen ermöglicht werden. Erfreulicherweise hat der Gesetzgeber dieses Thema endlich aufgenommen.

Wie bewältigt Ihre Generation die Pandemie-Folgen im Vergleich zu den Jüngeren – sehen Sie da einen Unterschied?

Die Seniorengeneration, der ich angehöre, hat zwar im Vergleich zu den jüngeren Generationen eine höhere Gefährdung und damit Todesrate zu verzeichnen. Aber alle anderen Beeinträchtigungen wie Einkommensverluste infolge Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit oder Existenzsorgen von selbstständigen Unternehmern und Gewerbetreibenden stehen bei den Senioren nicht an. Auch finanzielle Sorgen dürften in meiner Altersgruppe weniger auftreten, da in Deutschland die Mehrheit der Senioren mit Altersbezügen aus Renten, Pensionen, Altersversicherungen oder Vermögensrenditen "ausgesorgt" hat.

Was wünschen Sie sich für Senioren und Menschen im Ruhestand für den weiteren Verlauf der Corona-Krise?

Eigentlich für Senioren dasselbe wie auch für alle anderen Altersgruppen: Ich wünsche mir, dass wir alle diese Pandemie ohne Infektion überstehen und dass recht bald sowohl eine wirksame Therapie als auch Impfstoffe zur Verfügung stehen. Mein Dank gilt aber auch den großen Teilen der jüngeren Generationen, die uns Senioren bei der Krisenbewältigung unterstützt oder gar gepflegt haben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hoss.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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