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Ramsan Kadyrow: So macht der Diktator seine Söhne zu Killern


Kadyrow verteidigt Sohn – dem drohen Konsequenzen


Aktualisiert am 28.09.2023Lesedauer: 5 Min.
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Brutale Bilder: Einer von Kadyrows Söhnen soll einen russischen Gefangenen verprügelt haben. (Quelle: t-online)

Tschetscheniens Machthaber Kadyrow ist für seine Brutalität bekannt. Die gibt er wohl auch an seinen Nachwuchs weiter – um irgendwann eine für ihn angemessene Nachfolge gewährleisten zu können?

Er schlägt mit der Faust auf ihn ein, haut ihm das Knie gegen den Kopf, zerrt ihn vom Stuhl: Die Aufnahmen von Adam Kadyrow, Sohn des tschetschenischen Machthabers Kadyrow, wie er einen Häftling verprügelt, sind brutal – und erregen international Aufmerksamkeit. Warum hat Vater Ramsan diese gewaltsamen Szenen gepostet?

Zum einen will der Tschetschenenpräsident womöglich von den Gerüchten um seinen schlechten Gesundheitszustand ablenken. Zuletzt hieß es, Kadyrow liege im Koma oder sei sogar gestorben. Seitdem teilt er in sozialen Medien immer wieder Aufnahmen von sich, die die Behauptungen widerlegen sollen.

"Er hat ihn geschlagen und damit das Richtige getan"

Zum anderen ist es nicht das erste Mal, dass der Machthaber eins seiner Kinder in der Öffentlichkeit inszeniert – um in Tschetschenien die Macht seiner Familie zu demonstrieren und zu vermitteln: Niemand anderes als eins seiner Kinder soll irgendwann an der Spitze stehen. So interpretiert es etwa der tschetschenische Politologe Ruslan Kutajew laut Radio Free Europe.

Mit seiner Anerkennung hält Kadyrow dabei nicht hinterm Berg: Zu den brutalen Aufnahmen von Adam schrieb er, er habe das Video mit voller Absicht veröffentlicht, denn er sei stolz auf seinen Sohn: "Er hat ihn geschlagen und damit das Richtige getan", kommentierte er die Prügelszene. "Jeder, der gegen eine Heilige Schrift verstößt, auch durch demonstrative Verbrennung, und damit Dutzende von Millionen Bürgern unseres großen Landes beleidigt, sollte streng bestraft werden."

Gefangener soll Koran verbrannt haben

Bei dem Mann, den Adam verprügelt hat, soll es sich um den 19-jährigen Nikita Schurawel handeln, der im Mai wegen einer öffentlichen Koran-Verbrennung festgenommen und später in die mehrheitlich von Muslimen bewohnte russische Teilrepublik Tschetschenien verlegt worden war. Zudem wird ihm vorgeworfen, für die Ukraine russische Militäreinrichtungen gefilmt zu haben.

Er selbst habe den Angriff nicht miterlebt, sagte Kadyrow laut der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) vor Journalisten. Adam sei "unabhängig und temperamentvoll". Er würde seinen Sohn nicht bestrafen – aber ein russisches Gericht vielleicht, so der Diktator.

Scharfe Kritik aus Russland

Könnte er damit womöglich recht behalten? Droht seinem Sohn für den Angriff eine Strafe? In Russland lösten die Szenen jedenfalls Entsetzen aus. Jewa Merkatschowa vom Bürgerrechtsrat des russischen Präsidenten sprach von einem "Videobeweis für ein Verbrechen" und forderte die Einleitung von Ermittlungen und die Verlegung des Prügelopfers aus tschetschenischer Untersuchungshaft. Sie bezeichnete die Situation als "Herausforderung für das gesamte Rechtssystem Russlands".

"In einer einzelnen Region [Tschetschenien, Anm. d. Red.] haben sie [die Tschetschenen, Anm. d. Red.] gezeigt, dass sie Verbrechen begehen können, aber dafür nicht belangt werden. Andernfalls hätte Ramsan Kadyrow keine Belege für ein konkretes Vergehen vorgelegt."

