• Home
  • Nachhaltigkeit
  • Energie
  • Streit um Energie: "Es wird wahrscheinlich sehr, sehr knapp"


Interview
Unsere Interview-Regel

Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Es wird wahrscheinlich sehr, sehr knapp"

  • Theresa Crysmann
Von Theresa Crysmann

Aktualisiert am 05.07.2022Lesedauer: 5 Min.
Die Anlandestation für die mittlerweile gestoppte Nord Stream 2-Pipeline: Als Übergangstechnologie spielt Erdgas eine wichtige Rolle. Ob das Investitionen in neue Gasinfrastruktur rechtfertigt, ist ebenso umstritten wie die Umweltbilanz von Gas.
Die Anlandestation für die mittlerweile gestoppte Nord Stream 2-Pipeline: Als Übergangstechnologie spielt Erdgas eine wichtige Rolle. Ob das Investitionen in neue Gasinfrastruktur rechtfertigt, ist ebenso umstritten wie die Umweltbilanz von Gas. (Quelle: Eibner/imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild für einen TextTchibo gibt Russland-Geschäft aufSymbolbild für einen TextÄrzte-Chefin zerreißt Lauterbach-KonzeptSymbolbild für einen TextErstes Gasspeicher-Ziel fast erreichtSymbolbild für einen TextSchwerer Wohnmobil-Unfall auf A8Symbolbild für einen TextTrikot wird für Millionensumme verkauftSymbolbild für ein VideoLiegenwahnsinn auf MallorcaSymbolbild für einen TextARD-Skandal: Zwei Fahrer für DirektorinSymbolbild für einen TextKultband sagt komplette Europatour abSymbolbild für einen TextWalross Freya könnte getötet werdenSymbolbild für ein VideoMordfall nach 52 Jahren gelöstSymbolbild für einen TextLkw-Fahrer fleht auf A40 um HilfeSymbolbild für einen Watson TeaserBeatrice Egli zeigt sich freizügigSymbolbild für einen TextÜberbein behandeln

Gas bleibt vorerst unverzichtbar – ist es deshalb grün? Ein Gespräch über Kurzschlussreaktionen in der Energiekrise und den langen Arm der russischen Gaslobby.

Die Krise zieht sich, das Erdgas wird knapper und die Bundesregierung sucht händeringend nach neuen Lieferanten. Es geht nicht ohne, zumindest noch nicht. Doch außer einer möglichen Gas-Triage und der Furcht vor kalten Wohnzimmern peitscht noch etwas anderes die Stimmung auf.

An diesem Mittwoch soll sich ein monatelanger Streit entscheiden: Dürfen Investitionen in Erdgas- und Atomprojekte trotz ihrer umstrittenen Klima- und Umweltbilanz als grün gelten? Für die Europäische Kommission ist die Antwort ein klares "Ja" – denn von dort stammt der brisante Vorschlag.

Was für die Kommission der letzte Schliff an ihrem nachhaltigen Finanzkompass, der sogenannten "EU-Taxonomie", sein soll, ist für Umweltverbände, Banken und auch einige EU-Regierungen eindeutig Grünfärberei. Im Interview mit t-online erklärt Finanzmarkt-Expertin Magdalena Senn, wieso das Europaparlament den Vorstoß dennoch durchwinken könnte und was russische Gasfirmen damit zu tun haben.

Ein Protestplakat der Klimabewegung vor dem "Küstenkraftwerk" in Kiel: Das Gaskraftwerk produziert Strom und Fernwärme; es gilt als eines der modernsten Heizkraftwerke Europas. Ob es deshalb als "sauber" gelten darf, ist umstritten.
Ein Protestplakat der Klimabewegung vor dem "Küstenkraftwerk" in Kiel: Das Gaskraftwerk produziert Strom und Fernwärme; es gilt als eines der modernsten Heizkraftwerke Europas. Ob es deshalb als "sauber" gelten darf, ist umstritten. (Quelle: penofoto/imago-images-bilder)
ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Gerhard Schröder verklagt den Bundestag
Gerhard Schröder (Archivbild): Der SPD-Politiker darf vorerst in der Partei bleiben.


t-online: Die Energiewende ist längst beschlossen, doch die EU-Kommission plant unter anderem ein grünes Gütesiegel für Investitionen in Erdgas. Inwiefern ergibt das Sinn?

Magdalena Senn: Gar nicht. Es ist völlig abwegig, Energiequellen wie Erdgas und Atomkraft für nachhaltig auszugeben, obwohl sie es nicht sind. Im Gegenteil: Wenn auf einer Aktie oder einem Fonds Grün draufsteht, muss auch Grün drin sein. Sonst wird die Kennzeichnung als Ganzes unglaubwürdig und führt Anlegerinnen und Anleger in die Irre.

