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Brexit-Abstimmung: Die wahren Probleme Großbritanniens liegen tiefer

Sorgen und Frust vor der Brexit-Abstimmung  

Die wahren Probleme Großbritanniens liegen tiefer

Von Christiane Link, London

15.01.2019, 14:53 Uhr
Theresa May muss um Brexit-Zustimmung bangen
Theresa May muss um Brexit-Zustimmung bangen

Am Dienstag steht im britischen Parlament die Abstimmung zum EU-Austrittsabkommen an.

Theresa May: Die Premierministerin muss um die Brexit-Zustimmung bangen. (Quelle: Reuters)


Viele Briten haben das Vertrauen in die Regierung von Theresa May verloren. Nun droht der harte Brexit und die Bevölkerung auf der Insel ist gespalten. Es mischen sich große Sorgen mit Frust.

Wer eine "Brexit Box" kauft, kann sich 30 Tage ernähren, auch wenn die Versorgung komplett zusammenbricht. So verspricht es ein Geschäftsmann aus dem britischen Leeds, der die Kisten vertreibt. Notfallnahrung ist darin, ein Wasserfilter und Material, um Feuer zu entzünden. Wer Angst vor einem drohenden ungeregelten Brexit hat, der kann so vorsorgen. Für umgerechnet rund 340 Euro. Mehr als 600 seiner Boxen habe er bereits verkauft, sagte der Mann der BBC.

Solche Sorge ist nicht die Regel in Großbritannien, aber viele Briten haben doch das Vertrauen in die Regierung unter Theresa May verloren. Am Dienstagabend stellt May im Unterhaus des Parlaments ihren mit der EU verhandelten Brexit-Vertrag zur Abstimmung. Es ist unwahrscheinlich, dass sie die Abstimmung gewinnen wird. Verliert sie wirklich, droht Ende März ein Brexit ohne Abkommen. Und dann, fürchten viele Briten, droht noch mehr Chaos.

Nervosität in der Bevölkerung

Kirk Northrop will darauf vorbereitet sein. Eine "Brexit Box" hat er nicht gekauft. Er ist nicht der Typ, der für Panikmache empfänglich ist. Aber der Softwareentwickler aus Watford nördlich von London hat angefangen, jede Woche ein bisschen mehr Lebensmittel als sonst zu kaufen, um Vorräte anzulegen. "Theresa May hat einfach auf niemanden gehört, seit sie Premierministerin wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass sie die Abstimmung verlieren wird", sagt er. "Sie hat weder auf ihr Land gehört, noch auf das Parlament oder die EU." Deshalb bereitet er sich vor. Und er ist damit nicht allein.

 (Quelle: Deloitte Research/t-online.de) (Quelle: Deloitte Research/t-online.de)

Auf Facebook und dem Portal "Mumsnet" tauschen sich Briten darüber aus, wie sie sich am besten auf einen No-Deal-Brexit vorbereiten. Die Regierung sagt zwar, sie habe alles im Griff und es werde nicht zu Engpässen kommen, doch viele glauben der Regierung nicht mehr.

Nervös sind vor allem Menschen, die auf Spezialnahrung oder lebensnotwendige Medikamente angewiesen sind, die nicht selten aus der EU kommen, aber nicht massenweise gehortet werden können. In Medien äußern sich die Betroffenen besorgt und hoffen auf ein neues Referendum oder wenigstens einen geregelten Brexit, der ihnen den Zugang zu Medikamenten weiterhin sichert.

Im Dezember ging die Nachricht um, die Regierung habe massenweise Kühlschränke gekauft, um Medikamentenengpässen entgegenzuwirken. So etwas wirkt auf viele Betroffene kaum beruhigend. Experten warnen zudem, es sei unmöglich, genügend Medikamente und Spezialnahrung vorzuhalten, um die Bevölkerung unter Umständen monatelang zu versorgen.

Kaum Unterstützung für May

Noch verbreiteter als echte Sorge ist Frust. Fragt man Briten zu ihrer Meinung nach den Brexit-Verhandlungen, hört man ein Wort ziemlich oft: peinlich. Ganz gleich ob EU-Befürworter oder Gegner, die meisten Briten sind unzufrieden damit, wie die Verhandlungen geführt wurden. Und sie sind unzufrieden mit dem Austrittsvertrag, über den am Dienstagabend abgestimmt wird. All das ist vielen so peinlich, dass sie am liebsten gar nicht mehr darüber sprechen oder bedauern, dass das Vereinigte Königreich zum Gespött geworden sei. Von einem neuen Empire, von dem nach dem Brexit-Referendum 2016 noch manche EU-Gegner träumten, ist kaum mehr die Rede. Der Brexit drückt auf das Gemüt des Landes.

Der Deal, der jetzt zur Abstimmung steht, fast zwei Jahre nach der Austrittserklärung und zwei Monate vor dem geplanten Brexit, stellt niemanden zufrieden. Nur 34 Prozent der Brexit-Wähler unterstützen das Abkommen. Unter den EU-Befürwortern sind es nur 22 Prozent. Der Rest ist unentschieden.

Ähnlich rar sind überzeugte Unterstützer im Parlament, weshalb damit zu rechnen ist, dass May die Abstimmung verlieren wird. Derzeit schwanken die Schätzungen zwischen 100 und 200 Abgeordneten aus allen Lagern, die der Premierministerin ihre Unterstützung für den Deal verweigern könnten.

Brexit überlagert alles

Egal, wie die Abstimmung ausgeht, ob es überhaupt noch zu einem Brexit kommt, ob dieser hart, weich oder mittel-weich ausfällt: Großbritannien wird viele Jahre brauchen, um sich von dieser Zerrissenheit in der Gesellschaft zu erholen, die das Parlament spiegelt. Um sich zu vereinen, müsste man zuerst die Probleme angehen, die wohl ursächlich für die politische Krise im Land sind: soziale Ungerechtigkeit, Regionen, die sich ignoriert fühlen von den zentralistischen Strukturen in London und eine Identitätskrise seit dem Ende des Empires, die einige Politiker mit Nationalismus zu überdecken versuchen. Doch die Brexit-Debatte bindet alle Aufmerksamkeit und überlagert alles andere.
 

 
Es gibt ein bekanntes britisches Motto, es lautet: "Keep calm and carry on". Also: Ruhig bleiben und weitermachen. Diesmal wird es wenig helfen. Vielen fällt es schwer, ruhig zu bleiben. Und einfach weiterzumachen wie bisher, ist auch keine Option.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen

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