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Wie teuer sollten Lebensmittel sein?

Von dpa
Aktualisiert am 28.12.2021Lesedauer: 3 Min.
Verbraucher zahlen f├╝r Lebensmittel selten den "wahren Preis".
Verbraucher zahlen f├╝r Lebensmittel selten den "wahren Preis". Durch die Produktion verursachte Umweltsch├Ąden sind in der Regel nicht mit eingepreist. (Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa./dpa)
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Berlin/Wiesbaden (dpa) - Beim Einkaufen ist es nicht zu ├╝bersehen: Die Preise f├╝r Lebensmitteln steigen derzeit stark. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lagen sie im November um satte 4,5 Prozent ├╝ber dem Vorjahresniveau.

Nicht zuletzt Fleisch und Molkereiprodukte verteuerten sich kr├Ąftig. Zugleich wettert Landwirtschaftsminister Cem ├ľzdemir (Gr├╝ne) ├╝ber "Ramschpreise" f├╝r Agrarprodukte und Landwirte fordern lautstark mehr Geld. Wie teuer sollten Lebensmittel eigentlich sein?

Die Preise in Europa

Fest steht: Nahrungsmittel und alkoholfreie Getr├Ąnke sind in einigen europ├Ąischen L├Ąndern deutlich teurer als in Deutschland. In der Schweiz m├╝ssen die Menschen nach Angaben desStatistischen Bundesamtesf├╝r Lebensmittel fast 60 Prozent mehr zahlen, in Norwegen 45 Prozent und in Irland 14 Prozent mehr. In anderen L├Ąndern wie Frankreich (4 Prozent), ├ľsterreich (3 Prozent) oder Italien (1 Prozent) bewegen sich die Preise dagegen auf einem ├Ąhnlichen Niveau wie in der Bundesrepublik. Und in Gro├čbritannien, den Niederlanden, Spanien und vor allem in vielen L├Ąnder Osteuropas ist der Einkauf sogar deutlich billiger. Bei der Suche nach dem "richtigen" Preis hilft das allerdings kaum weiter.

Die Ausgabenbereitschaft der Verbraucher

Bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern in Deutschland ist die Bereitschaft, f├╝r gutes Essen etwas mehr auszugeben, zuletzt gestiegen. "In der Corona-Zeit waren die Menschen bereit, h├Âhere Preise f├╝r Nahrungsmittel zu zahlen und haben h├Âhere Qualit├Ąt nachgefragt", sagte der Handelsexperte Robert Kecskes vom Marktforschungsunternehmen GfK. Ein Grund daf├╝r sei sicher, dass durch coronabedingt ausgefallenen Gastronomie-, Kino- und Konzertbesuche mehr Geld in der Kasse gewesen sei. Ob der Trend nach der Pandemie anhalte, m├╝sse sich noch erweisen.

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Zuletzt wurde Kecskes zufolge in Deutschland auf jeden Fall weniger, aber daf├╝r h├Âherwertiges Fleisch gekauft. Allerdings schr├Ąnkte der Branchenkenner auch ein: "Damit sind wir noch lange nicht bei Preisen die ad├Ąquat sind, weil die Menschen jahrzehntelang auf superg├╝nstige Fleischpreise sozialisiert worden sind."

Die W├╝nsche der Bauern

Dem w├╝rde Bauernverbandspr├Ąsident Joachim Rukwied wohl uneingeschr├Ąnkt zustimmen. Er sagte der "Bild"-Zeitung (Dienstag): "Unsere hochwertigen Lebensmittel haben einen h├Âheren Preis verdient." Hierzu m├╝ssten alle beitragen, von der verarbeitenden Industrie ├╝ber den Handel bis zu den Verbrauchern. Der Handelsverband Deutschland (HDE) warnte unterdessen vor Mindestpreisen. Ein solcher Eingriff in die Freiheit des Handels sei unverh├Ąltnism├Ą├čig und "wahrscheinlich auch verfassungswidrig".

Die Realit├Ąt an der Kasse

Allerdings ist auf den guten Willen der Verbraucher allein nicht unbedingt Verlass. "Dass sich das Problem allein durch die Einsicht der Verbraucher l├Âsen l├Ąsst, ist kaum zu erwarten", meint der Marketing-Experte Ulrich Enneking von der Hochschule Osnabr├╝ck. Der Professor verweist auf einen Feldversuch, in dem er vor Ausbruch der Pandemie die Ausgabenbereitschaft der Kunden in der Realit├Ąt testete. In 18 Superm├Ąrkten und Discountl├Ąden hatten Verbraucher dabei zwei Monate lang bei Bratwurst, Minutensteak und Gulasch aus Schweinefleisch die Wahl zwischen einer Billig-Variante ohne Tierwohl-Anspruch, teurem Bio-Fleisch und einem Tierwohl-Produkt im mittleren Preissegment. Das Ergebnis: Fast drei Viertel der Kunden bevorzugten das Billigangebot. Daran ├Ąnderten auch gro├če Hinweisschilder, die auf das Tierwohlangebot hinwiesen, nichts. F├╝r Enneking steht deshalb fest: "Es geht nicht ohne politische Ma├čnahmen - ob das ├Âkonomische Anreize sind oder einfach Verbote."

Die "wahren Kosten von Lebensmitteln"

Eigentlich m├╝ssten Fleisch, Milch und K├Ąse nach einerStudiedes Wirtschaftsinformatikers Tobias Gaugler viel mehr kosten, als heute ├╝blicherweise verlangt wird. "Umweltsch├Ąden finden aktuell keinen Eingang in den Lebensmittelpreis. Stattdessen fallen sie der Allgemeinheit und k├╝nftigen Generationen zur Last", bem├Ąngelte der am Lehrstuhl f├╝r Nachhaltigkeitswissenschaft der Universit├Ąt Greifswald t├Ątige Wissenschaftler schon im vergangenen Jahr. W├╝rden in den Preisen die Folgen der bei der Produktion entstehenden Treibhausgase, die Folgen der ├ťberd├╝ngung, der Energiebedarf und andere Effekte ber├╝cksichtigt, m├╝sste der Studie zufolge Hackfleisch fast drei Mal so teuer seien; Milch und Gouda m├╝ssten fast doppelt so viel kosten.

Bei den Preisen umzusteuern sei eine gro├če Herausforderung, sagte Gaugler. Nat├╝rlich k├Ânne man versuchen, an einzelnen Stellschrauben zu drehen: etwa den Verkauf von Lebensmitteln zu Dumpingpreisen verbieten oder die Mehrwertsteuer f├╝r Bioprodukte senken. Doch eigentlich m├╝sse es darum gehen, einen gro├čen Wurf zu wagen.

Vorbild Kohleausstieg

Dazu m├╝sse man zuerst kl├Ąren, wo man als Gesellschaft hinwolle: beim Tierwohl, bei dem Erhalt der Umwelt, bei den Produktionsbedingungen in den Herkunftsl├Ąndern von Kaffee oder Bananen, aber auch wie man mit den sozialen Aspekten einer Verteuerung der Lebensmitteln in Deutschland umgehe. Eine wichtige Frage sei auch, ob die Auswirkungen der Nahrungsmittel auf die Gesundheit wie beim Tabak in die Preisgestaltung einflie├čen sollten.

Letztlich sei wohl eine Ern├Ąhrungs- und Agrarwende n├Âtig, die aber ohne pl├Âtzliche Br├╝che erfolgen m├╝sse, meinte Gaugler. Machbar w├Ąre das in seinen Augen. Vorbild k├Ânne vielleicht der Kohleausstieg sein.

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