Allerdings unterstützt auch die Bundesregierung das Nachhaltigkeitsetikett für Erdgas-Investments. Mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung steht laut einer kürzlichen Umfrage ebenfalls dahinter. Wie erklären Sie sich das?

Das Problem ist, dass sich gerade zwei unterschiedliche Debatten vermischen: Einerseits geht es darum, die Stromversorgung für den Winter zu garantieren. Dafür muss die Regierung drastische und teils auch unpopuläre Maßnahmen treffen. Aber nur weil uns bewusst geworden ist, wie sehr wir momentan noch auf Erdgas angewiesen sind, sollten wir es nicht für nachhaltig erklären. In die Taxonomie dürfen nur Energiequellen, die schon heute klimafreundlich und grün sind. Gas fällt da aus unserer Sicht ebenso durch wie Atomkraft.

Was ist die EU-Taxonomie? Diese Klassifizierung legt für die Finanzmärkte fest, welche Aktivitäten und Projekte als grün zählen dürfen. Banken, Versicherungen, Pensionsfonds und Anleger sollen so besser abschätzen können, welche Investitionen tatsächlich nachhaltig sind. Die EU-Kommission will auf diese Weise mehr Geld in klimaneutrale Vorhaben lenken. Alle weiteren Infos lesen Sie hier.

Gas gilt im Vergleich zu Kohle immerhin als sauberer.

Ja, aber darum geht es in der Logik der Taxonomie nicht. Deshalb hatte auch die EU-Expertengruppe in ihrem ursprünglichen Vorschlag so strenge Kriterien angesetzt, dass heutige Gaskraftwerke nicht als nachhaltig gelten könnten. Die Kommission ist von diesem wissenschaftsbasierten Vorschlag aber abgewichen.

Volkswirtin Magdalena Senn kümmert sich bei der NGO "Bürgerbewegung Finanzwende" um die Gestaltung nachhaltiger Finanzmärkte. Das Ziel der NGO ist es, den gesellschaftlichen Nutzen der Finanzmärkte wieder in den Fokus zu rücken.
Volkswirtin Magdalena Senn kümmert sich bei der NGO "Bürgerbewegung Finanzwende" um die Gestaltung nachhaltiger Finanzmärkte. Das Ziel der NGO ist es, den gesellschaftlichen Nutzen der Finanzmärkte wieder in den Fokus zu rücken. (Quelle: Bürgerbewegung Finanzwende)

Bei der EU-Kommission sieht man das Thema generell weniger streng: Gas gilt dort als vorübergehender Brückenbrennstoff, der den Weg für die Energiewende ebnet. Die Einstufung als nachhaltig soll auch nur zwischenzeitlich gelten. Warum scheint Ihnen das bereits zu großzügig?

Der Investitionsbedarf in Erneuerbare ist riesig. Wenn mehr finanzielle Mittel aber stattdessen in Technologien wie Erdgas gelenkt werden, die mittelfristig auslaufen müssen, führt das in die Sackgasse. Deswegen darf die EU-Taxonomie nicht mit Übergangstechnologien wie Erdgas verwässert werden. Ja, wir brauchen es temporär noch, aber grün anstreichen können wir es deswegen nicht. Von Atomkraft ganz zu schweigen.

Wegen der Atommüllproblematik?

Genau. Atomkraft kann wegen des gefährlichen Mülls eigentlich nicht das Kriterium der Taxonomie erfüllen. Denn selbst CO2-sparende Investitionen dürfen keine der anderen Umweltziele verletzen. Zu diesem Schluss kommen verschiedene Gutachten, auch wenn die EU-Kommission das anders sieht.

Außerdem würde eine Einstufung von Atomkraft in der grünen Taxonomie zur Verschwendung öffentlicher Mittel führen. Es gibt schlicht keine privatwirtschaftlichen Investitionen in Atomkraft, weil es betriebswirtschaftlich keinen Sinn ergibt. Die Risiken sind zu groß, niemand würde solche Projekte versichern, viele Kernkraftwerke sind Millionengräber. Aber Frankreich hat großes Interesse, die maroden Meiler mit öffentlichem Geld zu sanieren.

Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, bei einer Pressekonferenz in Tschechien: Auch viele Industrieverbände haben das Ohr der Kommission.
Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, bei einer Pressekonferenz in Tschechien: Auch viele Industrieverbände haben das Ohr der Kommission. (Quelle: CTK Photo/ David Tanecek)

Wie kann es dann sein, dass Gas und Atomkraft es als Kandidaten für die grüne Finanztaxonomie bis hier geschafft haben?

