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Gefangen im Paradies: Deutsche Urlauber im Corona-Chaos in Panama

Gefangen im Paradies  

Deutsche Urlauber im Corona-Chaos

23.03.2020, 11:56 Uhr
Gestrandet im Urlaub: t-online.de-Redakteurin meldet sich aus Panama

t-online.de-Redakteurin Janna Halbroth kommt derzeit nicht aus ihrem Urlaubsort in Lateinamerika weg. Wie die Gefühlslage ist und was die Probleme vor Ort sind, beschreibt sie im Video. (Quelle: t-online.de)

Gestrandet in Panama: t-online.de-Redakteurin Janna Halbroth beschreibt ihre Gefühlslage und was die Probleme vor Ort sind. (Quelle: t-online.de)


Falsche oder fehlende Informationen, Angst vor der Ungewissheit und Menschen, die sich anders verhalten als gedacht. t-online.de-Redakteurin Janna Halbroth ist eine von rund 1.500 gestrandeten deutschen Urlaubern.

CORONA steht in großen Buchstaben auf dem Lkw, der auf einer verlassenen Straße vor uns her fährt. Links und rechts nichts weiter als der Dschungel und endlos erscheinende Berge. Der Lkw ist uns immer eine Knautschzone voraus, bremst uns aus, nimmt uns die Sicht auf alles, was dahinter liegt. Das Einzige, was wir sehen, ist Corona. Wer hätte gedacht, dass ein nerviger Lastwagen Sinnbild für unseren zweiwöchigen Trip durch Panama sein würde. Wir jedenfalls nicht.

Ein Lkw mit der Aufschrift CORONA – ein Sinnbild für die Reise? (Quelle: privat)Ein Lkw mit der Aufschrift CORONA – ein Sinnbild für die Reise? (Quelle: privat)

Während um uns herum zahlreiche Reisen abgesagt werden, zum Beispiel in die USA, nach Norwegen oder Polen, können wir unser Glück kaum fassen. "Der Flug nach Panama findet statt", sagt uns der Flughafenmitarbeiter in Tegel und wir sind überglücklich. Zu diesem Zeitpunkt können wir noch nicht ahnen, dass auch unsere Reise besser hätte abgesagt werden sollen.

Die Lage ändert sich schnell

Vor der Ankunft in Panama müssen wir einige Fragen beantworten: Wo haben wir uns vor der Abreise aufgehalten, fühlen wir uns schlecht und so weiter. Am Flughafen dann wird unsere Temperatur gemessen, demnach sind wir gesund, unser Urlaub konnte starten.

Panama gilt zu Beginn unserer Reise noch als Land mit wenigen Coronavirus-Fällen. Die Lage wirkt entspannt. Nach wenigen Tagen ändert sich die Situation jedoch. Museen werden geschlossen, Ausflugstouren nicht mehr angeboten und dann die Nachricht: 30-tägiger Ein- und Ausreisestopp nach Europa.

Schnell fassen wir einen Plan: Wir vertrauen darauf, dass unsere Airline uns über ein anderes Land umbuchen würde. Vielleicht über die USA, wenn wir 14 Tage nicht mehr im Schengenbereich sein würden, stünde einer Ausreise durch die USA nichts im Wege. Wir beantragen ESTA, tragen uns in diverse Listen vom Auswärtigen Amt ein und hoffen darauf, dass alles gut werden würde.

Wir machen uns mit einem Mietwagen auf die Weiterreise in die Provinz Chiriqui, da wir der Großstadt Panama City entfliehen wollen. Während der fünf Stunden Fahrt wird eine Verordnung für das ganze Land erlassen, nur wir bekommen davon nichts mit, fahren nichtsahnend weiter, überqueren eine Grenze, wieder wird unsere Temperatur gemessen, ein Beamter wünscht uns auf Deutsch einen guten Tag. Ein anderer ruft uns hinterher: "Ihr seid jetzt in der Zone. Viel Glück!" Wir verstehen nicht, was das bedeuten soll.

Versteckt im Hotelzimmer

Als wir in unserem Hotel ankommen, herrscht dort Stille und Leere. Ein Mitarbeiter sagt, es sei geschlossen, wegen des Virus. Er hält uns einen Zettel vor die Nase: "El Decredo!" (auf Deutsch: "Eine Verordnung"). Hotels müssten geschlossen werden, Strände seien gesperrt. Mitten im Nirgendwo stehen wir nun also mit unseren dicken Koffern, ratlos und hilflos. Dann ein Lichtblick: Wir können im Hotel bleiben, wenn wir uns im Zimmer verstecken. Eine wirkliche Wahl haben wir nicht. Also nehmen wir an.

Ein weiteres Paar aus den Niederlanden "versteckt" sich ebenfalls in dem Hotel. Wir tauschen uns aus, beruhigen uns gegenseitig. Wir essen auf ihrer Terrasse zusammen Abendbrot. Zusammen ist man eben wirklich weniger allein.

