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Geht das Zocken mit Omikron fĂŒr die Briten auf?

dpa, Von Larissa Schwedes

Aktualisiert am 16.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Boris Johnson: Der britische Premier ist in der Pandemie einen Sonderweg gegangen.
Boris Johnson: Der britische Premier ist in der Pandemie einen Sonderweg gegangen. (Quelle: Zuma Wire/imago-images-bilder)
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Viele LĂ€nder haben sich mit verschĂ€rften Corona-Regeln gegen Omikron gewappnet. In England rauschte sie hingegen weitgehend ungebremst durchs Land. Funktioniert das? Ein Überblick.

Am 27. November kam Omikron an – sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten beider LĂ€nder im Umgang mit der hoch ansteckenden Virusvariante auch schon auf. Im Vereinigten Königreich traf Omikron auf eine Gesellschaft fast ohne BeschrĂ€nkungen und breitete sich in Windeseile aus. Premier Boris Johnson ließ das weitgehend zu und erklĂ€rte die Auffrischungsimpfungen unter dem Slogan "Get Boosted Now" zur obersten nationalen Mission.


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Selbst eine leichte VerschĂ€rfung seiner Corona-Politik – mehr Masken in InnenrĂ€umen und Impfnachweise fĂŒr Clubs und Großevents – löste eine Rebellion ungekannten Ausmaßes in den Reihen seiner Tory-Partei aus. Seit den Tagen vor Weihnachten lĂ€sst sich die englische Corona-Strategie daher so umreißen: Augen zu, boostern – und Russisch Roulette mit dem Virus spielen.

Katastrophe mit Ansage?

In Deutschland begann die Zeit des Wartens und Warnens: Omikron war zwar da, aber lange noch nicht so richtig – auch wegen einer dĂŒnnen Datenlage ĂŒber die Feiertage. Wochenlang schielte man besorgt auf den Omikron-Anteil in den Infektionszahlen, machte aus 3G erst 2G und dann sogar 2G+, wĂ€hrend im Paralleluniversum England weiter Fußball gespielt und gefeiert wurde – ob geimpft oder ungeimpft. International waren sich viele Beobachter einig: eine Katastrophe mit Ansage.

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Doch nun, einige Wochen spĂ€ter, ist die Lage komplizierter. Mittlerweile gilt als bewiesen, dass Omikron Menschen weniger oft schwer krank macht – allerdings fĂŒhrt die schiere Masse an Infizierten dazu, dass etliche Patienten ins Krankenhaus kommen. VerschĂ€rfungen fordert in England niemand mehr, dafĂŒr ist es den Modellen der Experten zufolge zu spĂ€t. Stattdessen steht die Frage im Raum: Hat sich das Zocken mit dem Virus gelohnt? Bleibt den Briten, obwohl es kaum EinschrĂ€nkungen gab, die große Katastrophe erspart?

Minister pflichtet Johnson nachtrÀglich bei

Im politischen London scheint sich diese ErzĂ€hlung durchzusetzen, zumal die Todeszahlen mit zuletzt rund 300 pro Tag weit unter denen des vergangenen Winters liegen. Der britische Minister Michael Gove erklĂ€rte diese Woche im BBC-Interview sein Werben fĂŒr schĂ€rfere Maßnahmen rĂŒckwirkend zum Irrtum und sagte ĂŒber Johnsons kontroversen Kurs: "Seine EinschĂ€tzung hat sich bewahrheitet."

Aus dem Gesundheitssystem dringen dagegen Tag fĂŒr Tag Nachrichten, die beunruhigend klingen. Dem "Guardian" zufolge haben seit Neujahr 24 KrankenhĂ€user den Ernstfall ausgerufen. Das bedeutet, dass sie der Ansicht sind, ihren Betrieb nicht wie gewohnt aufrechterhalten zu können. Das MilitĂ€r ist im Einsatz, um LĂŒcken zu stopfen. Tausende Notfallpatienten mĂŒssen stundenlang warten, bis sie behandelt werden. Im Norden des Landes bat man Herzinfarkt-Patienten, sich selbst ein Taxi zum Krankenhaus zu rufen. Der National Health Service (NHS) hat VertrĂ€ge mit privaten TrĂ€gern geschlossen, um deren KapazitĂ€ten nutzen zu können.

Mini-NotfallkrankenhĂ€user fĂŒr 4.000 zusĂ€tzliche Patienten

Außerdem werden in Turnhallen oder Bildungszentren erneut Mini-NotfallkrankenhĂ€user aufgebaut, um notfalls Patienten in 4.000 Extrabetten aufnehmen zu können. Das Hauptproblem ist jedoch aktuell nicht der fehlende Platz, sondern das fehlende medizinische Personal – weil so viele gleichzeitig wegen Omikron ausfallen.

Boris Johnson: Der britische Premier ist in der Pandemie einen Sonderweg gegangen.
Boris Johnson: Der britische Premier ist in der Pandemie einen Sonderweg gegangen. (Quelle: Zuma Wire/imago-images-bilder)

Am 9. Januar fehlten im NHS England mehr als 40.000 BeschĂ€ftigte im Zusammenhang mit Covid-19 – mehr als dreimal so viele wie noch Anfang Dezember. "Der NHS ist nicht ĂŒberwĂ€ltigt, aber definitiv sehr strapaziert", sagte der Mediziner Azeem Majeed vom Imperial College London der Deutschen Presse-Agentur. Er rĂ€umt aber auch ein: Die Belastung ist trotz allem nicht so heftig wie vor einem Jahr, als die Alpha-Welle das Land ĂŒberrollte.

Nachdem zeitweise in London jeder Zehnte infiziert war, scheint Omikron langsam die Kraft auszugehen. Dass die Kurve der Neuinfektionen und der Krankenhauseinweisungen seit einigen Tagen fĂ€llt, gibt Grund zur Hoffnung, dass das Schlimmste bald ĂŒberstanden sein könnte. Majeed geht davon aus, dass die Fallzahlen trotzdem noch lange auf hohem Niveau bleiben werden – und warnt davor, die wenigen geltenden Maßnahmen zu frĂŒh aufzuheben. Rechtlich laufen diese jedoch am 26. Januar aus. Es gilt es als unwahrscheinlich, dass der wegen Lockdown-Partys in der Downing Street unter Druck stehende Johnson ĂŒberhaupt den Versuch wagen wird, sie noch einmal zu verlĂ€ngern.

Vorwurf: England zu massiven Infektionswellen verdammt

Schottland, Nordirland und Wales entscheiden eigenstĂ€ndig ĂŒber ihre Corona-Maßnahmen – und fahren einen deutlich vorsichtigeren Kurs. Der walisische Regierungschef Mark Drakeford warf Johnson kĂŒrzlich vor, die englischen BĂŒrger nicht vor Covid zu schĂŒtzen.

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Corona-Expertin Christina Pagel befĂŒrchtet, dass die aktuelle Kombination aus neuen Varianten, schwindendem Impfschutz und kaum Gegenmaßnahmen England zu "massiven Infektionswellen ein oder zweimal im Jahr verdammt", wie sie kĂŒrzlich auf Twitter schrieb. Das werde den Gesundheitsdienst zunehmend schwĂ€chen und immer wieder fĂŒr heftige Störungen im öffentlichen Leben sorgen. Auch fĂŒr den Umgang mit weiteren Krisen – wie weiteren Pandemien oder der Klimakrise – sei dies keine funktionierende Strategie. "Wir bewegen uns rĂŒckwĂ€rts", lautet das Urteil der Wissenschaftlerin.

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