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Lässt sich die Omikron-Ausbreitung noch stoppen?

Von dpa, mwe

Aktualisiert am 17.12.2021Lesedauer: 6 Min.
Eine junge Frau wird vor ihrer Impfung aufgeklärt: Wie wirkt sich die neue Coronavariante auf die Impfkampagne aus?
Eine junge Frau wird vor ihrer Impfung aufgeklärt: Wie wirkt sich die neue Coronavariante auf die Impfkampagne aus? (Quelle: /dpa-bilder)
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Zu Omikron sind mehr Fragen offen als beantwortet. Doch Studien liefern neue Hinweise – etwa dazu, ob die Variante ansteckender oder sogar krankmachender ist. Und mit welchem Schutz Geimpfte rechnen können.

Das Wichtigste im Überblick


Mit Omikron breitet sich eine Corona-Variante international aus, vor der selbst Geimpfte und Genesene keinen optimalen Schutz haben. Der für das Virus empfängliche Teil der Bevölkerung dürfte sich damit im Vergleich zur Lage mit der Delta-Variante erheblich vergrößern, schätzen Experten.


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Da Omikron relativ neu ist, lassen sich viele Eigenschaften aber noch nicht mit Sicherheit beschreiben. "Es sind noch mehr Fragen über Omikron offen als beantwortet", sagte die Infektiologin Jana Schroeder der Nachrichtenagentur dpa.

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Was macht Omikron so gefährlich?

Die Variante hat auffällig viele Erbgutveränderungen an Schlüsselstellen. Mehr als 30 Mutationen betreffen das sogenannte Spike-Protein, mit dem das Virus menschliche Zellen entert. Das Problem: Die bisherigen Impfstoffe sind auf das Spike-Protein des Coronavirus vom Pandemiebeginn ausgerichtet. Verändert sich ein Virus so, dass Antikörper von Genesenen und Geimpften weniger gut ansprechen, nennen Fachleute dies Immunflucht.

Daneben gebe es Hinweise unter anderem aus genetischen Analysen, dass Omikron per se ansteckender sei als Delta, sagte Modellierer Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität Berlin. Allein die Immunflucht könne die Wachstumsraten nicht erklären. Erste Daten aus Südafrika und England gehen bei der Übertragung der Variante von einer Zuwachsrate von 25 Prozent aus. Das käme einer Verdoppelung alle vier Tage gleich.

Mit welchem Schutz können Geimpfte noch rechnen?

Der Schutz vor schwerer Erkrankung dürfte vielen Experten zufolge auch bei Omikron erhalten bleiben. "Daten, die das sicher belegen, fehlen aber noch", sagte Schroeder. Bisherige Labortests deuten darauf hin, dass mit der Variante Infektionen bei Geimpften drohen. Omikron dürfte eher die erste Abwehrlinie, die Antikörper, überwinden können. Das Immunsystem Geimpfter hat aber noch weitere Mittel, sich zur Wehr zu setzen.

Der Schutz vor einer Weitergabe des Virus durch Geimpfte dürfte bei Omikron erheblich beeinträchtigt sein, erwartet Schroeder. Insbesondere Menschen, die erst zweifach geimpft sind, dürften sich nicht in zu großer Sicherheit wiegen und das Testen vernachlässigen. "Am besten wäre es, wenn sich die Menschen so vorsichtig verhalten würden wie zu Pandemiebeginn, als es noch keinen Impfstoff gab."

So hoch fällt die Impfstoffwirkung konkret aus

Die Hersteller Biontech/Pfizer werteten zwei Impfstoff-Dosen als nicht ausreichenden Schutz vor einer Infektion. Eine Bevölkerungsstudie aus Großbritannien ergab, dass die Wirksamkeit gegen eine symptomatische Infektion mit Omikron 15 Wochen nach der zweiten Dosis Biontech auf 34 Prozent sinkt.

Menschen, die mit zwei Dosen des Astrazeneca-Präparats geimpft worden waren, hatten keinen Schutz mehr vor symptomatischer Infektion. Zwei Wochen nach einer Booster-Impfung stieg die Effektivität bei beiden Präparaten auf über 70 Prozent.

Was bringt ein Booster?

Mit der Auffrischungsimpfung können Antikörperspiegel zum Schutz vor Ansteckung zwar wieder angehoben werden, er ist nach bisherigen Erkenntnissen aber nicht perfekt. Es sind bereits Omikron-Fälle bei dreifach Geimpften bekannt.