Der russischen Menschenrechtsbeauftragten Tatjana Moskalkowa zufolge sei eine Koran-Verbrennung zwar eine "sozial gefährliche Handlung, die die religiösen Gefühle von Millionen Gläubigen" verletze, trotzdem dürfe nur ein Gericht den Mann bestrafen. Kremlchef Putin äußerte sich bislang nicht zu dem Vorfall. Sein Sprecher Dmitri Peskow sagte am Dienstag: "Ich werde die Geschichte mit Kadyrows Sohn nicht kommentieren."

Früh übt sich?

Es ist nicht das erste Mal, dass Kadyrows Sohn Adam in den Fokus rückt. In seiner Erziehung setzt der Tschetschene mit Blick auf eine mögliche spätere Machtübernahme durch eins seiner Kinder offenbar auf das Motto "früh übt sich". Vor allem im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, in dem Tschetschenien den engen Verbündeten Wladimir Putin unterstützt, präsentiert Kadyrow einige seiner Söhne immer wieder mit Waffen und in Kriegssituationen. Von klein auf werden sie mit Gewalt konfrontiert.

Im Sommer vergangenen Jahres rühmte sich der tschetschenische Präsident etwa damit, dass der damals 14-jährige Adam und zwei weitere Söhne, Achmat (damals 16) und Eli (damals 15), an die Front gezogen sind. Videos zeigten die Jugendlichen bei Schießübungen, die in der Region Donezk stattgefunden haben sollen. Angeblich im Visier: ukrainische Soldaten. Es kamen Zweifel daran auf, ob die Aufnahmen wirklich dort entstanden sind. Von ukrainischer Seite hieß es, die Bilder dienten lediglich der tschetschenischen Propaganda.

Video | Videos sollen Kadyrows Söhne an der Front zeigen – doch es gibt Zweifel
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Quelle: t-online

Doch nur wenige Tage später legte Kadyrow nach: Auf Telegram veröffentlichte er ein Video, in dem seine drei Söhne ihm angeblich ukrainische Kriegsgefangene in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny übergeben. Achmat und Eli sind schwer bewaffnet, alle drei Söhne tragen Sonnenbrillen. Kadyrow scheint die Kriegsgefangenen stolz in Empfang zu nehmen.

Video | Kadyrows Söhne brüsten sich mit angeblichen Kriegsgefangenen
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Quelle: t-online

Sohn Achmat traf Putin

Im März dieses Jahres schickte Kadyrow seinen Sohn Achmat dann zu einem Treffen mit Kremlchef Putin. Offenbar eine Familientradition: Denn auch Ramsans Vater, der ebenfalls Achmat Kadyrow hieß, hatte als damaliger Machthaber für seinen 27-jährigen Sohn ein Gespräch mit dem russischen Präsidenten organisiert, heißt es in Berichten.

Achmat "Junior", wie er in Medien genannt wird, trat Putin als Vorstandsvorsitzender der Regionalabteilung der öffentlichen Organisation "Bewegung des Ersten" gegenüber. Putin hatte die Kinder- und Jugendbewegung Ende 2022 gegründet. Zu ihren Zielen gehört demnach "die Wahrung der Einheit der Völker Russlands, der Schutz der Geschichte vor Verfälschung und Verunglimpfung und die Bewahrung der Erinnerung an die Helden des Vaterlandes". Bei dem Treffen soll der Kremlchef Achmat nahegelegt haben, die Familiengeschichte als Herrscher über die Tschetschenische Republik weiterzuführen.

Kadyrow soll mindestens zehn Kinder haben

Doch sollte dieses Gespräch schon den Weg für Achmat als Kadyrows Nachfolger ebnen? Der russische Politikwissenschaftler Andrej Gusiy geht laut dem russischsprachigen Portal "Kavkzar" nicht davon aus. "Aber das Gewicht der Familie Kadyrow ist mehr als stark", so der Experte.