Da haben die Lobbyverbände der Branchen viel zu beigetragen. Gerade die Gasindustrie hat sich jahrelang bemüht, um die Idee einer vermeintlich grüneren Brückentechnologie in Brüssel zu verankern. Und gerade der Einfluss russischer Lobbyisten auf den Entwurf wurde erst kürzlich von einer Studie thematisiert. Außerdem zeigt sich hier, dass auch die Taxonomie ganz konkret mit Europas Abhängigkeit von Russland zu tun hat.

Woran machen Sie das fest?

Der Taxonomie-Entwurf der Kommission stammt aus der Zeit vor dem russischen Angriff auf die Ukraine und das sieht man ihm an. Deutschland baut gerade unter Hochdruck Terminals für Flüssiggas (LNG), um sich von Russlands Energieimporten loszueisen. Aber Investitionen in solche LNG-Terminals würden von der EU keinen grünen Stempel bekommen – sie würden die Nachhaltigkeitskriterien nicht erfüllen, die der Entwurf für Gasprojekte vorschreibt. Neue Gaskraftwerke, die russisches Gas verbrennen, aber schon.

Ein schwimmendes LNG-Terminal im Hafen von Helsinki, Finnland: Mit Flüssiggaslieferungen an solche Terminals ließe Russland sich als Gaslieferant umgehen. Doch ihr Bau würde durch die geplante EU-Taxonomie nicht begünstigt.
Ein schwimmendes LNG-Terminal im Hafen von Helsinki, Finnland: Mit Flüssiggaslieferungen an solche Terminals ließe Russland sich als Gaslieferant umgehen. Doch ihr Bau würde durch die geplante EU-Taxonomie nicht begünstigt. (Quelle: Zuma/ Excelerate Energy Inc./imago-images-bilder)

Die Abstimmung im Europaparlament ist wohl die letzte Chance, um das noch zu verhindern. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die Parlamentarier einschreiten?

Vor wenigen Wochen haben sowohl der Umwelt- als auch der Finanzausschuss des Parlaments die Kennzeichnung von Gas und Atom bereits deutlich abgelehnt. Das hat schon für eine gewisse Erleichterung gesorgt, weil viele damit nicht gerechnet hatten. Die eigentliche Entscheidung trifft aber das Plenum. Und da wird es wahrscheinlich sehr, sehr knapp.

Sollten Atom- und Gasprojekte es in die Taxonomie schaffen, wollen einige EU-Länder klagen. Was könnte da auf die Kommission zukommen?

Österreich und Luxemburg haben angekündigt, dass sie den Rechtsakt zu Atom und Gas vor Gericht anfechten wollen. In einer gemeinsamen Petition mit vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen fordern wir die Bundesregierung auf, sich der Klage anzuschließen.

Loading...
Loading...
Loading...
Abstimmung im Plenarsaal des Europaparlaments in Straßburg: Die Abgeordneten in Umwelt- und Finanzausschuss haben ihren Kolleginnen und Kollegen empfohlen, gegen Atom und Erdgas in der Taxonomie zu votieren. Doch es dürfte knapp werden.
Abstimmung im Plenarsaal des Europaparlaments in Straßburg: Die Abgeordneten in Umwelt- und Finanzausschuss haben ihren Kolleginnen und Kollegen empfohlen, gegen Atom und Erdgas in der Taxonomie zu votieren. Doch es dürfte knapp werden. (Quelle: Future Image/ D. Anoraganingrum/imago-images-bilder)

Für eine Klage gibt es bereits Rechtsgutachten, die unter anderem belegen, dass die Kommission hochpolitische Fragen wie den Inhalt der Taxonomie nicht so niedrigschwellig durchwinken kann, wie sie das gerade mit diesem technischen Rechtsakt versucht. Dazu kommen Argumente, die an der grünen Einstufung von Atomkraft und Gas selbst nagen. Aber eine Klage ist das allerletzte Mittel.

Weshalb?

Es wäre für alle Beteiligten besser, wenn es schon eine Ablehnung im Parlament gibt. Dadurch ließe sich die Sache zeitnah klären. Der Rechtsweg ist dagegen womöglich langwierig. Die klaren Standards der Taxonomie, die auf den Finanzmärkten dringend gebraucht werden, um Greenwashing einzudämmen, könnten durch ein Verfahren um Jahre verschleppt werden. Aus meiner Sicht wäre das ein herber Rückschlag.

Frau Senn, herzlichen Dank für das Gespräch.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
  • Axel Krüger
  • Agata Strausa
Von Axel Krüger, Agata Strausa
BankBundesnetzagenturBundesregierungDeutschlandEUEU-KommissionEuropaFinnlandNord Stream 2RusslandStraßburgTschechienUrsula von der Leyen

t-online - Nachrichten für Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlängerung FestnetzVertragsverlängerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website