Die Virologin Sandra Ciesek von der Uniklinik Frankfurt warnte daher, dass eine Konzentration auf die Booster-Kampagne nicht reichen werde, auch weil der Schutz wieder nachlasse.

Sandra Ciesek: Der Expertin zufolge ist auch eine Auffrischungsimpfung kein hundertprozentiger Schutz vor einer Infektion mit Omikron.
Sandra Ciesek: Der Expertin zufolge ist auch eine Auffrischungsimpfung kein hundertprozentiger Schutz vor einer Infektion mit Omikron. (Quelle: Kay Nietfeld/dpa-bilder)

"Im Moment habe ich das Gefühl, dass vermittelt wird: 'Lassen Sie sich boostern und die Welt ist wieder gut.' Das ist nicht so", sagte die Expertin. Insbesondere bei Kontakt mit Risikogruppen sei Vorsicht geboten.

Ciesek hatte vor Kurzem erste Labordaten vorgelegt, die auf eine vergleichsweise schwache Abwehrreaktion gegen die stark mutierte Variante hindeuten. Bei Menschen, bei denen die Zweitimpfung bereits ein halbes Jahr zurücklag, habe kaum mehr Schutz vor einer Omikron-Ansteckung bestanden. Zwei Wochen nach einem Booster sei der Schutz vor Omikron je nach Impfstoff wieder auf 58 bis 78 Prozent gestiegen. Im weiteren Verlauf, etwa nach drei Monaten, falle er aber erneut ab, so die Virologin.

Wie sehr ist Omikron hierzulande schon verbreitet?

"Omikron breitet sich mit einer Geschwindigkeit aus, die wir bei keiner vorherigen Variante gesehen haben", sagte der Chef der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus am 14. Dezember in Genf. Laut WHO haben 77 Länder Nachweise gemeldet. Vermutlich sei Omikron jedoch bereits in den meisten Ländern, nur noch unerkannt. Zum Beispiel in Südafrika und Großbritannien werden deutliche Fallzahlenanstiege auf Omikron zurückgeführt.

Hierzulande scheint die Verbreitung nach den aktuell verfügbaren Daten noch sehr gering zu sein, aber es werden auch längst nicht alle positiven Proben auf Varianten untersucht. Außerdem gibt es einen Zeitverzug bei der Auswertung. Laut RKI hat die Delta-Variante noch klar die Oberhand.

Insgesamt waren bis 7. Dezember knapp 30 Nachweise durch vollständige Erbgutanalysen verzeichnet, hinzu kamen 36 Verdachtsfälle. Der Anteil der Fälle, für die eine Gesamtgenomsequenzierung gemacht wurde, ist laut RKI jedoch zuletzt kontinuierlich gesunken. Er lag jüngst mit zwei Prozent klar unter den angestrebten fünf Prozent.

Lässt sich die Omikron-Ausbreitung noch stoppen?

In Großbritannien nahmen Experten eine Verdopplung der Fallzahl alle zwei bis drei Tage an, womöglich verbreitet sich die Variante sogar noch schneller. Nach Einschätzung der EU-Gesundheitsbehörde ECDC dürfte Omikron schon in den ersten beiden Monaten 2022 zur dominierenden Variante in Europa werden.

Der Berliner Modellierer Brockmann schilderte für Deutschland die Lage für Omikron so: Beim geboosterten Teil der Bevölkerung – etwa ein Viertel – sei die Übertragungswahrscheinlichkeit verringert, allerdings nicht dauerhaft. Bei den übrigen Menschen könne der Erreger übertragen werden, auch "weil die erste und zweite Impfung praktisch nicht wirksam sind, was die Ausbreitungsdynamik angeht", sagte Brockmann.

Die Omikron-Ausbreitung noch zu stoppen werteten Ciesek und Brockmann als ausgeschlossen, sie könne nur verlangsamt werden. Brockmann zog einen Vergleich mit dem Lockdown vom Frühjahr 2020, mit dem die erste Welle gebrochen worden sei. Damals sei das Virus aber nicht so übertragbar gewesen wie nun Omikron. "Ich bin da relativ pessimistisch, dass man mit Maßnahmen das Ding so brechen kann wie in der ersten Welle." Es gelte aber, alles zu tun, um den Schaden möglichst kleinzuhalten.

