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Ukraine-Wahl: Komiker Wladimir Selenski vor Petro Poroschenko

Wahl in der Ukraine  

Der Komiker schlägt den "Schokozar" – nun Stichwahl

01.04.2019, 20:07 Uhr | dpa, rtr

 (Quelle: t-online.de)
Wolodymir Selenskyj: Dieser Comedian könnte Präsident der Ukraine werden

Das ist Wolodymyr Selenskyj. Er ist Präsident der Ukraine. Zumindest in der bekannten ukrainischen Fernsehserie „Diener des Volkes“. Aus Fiktion könnte jetzt aber ganz schnell Realität werden. (Quelle: t-online.de)

In dieser TV-Serie ist er es schon: Ein Comedian könnte Präsident der Ukraine werden. (Quelle: t-online.de)


Die Ukrainer haben gewählt: Nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl liegt der Komiker und Shooting-Star Selenski vor Amtsinhaber Poroschenko. Zwischen beiden kommt es zur Stichwahl.

Politik-Neuling gegen Amtsinhaber: Die in die EU strebende Ukraine muss in einer Stichwahl über ihren neuen Präsidenten entscheiden. Der Komiker Wladimir Selenski setzte sich zwar laut Prognosen klar als Sieger bei der Präsidentenwahl am Sonntag durch. Der 41-Jährige verfehlte aber die absolute Mehrheit. Er muss deshalb in eine Stichwahl mit Amtsinhaber Petro Poroschenko. Beide stehen für eine klare West-Orientierung der Ukraine. Die Stichwahl ist voraussichtlich am Ostersonntag (21. April).

Der Schauspieler Selenski kam nach Wahlnachbefragungen auf rund 30 Prozent der Stimmen. Poroschenko landete bei nur 17,8 Prozent. Aussagekräftige Wahlergebnisse wurden im Laufe der Nacht zum Montag erwartet. Der Machtkampf zwischen dem Komiker und dem "Schokozar", wie Poroschenko wegen seines Süßwarenimperiums genannt wird, dürfte spannend werden. Beide Seiten werben um die Wähler der unterlegenen Lager.

Poroschenkos erbitterte Gegnerin, die Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko, landete laut Prognosen mit 14,2 Prozent der Stimmen auf dem dritten Platz.

Frust über Korruption und fehlenden Fortschritt

"Das ist nur der erste Schritt zum großen Erfolg", sagte Selenski am Abend. Es gebe viele Prognosen – "aber überall nur einen Sieger", sagte Selenski. Umfragen hatten Selenski bereits seit Wochen im ersten und im zweiten Wahlgang als Sieger gesehen. Er spielt in der populären Fernsehserie "Sluha narodu" – Diener des Volkes – seit Jahren einen bodenständigen und ehrlichen Präsidenten. Dabei prangert er etwa die Korruption an. In der Ex-Sowjetrepublik ist der Frust bei vielen Menschen über fehlende Fortschritte groß.

Amtsinhaber Poroschenko zeigte sich nach Schließung der Wahllokale trotz massiver Stimmenverluste siegessicher. "Sie werden weiter mit Poroschenko arbeiten müssen", sagte er in Kiew. Zugleich nannte er den Ausgang der Wahl eine "harte Lehre". Er habe "klar das Signal der Gesellschaft vernommen". Er warnte vor Selenski, den er als Kandidaten Russlands bezeichnete.

Die rund 30 Millionen Wahlberechtigten konnten unter 39 Kandidaten wählen. So viele Bewerber gab es noch nie bei einer Abstimmung über den mächtigsten Posten in dem Land. Der Wahlsonntag verlief weitgehend ruhig. Vereinzelt gab es Vorwürfe der Manipulation.

Die von Russland unterstützten abtrünnigen Regionen Donezk und Luhansk im Kriegsgebiet Donbass nahmen nicht an der Abstimmung teil. Die Sicherheitsvorkehrungen waren landesweit hoch. Zehntausende Einsatzkräfte waren abgestellt, um Zwischenfälle zu verhindern.

