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Fleisch-Debatte in Deutschland: Wie stirbt eigentlich ein Bio-Rind?

Fleisch-Debatte  

Wie stirbt eigentlich ein Bio-Rind?

18.07.2020, 17:26 Uhr
Fleisch-Debatte in Deutschland: Wie stirbt eigentlich ein Bio-Rind?. Deutsches Rind (Quelle: imago images/CHROMORANGE)

Deutsches Rind auf der Weide: Aktuell müssen Rinder das gesamte Jahr im Freien leben, damit sie per Weidetötung geschlachtet werden dürfen. (Quelle: CHROMORANGE/imago images)

Schlachten ist immer ein Prozess des Tötens zur Fleischgewinnung. Tiere aus konventioneller Haltung enden oft in gigantischen Schlachtfabriken. Doch auch bei Tieren aus der ökologischen Landwirtschaft verläuft das Sterben nicht unbedingt sanfter.

Ein Schuss in den Kopf des Bullen führt zum Hirntod. Dann wird er kopfüber an eine Art Trekkerschaufel gehängt. Seine Halsschlagadern werden aufgeschnitten – das Tier blutet aus. Dabei wird das Blut in einer Auffangeinrichtung gesammelt. Sein Herz muss zunächst weiter schlagen, sonst fließt das Blut nicht. Das alles geschieht inmitten der Herde auf der Weide. Tanja Ketteler und ihr Mann Jörg Klein-Heßling arbeiten auf ihrem Biohof in Borken im Münsterland mit sogenannten Weideschlachtungen. Diese gelten als für die Tiere besonders stressfreie Art der Tötung.

Beim konventionellen Schlachten von Rindern in den großen Schlachthöfen wird in der Regel ein Bolzenschussgerät eingesetzt, um das Tier zu betäuben. Dazu wird das Tier in einer Box fixiert, aus der lediglich der Kopf herausschaut. Danach wird entweder die Hauptschlagader aufgeschnitten oder dem Tier ein Bruststich verpasst. Das Tier stirbt am Blutentzug.

Seit den Corona-Fällen bei Schlachthof-Mitarbeitern sind Bilder von an großen Haken hängenden, zersägten Tierkadavern in den gigantischen Hallen der Massenschlachtbetriebe wie Tönnies oder Westfleisch überall präsent. Es wird über unterirdische Arbeitsbedingungen in fleischverarbeitenden Betrieben diskutiert und über Qualen, die Tiere zum Teil bei ihrer Schlachtung erleiden.

Will ein Verbraucher diese Umstände nicht unterstützen, kommt schnell der Griff zum Biofleisch in den Sinn. Tiere haben auf Biohöfen ein besseres Leben. Mehr Platz, Luft und Auslauf. Doch was gilt beim Schlachten? Stirbt ein Tier aus ökologischer Haltung einen sanfteren Tod oder ist das Ende aller Nutztiere gleich?

Schlechte Erfahrungen mit dem Bio-Schlachthof

Einen Massenschlachthof hat Ökolandwirt Klein-Heßling noch nie von innen gesehen. Einmal habe er ein Tier an einen Großhändler verkauft. Er musste das Tier zu einem kleineren Bio-Schlachthof bringen, wo er schlechte Erfahrungen machte. Auch bei diesen Schlachtbetrieben geht es oft rabiat zu: präsent sind ständiges Gequieke und Gemuhe der Tiere sowie laut brüllende Mitarbeiter. "Wenn das schon auf einem Bio-Schlachthof so ist, wie sieht es dann auf einem normalen Schlachthof aus?" fragt sich der Landwirt. Er ist froh, dass er seine Tiere nicht mehr auf Schlachthöfe bringen muss.

Klein-Heßling vom Hof Ketteler hat Glück. Ihr Metzger ist nur wenige Minuten Fahrt entfernt. Es ist ein kleines Familienunternehmen. Seinen Bullen verlädt Klein-Heßling, sobald er ausgeblutet ist, auf einen Hänger und fährt damit zum Schlachtbetrieb. Dort wird das Tier zerlegt.

Zentralisierung der Fleischverarbeitung trifft Ökolandbau

Immer weniger Biobauern haben wie Klein-Heßling die Möglichkeit, zum Metzger um die Ecke zu fahren. Von den Metzgerbetrieben, die selbst schlachten, hat in Deutschland laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in den vergangenen zehn Jahren ein Viertel dicht gemacht. Auch würden viele kleinere Schlachthöfe, in denen Biofleisch verarbeitet wird, schließen.

Zudem ist es nicht für alle Biohöfe möglich, in kleinen Mengen zu schlachten. Besonders dann, wenn sie für den Großmarkt produzieren. Gleichzeitig sei der Markt für Bio-Fleisch aber noch immer klein, sagt Frigga Wirths vom Deutschen Tierschutzbund. Entsprechend "hat es sich bisher nicht gelohnt, größere Schlachthöfe nur für Biotiere zu errichten."