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Was man für Deutschland noch bedenken muss

Was Deutschland zum Beispiel von Großbritannien und anderen Ländern unterscheide, seien die geltenden Maßnahmen, sagte Schroeder. "Wir lassen dem Virus im Moment nicht freien Lauf." Die Vorzeichen hält sie dennoch gerade für problematisch: Die Gesundheitsämter seien bei der Kontaktnachverfolgung in der laufenden Delta-Welle bereits am Limit, auch Laborergebnisse ließen teils länger auf sich warten.

"Wenn in dieser Situation noch eine neue, ansteckendere Variante wie Omikron hinzukommt, kann man diese nicht so effektiv eindämmen wie in einer Zeit mit niedriger Inzidenz."

Wie schwer verlaufen Omikron-Infektionen?

Das lässt sich für Deutschland noch nicht sicher beantworten. Es gibt erste Beobachtungen über relativ milde Verläufe in Südafrika. Aber Experten gehen eher nicht davon aus, dass es sich dabei um eine Eigenschaft des Virus handelt. Denn die Angaben stützen sich auf relativ geringe Fallzahlen bei eher jungen Betroffenen. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen in Südafrika bereits als von Corona genesen gelten. Die WHO hielt kürzlich fest: "Wenn sich das klinische Profil der Patienten ändert, kann sich die Wirkung von Omikron ändern."

Für eine relativ alte Gesellschaft mit vielen Ungeimpften wie in Deutschland kann das Bild somit anders ausfallen als in Südafrika. Britische Experten betonten zudem, dass viele Infektionen erst vor recht kurzer Zeit erfolgten, aber es brauche ja einige Zeit bis zur Krankenhauseinweisung oder dem Tod. Selbst falls Omikron weniger schwer krank machen sollte, so könnte doch die schiere Zahl der Fälle unvorbereitete Gesundheitssysteme überfordern, mahnte die WHO.

Corona-Impfung: In Deutschland können nun auch Kinder ab fünf Jahren gegen das Virus immunisiert werden.
Corona-Impfung: In Deutschland können nun auch Kinder ab fünf Jahren gegen das Virus immunisiert werden. (Quelle: CTK Photo/imago-images-bilder)

Gesicherte Erkenntnisse dazu, wie es um Kinder steht, wenn sie sich mit Omikron infizieren, gibt es bislang nicht. Erste Berichte über schwere Verläufe bei kleinen Kindern sind deutschen Fachleuten zufolge noch als vorläufig zu betrachten. Auch bei früheren Varianten habe es anfangs ähnliche Berichte gegeben, die sich dann nicht bewahrheiteten.

Der Virologe Christian Drosten sagte kürzlich, er erwarte nicht, dass Omikron harmlos sei für Menschen, deren Immunsystem weder durch Impfung noch durch Infektion auf SARS-CoV-2 vorbereitet ist.

Was raten Experten gegen Omikron?

Die Welle flachhalten: Das ist das Motto, das viele Wissenschaftler und die WHO ausgeben. Auf die Kombination von Maßnahmen komme es an: "Do it all. Do it consistently. Do it well (Macht alles. Macht es konsequent. Macht es gut)", sagte WHO-Chef Ghebreyesus. Das Impfen allein werde kein Land aus dieser Krise bringen. Es brauche zusätzlich etwa Masken, Abstand, Lüften, Handhygiene.

Deutsche Experten riefen zuletzt zu schnellem, vorsorglichem Handeln auf. Man müsse auf alle möglichen Szenarien vorbereitet sein. Auch auf den Worst Case wie etwa steigende Krankenhausbelegungen. Man dürfe sich nicht darauf verlassen, dass es potenziell mildere Verläufe geben werde, sonst laufe man "sehenden Auges in die Katastrophe", sagte Christoph Neumann-Haefelin, Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Virusimmunologie am Universitätsklinikum Freiburg.

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Auf die Frage, ob ein Lockdown zu erwägen sei, sagte Modellierer Brockmann: "Man muss über alles nachdenken, aber nicht so lange." Er fürchte, dass es zu einer Kaskade unerwarteter Ereignisse kommen könnte. Bei sehr vielen Fällen gleichzeitig drohe zum Beispiel auch, dass Krankenhauspersonal ausfällt.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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