Poroschenkos Beliebtheit erheblich gesunken

Der Urnengang galt als großer Stimmungstest nach den proeuropäischen Protesten auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, vor fünf Jahren. Der Aufstand, bei dem mehr als 100 Menschen starben, führte 2014 zum Machtwechsel. Damals hatte der superreiche Unternehmer Poroschenko nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch im ersten Wahlgang mit rund 55 Prozent der Stimmen gewonnen. Viele Menschen werfen Poroschenko heute vor, den Krieg nicht beendet und mit seiner Politik die Armut noch verschärft zu haben. Rund 13.000 Menschen sind im Kriegsgebiet Donbass gestorben.

Amtsinhaber Poroschenko bei der Stimmabgabe: Den Krieg nicht beendet, die Armut verschärft. (Quelle: Reuters/Viacheslav Ratynskyi)Amtsinhaber Poroschenko bei der Stimmabgabe: Den Krieg nicht beendet, die Armut verschärft. (Quelle: Viacheslav Ratynskyi/Reuters)

Der Kiewer Bürgermeister und frühere Box-Weltmeister Vitali Klitschko sah die Wahl als Meilenstein für die ukrainische Demokratie an. Am Wahltag wisse niemand in der Ex-Sowjetrepublik, wer das Land künftig führen werde, sagte Klitschko der Deutschen Presse-Agentur bei der Abstimmung in einem Wahllokal in Kiew. "Das ist Demokratie. Nur in Russland weiß man ein Jahr im Voraus, wer der Präsident wird."

Klitschko sagte, er hoffe, die Ukraine bleibe stabil. "Unsere Vision ist, dass die Ukraine ein Teil der europäischen Familie mit europäischen Werten ist." Vorbild sei Polen, das erfolgreich den Weg in die EU genommen habe.

Selenski: "Heute beginnt ein neues Leben"

In Kiew gaben die Menschen bei sonnigem Frühlingswetter ihre Stimme ab. Manche hatten mit dem 80 Zentimeter langen Stimmzettel zu kämpfen, wie Reporter der Deutschen Presse-Agentur beobachteten. Die Wahlbeteiligung lag um 15.00 Uhr Ortszeit (1400 MESZ) bei rund 45 Prozent, wie die Kommission mitteilte.

Der Komiker Selenski zeigte sich bei der Stimmabgabe bestens gelaunt. "Wir sind ein demokratisches Land. Je mehr Kandidaten, umso besser. Das bedeutet mehr Demokratie", sagte er. Selenski kam mit seiner Frau Jelena ins Wahllokal, wo sich Dutzende Journalisten um den Kandidaten drängten. "Heute beginnt ein neues Leben – ohne Korruption, ohne Schmiergeld." Kritiker hielten ihm seine politische Unerfahrenheit, Planlosigkeit und Populismus vor.

Von einer Schicksalswahl sprach Poroschenko in Begleitung seiner Frau, seiner Kinder und eines Enkels. "Diese Wahl ist eine absolute Grundvoraussetzung für unsere Bewegung vorwärts, zu unserer Mitgliedschaft in EU und Nato", sagte er. Poroschenko und Selenski hatten vorab auch erklärt, sie wollten die territoriale Unversehrtheit der Ukraine wiederherstellen. Neben den selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk wollen sie auch die von Russland einverleibte Schwarzmeer-Halbinsel Krim wieder unter ukrainische Hoheit stellen.
 

 
Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) überwachte die Wahl mit Hunderten Beobachtern. Die OSZE hatte sich im Vorfeld unter anderem besorgt wegen der Sicherheitslage auch für Journalisten gezeigt. Mehrere ausländische Korrespondenten durften nicht einreisen, darunter auch Reporter aus EU-Staaten. Russland hatte ein Einreiseverbot für seine Wahlbeobachter verurteilt.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagenturen dpa, Reuters

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