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Auszeichnungen für die Söhne wie etwa für den "Kampf gegen den Terrorismus" sollen das Bild bestärken, sagte der tschetschenische Politikanalyst Ruslan Kutajew im Gespräch mit Radio Free Europe. Die Ehrungen dienten als "Warnung von Kadyrow und seinen Verbündeten an alle, die politische Ambitionen haben". Es sei ein "Signal" aus Kadyrows Kreis, "keine Spielchen zu spielen", weil niemand die Absicht haben solle, an die Macht zu kommen. "Es wird bei den Kadyrow-Kindern bleiben."

Eine große Auswahl für seine Nachfolge hat Kadyrow jedenfalls. Er soll mindestens zehn Kinder haben, weitere Quelle berichten sogar von 14. In seinen Machtapparat integriert sind bereits drei von Kadyrows älteren Töchtern: Die 24-jährige Aishat Kadyrowa ist Kulturministerin, die 23-jährige Khadithat überwacht das regionale Gesundheitssystem und die 20-jährige Khutmat fungiert als stellvertretende Leiterin von Kadyrows Sekretariat. Und die Kreise ziehen sich weiter: Auch Neffen und Cousins Kadyrows agieren in der Regierung, sein Schwiegersohn ist ebenfalls politisch aktiv.

Rückhalt aus der Familie

Aus der Familie kommt – wie zu erwarten – auch Rückhalt für das brutale Video vom 15-jährigen Adam: Kadyrows Cousin Adam Delimchanow, Abgeordneter des russischen Parlaments, schrieb schon im August auf Telegram, nachdem Schurawel die Misshandlungen zur Anzeige gebracht hatte: "Angesichts des abscheulichen Verbrechens dieses nichtmenschlichen Schurawel handelte Adam sehr menschlich, indem er ihn am Leben ließ." Dazu postete er ein Foto von sich und dem 15-Jährigen.

Nach Einschätzung der BBC mit Berufung auf russische Fachjuristen werden im Video mindestens neun russische Gesetze gebrochen sowie die russische Verfassung und die internationale Konvention gegen Folter mit Füßen getreten. Bürgerrechtler werfen Kadyrow und der Führung in Tschetschenien seit Jahren schwere Menschenrechtsverletzungen wie Verschleppung, Folter und Mord vor – und all das gibt der Machthaber nun offensichtlich an seinen Nachwuchs weiter.

Doch die Experten vom ISW schätzen ein: "Die emotionalen Reaktionen hoher russischer Beamter deuten darauf hin, dass Kadyrows politisches Ansehen womöglich nicht ausreicht, um seinen Sohn nun vor den Folgen dieser Situation zu schützen."

Verwendete Quellen
  • unterstandingwar.org: "RUSSIAN OFFENSIVE CAMPAIGN ASSESSMENT, SEPTEMBER 26, 2023" (englisch)
  • kavkazr.com: "Свадебный подарок преемнику? Зачем Кадыров отправил сына к Путину" (russisch)
  • kavkazr.com: "Несовершеннолетних сыновей Кадырова наградили за 'отличие в борьбе с терроризмом'" (russisch)
  • kavkaz-uzel.eu: "Главное о кадровой политике Кадырова" (russisch)
  • rferl.org: "The Teenage Sons Of Kremlin-Backed Chechen Leader Ramzan Kadyrov Are In The Spotlight. Why?" (englisch)
  • gazeta.ru: "СК: задержанный за сожжение Корана в Волгограде снимал военные объекты РФ для Украины" (russisch)
  • t.me: Telegram-Beitrag von Adam Delimchanow vom 17. August 2023, Beitrag von Layrow_95 vom 19. Oktober 2022
  • kavkazr.com: "Пресс-секретарь Путина отказался комментировать видео, где сын Кадырова избивает заключенного" (russisch)
  • rnd.de: "Russland entsetzt über Selbstjustiz im Namen der Religion"
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