Eine kleine Anzahl von Betrieben dominiert die Schlachtbranche in Deutschland. 80,1 Prozent der der Schweine wurden 2019 in den zehn größten Unternehmen geschlachtet. Bei Rinderschlachtungen ist Vion mit 750.000 Schlachtungen im Jahr 2018 Marktführer. Tönnies liegt auf dem zweiten Platz mit 425.000 schon deutlich darunter. Genaue Zahlen für Schlachthöfe mit Bio-Zertifikat werden laut Verband der Fleischwirtschaft nicht erfasst.

Gleiche Schlachthöfe, gleiche Bedingungen

Oft enden Tiere aus ökologischer und konventioneller Landwirtschaft daher in den gleichen großen Schlachthöfen. Auch Tönnies schlachtet Bio-Fleisch und ist, einem Bericht der "Welt" zufolge, sogar Marktführer unter den Bioschlachtern in Deutschland. Ein Sprecher des Unternehmens sagte der "Welt": "Bio ist keine Frage der Schlachtung und Verarbeitung, sondern der Tierhaltung." Der Verband für Fleischwirtschaft bestätigte t-online.de, grundsätzlich würden bei der Schlachtung für beide Haltungsformen hinsichtlich Tierschutzes und Fleischhygiene die gleichen Anforderungen gelten.

Wer Biotiere schlachten will, braucht dafür eine Lizenz. Die Betriebe müssen nachweisen, dass sie konventionelles und ökologisches Fleisch voneinander getrennt verarbeiten. Was das Schlachten selbst angeht, besagt die EU-Ökoverordnung: "Ein Leiden der Tiere, einschließlich Verstümmelung, ist während der gesamten Lebensdauer der Tiere sowie bei der Schlachtung so gering wie möglich zu halten." Für den Umgang mit Tieren, die der Bio-Bauer am Schlachthof abliefert, gelten keine Sonderregeln.

Stressiger Transport zum Schlachthof

Da es immer weniger und größere Schlachtbetriebe gibt, werden die Transportwege länger. Dabei ist der Transport für Tiere immer stressig. Auch Klein-Heßling hat seine Bullen früher lebendig verladen. Doch einmal sei ein Bulle beim Verladen durchgedreht. Eine sehr gefährliche Situation für die Verlader. Der Landwirt ist sich sicher: "Die Tiere stehen beim Transport unter Todesangst", denn sie würden spüren, wo es hingeht.

Die EU-Ökoverordnung besagt lediglich: "Die Dauer von Tiertransporten muss möglichst kurz gehalten werden." Es gelten damit die gleichen Vorschriften wie für Tiere aus konventioneller Haltung: acht Stunden Transport ohne Wasser sind demnach möglich. Mit Wasserversorgung dürfen Rinder 14 Stunden, Schweine sogar 24 Stunden – ohne Pause – transportiert werden.

Dabei sollte Stress für die Tiere unbedingt vermieden werden. Das gilt nicht nur aus Tierschutzsicht, sondern wirkt sich auch direkt auf die Beschaffenheit des Fleisches aus. Ein verängstigtes Tier stößt Stress- und Angsthormone aus. Dadurch wird das Fleisch entweder wässrig und schrumpft beim Braten zusammen, oder es wird zäh und seine Haltbarkeit reduziert sich.

Perspektiven für mehr Tierwohl bis zum Schlachten

Die EU-Vorschriften für ökologische Tierhaltung hören bei Transport und Schlachtung auf. Dabei gibt es viele Bio-Landwirte und Verbraucher, denen das Tierwohl bis zum letzten Moment wichtig ist. Auch der Tierschutzbund sagt, dass eine Schlachtung direkt auf dem Hof die beste Option sei. Ein Umdenken in der Branche und vor allem bei den Verbrauchern entwickelt sich. 

Klein-Heßling gehen die Bio-Vorschriften der EU nicht weit genug. Der Hof ist ein Bioland-Betrieb. Anbauverbände wie Bioland, Demeter oder Naturland setzen sich für strengere Standards in der ökologischen Landwirtschaft ein und sie begrenzen die Transportzeit zum Schlachthof auf vier Stunden und eine Strecke von 200 Kilometern. Zudem darf nur in Betrieben geschlachtet werden, die von den Verbänden selbst geprüft wurden. Klein-Heßling berichtet, dass sie inzwischen Fleisch nach ganz Deutschland verschicken und über Monate ausverkauft seien.

Weideschlachtungen sind bislang nur mit einer schwierig zu erhaltenden Lizenz erlaubt. Sie dürfen ausschließlich bei Rindern durchgeführt werden. Voraussetzung ist: Diese müssen das ganze Jahr lang im Freien leben. Das Thema ist inzwischen in der Politik angekommen. Der Bundesrat hat im Juni auf Antrag des Landes Bayern beschlossen, sich für eine erleichterte Zulassung von Weideschlachtungen einzusetzen. Auch Schweine sollen dann so geschlachtet werden dürfen. Zudem soll es reichen, wenn die Tiere nur im Sommer draußen leben.

Verwendete Quellen:

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