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"Letzte Generation" in der Kritik: Hört auf mit der Opferrolle!


Hört auf mit der Opferrolle!

Ein Kommentar von Miriam Hollstein

Aktualisiert am 04.11.2022Lesedauer: 3 Min.
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Aktivistin der "Letzten Generation" in Berlin: Die Proteste sollen weitergehen, bis die Bundesregierung die Forderungen der Aktivisten erfüllt. (Quelle: Kay Nietfeld/dpa)

Nach dem Tod einer Berliner Radfahrerin gibt es schwere Vorwürfe gegen die Gruppe "Letzte Generation". Diese reagiert mit einem absurden Gegenangriff.

Eine Frau ist tot. Sie wurde auf einer Berliner Straße von einem Betonmischfahrzeug erfasst und unter ihm begraben. Ein Spezialrettungswagen, der sie bergen sollte, brauchte mehrere Minuten länger zum Unfallort, weil Aktivisten der "Letzten Generation" dort mit einer Blockade einen Stau verursacht hatten.

Wie reagieren die Aktivisten? Sie sehen sich als Opfer. Als Opfer der Medien. "Wir wussten, dass uns einiges entgegenschlagen wird. Wir wussten, dass wir uns viele Feinde machen würden", heißt es in einer Erklärung der Gruppe. "Dass ein ganzes Mediensystem sich gegen uns wenden würde, damit haben wir nicht gerechnet."

Die Frage der Mitschuld muss juristisch geklärt werden

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ob die Straßenblockierer eine Mitschuld am Tod der Radfahrerin tragen, wird juristisch zu klären sein. Laut einem internen Vermerk der Feuerwehr geht die vor Ort befindliche Notärztin nicht davon aus, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

Und ja: Es gibt Medien, die hier schon vorverurteilen und einen kausalen Zusammenhang behaupten, ohne dass dieser belegt ist. Manche tun dies bewusst, weil sich Wut besser verkaufen lässt. Das ist journalistisch unsauber. Viele andere Medien haben sich aber um eine differenzierte Berichterstattung bemüht, auch wir bei t-online. Der "Tagesspiegel" hat den Unfallhergang genau rekonstruiert; andere Medien zitierten einen Notfallsanitäter, der darauf aufmerksam machte, dass die meisten die Rettung behindernden Staus andere Ursachen (Baustellen, Achtlosigkeit durch Autofahrer) haben.

Angesichts des schrecklichen Schicksals der Radfahrerin wäre es aber das Mindeste, dass die "Letzte Generation" einmal selbstkritisch reflektierte, wo ihre Aktionen nicht nur eine Störung, sondern eine echte Gefahr darstellen. In den sozialen Netzwerken kursieren mehrere Videos, die vermuten lassen, dass die Aktivisten bei Straßenblockaden nicht oder erst verzögert auf nahende Rettungsfahrzeuge reagiert haben. Und das sind nur Momente, bei denen jemand zufällig gefilmt hat.

Man kann über die Aktionen der "Letzten Generation" unterschiedlicher Meinung sein. In meiner Jugend war es die Angst vor einem weltzerstörenden Atomkrieg, die mich und andere auf die Straße trieb. Ich kann die Wut und Verzweiflung vieler Blockierer daher zwar nachempfinden. Diese Form des "Widerstands" halte ich jedoch für völlig falsch. Denn es ist ein Unterschied, ob man Autofahrer nervt oder eine Gefährdung seiner Mitmenschen in Kauf nimmt.

Dem eigenen Ziel einen Bärendienst erwiesen

Um es ganz klar zu sagen: Wer angeblich die Menschheit retten will, aber bei seinen Aktionen auf die Sicherheit und Gesundheit seiner Umwelt pfeift, der hat jede Legitimation verloren. Wenn die "Letzte Generation" Anstand hätte, dann würde sie weitere Aktionen aussetzen. Sie würde klarmachen, bei allen künftigen Planungen sicherzustellen, dass durch sie kein Mensch zu Schaden kommt.

Vor allem aber sollte sie aufhören, sich in einer solchen Situation als Opfer zu gebärden. Und sich der Frage nach der eigenen Verantwortung stellen. Ganz abgesehen davon, dass sie ihrem Ziel – einer Debatte über eine wirksame Klimapolitik – mit einem solchen Verhalten einen Bärendienst erweist.

Nicht zuletzt sollte der Tod der Radfahrerin für uns alle ein Aufruf zum Nachdenken sein. Denn auch hier gilt: Wer jetzt ausschließlich mit dem Finger auf die Aktivisten und Aktivistinnen zeigt, macht sich unglaubwürdig. Schon lange wird über Abbiegeassistenten diskutiert, mit denen tödliche Radfahrunfälle durch Lkw verringert werden könnten. Schon lange klagen Rettungskräfte über aggressive und achtlose Autofahrer, die keine Rettungsgassen bilden oder – schlimmer noch – sogar gewalttätig gegenüber den Helfern werden.

Der Familie der 44-jährigen Radfahrerin wird niemand den geliebten Mensch zurückbringen können. Auch aus Respekt vor ihr sollten wir alle alles dafür tun, damit solche Unfälle künftig verhindert werden.

Verwendete Quellen
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