Am nächsten Tag machen wir uns auf die Weiterreise, denn eingesperrt und versteckt in einem Hotelzimmer wollten wir trotz der netten Leidensgenossen nicht sein. Unser Ziel: die Inselgruppe Bocas del Toro. Der Hotelangestellte rät uns ab, es gebe Straßensperrungen. Wir sollten lieber im Hotel bleiben. Er bietet uns eine Rate an, einen guten Preis. Es sei sicherer für uns, es gebe außerdem Unruhen. Europäer seien nicht gern gesehen.

So langsam ereilt uns ein Gefühl, ob bei all der Sorge um uns vielleicht auch ein gutes Geschäft für das Hotel herausspringen könnte. Verständlich, schließlich ist die Situation auch für die Hoteliers gerade schlecht. Und tatsächlich: keine Straßensperrungen, keine Probleme. Wir kommen an unser Ziel, können zum ersten Mal aufatmen. Bis zur nächsten Nachricht.

Überbucht, ausgebucht, weggebucht

Panama stoppt auch den internationalen Flugverkehr. In drei Tagen ist keine Ein- und Ausreise mehr möglich. Mitten in der Nacht telefonieren wir über eine Stunde mit unserer Airline. Es ist nichts zu machen, alle Flüge sind überbucht, ausgebucht, weggebucht. Wie man es auch nennen mag, wir sitzen fest. Wir sind im Paradies gefangen. Man will uns einerseits nicht hier haben, was durchaus verständlich ist. Aber andererseits lässt man uns auch nicht gehen.

Die einzige Hoffnung ist nun noch eine Rückholaktion durch die Bundesregierung – doch via Twitter teilt man uns auf Anfrage mit: "Eine Rückholaktion aus Panama ist derzeit nicht geplant." Man solle sich selbst um eine Rückreise kümmern und sich in die Liste zur Rückholung eintragen. Die Liste ist seit Tagen nicht mehr aufrufbar, Flüge sind nicht mehr buchbar.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass wir uns gewissermaßen selbst diesen Schlamassel eingebrockt haben. Wir hätten die Reise nicht antreten sollen, hätten zu Hause bleiben sollen, als es noch möglich war. Wir haben die Situation unterschätzt, ganz klar.

Eine Unterkunft mitten im Urwald: ein traumhafter Rückzugsort, an dem zur Zeit aber nicht an Abschalten zu denken ist. (Quelle: privat)Eine Unterkunft mitten im Urwald: ein traumhafter Rückzugsort, an dem zur Zeit aber nicht an Abschalten zu denken ist. (Quelle: privat)

Aktuell sind wir in einem Hotel, das uns aufgenommen hat. Es ist eine kleine Anlage im Regenwald. Die Besitzer, eine kleine Familie, wohnen nebenan. Die Hotelangestellten leiden mit uns, beruhigen uns, haben immer ein offenes Ohr für uns, die Touristen, von denen sie einerseits leben, die ihnen aber auch eine bedrohliche Krankheit gebracht haben. So viel Verständnis haben wir nicht erwartet, aber es hilft uns in diesen Tagen sehr.

Überrascht hat uns vor allem auch der Zusammenhalt der Urlauber untereinander. Wir tauschen Nummern aus mit anderen Gestrandeten und halten uns gegenseitig über unsere Pläne auf dem Laufenden. Wir sprechen uns Mut zu, geben uns Tipps, lachen zusammen und teilen unsere Sorgen.

In WhatsApp-Gruppen werden Listen hin- und hergeschickt, Hotelerfahrungen geteilt und Airbnbs weitergegeben. Während wir aus Deutschland hören, dass Toilettenpapier gehortet wird und manch einer sich und seinem Einkaufswagen selbst der Nächste ist, schweißen die Urlauber sich zusammen. Das ist eine tolle Erfahrung, bei all dem Stress, der Ungewissheit und der Sorge.

Eike und Janna Halbroth: Sie hoffen weiter auf eine Rückholaktion. (Quelle: privat)Eike und Janna Halbroth: Sie hoffen weiter auf eine Rückholaktion. (Quelle: privat)

Sehnsucht nach Unaufgeregtheit

Aber ja, einerseits bekommen wir zwar oft zu hören, in Deutschland sei es gerade ohnehin nicht schön und wir sollten froh sein, im Paradies zu sein. Aber in Zeiten von Krankheit und Ungewissheit verspürt man andererseits schnell Sehnsucht nach seiner Heimat und man weiß plötzlich Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit zu schätzen. Eine unaufgeregte Angela Merkel ist auf einmal das, wonach man sich sehnt. Die eigene Familie und die eigenen vier Wände werden anstelle von Karibikstränden zum Sehnsuchtsort.

Wir hoffen, dass der Lkw mit den großen Buchstaben bald einfach kurz rechts ranfährt und uns vorbei lässt. Vielleicht ja sogar Platz macht für einen Flieger aus Deutschland, denn gerade scheint die Rückholaktion der Bundesregierung für uns der einzige Ausweg zu sein, auch wenn die bisher noch nicht geplant ist. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Verwendete Quellen:

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